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Die Religion kam nicht vom Himmel
Eingestellt am 25. 11. 2009 12:35


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Die Religion kam nicht vom Himmel
Am 21. September 1823 erschien dem Farmarbeiter Joseph Smith ein Engel, der ihn zu vergrabenen Goldplatten führte. Diese enthielten das „Buch Mormon“ – eine Art Heilige Schrift, an die heute 14 Millionen Mormonen glauben.
Diese Geschichte habe ich – wohl nicht nur ich - immer ziemlich seltsam gefunden. Aber im Grunde hat der gute John Smith nur getan, was vor ihm die Gründer der großen Religionen auch getan hatten: Ihre Lehren beginnen mit Erscheinungen, Offenbarungen, Eingebungen. Moses erhielt auf dem Berg Sinai die zehn Gebote von Gott selbst, Mohammed erschien der Erzengel Gabriel.
Die Gläubigen sollten ja nicht denken, dass sich die Religionsstifter die Texte selbst ausgedacht hätten. Die göttliche Herkunft machte die religiösen Lehren unangreifbar und gab ihnen die Weihe einer höheren Weisheit, die sozusagen direkt vom Himmel kam.
Über Offenbarungen sollte man nicht nachdenken, man sollte sie glauben. Noch heute gibt es viele Gläubige der großen Religionen, welche sich nie erkühnen würden, die jeweils heiligen Schriften zu hinterfragen. Sie verehren sie als „Wort Gottes.“
Die Textkritik der modernen Bibelforschung wartet allerdings mit der ernĂĽchternden Entdeckung auf, dass irdische Schreiberlinge, durchaus auch mit politischen Zielen, die Heilige Schrift der Christen zusammengesetzt haben. Das wird wohl auch fĂĽr die Gesetzestafel des Moses, fĂĽr die Goldplatten des John Smith und fĂĽr andere Religionen gelten. Ein frommer Betrug sozusagen!
Waren es nun wenigstens Menschen mit einer Art Sehergabe, mit übernatürlichen Eingebungen, die Zugang zu Erkenntnisquellen hatten, die einem gemeinen Geist verschlossen sind? Dann täte ich wohl auch besser daran, diesen Texten Glauben entgegenzubringen. Wie anders sollte ich teilhaben an der höheren Weisheit? Und wer weiß, was ich mir verderbe, wenn ich nicht daran glaube?
Oder konnten auch gewöhnliche Sterbliche darauf kommen, dass wir von Göttern erschaffen wurden und dass es ein Weiterleben nach dem Tode gibt? Konnten sie ohne geheimnisvolle Offenbarungen auf Paradies und Hölle kommen?
Sie konnten! Fast möchte ich sagen: Sie mussten geradezu darauf kommen. Religiöses Denken ergab sich fast zwangsläufig aus der geistig-seelischen Situation der frühen Menschen. Sie brauchten dazu keine himmlische Hilfe, sie schöpften aus ihrem Inneren, aus ihren Ängsten und Hoffnungen.
Das wird deutlich, wenn wir uns, so gut wir es eben können, in die seelische Lage der frühen Menschen hineinversetzen.

Als das Nachdenken begann
Die frühen Wurzeln der Religionen, und nur um die geht es hier, sind lange vor allen heiligen Schriften gewachsen. Und zwar in allen Winkeln der Erde, in denen Menschengruppen lebten. Obwohl sie damals – es geht wohl etwa um die Zeit vor 40 000 Jahren - teilweise voneinander isoliert waren, sind sie doch überall auf Gedanken gekommen, die sich untereinander sehr ähnlich sind. Schon allein dieses weltweite Aufkeimen religiöser Gedanken zeigt eigentlich, dass es hier um eine unabdingbare Entwicklungsstufe der frühen Menschen ging.
Denn diese mussten mit einer völlig neuen Lebenserfahrung fertig werden, als sie sich ihrer selbst bewusst wurden. Über Hunderttausende von Jahren lebten unsere Vorfahren im Hier und Jetzt und folgten einfach ihren Instinkten. Über die Zukunft dachten sie nicht nach, und damit auch nicht über mögliche Gefahren und Schicksalsschläge.
Auch bei Tieren haben wir ja nicht den Eindruck, dass sie über ihre Zukunft nachdenken oder auch nur den morgigen Tag planen. Sie lassen die Dinge auf sich zukommen und handeln dann nach ihrem inneren Programm. Unsere frühen Vorfahren handelten ebenfalls, ohne über ihr Handeln nachdenken zu müssen oder auch nur zu können.
Nachdem sie ein Bewusstsein ihrer Existenz entwickelt hatten, konnten und mussten die Menschen nachdenken, was in ihrem Leben vorging; sie konnten und mussten Entscheidungen treffen und selbständig handeln. Sie lebten nicht mehr nur im Hier und Jetzt, sie dachten über den Tag hinaus.
