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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Reste eines Sommers
Eingestellt am 09. 02. 2001 11:28


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Jasmin
AutorenanwÀrter
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Die Reste eines Sommers

Die Boysenbergs verbrachten im Sommer bei trockenem Wetter den ganzen Tag in ihren cremefarbenen, gepolsterten LiegestĂŒhlen vor ihrer Jugendstilvilla aus blassrosa Zuckerguss, neben dem ultramarinblauen, tröpfchenförmigen Swimmingpool.

Sie tranken ab mittags meerblaue und purpurrote FlĂŒssigkeiten aus großen, bauchigen KristallglĂ€sern, hörten lebensfrohe, heitere Violinenmusik und planschten fröhlich im Wasser wie kleine, ausgelassene Kinder. Die LiegestĂŒhle standen immer an derselben Stelle auf dem makellosen Rasen, einer dicht neben dem anderen.

Als Luzie vor sieben Jahren achtzehn wurde, starben ihre Eltern bei einem Unfall. Man hörte, dass ein böser Unbekannter die Bremsen im Wagen ihres Vaters manipuliert hatte.

Die arme Luzie ĂŒbernahm viel Geld, die rosa Villa und die Firma ihres Vaters.
Bald darauf machte ihr Herr Boysenberg, ein arbeitssĂŒchtiger Angestellter ihres Vaters, einen Heiratsantrag.
Herr Boysenberg war damals immer stilvoll und elegant gekleidet, roch nach Zedernholz und rauchte eine Meerschaumpfeife.

Nach der standesamtlichen Trauung, bei der ich Trauzeuge gewesen war und Luzie ein langes Kleid aus weißer, belgischer Spitze samt TĂŒllschleier trug, ĂŒbernahm Herr Boysenberg die Leitung der Firma und Luzie hieß fortan Frau Boysenberg.

WĂ€hrend Herr Boysenberg in der Firma war, fĂŒhrte Luzie Boysenberg ihren grauweißen Pudel Bozo spazieren oder wankte mit großen, bunten TĂŒten und Kartons beladen ĂŒber den Rasen. Ich glaube, sie kaufte sĂ€mtliche GeschĂ€fte leer, die schick und in waren.

Manchmal sah ich sie auch mit kurzen, engen Hosen, die goldblonden, glĂ€nzenden Haare zusammengebunden, durch unsere Straße laufen.
Herr Boysenberg kam mit der Zeit immer frĂŒher aus der Firma, bis er ganz zu Hause blieb. Ich erfuhr, dass er sich einen Computer gekauft hatte und nun alles von zu Hause aus regelte.

Die Boysenbergs waren immer allein, wenn man den Hund nicht mitrechnete. Sie bekamen nie Besuch und verließen selten das Haus. Auch schienen sie den ganzen Tag nichts zu essen, sondern tranken immer nur diese roten und blauen FlĂŒssigkeiten.

Eines Morgens im Juni, die Korallenpfingstrosen im Garten der Boysenbergs blĂŒhten karminrot und der Tag verhieß warm zu werden, bemerkte ich, dass nur ein Liegestuhl auf dem Rasen stand. In diesem Liegestuhl lag Frau Boysenberg. Sie trug einen pinkfarbenen, schillernden zweiteiligen Badeanzug. Ihr Mann war nicht zu sehen.
In all den Jahren war das kein einziges Mal vorgekommen und ich wunderte mich sehr. Frau Boysenberg warf wie immer einen kleinen, roten Ball, den der Hund holen musste.
„Bozo, hol den Ball“, rief sie. Und Bozo holte den Ball.
Auch im Laufe des Tages erschien Herr Boysenberg nicht.

In den darauffolgenden Tagen sah ich Frau Boysenberg weder laufen, noch TĂŒten schleppen, noch den Hund ausfĂŒhren. Auch trank sie keine roten und blauen FlĂŒssigkeiten mehr.
Dann schlug das Wetter um, es wurde kalt und regnerisch und ich sah Frau Boysenberg eine Weile nicht mehr.

Eines Tages hielt ein Streifenwagen vor ihrer TĂŒr. Ich sah Frau Boysenberg im TĂŒrrahmen, den kleinen Hund im Arm, die langen, blonden Haare offen in einer kurzen Hose, barfuss, die Beine verschrĂ€nkt. Es regnete BindfĂ€den.

Nach kurzer Zeit verabschiedeten sich die Beamten. Der Ältere verbeugte sich ansatzweise. Frau Boysenberg hatte immer noch den Hund auf dem Arm und lĂ€chelte. Das konnte ich gut durch mein Fernglas sehen, obwohl meine HĂ€nde vor Aufregung zitterten.

Drei Tage spĂ€ter klingelte es an meiner TĂŒr. Es war Frau Boysenberg in einem langen, schwarzen Samtkleid, den kleinen Hund auf dem Arm. Sie sagte, wĂ€hrend sie den Hund anschaute, langsam und konzentriert, als ob sie meditierte:

„Mein Mann ist tot. Er ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.“

Ich zuckte zusammen und versuchte, ihr in die Augen zu blicken, aber sie starrte weiter auf den Hund. Ihr Gesicht wirkte blass und schmal und ihre Stimme leblos, so als gehöre sie nicht zu ihr.

„Die Beerdigung ist morgen nachmittag“, sagte sie.
„Wann ist es passiert?“, fragte ich, um einen sachlichen, neutralen Ton bemĂŒht.
„Gestern,“ sagte sie leise und schaute aus dem Fenster, als erwarte sie jemanden.
„Mein herzliches Beileid“, sagte ich so höflich wie möglich und gab ihr die Hand. Ihre Hand war eiskalt und feucht.
Sie nahm den Hund auf den Arm und sagte:
„Auf Wiedersehen, Herr Sandmann.“

Nachdem sie die TĂŒr hinter sich geschlossen hatte, stellte ich mich an mein KĂŒchenfenster und schaute der zerbrechlichen Gestalt nach, die schlafwandlerisch ĂŒber die Straße schwebte wie ein schlafender, schwarzer Engel und in ihrem Haus verschwand.



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Jasmin

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