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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Reisen des Hiob: Think of burning ice
Eingestellt am 09. 03. 2004 10:53


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Yamana
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Der Sarg war noch offen und Liticki schien zu lÀcheln.
„Bist du sicher, daß er tot ist? Er sieht aus, als wolle er gleich singen.“
„Und anschließend ein GlĂ€schen heben. Es ist beachtlich, was er noch fĂŒr rote BĂ€ckelchen hat.“
LiebenswĂŒrdig sĂ€uselnd besprachen die Söhne der östlichen Weiten nach alter Sitte ihren Toten Bruder.
Die schreckliche Nachricht erreichte mich beim WĂ€schewaschen.
Fassungslos ließ ich meine Hosen fallen und machte mich auf den Weg.
Liticki war ĂŒber eine Kleinigkeit gestolpert. Der Vorschlaghammer des Schicksals sauste mitten in einen schlechten Witz: ein Steppensohn der selten rauen Sorte war ausgerutscht auf einer schlecht platzierten Vollmilchflasche.
„WĂ€re es doch wenigstens Wodka gewesen“, weinerlichte Schaschwilli behĂ€nde am Kanapee.

Die blasse Truppe aus Samarkand war in ganzer Pracht aufgelaufen; schwarzberockt und arg verschnupft. Einer der ihren hatte ohne Not, außerhalb der Dienstzeit, seine Mitgliedschaft quittiert. Doch wenigstens erfĂŒllte er die wichtigste Voraussetzung zur GewĂ€hrung dieser waghalsigen Bitte: er war tot.
Witocki rÀusperte sich. Alle krochen schreckensblass so tief es ging in ihren Zwirn. Witocki, der Leithammel, stand kurz vor einer seiner furchtbaren Trauerreden, einer wuchernden Gemengelage aus alttestamentarischer Gottesanrufung und verheultem Kinderklagen.
Ruckzuck war ich durch die KĂŒchentĂŒr entwischt.

Liticki sollte mancherlei NebeneinkĂŒnften nachgegangen sein. Ein kundiger Falschspieler und BilderstĂŒrmer. Wo hatte er seinen Sparstrumpf vergraben, und: gab es ihn ĂŒberhaupt?
War das Eisen zu heiß, denn schließlich wĂ€re die gesammelte Reisegruppe aus Kleinasien hinter mir drein, wenn etwas durchsickern sollte?
Ich hatte in diesen Zeiten wenig geregelte BeschĂ€ftigung und war des ErbsenzĂ€hlens mĂŒde.
So verwandte ich manchen Augenblick auf die Frage nach dem Verbleib von Litickis Erspartem und beschaffte mir Wissen von einer schwarzgesteppten Handtasche aus Kunstleder, auf der die kyrillischen Worte eingeprÀgt prangen:
'manches wird manchem einiges bringen'.
Dieses Kleinod war mein Begehr - vielleicht enthielt es Unermessliches - doch fĂŒr den Augenblick erschien es fern. So fern.

An diesem Abend erwog ich einen unverbindlichen Kurzbesuch in Litickis Bleibe.
Die Tatarensöhne hatten heute abend noch kein verschĂ€rftes Regiment aufgeboten, um den Verblichenen zu beerben. Jede Minute war kostbar. Der heutige Geisteraustrieb an Litickis sterblichen Überbleibseln sollte nach mongolischer Sitte womöglich im verĂ€tzten Delirium des lebensfeindlichen Brandweins beschlossen werden.
Nichts war mir lieber, solange ich nicht dabei sein musste.

Geschmackvoll dekoriert und farbenfroh, so zeigte sich Litickis wenig bescheidene
Dreieinhalb-Zimmer-KĂŒche-Bad-Wohnung. ÜberschwĂ€nglich ausgestattet, setzte sie ein kontrapunktisches Schlaglicht auf das erbarmende Verließ, in dem ich meine Tage fristen musste, keiner Sonne, welcher auch immer, zugewandt.
Halbleere Aschenbecher, Kaffeetassen mit schwarzeingetrockneten PfĂŒtzen, beides umgeben von wenig Sauerstoff, das war in etwa die Stimmung des Interieurs.
Auf allen Vieren robbend, fand ich die Reste der Pfandflasche des frĂŒhen Todes:
umgeben von einem weißlichen See aus getrockneter Vollmilch.
Ich sah so vor mich hin, als mir eine Inschrift auf dem Teppich zu Augen kam, mit ersterbender Hand und einem blassen Bleistift hingemalt. MĂŒhsam entrĂ€tselte ich:
Think Of Burning Ice!

