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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Rückfallebene
Eingestellt am 20. 12. 2006 21:41


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Raniero
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Die Rückfallebene

Hans Rudolf befand sich auf dem Nachhauseweg, zu Fuß, von seiner Dienststelle zur
S-Bahnhaltestelle. Den gesamten lieben Tag lang hatte er in einer Marathonbesprechung verbracht, im Kreise seiner Kollegen und Vorgesetzten, um ausschließlich ein einziges Thema zu diskutieren, in aller Breite und Ausführlichkeit.
Dieses Thema stand unter dem vielsagenden Titel:
Die Bildung von Rückfallebenen für den Ausfall von strukturbestimmenden Einrichtungen.Ein unglaublich eloquenter Titel, unter dem man sich alles Mögliche vorstellen konnte, der aber eigentlich nichts Besonderes aussagte und den man genüsslich hin- und herwenden konnte, nach allen Seiten und Windrichtungen. Ein Thema, in der Tat, geschaffen für die Fabulierungskünstler unter den Teilnehmern der Sitzung, und das waren nicht wenige, in der erlauchten Runde. Hierbei handelte es sich große Theoretiker, die, wenn sie einen Nagel in die Wand schlagen wollten, bereits von Logistik sprachen. Diese redegewandten Personen brachten es fertig, bis zu einer Stunde über die besagten Rückfallebenen zu schwadronieren, ohne dass die meisten verstanden, was der Redner eigentlich damit sagen wollte.
„Halt wie es sich gehört, in einer richtigen Behörde“, dachte Hans Rudolf bei sich, als er auf seine Bahn wartete.
Er hatte als Mann der Praxis von all den Gesprächsbeiträgen der Cheflogistiker und Generalstabsplaner nur so viel verstanden, dass man immer darauf vorbereitet sein sollte, im Fall einer Panne eine Ersatzlösung anzustreben, so schnell es eben möglich war. Eigentlich hatte er damit schon den gesamten Kern des Themas in seinem Mark erfasst, aber auf der anderen Seite musste er unumwunden eingestehen, dass es auch Menschen gab, die mit viel schönen Worten das beschreiben konnten, was man auch mit wenigen erreicht hätte.

Der Lautsprecher auf dem Bahnsteig kündigte den Ausfall aller weiteren Züge für einen unbestimmten Zeitraum an, aus betrieblichen Gründen; als Ersatzverkehr wurden Busse bereitgestellt.
Hans Rudolf hatte es sich vor geraumer Zeit angewöhnt, auf unliebsame Überraschungen mit Kraftausdrücken in verschiedenen Sprachen zu reagieren; so fluchte er leise und gebrauchte dabei Wörter aus der Fäkalsprache in englischer, französischer und italienischer Sprache.
„Das ist meine Rückfallebene“, dachte er sich, als er in den Bus stieg, „der Ersatz für meine strukturbestimmende Einrichtung, meine S-Bahn“.
Anhand dieses einen Beispieles bestätigten sich für ihn die gesamten theoretischen Abhandlungen auf einen Schlag, eine wunderbare Erleuchtung.
In der Nähe seines Wohnhauses stieg er aus dem Bus und legte die letzte kurze Wegstrecke zu Fuß zurück. Als er durch den Vorgarten auf die Haustür seines schmucken Heimes zuging, trat seine bessere Hälfte hinaus, mit dem Einkaufskorb in der Hand.
„Wo ist das Auto, Hans Rudolf?“ rief seine Frau ihm zu, „ich muss noch schnell etwas einkaufen, ein paar Lebensmittel, ich hatte es fast vergessen“.
‚Vergessen’ war das Stichwort; Hans Rudolf hatte auch etwas vergessen.
Jeden Morgen fuhr er mit dem Auto bis zur nächstgelegenen S-Bahnhaltestelle, um dort den Wagen abzustellen und die restliche Strecke mit der Bahn zu bewältigen, da es an seiner Arbeitsstelle in der Innenstadt so gut wie unmöglich war, einen Dauerparkplatz zu ergattern. Vollkommen abgelenkt durch die schicksalsgefügte Änderung seiner täglichen Gewohnheiten, hatte er doch glatt vergessen, sein Auto an der Bahnhaltestelle abzuholen und war mit dem Bus direkt bis in sein Wohnviertel in einem Vorort der großen Stadt durchgefahren.
Als er dieses seiner Frau eingestand, brach sie in schallendes Gelächter aus
„Du Ärmster, wo hast du denn deine Gedanken gehabt, heute? Dann musst du halt noch mal los, den Wagen holen. Bring gleich eine große Pizza mit, denn zum Einkaufen ist es eh zu spät!" Flugs war seine Angetraute wieder im Haus verschwunden, mitsamt Einkaufskorb. Mürrisch machte sich Hans Rudolf auf den Weg, zu seinem Wagen, der an der S-Bahn auf ihn wartete.
„Das ist nun keine Rückfallebene mehr“, fluchte er in deutscher Sprache, „das ist eher ein Reinfall, der ganze Tag entwickelt sich mehr und mehr zu einem Reinfall!“
Nach einer halben Stunde strammen Fußweges erreichte er sein Fahrzeug und setzte sich in Bewegung, zur nächsten Pizzeria.
Zu Hause angekommen, stürzte er sich mit seinem Weib auf das italienische Spezialgericht, mit wahrem Heißhunger; während des Essens berichtete er seiner Frau von der ermüdenden Tagesbesprechung.
„Doch für heute habe ich genug von allen Strukturen und Rückfallebenen, jetzt muss ich erst einmal abschalten“, sagte Hans Rudolf, holte sich aus der Küche ein Bier und schaltete den Fernseher an.
Das Gerät gab ein zischendes Geräusch von sich, leuchtete kurz auf, dann blieb die Mattscheibe schwarz.
„Auch das noch!“ stöhnte Hans Rudolf, „mir bleibt auch nichts erspart.

Er trank sein Bier aus und sah seine Ehefrau an, mit einem vielsagenden Blick.
Unmittelbar darauf begaben sich beide ins Schlafgemach und ließen sich ins eheliche Bett sinken, die letzte Rückfallebene dieses vermaledeiten Tages, und setzten zu einer strukturbestimmenden Maßnahme an.

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