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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Rose
Eingestellt am 11. 08. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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DIE ROSE
W├╝tend rannte ich aus dem Haus. Ich h├Ątte weiter Tapete abkratzen m├╝ssen, aber nachdem ich ihr empfohlen hatte sich einen Finger rein zu stecken, schien es mir ratsamer erst mal das Weite zu suchen. Dieses Verbalgemetzel h├Ątte ich keine Minute l├Ąnger ausgehalten. Ich setzte mir den Kopfh├Ârer auf und dr├╝ckte "play", Nirvana in Presslufthammerlautst├Ąrke. Schien mir f├╝r den Augenblick in Kombination mit einem Spaziergang in z├╝gigem Tempo die beste Therapie zu sein. Also los, ├╝ber die Ampel und dann immer geradeaus. Einfach drauflos, die Stra├če entlang immer geradeaus, geradeaus, immer geradeaus. Nachdem ich cirka 30 Minuten unterwegs war, ich befand mich inzwischen bereits in l├Ąndlich angehauchten Vororten, bog ich in einen Feldweg ein, weil ich hoffte dort allein zu sein ohne st├Ąndig Menschen sehen zu m├╝ssen. Doch genau das Gegenteil war der Fall: erst kam mir ein turtelndes P├Ą├Ąrchen entgegen - das Gl├╝ck anderer wollte ich nun ├╝berhaupt nicht sehen - und dann nach einem weiteren Kilometer kam mir eine Horde jugendlicher Outlaws entgegen. Ich wollte sowieso langsam wieder nach Hause, denn meine Wut war zusammen mit Nirvana in die Atmosph├Ąre aufgestiegen, und die Outlaws waren noch weit genug entfernt, um eine Wende meinerseits nicht als Provokation oder R├╝ckzieher deuten zu k├Ânnen. Also machte ich auf dem Absatz kehrt und folgte meiner leicht unterk├╝hlten Nase Richtung Heimat.
Auf dem R├╝ckweg besah ich mir die prachtvollen Vorortvillen mit ihren ├╝ppigen Vorg├Ąrten, die mir auf dem Hinweg ├╝berhaupt nicht aufgefallen waren. Womit, fragte ich mich, verdienen diese Leute nur soviel Geld, um sich solche H├Ąuser leisten zu k├Ânnen. Seit dem Regierungswechsel 2034 waren Wohnungen kaum noch zu bezahlen und H├Ąuser wie diese mu├čten unerme├člich teuer sein. Das n├Ąchste Haus wurde von einer Rosenhecke umwuchert. die mich unvermittelt an "Dornr├Âschen" denken lie├č. Eine der ├╝ppigen Bl├╝ten wagte einen Blick auf die andere Seite des massiven Zauns und zog mich mit ihrem Leuchten an. "Riech an mir", schien sie mir sagen zu wollen, "genie├če meinen Duft, er kostet nichts!". Ich ging an die Hecke und sog den Rosenduft in mich ein. Dabei mu├čte ich wohl den Zaun ber├╝hrt haben, denn pl├Âtzlich durchri├č der ohrenbet├Ąubende L├Ąrm einer Sirene die Stille. Eine Warnlampe rotierte wie ein Eigelb auf einem Karusell und verbreitete dabei dieses hektische Licht, wie es fr├╝her die Kehrmaschine verbreitete. Suchscheinwerfer blitzten auf, summten konstant und tauchten mich in ebenso konstantes, blendendes Wei├č. Ich f├╝hlte mich v├Âllig paralysiert, sah wie in Hypnose die Rose, die ihre Bl├╝te hinter den Zaun zur├╝ck zog, so als wolle sie nicht die Geschichte mit reingezogen werden.
Das Reifenquietschen war wohl nicht so fern, wie es mir schien, denn nur Sekunden sp├Ąter sp├╝rte ich einen stechenden Schmerz in der rechten Schulter. Wenigstens der gute alte Polizeigriff war immer noch der selbe. Aus den Augenwinkeln sah ich jetzt eine aufgetakelte Alte hinter dem Zaun auf der Treppe. "Das ist der Kerl", rief sie hektisch gestikulierend dem Polizisten zu, der gerade im Begriff war mich auf der Motorhaube des Wagens auftitschen zu lassen. Ich sp├╝rte wie sich kaltes Metal um meine Handgelenke legte und h├Ârte das h├Âhnische Kichern der Handschellen, als sie einrasteten und den Blutstrom meiner H├Ąnde stocken lie├č. "Heutzutage kann man nicht mal einen gem├╝tlichen Sonntagnachmittag verleben, ohne von solchen asozialen Subjekten angegriffen zu werden." Irgendwie erinnerte die alte mich an einen Pekinesen und ihr Redeschwall klang eher wie ein astmathisches Keuchen und weniger wie ein Artikulationsversuch. "Ist ja gut," versuchte der Polizist sie in v├Ąterlichem Ton zu beruhigen, "wir haben ihn ja und nehmen ihn mit, der macht ihnen keinen ├ärger mehr!" "Ich hoffe sie sperren ihn lange ein, damit er es sich das n├Ąchste mal zweimal ├╝berlegt, ob er unbescholtene B├╝rger so heimt├╝kisch angreifen soll!"
