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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Puppenfolge
Eingestellt am 26. 04. 2013 13:37


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Janosch
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Mareikes kleine Kinderhand lag warm ummantelt in Papas flächiger Pranke, als sie zu Zweien über den altstädtischen Frühjahrsrummel schlenderten. Nur der Papa und die Mareike – allein der Gedanke ließ ihre neugierigen Kulleraugen freudig schon erglühen, zumal der Papa es solchermaßen hielt, dass an ein wenig kindliche Fantasie kein Unrecht getan und so konnte er sich in die farbenfrohe Welt der pausbebackten Knirpse also trefflichst hineinversetzen und war ein richtiger, ein alter Geschichtenerzähler vor dem Herrn. Sobald sich jedoch eine weitere Person in diese Blase begab, verfing sich der Papa nur allzu schnell in schnödem Erwachsenenkram, schraubte und lamentierte an den dümmlichsten Themen herum, tat sich mit Gestalten zusammen, die Mareike anstandshalber durch die Haare wuschelten und verlor sich auch sonst in Beliebigkeit. Wenn sie aber alleine waren, dann blühte der Papa so richtig auf und begann zu erzählen: Von ehernen Hirschen, die sich mit weit verzweigten Geweihen schnaufend ineinander verkrallen; von der knochigen, alten Hexe, die hoch droben auf der dicht bewaldeten Anhöhe in einer von Sturm und Efeu zerzausten Villa über ihrem brackigen Kessel brütet oder auch von finsteren Geschöpfen in den Schlafzimmern der Kinder, die sich nächtens zwischen Gedanke und Wirklichkeit eine hauchende Form des Daseins in Augenwinkeln ersuchen und wie abgestanden an den Betten stehen. Vor allem also waren es Gruselgeschichten, kreischende Szenarien der Greueltat, die es klein Mareike angetan und sei es nun, da der Papa sie in frühester Kindheit bereits auf zauberhafte Schauderei konditioniert oder aber weil sie von Geburte an der dunkellüsternen Belange verfallen - dies mögen an anderer Stelle gerne die erlauchtesten Verhaltensforscher erschließen - jedenfalls liebte Mareike es über alle Maßen, wenn sie etwas so richtig erschüttern, ihre noch zarten Gehirnwindungen zucken und aufquellen ließ.
Als die beiden sich also an diversem Fahrgeschäft, Gewinn- und Zuckerwattestand berauscht und der Papa anhand von Schwank und düsterer Erzählung durch den dahingehenden Nachmittag geleitet hatte, da stießen sie auf einen etwas niedergekommenen Krämerstand mit morschem Fensterladen und welkem Geblüm, das in hohen, ovalen Vasen rings auf dem Boden platziert und somit dem Gesamtbild des Büdchens für die allgemeine Wahrnehmung wohl nicht eben bereichernd war. Umso mehr jedoch in den funkelnden Augen Mareikes, die auf Verschrobenheit gewissermaßen ja geübt und sich sogleich tastend, schnuppernd und tüftelnd an den herumliegenden Püppchen, Sticker- und Schnitzereien probierte und schließlich ein ganz besonderes, gar seltenes Handwerksstück sich ins Lichte hielt: Eine fein gedrechselte Matrjoschka - vom Rumpfe her bereits was schnittiger geschwungen, als seine großen und kleinen Geschwisterchen aus anderer Hand und Herstellung, jedoch erst ganz vom filigranen Pinselstrich als sonderbares Einzelgebilde auszumachen, handelte es sich doch um diverse Tiergestalten, die da auf den hölzernen Püppchen abgebildet und zeichnete sich gleich auf der obersten Figur ein prächtiges Federtier ab, dessen feingliedriges Flügelwerk beinahe über das gesamte Rund sich erstreckte. Und da klein Mareike dies geschachtelte Schmuck- und Spielstück sogleich außerordentlich faszinierte, zog sie sich den Papa hinzu, der kurz nur am benachbarten Antiquitätenstand sich einen Überblick verschafft hatte, bot ihm den sonderbaren Fund zur Betrachtung feil und richtete mit weit aufgeschlagenem Aug‘ und hervorstehender Wimper also folgende Frage an ihn:
„Papa, wenn du kein Mensch sein müsstest, welches Tier wärst du dann wohl am liebsten?“ -
Und nun scheiden sich die Geister, denn was im Folgenden sich ereignete, hat einen solch absurden Anstrich, dass im mindesten am Wahrheitsgehalt gezweifelt, darüber hinaus jedoch gar gemutmaßt werden darf, dass diesem Bericht nichts anderes wohl als die angestachelte Fantasie der kleinen Mareike zugrunde liegen mag.
Jedenfalls, und so ist es also übermittelt, ließ diese einfache Frage den Papa seltsam aufgescheucht zurück und war es zunächst sein rechtes Auge nur, das diesen Eindruck bestätigte, da es willkürlich nun zu zucken begann und, gefolgt von einem kurzen, barschen Aufschrei, von weiterem Krampfe bereits kündete. Und ob der Papa dies sein körperliches Aufbegehren nun zu zügeln oder zur spielerischen Veranschaulichung gar von innen heraus noch weiter zu beschwören suchte, war wahrlich nicht mehr auszumachen, denn ging jetzt alles viel zu schnell und da hielt er sich die starr zum Hohlraum geformten Hände mit den Fingerkuppen gegen den abgesenkten Kopf, der immer mehr nun nach unten zu sacken drohte, was Schulter und Rücken im Gegenzug buckelig nach oben drückte und als die rechte Krümmung bald erreicht, da schossen wie zwei silberne Fontänen ihm zwei prächtige Flügelpranken aus den Schulterblättern hervor. Und auch am Rest des Körpers ploppte aus allen Poren schon das bauschige Gefieder, sodass unter diesem hormonellen Schube Hemd und Hose ihm zerplatzten.
