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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Richtigkeit der Funktionäre
Eingestellt am 30. 03. 2019 07:18


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Trojan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2019

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Es hat mich auf die Website einer Lokalzeitung verschlagen, nach tageblatt.de. Im Browser erscheint die übliche Einblendung: Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu – da fehlt ein „bitte“ und ein Komma, und ich stimme nicht zu, ich will ohnehin nicht lange bleiben.

Auf der Seite ist ein Foto zu sehen mit Bildunterschrift, den entsprechenden Artikel dazu gibt es nur gegen Bezahlung beziehungsweise, wenn ich mich dort registriere. Den Artikel kann ich mir wohl sparen, weil die Geschichte, die mich interessiert, im Grunde nur aus einem einzelnen Begriff innerhalb der Bildunterschrift besteht, nämlich „Richtigkeit“. Mit dem Foto wiederum kann man sich ein Bild von diesem Begriff machen.

Das Foto zeigt wohl den Außenbereich einer Poizeiwache, im Vordergrund ein großes Schild, auf dem POLIZEI steht, plus Polizeiwappen, im Hintergrund ein undefinierbares Gebäude, das vom ausladenen Blattwerk dreier Bäume teilweise verdeckt wird; im rechten Bildteil ist außerdem der knappe Ausschnitt eines Straßenverlaufs zu sehen, die Straße führt unmittelbar an der Wache vorbei. Die „Anti-Helden“ der Geschichte, die das Foto erzählt, sind drei Autos, die den Bürgersteig zuparken – das heißt, zuparken ist vielleicht nicht das richtige Wort, weil man sich dabei immer noch ein Minimum an Platz vorstellt, der für Fußgänger bleiben würde, aber die Autos füllen den Bürgersteig vollständig aus, die berühmte „Mutter mit Kinderwagen“ wäre hier schon kein passender Einwand mehr.

Die Bildunterschrift lautet so: In der Kottmeierstraße in Buxtehude parken Autos vor den Augen der Polizei auf dem Bürgersteig – jeden Tag. Damit hat es aber seine Richtigkeit, bestätigen Polizeichef Jan Kurzer und Klaus Huhn vom Ordnungsamt.

Vermutlich ist das Foto bloß zu Dokumentationszwecken gemacht worden und der Fotograf hat sich sorgsam seinen Standpunkt gesucht, um das Problem einzufangen – aber das Bild hat auch was von einem Schnappschuss, denn es wirkt fast so, als würden die drei Autos, die den Bürgersteig besetzen, mit den drei Bäumen konkurrieren; als würden die Autos von sich auf die Bäume schließen und diese ihrerseits zu Falschparkern machen, weil deren Blattwerk nicht nur einen erheblichen Teil des Bildes ausfüllt, sondern die Bäume auch das Gebäude im Hintergrund „zuparken“.

Jetzt bin ich aber doch neugierig, die Gründe für die „Richtigkeit“ dieser städtischen Maßnahme in Buxtehude würden mich schon interessieren. Andererseits, was wird das schon für tolle Gründe haben, dass ein Bürgersteig, wenn auch vielleicht vorübergehend, ersatzlos umfunktioniert wird zum Parkplatz? Gründe sind immer parat. Vielleicht ist der Zirkus im Ort und baut gerade auf, da wird der übliche Parkraum gebraucht für LKW, die die Zeltstangen anliefern. Irgendetwas in der Art wird es schon sein.

„Richtigkeit“, insbesondere in diesem Kontext hier, ist ein Wort, das für mich ein bisschen nach 50er Jahre klingt, ähnlich etwa wie „Obrigkeit“, ein Wort, das heute eher auch nicht mehr benutzt wird, obwohl es den Sachverhalt, den es ausdrückt, sehr wohl noch gibt, zumindest für einen Polizeichef, und für Klaus Huhn vom Ordnungsamt natürlich.

Kurzum – wie kann man einer Szene, in der Fußgänger sich dazu gezwungen sehen, ihren spärlichen öffentlichen Raum drei blasierten Kunststoffkisten zu überlassen, die Richtigkeit bestätigen? Und was heißt überhaupt „bestätigen“? Ist irgendeine Frage zu dieser Szene vorstellbar, die nicht deren Falschheit in Betracht zieht, sondern deren Richtigkeit, die gegebenenfalls bloß zu „bestätigen“ wäre? Ja sicher: wenn Autofahrer diese Frage stellen. Deren Interesse dann natürlich nicht der Öffentliche Raum sein dürfte, sondern drohendes Bußgeld oder nicht, kosend Knöllchen genannt. Denen kann man dann bestätigen: alles klar!

Mal abgesehen davon, dass die Bildunterschrift keineswegs fragende Autofahrer andeutet, sondern empörtes Fußvolk – es ist natürlich die Lokalzeitung, die hier von „bestätigen“ spricht, und damit, wenn auch wohl versehentlich, die Autofahrer-Perspektive einnimmt. Und eben darum geht es mir, um die unterschiedlichen Perspektiven der Verkehrsteilnehmer, zumindest der „klassischen Parteien“, Autofahrer und Fußgänger.

