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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Pistole
Eingestellt am 02. 06. 2014 16:21


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AliasI
???
Registriert: Apr 2005

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Die S-Bahn war ziemlich leer an diesem fr├╝hen Nachmittag, trotzdem setzte sie sich nicht auf einen der freien Pl├Ątze, es lohnte sich nicht f├╝r die drei Haltestellen.
Er stieg kurz nach ihr ein. Er stand vor ihr an der T├╝r, und sie konnte ihn sich in aller Ruhe anschauen.
Er trug eine dunkelgr├╝ne Lederjacke, war vielleicht f├╝nfunddrei├čig Jahre alt und machte einen leicht autorit├Ąren Eindruck.
Sie interessierte sich nicht wirklich f├╝r ihn ÔÇô das mit den M├Ąnnern hatte sie schon lange aufgegeben ÔÇô aber die gr├╝ne Lederjacke gefiel ihr. Sie hatte einen guten Schnitt, das Material schien hervorragend zu sein... Und pl├Âtzlich kapierte sie es: Der Mann trug die kleidsame gr├╝ne Landesarbeitstracht von Nordrhein-Westfalen. Er war ein Polizist, oder im Ruhrgebietsjargon ein Bulle!
Sie lie├č ihren Blick tiefer schweifen, bis auf seine H├╝ften. Die Jacke war nicht zugekn├Âpft, sondern hing lose an seinem K├Ârper herab, und sie konnte das, wie hie├č es noch, Halfter sehen? Halfter h├Ârte sich so nach Pferd an, vielleicht sollte sie es einfach Futteral nennen. Auch so ein bl├Âder Ausdruck, hatte doch gar nichts mit Aal zu tun. Dar├╝ber musste sie l├Ącheln. Jedenfalls schmiegte sich das Futteral aus Kunststoff z├Ąrtlich an seine H├╝fte, und in dem Futteral steckte verlockend die Waffe.
Fasziniert starrte sie die Waffe an. Sie war klein, aber massiv, und vor allem wirkte sie t├Âdlich und sch├Ân. Ihre Struktur war zart geraffelt, und sie schimmerte gr├╝nlich. Was f├╝r ein wundervolles St├╝ck von einer Pistole!
Es war doch eine Pistole? Hmm, mit Sicherheit war es kein Revolver. Revolver sahen rundlicher aus, nicht so rationell schlank.

Deer Hunter, dieser unglaublich lange Anti-Vietnam-Kriegsfilm mit Robert de Niro kam ihr in den Sinn. Diesen Film hatte sie nie ganz gesehen, weil es da wohl einen eingebauten Knackpunkt gab, und zwar direkt am Anfang, als diese endlose Hochzeit gefeiert wurde, war es eine italienische Hochzeit oder eine russische? Egal, jedenfalls Knack! Eingeschlafen und mindestens zwei Stunden s├╝├č geschlummert, denn es war ein sehr sehr langer Film...
Und immer wachte sie an der gleichen Stelle auf, geweckt vom Klicken im Trommelmagazin eines Revolvers ÔÇô genau, so hie├č das, Trommelmagazin! Da spielte n├Ąmlich jemand Russisches Roulette in einer Spelunke in Saigon.

Klick! PENG! Gl├╝ck gehabt.
Klick! PENG! Pech gehabt. Oder Gl├╝ck?

Sie schleicht sich unauff├Ąllig an ihn heran, als Polizist hat er bestimmt gute Reflexe, aber diese Aktion wird ihn total ├╝berraschen.
Sie steht nun direkt hinter ihm, sie ├╝berlegt nicht mehr, sondern zieht ihm mit einem unmerklichen Ruck die Waffe aus dem Futteral und tritt schnell drei Schritte zur├╝ck, um einen Sicherheitsabstand zu gewinnen.
Er dreht sich v├Âllig verbl├╝fft zu ihr um und glotzt sie fassungslos an.
Sie denkt an nichts mehr, sondern handelt instinktiv. Sie h├Ąlt sich die Waffe an die rechte Schl├Ąfe und dr├╝ckt ab.
Klick! PENG! AUS!
Mist, nichts passiert!
Die verdammte Pistole hat eine Sicherung! Das ist... so hinterh├Ąltig! Wenn sie es nicht schafft, die Sicherung auszuschalten, dann... Sie fuchtelt mit der Pistole herum, und mehrere Fahrg├Ąste werden schon aufmerksam auf sie. Sie hasst Aufmerksamkeit, f├╝hlt sich in die Enge getrieben...
Aber keiner traut sich an sie heran, sie haben alle Schiss vor der Waffe, dabei ist die Waffe doch eine Erl├Âsung. Sie sucht krampfhaft nach der Entsicherung, aber sie kann sie nicht finden. Weiber und Technik...


Ach du lieber Himmel! Sie h├Ątte sich total l├Ącherlich gemacht.
Mist, Mist, Mist, es w├Ąre die M├Âglichkeit gewesen. Was lag denn noch vor ihr? Sie wurde alt, obwohl sie nie damit gerechnet hatte. Alle Illusionen der Liebe hatte sie schon durchlebt, und es war nie das Richtige gewesen. Schleichend und leise w├╝rde das Alter kommen und mit ihm all die damit verbundenen Krankheiten und Abnutzungserscheinungen.
Irgendwann w├╝rde sie vielleicht in einem Pflegeheim landen. Das erschien ihr als die Schlimmste aller M├Âglichkeiten.
Immerhin w├╝rde sie dort nicht auf ihre Kinder warten, das w├╝rden andere alte Leute tun. Sie war kinderlos, vielleicht, weil sie nie den richtigen Mann gefunden hatte? Der einzige, von dem sie eventuell... Aber sie hatte es ja selber vermasselt. Wie dumm, wie dumm! Wenn man nur die Zeit zur├╝ckdrehen k├Ânnte! Aber auch das war Illusion, es w├╝rde immer wieder so ablaufen, das Leben ergab sich leider nicht aus der Erfahrung, sondern aus unergr├╝ndlichen Zuf├Ąllen und Zust├Ąnden. Nichts war mehr zu ├Ąndern und h├Ątte auch zu keiner Zeit ge├Ąndert werden k├Ânnen. Kein Murmeltier, keine Chance...
Was also zum Teufel hinderte sie daran, die Pistole zu nehmen und sich auf der Stelle zu erschie├čen?
Aber sie konnte es nicht. Obwohl der matt geraffelte Griff der Waffe sie magisch anzog, konnte sie es nicht tun.

An der n├Ąchsten Haltestelle stieg der Polizist aus. Und sie f├╝hlte sich dar├╝ber erleichtert. Wer h├Ątte den Kater gef├╝ttert und ihm seine Insulinspritze gegeben, wenn sie diesem Impuls gefolgt w├Ąre? Wenn sie jetzt tot w├Ąre? Oder wenn sie nicht tot w├Ąre, sondern man sie auf irgendeiner Polizeiwache verh├Âren w├╝rde? Wie peinlich...
In diesem Augenblick kam eine sms an, und sie las: ÔÇ×schwesterchen, muss dich unbedingt sprechen, der schatten auf der lunge, wei├čt du noch?ÔÇť
Klar wusste sie es noch, sie hatte es schon bef├╝rchtet an dem Tag, als ihre Schwester es ihr erz├Ąhlte. Und ausgerechnet an diesem Tag hatte sie so gl├╝cklich ausgesehen...
Also nach Hause zu Mann und Kater. War ja auch ganz nett... Und Himmel, was hatte sie eigentlich f├╝r Probleme?
__________________
Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

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