In die Zukunft denken zu können – das ist ein riesiger Schritt in der Menschheitsentwicklung. Denn damit überwanden die Menschen die Realität dessen, was hier und jetzt ist. Das was ist, kann man erleben, aber die Zukunft muss man sich vorstellen. Man kann sich sogar mehrere mögliche Zukünfte vorstellen. Und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass man sich eine dieser Zukünfte wünschen kann. Man kann beispielsweise sagen „Niemand von uns soll in Zukunft einen anderen töten.“ Der fundamentale der Schritt vom „ist“ zum „soll“ liegt aller Moral und allen religiösen oder rechtlichen Vorschriften zugrunde.
Aber das greift schon weit voraus. Kehren wir zurück zu den ersten Menschen, die begannen, über das Hier und Jetzt hinauszudenken. Das kann man sich nicht als einfaches Umlegen eines Schalters vorstellen. Es war sicherlich ein mühsamer Prozess, der sich über Zigtausende von Jahren hinzog. Auch bei heutigen Kindern ist die Bewusstwerdung ein höchst komplizierter Vorgang, der nicht frei von Verwirrungen ist.
So kompliziert und gefährdet, zuweilen schmerzvoll muss auch die Bewusstwerdung bei den frühen Menschen gewesen sein. Die Religionen kann man als Widerhall der inneren Kämpfe während dieser Entwicklung verstehen.
Denn der Blick in ihre Zukunft, zu dem sie nun fähig waren, war alles andere als tröstlich. Sie sahen, dass das alles so weitergehen würde: tierische Feinde würden ihnen weiterhin nachstellen, Hunger und Kälte sie quälen. Nun, da nicht nur galt, was hier und jetzt war, sahen sie sich erst recht umstellt von Unbilden und Gefahren. Außerdem sahen sie jetzt in aller Klarheit, dass ihnen der Tod gewiss war. Sie hatten Angst vor dem Ende und dem Nichts.
Sie wurden von niemandem getröstet und gestützt wie heute die kleinen Menschen von ihren Eltern. Niemand half ihnen, Vertrauen in die Welt zu entwickeln. Sie mussten sich hilflos und verlassen fühlen – Gefühle, die es in der instinktgesteuerten Zeit wohl kaum gegeben hatte. Hätten sie das jetzt noch gekonnt, so hätten sie wohl eher den vorherigen Zustand gewählt, als es keinen Blick in die Zukunft und keine Einsicht in ihre Lebensbedingungen gab. In der Bibel gibt die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies die Sehnsucht nach dem vorherigen Zustand wieder.
In dieser Lage muss sich der Mensch befunden haben, als er auf religiöse Gedanken kam. Immerhin konnte er nun über die Wirklichkeit hinaus denken und mit Hilfe seiner Phantasie Ideen und Vorstellungen entwickeln, die ihm halfen, seine Ängste zu besänftigen und ein Grundvertrauen in seine neue Lebensform zu gewinnen.

Die Ursachen-Sucher
Bei der Bewältigung ihrer neuen Lebenssituation half es den frühen Menschen, dass sich ihr Gehirn schon vorher an eine Lebensweise angepasst hatte, die nicht auf Kraft oder Schnelligkeit beruhte, sondern auf „intelligentem“ Verhalten. Eine Eigenschaft ihres Gehirns war besonders wichtig, die auch heute noch für uns gilt: dass sie nämlich ihre Umwelt als eine Welt von Ursachen und Wirkungen verstanden. Alles was sie beobachteten, musste auch eine Ursache haben. Schon Kant erkannte, dass die Suche nach Ursachen den Menschen angeboren ist. Konrad Lorenz hat gezeigt, wie die Evolution das Kausaldenken geformt hat. Wir müssen es nicht lernen; es steckt in unseren Genen.
Das können wir sehr überzeugend beobachten an den endlosen Warum-Fragen von Kindern, wenn sie beginnen, sich für ihre Umwelt zu interessieren. Genauso haben auch unsere frühen Vorfahren nach dem Warum, nach den Ursachen der Erscheinungen gefragt. Ein Vorfahre, der sich nicht darum kümmerte, was hinter dem Rascheln im Gebüsch steckte, wurde dann gar kein Vorfahre, weil er seine Gene nicht mehr weitergeben konnte. Diejenigen überlebten und vermehrten sich, die nach den Ursachen suchten.
Unsere menschlichen Vorfahren stammten schon von Ursachen-Forschern ab, und sie wurden – wie heute noch unsere Kinder – zu den leidenschaftlichsten Warum-Fragern auf der Erde. Warum gab es hier Wasser und dort nicht, warum waren Gazellen immer an bestimmten Orten, warum starb man an winzigen Schlangenbissen?
