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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Reisen des Hiob: Twilight im Rosenfrosch
Eingestellt am 09. 03. 2004 22:51


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Yamana
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gut.also los.
Er war nicht gekommen, der Cowboy auf seinem bleischweren Chromrad, Marke ÔÇścult bloodÔÇÖ. Er war nicht gekommen.
Sieben S-Bahnen kamen und gingen, schepperten vorbei in eine unsichere Zukunft ohne Netz und doppelten Boden - wer kann schon sagen ob sie jemals angekommen sind?
Der Cowboy jedenfalls kam nicht.
Als die siebente der kreischenden S-Bahn-Brut davonschnarrte, f├Ąllte ich mein Urteil und sprach:
"Cowboy, du hast deine Chance gehabt, nun ist dein Zug abgefahren."
Ich habe lange genug gewartet. Wir wollen zur Sache kommen, kurz und b├╝ndig aber ├╝berdeutlich, ich will es klar und deutlich sagen, so, als st├╝nde es in der Zeitung, Rubrik VERMISCHTES, zwischen den t├Ąglichen Leichen:
der Cowboy hatte mir ein Angebot zu machen. Eine Angelegenheit lag in der Luft. Es handelte sich, wie man sagt, um die M├Âglichkeit von viel Fl├╝ssigem, den stolzen Odem einer goldigen Nachmittagsstunde.
Er br├Ąuchte dazu, sagte er und mehr k├Ânne er am Telefon nicht sagen, f├╝nf bis sechs Minuten mit mir, Auge in Auge, und Diskretion. ├ťbrigens eines meiner bevorzugten Vokabeln, denn es wird immer in Verbindung mit Fl├╝ssigem gehandelt. Wo viel Fl├╝ssiges zu holen ist, wird auf viel Diskretion Wert gelegt, soweit sehr sch├Ân also. Ich ging hin.
Ich hatte gute Erfahrungen mit dem Cowboy gemacht. Letztlich arbeite ich selten bis bevorzugt gar nicht mit Anf├Ąngern, unbeschriebenen Bl├Ąttern. Aber der Cowboy war, wenn man das Gegenteil will, ein eng beschriebenes Blatt, guter Leumund und keine ├ängstlichkeiten beim Punktemachen.
Diesmal aber : eine Zigarettenkippe, wenn sie so wollen, mitten ins Papier gebrannt. Ich hatte in Vergeblichkeit auf ihn gewartet. F├╝r mich war die Angelegenheit erledigt.
Eines war gewi├č: der Cowboy hatte mehr oder minder d├╝stere Schwierigkeiten zu gew├Ąrtigen gehabt. Warum sonst sein Totalausfall? Das stand nicht in seinem Programmzettel. Undenkbare Kombination. Wom├Âglich lag er schon um etwas Blei versch├Ânert irgendwo im Kasten. War l├Ąngst in einer anderen Weltengegend als Mauerbl├╝mchen wiedergeboren, w├Ąhrend Ich noch seiner der S-Bahn harrte.
In diesen Tagen aber gammelte mein sorgloses Leben voller Zuversicht dahin und kein Schatten konnte meinen sonnigen Vormittag tr├╝ben. Morgens erwachte ich in frisch gewaschenen Laken und sagte: ÔÇświllkommen bist du mir, Tag, willkommen, du, sonniger MorgenÔÇÖ.