Doch so schlagartig er auch jene verruchte Vogelgestalt wie aus dem Nichts manifestiert, genauso jäh war sie bereits wieder verflogen, denn fügte es sich, dass im nächsten Moment wie rings geschleudert aus der Schneekanone das ganze Federkleid in hundert weißen, flauschigen Fetzen durch die Lüfte sich zerstreute. Und als diese Wolke allmählich wieder zerstoben, da zeichneten sich dahinter bereits die ersten vagen Konturen wohl eines weiteren Geschöpfes ab und tatsächlich war’s bald klarer zu erkennen - und da war’s ein stämmiger Wolf, ein knurrender Isegrim, der diesem Chaos entwachsen, dessen schwarz-grau gesprenkeltes Fell majestätisch über den muskulösen Körper hinfort sich zog und der die Schnauze jetzt gegen den Himmel erhob, um mit wilder Heulerei das späte Jahrmarktsgetümmel über seine jähe Erscheinung in Kenntnis zu setzen.
Doch waren auch seine Sekunden bereits gezählt, denn rollte er sich mit einem Male kauzig jetzt nach hinten ab, sodass sein Gesäß also freigesetzt nach vorn sich wölbte und da ward ein weiteres Tier schon angedeutet, das zunächst wie ein Finger nur als Ende wohl eines Fortsatzes aus dieser prangenden Poperze ragte und immer mehr dem Lichte nun entgegen quoll. Und als dies seltene Gewürm einen geschätzten Meter schon erreicht, da konnte es gewiss nichts anderes mehr als ein ausgewachsener Python sein, der je nach Durchmesser diese Schleuse also spreitete und nach einigem Gedrücke endlich freigesetzt in voller Länge auf den glühenden Asphalt sich erstreckte und sein wohlverziertes Schuppengewand der Sonne stolz zum Glanze bot.
Und damit nicht genug: Denn je verzückter der Python sich jetzt aalte und räkelte, desto ergiebiger traten im Mittelteil seines Gewandes die Falten einer beulenartigen Erhebung hervor und als er bald selber diese Anomalie vergegenwärtigte, da ward er sogleich übermannt von schubartiger Nieserei, gefolgt von Würgen und Ächzen, was das Muskelwerk im Schlangenschlauch offensichtlich nun mobilisierte, diese Beule auszumerzen und allmählich also dem vorderen Ausgang hinzuführen. Und als dies unter einigem Gezeter tatsächlich bald gelungen und jenes innere Geschwür vom ausgehangenen Schlangenmunde hervor gespien, da sah es aus wie ein zusammengepferchtes Huhn – ja, ein Huhn, das mit angematschtem Gefieder jetzt vornüber auf den Boden kippte und eine Weile reglos wie ein Klotz da liegen blieb.
Doch konnte auch jenes Federtier – oh Wunder – gewiss eines quietschfidelen Zustandes allzu lange nicht entbehren und so tat es also behutsam bald die verklebten Äuglein auf, streckte und schüttelte sich, sodass dem vollgesogenen Federkleid die Schwere tröpfchenweis‘ entwich, plusterte gebührend sich auf und nahm jetzt die allerseligste Position einer brütenden und damit fromm und fügsam waltenden Legehenne ein. – Und was dies putzige Tier einige Augenblicke später bereits hervorgetan, war schlicht ein einfaches Hühnerei, ein bräunliches, ein wohlbeschaltes Oval, an dem noch hie und da ein zartes Büschel Federn hing.
Und es war tatsächlich so. Und umso erstaunlicher nur, dass der Papa mit einem Male jetzt – als wären die letzten Minuten gänzlich ohne Werk und Wunder wohl verstrichen – in seiner ursprünglichen Statur und Position vor dem Krämerladen stand und in die geweiteten Pupillen seiner Tochter blickte. Kurz hielt er inne nur, wobei ihm die Augenbrauen gedankenträchtig nieder fielen, zeigte dann aber eine Regung des Verstehens – und da beugte er sich also vorne über, griff nach jenem Hühnerei, das ja gewissermaßen aus ihm selber letztlich erst entsprungen, und als er es nun näher sich betrachtete, da war es nichts anderes als jene ominöse Tiermatrjoschka, jene fein gedrechselte Puppenfolge, die klein Mareike doch jüngst so überaus fasziniert zurück gelassen. Und da er diese nun in den Händen hielt, dachte er noch einmal über Mareikes jüngst gestellte Frage nach, strich sich durch den zotteligen Bart und brachte ihr dann Folgendes als Antwort endlich entgegen:
„Wenn ich also ein Tier wäre, mein Kind, dann wäre ich am liebsten jenes, als das Du mich selber gerne sehen würdest. Von welchem Du am liebsten und am farbenfrohesten wohl zu berichten wüsstest. Wenn ich ein Tier wäre, dann wäre ich jenes Tier, das auch Du gerne sein würdest.“

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