Sehr schön, nachgerade poetisch, kantige Symbolik, Fremdsprachenkenntnisse! Was sollte mir das?
Eine philosophische Denkaufgabe am Ende eines skrupellosen Gangsterlebens?
Think Of Burning Ice: augenblicklich sah ich die Arktis vor meinem geistigen Auge in Flammen aufgehen, hörte das Zischen verdampfender Eisberge, das ohrenbetĂ€ubende Krachen ineinanderstĂŒrzender Wassermassen, die Hilferufe lodernder EisbĂ€ren: ein gigantisches Spektakel, das Abbild einer Schöpfung mit umgekehrten Vorzeichen.
Plötzlich geschah Unvorhergesehenes: die Anfangsbuchstaben gesellten sich ungefragt zueinander und sprachen: TOBI. Think of burning ice!
So ĂŒberkam mich Eile: im Schweinsgalopp durchwĂŒhlte ich SchrĂ€nke, Schubladen und Klorollen, fand aber nach dieser Sensation nichts vergleichbares. Ich ging.

TOBI! Es gab nur einen einzigen der gemeint sein konnte: Tobi Scowbone, der glatzköpfige Schakal des horizontalen Gewerbes. Er beaufsichtigte eine mittelstĂ€ndische BedĂŒrfnisanstalt, nichts außergewöhnliches, garantierte aber frisch bezogene Betten und leidlich geschultes Personal. Seit Jahresfrist lag er im Unfrieden mit den BrĂŒdern des Samowars und hatte ihnen wiederholt mit Blei gedroht, war aber nur durch ein großgebautes Mundwerk, nicht durch einschneidende Taten aufgefallen. Sollte also Tobi die Milchflasche an den ungewĂŒnschten Ort drapiert haben?
Wenn aber ja, dann: warum?