Die Antworten auf solche Fragen waren für unsere Vorfahren so überlebenswichtig wie die schnellen Beine für die Gazellen und die scharfen Zähne für die Löwen. Nur als Warum-Frager konnten sie den Übergang zum aufrechten Gang und in die Savanne, für die sie körperlich nicht geschaffen waren, bewältigen. Nur so konnten sie die Herstellung von Werkzeugen, den Bau von Hütten, später die Zähmung von Tieren schaffen.
Auch heute steckt das Ursache-Wirkungs-Denken noch tief in uns. Erscheinungen, deren Ursache wir nicht kennen, verunsichern uns. Das können fliegende Untertassen oder Zaubertricks sein. Wir sind eigentlich erst beruhigt, wenn wir die Ursachen kennen.
Die Naturwissenschaften sind ein Unternehmen von Ursachen-Suchern, und sie konnten ihren Siegeszug antreten, weil sie für fast alles, was auf der Erde passiert, Ursachen fanden – in jüngster Zeit z.B. noch für die Ozonlöcher und für die globale Erwärmung. Solche Ergebnisse entsprechen unserem angeborenen Kausal-Denken und deshalb nehmen wir sie den Wissenschaftlern gerne ab. Große Schwierigkeiten haben dagegen die meisten Menschen mit Denkansätzen, die nicht dem Ursache-Wirkungs-Schema entsprechen. Wird etwa ein missbrauchtes Kind später andere missbrauchen? Ja oder nein? „Könnte“ gilt nicht! So oder ähnlich kann man es in öffentlichen Debatten hören.

Kausaldenken in der magischen Welt
Sollten jetzt die frühen Menschen etwa als erste Naturwissenschaftler der Erdgeschichte erscheinen, dann ist das allerdings ein völlig falsches Bild. Das Kausaldenken war ihnen einfach mitgegeben wie die Vorstellung von Zeit und Raum. Sie mussten nicht darüber nachdenken, sondern sie wendeten diese Erkenntnisweise intuitiv und selbstverständlich an, so wie selbst ein Baby schon die Kausalverknüpfung zwischen dem eigenen Schreien und der Zuwendung der Mutter intuitiv versteht und „anwendet“.
Von naturwissenschaftlichem Denken waren die frühen Menschen weit entfernt. Sie lebten in einer magischen Welt, in der die Dinge um sie herum, Berge, Bäume, Seen und Felsen belebt waren und eine Seele hatten wie sie selbst. Sie waren mit allen diesen Seelen auf geheimnisvolle Art verbunden, sie fühlten sich von ihnen beeinflusst und glaubten auch, dass sie durch ihre Gedanken und Handlungen die anderen Seelen beeinflussten.
Dieses magische Denken können wir heute noch bei Vorschulkindern beobachten. Ein Kind hat kein Problem damit, ein Stück Holz völlig überzeugt als seinen Hund zu erleben und mit Plüschtieren intensive Gespräche zu führen.
Unterhalb unseres modernen wissenschaftlichen Weltbildes gibt es auch heute noch viele Spuren, die auf das einst mächtige magische Denken verweisen. „Du verdammtes Biest!“ mag jemand wütend ausrufen, wenn seine Fahrradkette zum dritten Mal abspringt. Damit spricht er - ganz wie unsere Vorväter - einem leblosen Gegenstand eine heimtückische Seele zu.
Ein Kernpunkt des magischen Denkens heißt: Mein Glaube nimmt Einfluss auf die Wirklichkeit. Wenn jemand einer Heiligenfigur die Füße küsst, damit er wieder gesund wird, wenn jemand ein Kreuz schlägt, um sich vor Ungemach zu schützen, wenn jemand einem anderen die „Krätze an den Hals“ wünscht, dann ist das im Kern das gleiche magische Handeln wie bei den frühen Menschen.
Auch innerhalb des magischen Weltbildes waren die frühen Menschen hingebungsvolle Ursachen-Sucher. Aber sie konnten ja eigentlich nur die Ursachen von banalen Erscheinungen an der Oberfläche erfassen – etwa den Zusammenhang zwischen Regen und dem Wachstum der Pflanzen. Damit konnten sie die praktischen Seiten ihres Lebens bewältigen.
Aber vieles, was bedeutsam war fĂĽr ihr LebensgefĂĽhl, was ihnen auch Angst machte, konnten sie nicht auf diese Art erfassen. Warum gab es Tag und Nacht, warum Sommer und Winter, warum Blitz und Donner, DĂĽrren und Fluten, Krankheiten und Tod? Das waren Fragen, die nicht durch simple Beobachtung und Intuition beantwortet werden konnten.
Im Rahmen des magischen Denkens war es allerdings kein Problem, Ursachen zu finden, denn man musste diese ja nicht beweisen, wie wir es von heutigen Wissenschaftlern verlangen. Es genügte, dass man fest daran glaubte – wie das Kind an seinen Hund. Im Klartext heißt das: Für alles, was sie bedrängte, konnten die Menschen Ursachen erfinden – und eben daran glauben.