Unter der kalten Dusche massierte ich meinen Tatendrang und kratzte mir die Fussn├Ągel sauber.
Dann aber, nach sorgloser Zeit, ich w├╝rde sagen, vier Tage nach der verpatzten S-Bahn-Konferenz, Ahnung!, dunkle Ahnung!, erf├╝llte sich dein bitteres Wort und ich las in der Zeitung von der Leiche in der Jauchegrube eines Metzgers.
Ein zugegeben l├Ącherlicher Tod, eine ganz und gar nicht auszudenkende Schweinerei. Wer wollte so seine Erdenfrist
beschlie├čen ?
Ich war gezwungen, mir dieses D├╝sternis einen Augenblick vorzustellen und las dann weiter: bei der Leiche des Ungl├╝cklichen fand man nichts als eine schei├čegetr├Ąnkte Kopfbedeckung texanischer Herkunft.
Jetzt, nat├╝rlich, bl├╝hte in mir die Ahnung auf, wuchs heran und bildete sich zur Gewi├čheit aus, da├č es mein Cowboy war, der auf so ruchlose, ├╝belriechende Weise sein Ende gefunden hatte.
Und ich ahnte Weiteres : sein letztmaliges Erscheinen in der Zeitung unter der Rubrik VERMISCHTES, als eine der t├Ąglichen Leichen, mu├čte im Zusammenhang stehen mit unserem verpatzten
Rendezvous an der Stadtbahn.
Ich wechselte die Socken. Ich suchte die schw├Ąrzeste unter meinen Jacken heraus. Ich war bereit f├╝r ein Parf├╝m, das ich noch nie benutzt hatte: es gab mir die H├Ąrte eines Eisbrechers und die Duftfahne eines davonjagenden Seel├Âwen.
Was war geschehen mit dem Cowboy?
Meine haarstr├Ąubende Odyssee begann vor dem BLACK BUNKER.
Listy Fogscreen war, wenn ich mich recht entsinne, der erste, dem ich an diesem Abend begegnete.
Ahnung, d├╝stre Ahnung: Listy Fogscreen !
Ein L├╝gner, seit er seiner Mutter zwischen den Beinen hindurchgewischt war. Dieser Abend sollte das Setup zu seinem ersten und einzigen Topcast werden. Es war sein Film der nun begann. Aber konnte ich das an dieser fr├╝hen Stelle bereits
ahnen ?
Er sagte: "wie aber gehtÔÇÖs, Bruder Hiob? Alle Sch├Ąflein im trockenen?" und ich dachte : ÔÇśwas aber soll das hei├čenÔÇÖ, und sprach: "geh mir aus dem Licht, Listy."
Er sagte: "die Russen sind vollz├Ąhlig aufmarschiert und ich sch├Ątze, sie sind nicht zum Polka tanzen hier."
"Kassatschock" sagte ich, "in Ru├čland tanzen sie Kassatschock".
"H├Âr mal", lispelte er frechdreist, "erz├Ąhl mir nicht, da├č sie in Ru├čland nicht Polka tanzen!"
Ich war mit Eisbrecher gest├Ąhlt und in schwerstes Leder gewickelt, mir h├Ątte nicht einmal Toby Scowbone etwas anhaben k├Ânnen, nicht hier und nicht an diesem Abend. Also lie├č ich Listy davonkommen und sagte: "Listy, du meinst etwas ganz anderes, es ist ein Mi├čverst├Ąndnis, die babylonische Sprachenverwirrung."
Ich lie├č ihn stehen, es war ein Akt der Gnade.
Im schwarzlackierten Keller sa├čen Russen. Was da stank war nicht das Terpentin vom letzten Anstrich, es war die vereinigte Fahne dieser S├Âhne der ├Âstlichen Steppen. Nicht mit zu spa├čen. Sie kannten den Ernst des Lebens.