Ganz aufgesogen von soviel Neuigkeit, verlangte ich im ROSENFROSCH nach einem herzberuhigenden KrÀutergeist. Die enggedrÀngten GÀste verbargen sich hinter selbstgemachtem Zigarettenrauch und musterten einander mit Argwohn. Niemand plauderte mit niemandem.
Hier traf sich, wer ungenannt bleiben will am Tage des jĂŒngsten Gerichts. Ich bedachte das Geschehene, und kam zu dem Schluss, daß Tobi zwei Fliegen mit einer MilchtĂŒte beseitigt hatte: die Russen waren blamiert und nebenher hatte er sich Kleingeld fĂŒr die Urlaubskasse beschafft. Litickis sagenumwobene Kunstledertasche musste sich also unter Tobi Scowbones Kopfkissen wiederfinden.
Ich beschloss, sie entweder selbst aufzugabeln, oder Scowbone an die sibirischen Nachtfalter zu verfĂŒttern, gegen eine geringe VermittlungsgebĂŒhr plus Spesen, versteht sich.
Da traf mich von hinten eine kalt-fettige Hand wie das Platschen eines toten Fisches, der auf die Fliesen schlÀgt. Im Geiste sah ich den feuchtglÀnzenden Fleck auf meinem Tweedjackett. Kein Zweifel, es war Mano Quallas, der gurgelnde Abortfeger des ROSENFROSCH.
„Ich grĂŒĂŸe dich, Bruder Hiob, was kosten die Apokryphen?“ schmatzte Quallas witzelnd.
Alles fuhr auf, aus seligem Schlaf gerissen. Feindselig musterten sie den fremdwortgestÀhlten Klomann.
„Woher weißt du was das ist,“ wunderte ich, doch er flĂŒsterte, schon behĂ€biger: „Hast du den SĂ€nger des Ave Maria schon im Blickfeld verspĂŒrt, Bruder Hiob, von Liticki ist die Rede.“
Diese Namensnennung ließ mich aufhorchen!
„Liticki?“ fragelte ich scheinmĂŒde, „wieso Liticki?“
„Weil er mir heute erscheinen sollte. Wichtige Sache, kleine Fische machen auch satt.“
„Liticki wird sich verspĂ€ten“, spuckelte ich dĂŒster.
Mano Quallas trug ein fettiges Fragezeichen im Gesicht.
„Tot,“ löste ich das RĂ€tsel, „Liticki ist tot.“
Das traf den rechten Ort: vom Donner gespalten, klappte Quallas auseinander. Mit unwilligen Helfern setzten wir ihn in mĂŒhevoller Kleinarbeit wieder zusammen. Ächzend verankerte ich ihn an der Theke.
„Tot,“ meinte er, „und wer zahlt die GebĂŒhren, was ist zu tun?“
Ich erklĂ€rte mich bereit einzuspringen, möglicherweise war NĂŒtzliches aus dem SchĂŒsselputzer herauszukratzen.
„Liticki ernannte mich zum Siegelbewahrer und versprach fĂŒrstliche Entlohnung. Stattdessen verdĂŒnnt er sich in den Äther. Ist das die Gerechtigkeit?“ Er zĂŒrnte himmelwĂ€rts.
Mein munteres ScheinezÀhlen löste seinen Krampf und entlockte ihm das Geheimnis.
Er stapfte voraus, ich folgte auf den stillen Ort. Mit dem Schlag auf die richtige Stelle, öffnete sich eine KacheltĂŒre und gab ein gutverschlossenes SchrĂ€nkchen frei. Quallas drehte in unbegreiflicher Manier das RĂ€dchen nach rechts, links und wieder nach rechts, murmelte dem TĂŒrchen fremdartige Zauberworte zu und ĂŒberzeugte es schließlich, sich zu öffnen.
Innen lag etwas Unscheinbares, in eine BrötchentĂŒte eingewickelt. Dies war mein Begehr.
„Mancher wird manchem einiges bringen,“ sprach ich belustigt und allmĂ€hlich an Mehrdeutigkeiten gewöhnt.
Quallas begrunzte und verbesserte mich: „Manches wird manchem manches bringen.“
Zu einem Austausch des FĂŒr und Wider beider Versionen kam es nicht mehr: kaum konnte ich widersprechen, als mit gellendem Schrei die KlotĂŒre mittendurch brach und die Usbekensöhne mit gezĂŒcktem Schießrohr die Stille des Ortes entweihten.
„Manches wird manchem einiges bringen,“ brachte Witocki das lebhafte Zitatenraten zum siegreichen Abschluss. Nassforsch forderte er die BrötchentĂŒte als TrophĂ€e ein. Mano Quallas erfĂŒllte Witockis Herzenswunsch, schließlich hatte ich ihn bereits entlohnt, er musste nur noch lebend aus dem Abort entkommen und sich in den nĂ€chsten Überlandbus flĂŒchten, dann wĂ€re sein Nachmittag gerettet.
Der Meinige war da schon beachtlicher umwölkt: was hatte ich hier zu suchen, mussten sich die slawischen GebrĂŒder fragen, was wollte ich mit Litickis Plastiktasche? Musste man mir am Ende gar misstrauen? Falls ja, so wĂŒrde sich mein Schicksal in der nahegelegenen Kiesgrube erfĂŒllen.
„Schaschwilli bekommt Sonderurlaub, unbegreiflicher Hiob,“ meinte Witocki wĂŒrdig,
„er ĂŒberzeugte unsere Trauergemeinde davon, dir mehr Beachtung zu schenken. Wir stehen tief in seiner Schuld. Asche auf dein Haupt, Bruder Hiob."
Alle streckten dem ehrenhaft erwĂ€hnten die Hand zum brĂŒderlichen danke hin.
Schaschwilli war puterrot und murmelte „nicht doch, nicht doch.“

„Du fĂ€hrst mit Wollokow, Tawarisch, rate, wohin die Reise geht.“
Ich erriet es.
Wollokow erfĂŒllte nur eine einzige, aber unverzichtbare, Aufgabe:
er war der Sensenmann der kyrillischen Bruderschaft.