In einer Welt, in der ringsumher alles lebte und wirkte, konnten alle beunruhigenden Erscheinungen irgendwelchen Wesen zugeordnet werden. So sahen die frühen Menschen den Regen nicht als eine physikalische Tatsache an, sondern als eine Äußerung eines belebten Wesens, eines Geistes oder eines Regengottes. Sie erfanden Geisterwesen, die für Krankheiten, Trockenheit und Hungersnöte und alle Unbilden der Welt verantwortlich waren - aber auch für alles Gute in ihrem Leben.
Diese Geister konnten in Tieren wie beispielsweise dem Jaguar oder dem Adler oder auch in den eigenen Vorfahren leben. Aber es konnten auch „selbständige“ Geister sein, die mit nichts in der realen Welt verbunden waren. Im Grunde war die ganze Welt von Geistern belebt, die unsichtbar ihre Fäden zogen. Auf diese Weise bastelten die Menschen sich ein vollständiges Bild ihrer Welt zurecht.

Erklärungen gegen die Angst
Getrieben wurden sie dabei von ihren Ängsten. Die Angst ist eine elementare Mitgift der Evolution, sie gehört untrennbar zum Menschsein dazu, und sie ist sicher einer der Hauptgründe für das Entstehen der Religionen.
Warum die Angst ein so ungemein starkes Gefühl ist, das ist nicht schwer zu verstehen. Denn die Angst hängt direkt mit dem Überlebenstrieb zusammen. Millionen Jahre hat die Evolution diesen immerfort verstärkt, indem gerade diejenigen durchkamen, welche am erfolgreichsten um ihr Überleben kämpften.
Dabei wurde die Alarmbereitschaft herausgebildet, die immer dann alle wichtigen Körperfunktionen umstellte, wenn es galt, zu flüchten oder zu kämpfen. Noch heute reagiert unser Körper so: Hormone und Botenstoffe werden freigesetzt, das Blut wird umgeleitet, Puls und Blutdruck angepasst – unser ganzer Organismus wird schockartig umgestellt.
Diese körperliche Alarmsituation lief (und läuft) ganz automatisch als Reflex, ohne Mithilfe des Bewusstseins ab. Aber mit der Bewusstwerdung wurde auch diese Alarmierung des Körpers bewusst und es entstand das Gefühl der Angst. Die Angst ist deshalb das mächtigste aller Gefühle, weil sie mit der mächtigsten körperlichen Reaktion zusammenhängt.
Noch heute entwickelt jedes Kind, obgleich es dafür immer weniger objektive Anlässe gibt, Ängste aller Art. Was die Kinderpsychologen „Vernichtungsangst“ nennen, kommt wohl der Angst der frühen Menschen am nächsten, mussten sie doch ständig um ihre pure Existenz fürchten. Die Ängste bleiben mit uns, auch wenn wir erwachsen sind. Wenn wir sie vielleicht auch verdrängen, unsere Träume zeigen sie uns.
Die Angstgefühle waren nun Teil des Bewusstseins, und die Menschen mussten sie auch auf der Ebene des Bewusstseins bewältigen. Und das bedeutete, dass sie für alles, was ihnen Angst machte, Ursachen finden mussten. Wenn man die Ursache kennt, ist man nicht mehr so beunruhigt, man hat die Sache im Griff. Na gut, nicht ganz, aber doch ein wenig.
Hier half nun die magische Erklärung der Welt. Denn die Geister waren ja innerhalb des magischen Denkens durchaus beeinflussbar. Es waren keine neutralen Figuren, sondern Einwohner derselben Welt, in der auch die Menschen lebten, zwar mit übermenschlichen Kräften, aber ansonsten mit Bedürfnissen und Ansprüchen wie die Menschen selbst.
Beispielsweise waren sie auch an der Nahrung interessiert, von der die Menschen lebten. Mit solchen Lebewesen konnte man Kontakt aufnehmen, man konnte ihre Wünsche erfüllen, indem man ihnen opferte oder ihre Gebote einhielt. Man konnte sie gnädig stimmen und ein Einvernehmen mit ihnen herstellen. Noch heute opfern Millionen Menschen in verschiedenen Kulturen erst einmal ein paar Tropfen oder Bissen den Göttern, bevor sie etwas trinken oder essen.
Wenn wir Heutigen denken mögen, dass die frühen Menschen sich mit ihrem magischen Weltbild selbst betrogen, werden wir ihrem Denken nicht gerecht. Denn die Abwehr der Angst konnte nur deswegen ihre volle Kraft entfalten, weil die Menschen – wiederum wie Kinder heute - zwischen realen und erfundenen Ursachen keinen Unterschied machten. Die Geister waren für sie so wirklich wie die Tatsachen um sie herum. Und da sie sich mit den Geistern gutstellen, sie beeinflussen konnten, fühlten sie sich nicht als Opfer ihrer Umgebung, sondern als Mitgestalter. Sie gewannen Selbstbewusstsein und Vertrauen durch die Geister und ihr Bündnis mit ihnen.