Witocki setzte sein messerscharfes Grinsen auf und sagt :
"deine kleine Flamme wird unser Licht erhellen, Bruder Hiob, tritt n├Ąher und sei gegr├╝├čt."
Ich denke: meine kleine Flamme wird den ganzen Laden hochgehen lassen, sollten die d├╝steren Ahnungen zutreffen. Wenn Scowbone nichts mit der Sache Cowboy zu tun hatte, dann sind diese schw├Ąrzlichen Tunken darin verwickelt. So lautete mein Ratschlu├č.
Ich hob an und sprach: "gut, setzen wir uns."
Witocki reichte mir den Hirnspalter in einem Limonadenglas. Zu meiner eigenen Verwunderung ├╝berstand ich eine ganze Einfuhr unbeschadet und schmierte mich bei den Bleischl├Ąuchen mit der Bitte nach einer weiteren Ladung ein.
Witocki sch├╝ttete stehenden Fu├čes nach.
"Du wirst Blut im Stuhl haben, wenn du das getrunken hast."
Alle stimmten fehlerfrei zum gemeinschaftlichen Grunzen ein.
Soschaschwilli, ein kleiner Dicker im Zweireiher, machte die zur├╝ckh├Ąngende letzte Stimme und verschluckte sich nahezu t├Âdlich. Seine Br├╝der trugen ihn behutsam auf ihren Schultern an die frische Luft.
"Ich bin ger├╝hrt, Bruder Hiob, feinster Besuch der einheimischen Belegschaft ist kein allt├Ągliches Gesch├Ąft", sagte Klinticki, der ein├Ąugige Pfeifer des Ave Maria, "was soll mir das?"
Ich aber versuchte es mit einem Wortspiel:
"es handelt sich um gewisse Vorg├Ąnge der unappetitlichen Art. Ein Showdown in der Schei├če. Unangenehme Geschichte."
Verabredungsgem├Ą├č ├╝bert├╝nchten sie ihr Unverst├Ąndnis mit einem au├čerordentlich schwach gespielten Schei├č-Egal-Grinsen. Witocki kam der Sache ziemlich nah:
"Das hei├čt, dich plagt ein schmerzlicher Verlust, das unwiderrufliche Ableben eines Skatbruders, Tawarisch?"
"Ein Skatbruder, so ist es, der besten Sorte, grundsolide und ahnungslos. Er hat sich bis zum Hals mit Schei├če auff├╝llen lassen."
"Man kann nicht glauben", wehleidigte Witocki im Stil der F├╝nfzigerjahre, "man kann nicht glauben, wozu Menschen f├Ąhig sind, wenn sie getrunken haben. Es ist ersch├╝tternd. Depremierend. Wollokow", er deutete auf einen blassen Knochenmann am Tresen, "wird dir etwas mitgeben f├╝r das letzte Geleit. Nur eine Aufmerksamkeit, ein Zeichen des guten Willens, Tawarisch."
"Man sagt", bog ich in die Zielgerade ein, den Mittelfinger mit dem Revolver in z├Ąrtlicher Umbandelung, "der Gute hatte eine verh├Ąngnisvolle Schw├Ąche f├╝r Wodka im Limonadenglas."
Es trat ein : das aschfahle Schweigen vor der letzten Schlacht bei Waterloo. Sie standen auf dem fr├╝hmorgendlichen Nebelfeld mit Pferd und Mann und Maus. Nichts war zu h├Âren. Kein Telefon, kein Spatz im Wipfel. Einfach Stille im See. T├Ąlinin, der gelbe Lette, zerschnitt das kosmische Schweigen mit vernehmbarem R├Ąuspern.
"Was meint er?" fragte er, als w├╝├čte er es wirklich nicht.
"Nein, nein, ich bin ersch├╝ttert", konstatierte Witocki heiser, "ich falle vom Glauben ab.