Heißa ging die Fahrt im schwarzen Wolga.
Neben mir saß Witocki und schĂŒttelte die georgische Lockenpracht.
„Wie traurig diese Nacht ist. Ein langjĂ€hriger Bruder hat falsches Zeugnis abgelegt.
Wem, frage ich, kann man noch trauen, in diesen bitteren ZeitlĂ€uften?“
Da sah ich in meiner Verzweiflung nur noch eine schmale Hoffnung und sprach:
„Ich gebe alles zu, ich habe gefehlt, ich weiß, aber ich weiß noch anderes, daß nĂ€mlich Tobi Scowbone der furchtbare Milchmann war.“
„Tobi?“ echolotete es allerseits, „Tobi Scowbone?“
„So wahr ich Bruder Hiob bin, der schwarzumrandete Scowbone steckt dahinter.“
Um mir Gelegenheit zu ungestörtem Beichten zu geben, ließ Witocki rechtsran fahren:
„Nun sprich, sprich langsam und in einfachen Worten, sodass selbst Wollokow dir folgen kann, bußfertiger Hiob".
Ich winkte ab, sah mich außerstande dieser Bitte zu entsprechen, Wollokows geringes Vermögen benötige eine geschulte Fachkraft, ich aber sei ein einfacher Vorstadtprediger.
Schusseiserne Argumente befleißigten mich schließlich einer anderen Sichtweise und so benannte ich alles was sich zugetragen hatte.
"Think of burning ice?" - misstrauisch rauchte Witocki mir in die AugÀpfel.
„Liticki war des Englischen mitnichten mĂ€chtig, kaum sprach er das Idiom seiner VĂ€ter fehlerfrei.“ Ich aber verteidigte meine liebgewonnene Theorie, daß Liticki mit diesem seltenen Satz entscheidendes hinterlassen habe. Ich wollte nicht von ihr lassen, auch dann noch nicht, als Soschaschwilli vom Beifahrersitz das vernichtende Argument in den Fond jagte, Liticki habe im Leben keine anderen als die kyrillischen Geheimzeichen zu malen verstanden.
Meine schöne Sicht von der Welt schmolz dahin.
„Deine Worte entlasten nicht dich, sondern Tobi Scowbone, ehemaliger Bruder Hiob,“ höhnte denn auch Galileo Witocki unverhohlen.
Er befahl die Weiterfahrt zum Scheiterhaufen.
Ich hatte es immerhin versucht. Sie aber glaubten mir nicht, und verlachten meine Worte.

Dann geschah das Wunder!
Ein Engel von lieblicher Gestalt fiel aus himmlischen Höhen in unsere dunklen Vorstadtstraßen und versperrte den Henkersknechten den trĂ€nenumsĂ€umten Weg: Mano Quallas stand als uneinnehmbare Festung mitten auf dem Asphalt, angestrahlt von seinem Mopedscheinwerfer.
Er wedelte mit den Armen. Wollokow, die Steppenbestie, schickte sich an den himmlischen Boten niederzubĂŒgeln, Witocki verbot es mit RĂŒcksicht auf den unersetzlichen Wolga.
'Halt, halt ', rief Quallas.
Schlierend wich das Seitenfenster vor Witockis Nasenbein nach unten:
„JĂ€her Quallas“, lispelte er, „was hĂ€ltst du uns von dringenden Besorgungen ab?“
„Verzeih, dĂŒsterer Iwan“, blökte Quallas und zeigte sich von einer böslichen Seite: mit mĂ€chtiger Kraft, den rotglĂŒhenden SchĂ€del vor Anstrengung entstellt, hob er den Wolga mitsamt des Inhalts an, und schob ihn die Böschung hinunter. Ich erkannte die Gunst des unwiederbringlichen Augenblicks, öffnete die WolgatĂŒre und war schon auf der Straße, bevor der dĂŒnngestrickte Witocki so recht wusste, was geschah.
„Mein Goliath“, jubelte ich schallend, wĂ€hrend Quallas mich aufs Moped expedierte.
Wir entfleuchten im Netz der zahllosen Gassen.
Meine RĂŒhrung kannte kurzzeitig kein Maß, ich versprach Quallas alle SchĂ€tze Arabiens, man möge ihn, den siegreichen Goliath, der Seligsprechung anempfehlen. Quallas kannte seinen Wert und dĂ€mpfte mein Lob mit vorbehaltlichen Berechnungen von Auslagen, Kosten und GebĂŒhren plus Mehrwertsteuer und Gefahrenzulage. Ich aber wollte mir den Jubel nicht nehmen lassen und klopfte auf meines Retters SchulterwĂŒlsten umher.
Bei alledem verpasste ich es nicht, den GutmĂŒtigen bis vor Tobi Scowbones Institut zu dirigieren, wo ich nun des entscheidenden Hinweises fĂŒndig zu werden hoffte.