Zu diesem Bündnis gehörte auch, dass die Geister die Menschen beschützten und mit ihrer überlegenen Macht Gefahren von ihnen abwendeten. Diese Funktion als Schutzmacht ist vergleichbar mit der Rolle der Eltern bei den Verlassenheitsängsten der Kinder. Die Schutzfunktion finden wir auch heute noch in allen Religionen. Nicht umsonst heißt es „Gottvater“, nicht umsonst gibt es eine Schutzmantelmadonna. Auch heute noch reagieren gläubige Menschen oft fassungslos, wenn Gott oder die Mutter Gottes ihnen nicht in einer schweren Lebenssituation geholfen hat.

Schöpfung –was sonst?
Der Anfang des religiösen Denkens, die Erfindung von mächtigen Geistern, folgte somit fast zwangsläufig, nachdem den Menschen ihre Lebenssituation bewusst wurde. Aus Geistern wurden dann Götter. Auch von denen gab es Dutzende oder gar Hunderte, im heutigen Hinduismus angeblich Millionen. Für alles und jedes gab es Götter - wenn es sein musste auch einen Gott des Kakaos wie in Mexiko oder eine Göttin der Vulkane wie in Hawaii.
Wenn die Menschen Geister und Götter erfanden, die den Regen, den Donner und den Lauf der Sonne steuerten, dann war es nur folgerichtig, dass auch für die Existenz der Menschen und für das Entstehen der Erde magische Kräfte verantwortlich gemacht wurden. So wie die Menschen eine Geschichte erfanden, wie ein Geist oder Gott den Donner herstellte, so erfanden sie eben auch eine Geschichte der Schöpfung von Erde und Mensch. Wiederum brauchten sie keine Offenbarung. Eine Schöpfung anzunehmen war das Selbstverständlichste auf der Welt.
Und sie erfanden Tat höchst phantasievolle Schöpfungsgeschichten – tausende davon. Der – viel spätere – Christengott, der das alles gleichsam handwerklich anging, ist eine eher simple Variante. Die meisten anderen Schöpfungsgeschichten sind weit origineller. Für einige Indianerstämme hat ein Rabe lauter kleine hilflose Menschlein aus einer Meeresmuschel befreit und damit die Menschheit begründet. Eine von mehreren altägyptischen Schöpfungsgeschichten erzählt, dass die Welt aus einem Gänseei hervorging, eine germanische, dass das erste Lebewesen, ein Urriese, aus einem Tropfen von geschmolzenem Eis entstand und so weiter und so fort.
Der Tod und die Erfindung des Jenseits
Wie aber konnten die Menschen aus sich heraus ein Jenseits erfinden? Hier wird wohl mancher Gläubige denken, dass sie nur aufgrund einer Offenbarung auf eine solche Idee kommen konnten. Und es ist ja auch wahr: Es gab keinerlei Hinweise oder Beobachtungen in ihrer Umwelt, die sie auf diesen Gedanken hätten führen können.
Welches die Kräfte waren, die sie zu einer solchen Erfindung trieben, das ist jedoch unmittelbar einzusehen. Der biologische Überlebenstrieb ließ sie, als sie dann ihres Lebens und Sterbens bewusst wurden, den Tod als ihren ärgsten Feind sehen. Eine Welterklärung, welche die Auslöschung des eigenen Lebens akzeptiert hätte, wäre deshalb unerträglich für sie gewesen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.
Andererseits sahen die Menschen mit eigenen Augen, dass alle Menschen sterben mussten. Aus diesem Widerspruch gab es nur einen Ausweg: Der Tod durfte nicht die endgültige Auslöschung, er durfte nur eine Übergangsphase sein. In das magische Denken passte diese Vorstellung genau hinein. Wo alle Dinge belebt sind, kann es keinen Tod geben. Die Toten leben eigentlich auch.
So widersinnig uns Heutigen diese Vorstellung auch erscheinen mag, an den Kindern in der magischen Phase können wir all das beobachten, was wir für die frühen Menschen annehmen müssen. 3- bis 5-Jährige haben keine Einsicht in die Unumkehrbarkeit des Todes. Sie halten ihn für einen vorübergehenden Zustand wie etwa den Schlaf oder eine Reise. Sie glauben sogar oft, Einfluss auf den Tod nehmen zu können. Wer tot ist, ist zwar nicht sichtbar, aber immer noch irgendwie da, er führt eine andere Art Leben.
Dass unsere Vorfahren so ähnlich gedacht haben, das können wir an vielen heutigen Bräuchen noch sehen. Jeder Mexikaner kennt den jährlichen Tag der Toten, an dem diese ihre Familien wieder aufsuchen. Für sie wird der Tisch reichlich gedeckt, und am Abend, wenn die Toten wieder die Häuser verlassen haben, essen die Lebenden die „Reste“.