Er meint, dieser Spa├č habe etwas mit uns zu tun. Sein Mann in der Schei├če sei eine Installation unseres ausgesuchten Kreises. Brich an, ewige Finsternis, versinke mi├čg├╝nstige Welt der undankbaren Br├╝der."
Er setzte sich, schwer getroffen, ehrlich ersch├╝ttert.
Als mein kleiner Finger ein gutge├Âltes Klicken vernehmen lie├č, bestand die Fortsetzung des Abends in der Reise nach Jerusalem:
alle suchten nach den St├╝hlen und einer sollte dran glauben. Mit hellseherischen Gaben bedacht, hatte ich die M├Âglichkeit dieser Einlage schon in Betracht gezogen und mich blickweise nach den Lichtschaltern erkundigt.
Ein gut gesetzter Hechtsprung brachte mich ans Ziel und der erlauchte Kreis sa├č im dunkeln, unverst├Ąndlich slawisch fauchend. Was aber n├╝tzen all die leeren Worte, wenn man nichts mehr sieht. M├╝hsam gelangte ich nach drau├čen, wo Listy Fogscreen Wasser an den M├╝lltonnen abschlug.
Mit bangem Blick versetzte er: "ich wei├č von nichts und habe nichts gesehen".
"Du wirst mir folgen, Listy", meinte ich und zog bereits an seinen Ohren, jenseits des Gutd├╝nkens.
Das Taxi brachte uns mit knapper Not zum ROSENFROSCH. Hier sitzt beisammen, was ungenannt bleiben will am Tage des j├╝ngsten Gerichts.
"Warum nur willst du in den ROSENFROSCH?", gab Listy listig zu bedenken, "hier werden sie zuerst nach dir suchen. Die Herren hier werden dich gegen eine geringe Schutzgeb├╝hr im P├Ąckchen zu den slawischen S├Âhnen schicken. Es gibt keine Gerechtigkeit."
Listy hatte sich verausgabt und baumelte noch haltloser hinter dem Tresen. Er rechnete vier und zwei zusammen und stellte fest, da├č auch sein Bauchnabel nicht verschont bleiben w├╝rde. Er roch nicht nur ungewaschen, sondern auch nach Verrat.
"Sie bleiben ruhig und beantworten nur meine Fragen", spa├čelte ich in sein Nasenloch und bestellte Magenbitter gegen das Gift der Russen.
Listys Redeflu├č war versiegt, bald nippte er wie stummgeboren am Kr├Ąuterschnaps.
"Gut, sprechen wir mit schneidender Deutlichkeit: wann hast du den Cowboy zuletzt gesehen?"
Diese Namensnennung versetzte ihm einen derartigen Schub, da├č es vonn├Âten war, Listy anschlie├čend wieder auf die Beine zu stellen, r├╝lpsende Nachbarn halfen angewidert mit.
"Es war, es war in einer verregneten Mainacht, die Bl├Ątter des Hibiscuszweiges stauten sich unter den Achselh├Âhlen, Cowboy sah mit bl├╝tenverhangenem Blick noch ein letztes Mal zu mir und verschwand dann ├╝ber die D├Ącher. Heute las ich, da├č sich sein Schicksal erf├╝llet hat."
Listy unterdr├╝ckte Gef├╝hle der vereinsamten Trauer, die schwarze Galeere drohte ihn ├╝ber den Haufen zu fahren.
"Der Mai ist lange schon vergangen", sagte ich drohend.