An der Rezeption stand ein Lederjunge mit pomadiertem Haupthaar und feilte seine NĂ€gel.
„Schönen guten Tag,“ flĂŒsterte ich, „ist Tobi wohl zu sprechen?“
„NatĂŒrlich nicht,“ sagte er ohne aufzumerken.
„Gut,“ sagte ich, „bemĂŒhen sie sich nicht, ich kenne den Weg.“
Ich ging die Treppe zu Tobis GemĂ€chern empor, der Lederjunge staunte mir nach und wollte etwas unpassendes bemerken, als er sich Mano Quallas Linke einhandelte, weshalb es zu keiner weiteren Äußerung seinerseits mehr reichte.
Mano bestaunte die umherstehenden Damen und folgte mir unwillig.
Dort oben war es still bis auf wenige metier-bedingte Laute, Tobis PrivatgemĂ€cher waren nur fĂŒr erlesene Kundschaft freigegeben. Quallas verwies einen Kahlgeschorenen zu Boden und bat mich höflich ins Allerheiligste. Dort lag, malerisch auf einer Ottomane eingeklemmt, Tobi Scowbone und hielt sich im Schlafe brummend das GemĂ€cht. Quallas wollte sogleich unsanft mit ihm werden, ich aber riet ihm davon ab und sprach mit klarer Stimme: „Husch und auf die FĂŒsse Tobi, wir machen uns davon.“
Der blinzelte vertrÀumt, konnte aber bald alles Notwendige erfassen. Ihn zur Eile mahnend, platschte Quallas Tobis Wangen puterrot.
Dann suchten wir, allesamt, ĂŒber die Feuertreppe das Weite.
Das Moped wĂŒrde nun nicht mehr ausreichen und so entwand mein unermĂŒdlicher Erzengel einem ahnungslosen Taxichauffeur sein ohnehin geliehenes GefĂ€hrt, worin wir uns auf den kĂŒrzesten Weg zur erwĂ€hnten Kiesgrube machten. Hier glaubten wir uns ungehemmter dem kurzzeitig EntfĂŒhrten widmen zu können, denn allzu viele Fragen hatten sich uns aufgetĂŒrmt.