Wo aber waren die Toten, wenn sie einerseits weiterlebten, aber andrerseits nicht hier waren? Hier musste zwingend eine Vorstellung vom Jenseits entwickelt werden, und das haben die Religionen dann auch fleißig getan. Die Beigaben in antiken Gräbern zeigen uns noch heute, wie man sich die jenseitige Welt vorstellte. Diese war im Allgemeinen der irdischen Welt sehr ähnlich, die Pharaonen brauchten z.B. auch Diener und Prunkkutschen im Jenseits; selbst im Mittelalter ging man offenbar davon aus, dass die Toten Kämme und Wassereimer im Jenseits brauchen würden.
Die Ausgestaltung des Jenseits, ob als Paradies oder ewige JagdgrĂĽnde, bedurfte jedenfalls keiner Offenbarung; die Menschen entwarfen das Jenseits als Gegenmodell des irdischen Lebens.

Das GefĂĽhl der Schuld
Wie aber kam die Spaltung des Jenseits in Himmel und Hölle zustande?
Diese Frage führt zu einer wichtigen Wurzel des religiösen Denkens. Vielleicht hätte ich diesen Text damit beginnen sollen. Denn bei der Bewusstwerdung sahen die frühen Menschen nicht nur die Gefahren und Unbilden, die sie umstellten und ihnen Angst machten. Sie entwickelten erstmals auch Schuldgefühle. Der Löwe fühlt sich nicht schuldig, wenn er eine Antilope reißt oder ein Junges der eigenen Art tötet. Auch kleine Kinder fühlen keine Schuld, wenn sie zur Unzeit schreien. Wir sprechen von „kindlicher Unschuld“.
Schon hieran kann man erkennen, dass Schuldgefühle etwas mit dem Erwachsenwerden, mit der Bewusstwerdung zu tun haben. Und dies ist auch eindringlich in der Bibel geschildert. Beim „Baum der Erkenntnis“ geht es nicht so sehr darum, dass, wer von seinen Früchten ist, wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen kann. Es geht um die Erkenntnis von Gut und Böse! Wenn man aber gut und böse erkennen kann und danach handeln soll, dann kann man auch Schuld auf sich laden. Mit dieser Erkenntnis kam etwas Neues auf die Welt, etwas, das es in der gesamten Entwicklung des Lebens auf der Erde bis dahin noch nicht gegeben hatte.
Bildmächtig setzt die Bibel dies mit dem Verlust des Paradieses gleich. Vorbei war es mit einem „unschuldigen“ Vor-sich-Hinleben, bei dem man einfach den eigenen Antrieben folgte. Jetzt hieß es, das eigene Handeln an moralischen Maßstäben auszurichten. Wir alle wissen, wie schwer es uns fällt, uns in allem so zu verhalten, wie wir es als gut und richtig ansehen. Wie viel schwerer müssen es die frühen Menschen gehabt haben, die das Gute und Böse gerade erst erkannt hatten, aber eigentlich noch voll in ihrem triebgesteuerten Handeln befangen waren! Sie wurden in diesem Zwiespalt aufgerieben und entwickelten zwangsläufig ein dauerndes Schuldgefühl.
Dies ist ein Grundgefühl religiösen Denkens. Wohl in allen Religionen gab es rituelle Waschungen, um sich von Sünden zu reinigen. In den großen asiatischen Religionen betritt man noch heute keinen Tempel ohne eine solche Zeremonie.
Es ist auch ein Grundsatz des Christentums, dass wir schuldig geboren werden. Die Beichte gibt es nur, weil eben alle ständig schuldig werden. Jesus ist der Erlöser, weil er unsere Schuld auf sich nimmt. Im Hinduismus führen die Armen und Benachteiligten ihr Schicksal darauf zurück, dass sie in einem früheren Leben schuldig geworden sind.
Schon die frühen Menschen erlebten die Verantwortung, gut zu handeln, nicht so sehr als eigenen Vorsatz, sondern als eine Forderung der Götter, deren Wohlwollen sie ja so dringend brauchten. Die Götter bestraften sie, wenn sie böse handelten, und belohnten sie, wenn sie gut handelten.
Warum erfanden die Menschen Götter, die sie bestraften, vor denen sie Angst und Schuld fühlen mussten? Das scheint doch keinen Sinn zu machen. Hätten sie nicht ohne diese fordernden Götter viel leichter leben können? Eben nicht, denn die Forderungen waren schon längst vorher in ihrem Innern vorhanden. Es sind Forderungen, die das Leben in einer Gemeinschaft ihnen auferlegt hatte. Eine Gruppe, die nur durch Zusammenarbeit und Mitgefühl überleben konnte, musste dies von dem Einzelnen verlangen. „Gut“ handeln bedeutete nämlich, im Sinne der Gemeinschaft zu handeln.