"Das ist allzu wahr", bejahte er und setzte hinzu:
"schei├če noch mal, Hiob, ich mu├č mich setzen."
Er lie├č sich ungeachtet der zahlenm├Ą├čig weit ├╝berlegenen Tresensteher nach unten gleiten und nahm zwischen verdreckten Bierdeckeln und Zigarettenkippen Platz. Man konnte auf einen Zernichteten niederblicken. Rey Fleapreacher zwinkerte mir aus zugeschwollenen Augenritzen zu und dachte wohl, ich h├Ątte es Listy trefflich besorgt.
Er sagte: "schau mal wer da kommt", und wies mit dem Bierglas zwischen die enggedr├Ąngten Freunde der Machenschaften.
Witocki machte soeben die Stubent├╝re hinter sich zu, durchblickte aber das rauchgep├Âkelte Innenleben des ROSENFROSCH nicht schnell
genug, so da├č ich Gelegenheit fand, mich Listy beizugesellen am Fu├če des Tresens.
Mit dem Tritt an die richtige Stelle ├Âffnete sich die geheimnisvolle Tresenverschalung. Widerwillig, und mit Sto├č und Kantenschlag, war Listy davon zu ├╝berzeugen mir zu folgen.
Im Treseninneren befand sich eine schummrig-nett beleuchtete Abstellkammer mit Lik├Âr und Fu├čw├Ąrmer sowie Polstergarnitur f├╝r das geschundene Hinterteil. Au├čerhalb der sch├╝tzenden Heimstatt schwamm die Stimmung auf h├Âherer Woge. Es gab und nahm sich manches Wort, es wurden Schm├Ąhungen und mancherlei Verw├╝nschungen daraus. Schlie├člich, am Scheitelpunkt des Aufruhrs, sausten mannstolle F├Ąuste slawischer und sonstiger Herkunft ihren verquollen dreinblickenden Zielen entgegen und richteten ├╝blen Schaden an. Tumultartige Tretereien und splitternde Flaschen wechselten mit zerspringenden Spiegeln im kakophonen Wettstreit.
Als schlie├člich alles ein Ende hatte, ebenso j├Ąh wie es begann, denn sinnlos ist alles was geschieht, pfiff nur noch der elektrische Wellensittich ├╝ber der Latrinent├╝re und versprach mit aufmunterndem Gesang, das bessere Zeiten kommen sollten.
Der Waffenstillstand schien zu halten. Der Barmann trat gewissenhaft dreimal lang und dreimal kurz gegen den Tresen, so da├č wir uns mit steifen Knorpeln des d├╝steren Verstecks entpellen konnten. M├╝de und wenig n├╝chtern nahmen wir den Rest der Einrichtung in Augenschein.
Der Barmann putzte den blutbespritzten Tresen blank.
Eingedenk, da├č nichts umsonst ist, bl├Ątterte ich dem├╝tig Schein um Schein auf den nunmehr frisch gewischten Tresengrund.
"Bedankt", sagte der Barmann, "im ├╝brigen sind die Steppenhunde, soweit sie sich an das halten was sie sagen und ihre angetretenen Knochen es erlauben, auf dem Weg zu Toby Scowbone."
Auch diese kostbaren Worte zeitigten erneutes Scheinez├Ąhlen. Mit den besten W├╝nschen f├╝r das n├Ąchste Mal zog ich Listy hinter mir auf den n├Ąchtlichen Asphalt.
Wir kannten den Weg.
Hatten die kyrillischen Schnapsbrenner eine Zeitbombe im Limonadenglas versenkt, oder war das kurzweilige Getr├Ąnkedepot im Bauch des Tresens daran schuld ?

Zunehmend k├Ąmpfte ich mit h├Âherschlagenden Wellen, Windst├Ąrke neun jagte pfeilschnell ├╝ber die sch├Ąumenden Wellenk├Ąmme. Oben und unten unterschieden sich fortschreitend weniger voneinander.
"Voran, auf zu Scowbone", sch├Ąrfte ich uns ein letztes Mal ein, aber es war vergeblich.
Listy kroch nach Art der sonstigen S├Ąugetiere auf allen Vieren neben mir, er fand nur noch auf diese Weise vorw├Ąrts, oder was er daf├╝r hielt. Er vergo├č schmerzensreiche Tr├Ąnen und wimmerte:
"Oh, du mein Cowboy, oh du mein Cowboy mein."
Alles in allem erschien unser Ansinnen immer alberner, zu sehr hatte uns der heldenhafte Kampf um den ROSENFROSCH ausgezehrt, hatten uns die t├╝ckischen Chemikalien der slawischen Schlupflider von Innen heraus entmenscht. Die Lichter dimmten gegen Null, der blasse Mond ├╝ber der benzinfarbenen Silhouette der Stadt war das letzte, was ich sah. Mit einem Mal zog sich der rabenschwarze Vorhang ZU.