In der Ferne schwelte ein Halbstarkenlagerfeuer, johlend zerschmissen sie Bierflaschen an einem Betonpfeiler und umjubelten jeden Treffer mit kreischendem AffengebrĂŒll.
Wir suchten uns einen verschwiegenen Winkel und Quallas löschte das Scheinwerferlicht.
„Und jetzt?“ gackerte Tobi ratlos schwitzend. Erst als Quallas den Hals des hĂŒhnergleich Flatternden mit der Rechten umfasste und „schweig, Scowbone“ sprach, tat dieser dies sogleich und ohne zögerlich zu sein.
„Gegenteilig“, grindelte ich Quallas zu, „nicht schweig, sondern tu den Mund auf. Ich geb’ ein Stichwort und du sagst, was dir dazu inne wird.“
Tobi hatte die Spielregel auf Anhieb verstanden, ruckelte sich zurecht und erwartete den Startschuss. Ich zögerte nur kurz und sprach: „Liticki.“
Tobi Àchzte, schnaubte - und? - begann zu heulen. Kleinkindisch. Der dumpfgewienerte DamenhÀndler Scowbone in TrÀnen. Quallas patschte ihm inmitten des Gesichts umher.
„Du scheinst an den Weichteilen erwischt zu sein, doch was hat dies mit Liticki zu tun?“
Tobi war ganz elendig enthemmt. Nur Quallas entlockte ihm schlussendlich einen Redebeitrag.
„Ach, mein Wolfskind, raunte Tobi, du SteppenrĂ€uber, herzenswarmer Enkel des Baikal, gleißender Kranich des Dnjeper, Sagenumwobener, wie soll ich ohne dich?“
Dann war schweigen. Auch unsererseits.
„Was denn?“, Quallas verstand nicht.
„Nun, schön“, begann ich, geradenwegs pietĂ€tvoll werdend, „ihr wart ein kleines, zartes Paar, dies erschließt sich mir, jedoch sein Vollmilchtod, wie das?“
Zeit verging und ich wusste, die sibirischen TigerhÀuter waren nicht untÀtig uns zu finden, es musste eine Entscheidung her.
„Ach, dreimalvermaledeite Sucht nach Fleisch und Lust, weh mir.“
Nur unbrauchbares Lamentieren kam von Seiten Scowbones. Quallas schlug zu, dann ging es besser.
„Was nun, im Eifer unsrer Spiele, fiel er dahin ĂŒber dem Teufelswerkzeug und schlug sich sein sĂŒĂŸes Haupt am Couchtisch auf. Ich floh behĂ€nde, eingedenk der Sippschaft der er zugehörte. Doch war’s ein böser Zufall, keine Absicht, und nimmer werd ich froh darĂŒber.“
Das Antlitz vielfach zusammengefaltet, ganz dem Gram gewidmet, sank Tobi auf den Schotter nieder.
Stille. Sogar bei den Halbstarken. Stille.
„Nun, schön,“ begann ich, „mag es glaubhaft sein, doch was ist mit dem Sinnspruch THINK OF BURNING ICE?“
„Auf einer brennenden Eisscholle möge er in die ewigen Gefilde dahingleiten, mein bĂ€rengleicher Liticki! Es war mein letzter Gruß, kantige Symbolik am Ende einer erdig schweren Existenz. Im ĂŒbrigen verbarg ich meinen Namen, liebeswund, darin.“
„Das hab’ ich wohl erfasst,“ flĂŒsterte ich still-bescheiden lĂ€chelnd.
„Nun, schön,“ begann ich, „lasst uns einander nicht lĂ€nger erweichen, nehmen wir es auf uns, dies den Steppenreitern des Urals zu erlĂ€utern und,“ schloss ich, schon auf dem Wege zum Fahrzeug „das wird kein FrĂŒhlingstĂ€nzchen werden.“





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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Hallo Yamana,

Dein Text hat mir großen Spaß gemacht, vor allem wegen der gekonnt ĂŒberzogenen, um nicht zu sagen: kunstvoll exaltierten, Sprache und vieler höchst nachhaltig sich ins GedĂ€chtnis "brennender" Formulierungen: "Ächzend verankerte ich ihn an der Theke." Köstlich!
Zudem scheint mir das Milieu, in dem die Story angesiedelt ist, von großer Ergiebigkeit. Wie bist Du darauf gekommen?

Allerdings wĂ€ren im Text noch einige Fehlerchen auszubĂŒgeln in Orthogr. und Interp..(Z.B.: "Toten Bruder", "Brandwein", "schweigen"...)

Das sind natĂŒrlich NebensĂ€chlichkeiten, an solchen Kleinigkeiten sollte man einen Text - und schon gar nicht einen Textschreiber - messen...

Liebe GrĂŒĂŸe

Pen.

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Yamana
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freundliche umarmung

liebe penel.
danke dir fĂŒr dein feedback. tut gut zu hören. ja, wie bin ich drauf gekommen? die 'hiob' geschichten sind so eine art lustfaktor in meinem schreiben, nehme mir sonst 'echte' 'ernsthafte' sachen vor und bei hiob landet alles was sonst noch spass macht. mit den orthos (lebenslĂ€nglich mich verfolgende, kleine nutzlose feindgestalten) hast du natĂŒrlich recht und ich werde sie -ausbrennen - (nĂŒtzt aber nichts, an anderer stelle tauchen neue auf...)
viele grĂŒsse Y.
__________________
dichten ist ĂŒbersetzen in eine nicht vorhandene sprache.
(breyten breytenbach)

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