Die Forderungen der Götter entstanden, weil die Menschen ihr inneres Erleben nach außen übertrugen. So hatten sie die Forderungen sich gegenüber und konnten besser damit umgehen. Außerdem erlaubte ihnen diese Konstruktion, alles Unangenehme in ihrem wechselnden Geschick als Strafe zu erleben, denn im magischen Denken musste ja irgendeine Kraft dahinter stehen.
Eben habe ich von einem Zeitgenossen gelesen, der völlig unverdient in den Gulag geschickt wurde. Er grübelte jahrelang darüber, wofür das Schicksal ihn bestraft hatte, und es dauerte lange, bevor er sich von diesem Gedanken befreien konnte. So tief steckt noch heute die Denkfigur in uns, dass wir schuldig geworden sind und bestraft werden, wenn uns ein Schicksalsschlag trifft. „Womit habe ich das verdient?“ fragen wir dann.
Da Gut und Böse, Belohnung und Bestrafung so tief im menschlichen Denken und Fühlen verankert sind, müssen wir uns nicht darüber wundern, dass die Menschen diesen Gegensatz auch in das Jenseits verlängerten und Himmel und Hölle erfanden. Schließlich mussten ja auch diejenigen, die auf Erden den Strafen entgehen konnten, umso bedrohlicher im Jenseits bestraft werden. Im Hinduismus und Buddhismus droht die Wiedergeburt als ein niederes Wesen, also auch eine Bestrafung.

Religion und Zugehörigkeit
Mit der Einsicht, dass der Sinn für Gut und Böse aus dem engen Leben in Gruppen entstanden ist, kommt auch in den Blick, dass insgesamt die Religionen nur in Gruppen entstehen konnten. Bisher habe ich die Dinge so dargestellt, als sei die Religion allein aus dem Gehirn des Einzelmenschen entstanden. Das ist so natürlich nicht richtig. Gewiss trug jeder Einzelne die Neigung, ja wohl sogar das Verlangen nach einer religiösen Welterklärung in sich. Aber ein Einzelwesen hätte nie eine Religion erfinden können.
Wer einmal etwas über die sogenannten Wolfskinder gelesen hat, die fernab von Menschen aufgewachsen sind, kann sich vorstellen, wie weit einzelne Menschen außerhalb der Gemeinschaft von einem religiösen Denken entfernt sind. Die Religionen wurden in der Gemeinschaft geboren und haben ihrerseits die Gemeinschaft gestaltet und gefestigt.
Schon die Vorfahren der Menschen waren Gruppenwesen. Die frĂĽhen Menschen waren noch weit mehr auf die Gruppe angewiesen. Als einzelne waren sie gar nicht in der Lage, genĂĽgend Nahrung herbeizuschaffen, weil sie nur in Gruppen erfolgreich jagen konnten.
Diese Lebenssituation hatte Folgen für die Auslese. Nicht diejenigen, die allein ihrer Stärke vertrauten, waren erfolgreich, sondern die, die sich einordnen, auch unterordnen konnten. Auch die Führenden, das kann man heute noch an Schimpansen sehen, mussten den Bedürfnissen der Gruppe dienen.
Jene Gene waren also im Vorteil, die für Gruppenbezug und soziales Handeln standen. Menschen, die sich einer Führung bereitwillig unterwarfen, konnten ihre Gene erfolgreicher weitergeben. Auf diese Art wurde der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem Teil unserer genetischen Ausstattung. Wir brauchen den Kontakt mit anderen Menschen, um uns wohlzufühlen. Im Alter ist die Einsamkeit die meistbeklagte Erschwernis.
Isolation innerhalb einer Gruppe führt zu einer Überschwemmung des Gehirns mit Stresshormonen und zur Aktivierung von Schmerzzentren, wie die Neurobiologen nachgewiesen haben. Langfristig können daraus schwere psychische Störungen und Krankheiten entstehen. Es gibt sogar Berichte, dass Ausgestoßene aus indigenen Gruppen nach kurzer Zeit starben.
Der Wunsch nach Zugehörigkeit wurde zu einem der stärksten psychischen Bedürfnisse überhaupt. Die lange Kindheit der Menschen verstärkte dieses Bedürfnis. Denn Kindheit bedeutet Abhängigkeit und Angst, verlassen zu werden. Es ist eine unauslöschliche Erinnerung – zumindest unbewusst – aller Menschen, dass sie auf andere angewiesen waren, nicht für sich selbst sorgen konnten, selbst dann noch, als sie schon ein Bewusstsein ihrer selbst hatten.