Dass Fußgänger, ziemlich offiziell sogar, Verkehrsteilnehmer sind, klingt wie eine Selbstverständlichkeit, aber eben auch nur dann, wenn man es ausdrücklich herausstellt. Im Alltag aber werden Fußgänger überhaupt nicht wie Verkehrsteilnehmer behandelt, weder von der Stadt (siehe Buxtehude) noch von den Autofahrern. Und natürlich nehmen sich die Fußgänger irgendwann auch selbst nicht mehr für voll. Bloß wenn einer bei Rot über die Straße geht und sich dabei erwischen lässt und sich dann noch uneinsichtig zeigt, nimmt die Stadt ihn plötzlich wieder ernst und bietet ihm zum Bußgeld noch den Verkehrsunterricht an. Ähnliche Angebote für uneinsichtige Autofahrer bei Bagatelldelikten wären mir neu.

Ich glaube, die Geringschätzung von Fußgängern hat weniger mit fehlendem Bewusstsein der beteiligten Parteien zu tun – das auch, logisch –, sondern ganz schlicht mit dem Produkt Auto. Die Rücksichtslosigkeit steckt bereits im Produkt drin. Allein schon wenn man bedenkt, dass ein Auto nunmal seine Maße hat und Platz beansprucht, erheblichen Platz. Um so zwingender finde ich den „professionellen“ Umgang der Verkehrsteilnehmer miteinander, und das heißt, dass man sich gelegentlich mal die unterschiedlichen Perspektiven klar macht, die jeweils eigene und die fremde Perspektive, immerhin eine Fähigkeit, die angeblich schon Krähen und Schimpsansen locker beherrschen.

Der Autofahrer sieht für gewöhnlich nur, dass er es mit Seinesgleichen und mit Fußgängern zu tun hat – aber die Fußgänger haben es auch mit Autofahrern zu tun und werden spätestens dadurch zu Verkehrsteilnehmern, also zu Seinesgleichen des Autofahrers. Denken heißt Unterscheiden, aber die Unterscheidung Seinesgleichen/Fußgänger ist Gedankenlosigkeit.

Als Autofahrer nehme ich total selbstverständlich die Hälfte des Bürgersteigs beim Parken für mich in Anspruch. Wie komme ich dazu? Na, weil das jeder so macht, ist halt so, ich kann ja nicht Meinesgleichen, also den fließenden Verkehr, behindern. Als Fußgänger sehe ich das auch so, schon deshalb, weil ich's nicht anders kenne, die Hälfte des Bürgersteigs ist für parkende Autos. Was mich nervt dabei, ist der vorauseilende Gehorsam der Fußgänger, die Demut, der Buxtehuder Polizeichef würde vielleicht von Einsichtsfähigkeit sprechen, ein beliebtes Wort bei der Polizei. Aber was soll sie auch tun, die Mutter mit oder ohne Kinderwagen? Leserbriefe schreiben, Fotos machen? Gelegentllich hat man auch was anderes zu tun.

Ich selbst kenne beide Perspektiven auf jeweils alltägliche Weise, weil ich zwei Tage die Woche als Mietwagenfahrer arbeite, ansonsten aber kein Auto besitze und fast alles zu Fuß erledige. Dieser Tage, morgens um sieben Uhr dreißig, hatte ich einen Termin in einem kleinen Städtchen in der Nähe. Ich biege an einer Kreuzung ab und fahre an einem Kiosk vorbei, und dicht vor dem Laden parkt ein PKW, und zwar genau so wie die blasierten Kunstoffkisten in Buxtehude, nämlich komplett auf dem Bürgersteig. Aber der Clou ist, dass zeitgleich ein kleines Mädchen mit Schulranzen auf dem Rücken auf der anderen Straßenseite läuft, auch noch auf Höhe des Kiosks! Ein Beispiel wie bestellt.

Meiner Ansicht nach hat auch an dieser Szene alles „seine Richtigkeit“, auch wenn hier dafür zufällig ein Knöllchen für den Fahrer dieses Wagens fällig wäre, wenn denn zufällig auch das Ordnungsamt vorbeikäme, aber kommt nicht, morgens um halb acht. Schwein gehabt, alles richtig gemacht.

Der Fahrer ist bestimmt nur mal eben im Kiosk eine Zeitung kaufen – genau: nur mal eben! Und es ist auch völlig wurscht, ob das kleine Mädchen sowieso jeden Morgen die andere Straßenseite benutzt, wenn auch dieser Fahrer vermutlich sowieso jeden Morgen „nur mal eben" eine Zeitung kauft. Nur bornierte Routine oder der Zufall verhindern hier, dass das Mädchen die Straße betreten muss, um um den Wagen herum zu laufen.

Ein Wort wie „Richtigkeit“ ist nicht nur für Funktionäre wie Polizeichef Jan Kurzer gemacht oder für Klaus Huhn vom Ordnungsamt, sondern bedeutet zufällig auch etwas, und ich bilde mir ein, wenn den Funktionären das klar wäre, würden sie vielleicht völlig andere Schlüsse ziehen und zu anderen Entscheidungen kommen. So jedenfalls, wie Richtigkeit momentan in Buxtehude verstanden wird, ist es nur vordergründig die Benutzung des Bürgersteigs als Parkplatz, deren Richtigkeit von Kurzer und Huhn bestätigt wird – in Wahrheit aber bestätigen sie damit bloß die Maßnahme, den Bürgersteig überhaupt zweckentfremdet zu haben, weil der Parkplatz offenbar nur deshalb „richtig“ ist, weil er der Maßnahme entspricht. Exakt so ist für meine Begriffe die Aussage von Kurzer und Huhn zu verstehen. Aber so denken Funktionäre, nicht Bürger. Es sei denn, sie suchen einen Parkplatz.

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