Auf dem Weg zum Pr├Ąsidium fragte mich der Cop durch das Gitter: "Also, du Vogel, was hattest du in dieser Gegend zu suchen?" "Ich wollte nur spazieren gehen." "Spazieren, an einem Sonntag Nachmittag, in den Klamotten?" "Ich hatte einen Streit mit meinem Weib, wir renovieren gerade unsere neue Wohnung und als dann die Fetzen flogen bin ich w├╝tend abgehauen um mich abzuk├╝hlen." "Wieso glaubt so ein abgerissener Typ wie du, er k├Ânnte in eine solche Trutzburg eindringen, wie du es eben versucht hast?" "Ich wollte nicht eindringen, ich wollte lediglich an ihren Rosen schnuppern und dabei mu├č ich wohl an diesen Zaun gekommen sein." "Also das mit dem Spaziergang war ja schon ein dicker Hund, aber das du jetzt noch versuchst dich als Blumenfreund und unschuldiges Opfer darzustellen setzt dem Ganzen wohl die Krone auf. Kannst du dich eigentlich ausweisen?" Konnte ich nat├╝rlich nicht, wer nimmt schon seine Papiere mit wenn er wutschnaubend aus dem Haus rennt. "Nein! Aber ich wohne nur zwei Stra├čen weiter, wenn wir kurz da vorbei fahren, kann ich ihnen meine Papier zeigen." "Damit du aus dem Wagen kommst und dich d├╝nn machen kannst was, nein nein, du kommst sch├Ân mit in den Sicherheitsbereich." Wir passierten die den vier Meter hohen Elektrozaun, wurden von Wachen mit Maschinenpistolen durchgewunken und gelangten so auf das Polizeikasernengel├Ąnde. Ich mu├čte aussteigen, wurde in Richtung Geb├Ąude geschubst und die Sonne verschwand hinter der schwarzen Eisent├╝r, die mit einem dumpfen Knall hinter meiner Eskorte zufiel.
Meine Fingerabdr├╝cke wurden eingescannt, meine Fotos auf CD-Rom gespeichert und meine Klamotten verschwanden in einer Metalbox mit der Nummer 1984. Danach brachten sie mich in eine sogenannte Wartezelle, ein Gitterk├Ąfig, der so klein ist, das eine Person aufrecht stehend hineinpa├čt. Nicht mal umdrehen, geschweige denn setzen konnte man sich in dem Ding. Als nach einigen Stunden ein Wachmann vorbei kam, fragte ich ihn verzweifelt, ob die Regel noch gelte, da├č jeder das Recht auf einen Anruf habe. "Die Regel gilt noch, nat├╝rlich, wir sind doch kein Polizeistaat und erst recht keine Unmenschen!" Er brachte mir ein kleines Handy und gab es f├╝r ein Gespr├Ąch frei. Ich w├Ąhlte die Nummer meiner neuen Wohnung. Meine Lebensgef├Ąhrtin w├╝rde herkommen und meine Geschichte best├Ątigen k├Ânnen, dann war ich bestimmt bald drau├čen, schlie├člich lebte ich nicht in einem Polizeistaat... Nach zweimaligem Tuten nahm sie ab:"Hallo?" "Hallo Baby, ich bin es!" "Du Arschloch!" "Warte, h├Âr mir zu..." Sie hatte aufgelegt; hatte wohl noch unsere kleine Meinungsverschiedenheit in den Knochen. "Das war's sagte der Wachmann und wollte mir das Handy abnehmen. "Nein, warten sie, ich hab' mich verw├Ąhlt!" "Tja, wenn du zu bl├Âd zum Telefonieren bist, dann ist das ja wohl nicht mein Problem!" Seine schmale Hand umschlo├č das Telefon und entzog es mir mit einer Kraft, die man diesem schm├Ąchtigen Kerlchen nicht zugetraut h├Ątte. "Wie geht es jetzt weiter?" "Siehst du dir manchmal die Nachrichten an?" "Ja, warum?" "Na dann wei├čt du ja, da├č wir hoffnungslos ├╝berlastet sind. Aber keine Sorge, das Essen hier ist ganz gut und im Moment ist die Warteliste des Staatsanwaltes nicht so lang. Im Rahmen des Programms "Zum Schutze des B├╝rgers" bleibst du also hier, bis der Staatsanwalt deinen Fall ├╝berpr├╝fen kann. Mit ein bi├čchen Gl├╝ck wird in ein zwei Tagen eine Regelzelle frei, in der kannst du dann gem├╝tlich die paar Monate warten, bis du ins Verhandlungszentrum verlegt wirst. Alles halb so wild!" Durch die surrende Bel├╝ftungsanlage glaubte ich einen Hauch von Rosenduft wahrzunehmen. fz

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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