"Geben sie den Wertstoff frei", schnarrte mich ein Gelbbehoster in den tristen Tag zur├╝ck. Ich begriff nicht, und starrte ihm auf die
Stoppeln. Ein Gummistiefeltritt half mir das Unverst├Ąndliche zu erfassen: er meinte das geb├╝ndelte Altpapier auf dem ich bis dahin Ruhe gefunden hatte.
"Wo ist Listy Fogscreen", fragte ich, nun v├Âllig idiotisch geworden, meinen Erwecker.
"Das geht dich gar nichts an", konterte der elegant aus der H├╝fte. Er baumelte mit dem Wertstoff davon.
Ich konnte mich nicht erinnern. Es war sp├Ąt, Mittag, oder Nachmittag, die Stra├čen quollen auseinander, der Qualm waberte aus allen Ritzen.

Der ROSENFROSCH war l├Ąngst wieder ge├Âffnet und notd├╝rftig wiederhergestellt. Im Gegensatz zu mir.
Der Barmann jedenfalls schob eine Achtundvierzigstundenschicht, aus gelben Augenpf├╝tzen sprang mich das Flehen nach Schlaf und Vergessen an.
"Was geht hier eigentlich vor", sprach ich unwirsch, als k├Ânne ausgerechnet er mir das erkl├Ąren.
"Gib mir wenigstens Kaffee, Hundsfott."
Mehr Satz, Wort und Sinn brachte ich nicht mehr hinaus, des Todes Bruder ├╝bermannte mich Sekundenschub um Sekundenschub.
Ein neuerliches Erwachen vollbrachte erst der Barmann der alles wu├čte:
"Sieh an, du suchst deinen tristen Begleiter Listy Fogscreen. Du wirst ihn erst in f├╝nfundzwanzig Jahren an dieser Stelle wiedersehen. Wenn ihr mich dann noch bezahlen k├Ânnt."
Schlagartig frischgewaschen und ausgeschlafen jauchzte ich:
"Was wimmerst du da, Gelbhaut, sag mir was du wei├čt ├╝ber Listy Fogscreen."

"Die Russen haben ihn aufgelesen", lie├č der Barmann sich nicht lang bitten, "sie haben ihn mit feinsten Verh├Ârmethoden recht gespr├Ąchig gemacht. Eigentlich baten sie ihn, nach alter Sitte, deinen Verbleib zu benennen, er aber legte ein l├╝ckenloses Gest├Ąndnis ab ├╝ber das tragische Ende seiner Liebe zum Cowboy.
Sie endete beim Metzger. So wurde es mir berichtet. Ich sehe, du bist erstaunt."
Viel konnte ich nicht sagen, diese ungeahnte Wendung lie├č mich schweigen.
"Das wirft ein schlechtes Licht auf alle meine Vermutungen",
gestand ich ein, "Listy hat dem Cowboy das Bad in der Schei├če besorgt?"
Er nickte stumm.
"Verbrechen aus Leidenschaft. Wir lernen daraus, wohin die Liebe f├Ąllt, wenn sie vergangen ist."
"Mitunter in die Schei├če."
"So ist es", wedelte der Barmann mit dem Wischtuch, "die Russen haben ihn im zust├Ąndigen Amt abgegeben".
"Eine ungewohnte H├Âflichkeit von unseren Verfechtern der Steppengesetze", staunte ich noch etwas weiter, "ein wahres Gl├╝ck f├╝r Listy Fogscreen, da├č sie den Vollzug nicht selbst besorgten."
"Wahrhaftig, das ist wahr", sprach der Barmann zum Zapfhahn, "es hei├čt sogar, er wird durchkommen."

__________________
dichten ist ├╝bersetzen in eine nicht vorhandene sprache.
(breyten breytenbach)

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GabiSils
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Wow! Wie oft mu├č man das wohl lesen, um alle Details mitzubekommen?
Hat mir sehr viel Spa├č gemacht, eigenwillige Sprache, temporeich, spannend; tolle Wortsch├Âpfungen wie "kreischende S-Bahn-Brut".
Ich f├╝rchte zwar, ich habe nicht alles verstanden, aber das macht nichts.

Gru├č,
Gabi

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Monfou Nouveau
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Kommentare: 497
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Frech, witzig, originell! Hut ab!

Monfou

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