Verlassenheits-Ängste suchen jedes Kind heim. In der Sandkiste weinen Kinder, wenn sie nicht „mitspielen“ können. Auf dem Schulhof geht es fast nur darum, wer wo dazugehört. Auch Erwachsene werden nervös, wenn sich in ihrem Umfeld Gruppen bilden, von denen sie ausgeschlossen sind. Für alle ist es eine Schreckensvorstellung, nirgendwo mehr dazu zu gehören. Das sogenannte „Mobbing“ spielt exakt auf dieser Klaviatur.
Dass wir derart auf Zugehörigkeit angewiesen sind, erklärt auch die hohe Bereitschaft heutiger Menschen, sich Autoritäten zu unterwerfen. Und es ist der Grund, dass Menschen sich immer wieder verführen lassen, einer Ideologie oder einem Sektenführer blindlings zu folgen. Das hat wenig mit Überlegung und Überzeugung zu tun, das Bedürfnis steckt tief in uns.
Die frühen Menschen hatten keine Wahl, ob sie es allein versuchen sollten oder nicht. Sie brauchten die Gemeinschaft wie ein Lebenselixier. Gemeinschaft und Zugehörigkeit erlebten sie zwar im täglichen gemeinsamen Handeln, aber sie brauchten auch symbolische Zeichen der Zusammengehörigkeit. Die Ausübung der Religion bot solche Zeichen, besonders in Ritualen, die dem Alltag enthoben waren, bei Opferzeremonien, in Tänzen, Feiern und Festen. Hier konnten die Menschen dem gemeinsamen Glauben, der gemeinsamen Welterklärung Ausdruck geben.
So konnten sie sich doppelt geborgen fühlen, einmal in der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zum andern unter dem Schutzmantel der Religion. Damals war es unvorstellbar, in einer Gruppe zu leben, ohne die gemeinsamen religiösen Vorstellungen zu teilen. Die Religion mit allen ihren Ausdrucksformen war ein unumgehbarer Teil des gemeinsamen Lebens.
Aus diesem Ursprung ist gut zu verstehen, dass die Religionen in den ewigen sozialen Kampf um Macht, Dominanz und Unterwerfung hineingezogen wurden und die Religionsgeschichte eine Geschichte von Kämpfen wurde. Alles was in der weiteren Entwicklung der Religionen an Lehren, Regeln, Vorschriften, Verboten umstritten und umkämpft war, ist jedoch unerheblich für die Frage nach den Wurzeln, um die es mir hier gegangen ist.

ResĂĽmee

Religiöses Denken diente den frühen Menschen, ihre Ängste zu bewältigen und ihre seelischen Bedürfnisse zu befriedigen. Aber sie sind nicht das Ergebnis einer höheren Weisheit oder übermenschlicher Botschaften. Sie kamen nicht vom Himmel, sie entstanden aus dem, was die frühen Menschen fühlten und wie sie dachten.
Es wäre sehr verwunderlich, wenn die Menschen, als sie begannen, über sich selbst nachzudenken, nicht eine Erklärung ihres Lebens und Sterbens entwickelt hätten. Es wäre auch verwunderlich, wenn darin nicht höhere Mächte, Schöpfungsgeschichten und Jenseitsvorstellungen vorkommen würden.
Mit dieser Erkenntnis fällt der besondere Schutz in sich zusammen, den die Religionen für sich beanspruchen, weil sie angeblich auf Offenbarungen beruhen. Die Gedanken der Religionen sind ganz normale menschliche Gedanken, die genauso kritisch hinterfragt werden können wie alle anderen menschlichen Gedanken.
Diese Einsicht entwertet freilich nicht die Religionen, in die Hunderte Generationen unserer Vorfahren ihre Gedanken eingebracht haben. Denn vergessen wir nicht: Viele der Fragen und Ängste, welche die frühen Menschen zur Entwicklung der Religionen getrieben haben, gelten auch noch für uns Heutige. Die Angst vor dem Ende und dem Nichts, die Sehnsucht nach einem tieferen Sinn und nach einer höheren Macht, der man vertraut und die einen schützt – das gilt heute wie vor 40000 Jahren. Und entsprechend suchen auch heute Millionen Menschen Halt und Kraft im Glauben.
Freilich könnten wir uns heute auf den inneren Kern der Religionen konzentrieren. Es gibt keinen Grund, an jenen Elementen der Religionen festzuhalten, die dem magischen Denken entspringen - und damit einer früheren Entwicklungsstufe des menschlichen Geistes. Dass der neugeborene Buddha sogleich sieben Schritte gehen konnte, müssen wir nicht glauben und können trotzdem wie er auf Geld- und Machtgier verzichten. Wir können durchaus die Lehren Jesu ernst nehmen, ohne ihn für einen Sohn Gottes zu halten oder an seine Wundertaten zu glauben. Wir können dem Gebot der Nächstenliebe nachstreben, ohne Angst vor der Hölle oder Hoffnung auf das Paradies zu haben.


Version vom 25. 11. 2009 12:35
Version vom 25. 11. 2009 17:42

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