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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Rückkehr des grausamen Doktor Coppolus(1.Teil)
Eingestellt am 09. 04. 2003 18:41


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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
Kommentare: 552
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Geneigter Leser,
es ist an der Zeit, mal ein wenig weiter auszuholen und den Versuch zu wagen, sich mit gewaltigen SiebenMeilenSchritten von der Skizzenhaftigkeit einer vierseitigen-12er-Schriftgrad-Horrorgeschichte zu entfernen, um mit Kilometer langen, schmutzigen Fingernägeln am Horizont herumzukratzen. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich diesen Versuch so schnell wieder wagen würde, doch eine grausame, schattenhafte Gestalt steht Tag und Nacht hinter mir und bedroht mich mit einem blitzenden, rasiermesserscharfen Stoßrapier, mit dem sie mich sticht und wach hält, wenn ich drohe am Rechner einzuschlafen.
Ich habe mich bis jetzt noch nicht getraut, mich umzuschauen, aber in der schmutzigen Fensterscheibe vor mir, kann ich ihre Konturen erkennen, ihre schwarzen, funkelnden Augen.
Es ist der Doktor selbst, der hinter mir kauert und mir seine widerlichen Geschichten ins Ohr flüstert. Sein Atem stinkt und ich kann es kaum noch ertragen.
Wer ist Doktor Coppolus?
Ende des 19. Jahrhunderts lehrte er an der Universität von Jena die Grundlagen der Optik. Er war berühmt, fast berüchtigt für seine unkonventionellen Experimente, die er zuerst an Tieren, später an menschlichen Leichen durchführte. Es hieß, er hätte auch Experimente an lebenden Menschen durchgeführt, bis er plötzlich auf mysteriöse Weise verschwand. Was folgte waren grausame Morde an Prostituierten und Straßenkindern, die man nach ihrem Verschwinden oft erst Monate später auffand. Jemand hatte ihnen mit chirurgischer Genauigkeit die Augen entfernt. Bis 1882 sind 93 gesicherte „Augenmorde“ verzeichnet, bis die Morde dann wie mit einem Schlag aufhörten. An den Universitäten munkelte man schon lange, dass Coppolus bei seinen Experimenten ein wahrhaft wahnwitziges Ziel verfolgte. Manche glaubten, als die Morde schließlich endeten, er hätte dieses Ziel schlussendlich erreicht und einen der ältesten der Menschheitsträume verwirklicht. Andere sagten, er wäre in den Afrikanischen Busch gegangen, um dort seine widerlichen Experimente an Eingeborenen fortzuführen. Gesichert ist, dass Anfang des 20. Jahrhunderts im Kongo der Mythos vom Augenstehlenden Gott entstand, der den Menschen die Augen stahl, um sie wie Trophäen mit sich herumzutragen.
Trotz aller Bemühungen aber blieb Coppolus unauffindbar. Er wurde ein Mythos – ein Schatten.
Jetzt ist dieser Schatten zurückgekehrt. Er hat gehört, dass es in unserer modernen Welt neue Augen gibt – BESSERE AUGEN.
Und schließlich ist das Auge der Spiegel der Seele, nicht wahr?

Ich hoffe, die Geschichte ist spannend genug, dass ihre Länge nicht weiter ins AUGE fällt.





Die Rückkehr des grausamen Doktor Coppolus(1.Teil)





Jack the Eyemac schrie. Jack the Eyemac weinte. Jack the Eyemac hämmerte mit beiden Fäusten auf die Tastatur ein.
„00101101 - VERRECKE!“ Er riss die Tastatur mit beiden Händen über seinen Kopf.
„VERR-“
Aus der Wohnung über ihm kam lautes Gepolter. Jemand stieß wieder und wieder mit einem stumpfen Gegenstand gegen die Zwischendecke.
Jack legte die Tastatur zurück auf den Schreibtisch und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Er ballte die Hände zu Fäusten und reckte sie herausfordernd in die Höhe.
„WICHSER!“ Das Geräusch aus der Wohnung über ihm wurde rhythmisch. Jacks Kopf zuckte zur Seite. In seinem Gehirn arbeiteten 10 hoch eintausend kleine Jacks in Boxershorts an einer Lösung des Problems. Sein Blick blieb an dem kümmerlichen Rest von dem hängen, was einmal ein Wischmob gewesen war. Er riss den Wischmob aus dem roten, rechteckigen Eimer, in dem noch das Wischwasser von letzter Woche vor sich hingärte und presste ihn wie die Lanze eines Schweizer Gardeoffiziers an seine Brust.
„00101101 –“ Und plötzlich begann er wie wild gegen die Decke einzustoßen.
„DAS ist eine PRIVATWOHNUNG!“ Er schrie das Wort immer wieder und rammte den Stiel des Wischmobs gegen die Decke. „PRI-VAT-WOH-NUNG!“ Das stinkende Wischwasser aus den Wischmobfasern spritzte ihm ins Gesicht und auf das nicht mehr ganz saubere Feinrippunterhemd. Jack konnte die Party von letzter Woche riechen, den Alkohol - Bier, Jack Daniels, Prosecco, er konnte auf den Boden geworfene Zigarettenstummel riechen, halbe Sandwichs, benutzte Kondome, Reste von gutem Dope. Jack schloss die Augen. Der Rhythmus, mit dem er gegen die Decke einprügelte glich sich langsam dem aus der Wohnung über ihm an. Jack beschleunigte seinen Rhythmus.
Dann – Jack wurde langsam müde. Er stand da, wankte, immer noch bereit, den Kampf mit dem Wischmob noch einmal aufzunehmen. Er sah an sich herab und leckte sich angewidert die Lippen. „Verdammt.“ Er war über und über mit schmutzigem Wischwasser bespritzt.
Wütend sah er in die Höhe. Er sah die aufgerissene Deckentapete und wie sie nach allen Seiten auseinanderklaffte. Ein einziger Brocken Deckenputz löste sich und fiel vor ihm zu Boden.
Jack nickte und lächelte.
„Ein fachkundiger Problemlöser muss zwei unvereinbare Qualitäten besitzen –“, zischte er atemlos.
„rastlose Phantasie und –“, er holte tief Luft und fing wieder an, wie ein Verrückter gegen die Decke zu hämmern. „GE-DUL-DI-GE BE-HARR-LICH-KEIT!!!!!“
Mit einem einzigen dumpfen Geräusch löste sich der silberne Kronleuchter seiner Mutter von der Decke und knallte mit einem sehr beunruhigenden Geräusch auf den Parkettfußboden.
Jack betrachtete den zerstörten silbernen Kronleuchter mit ausdruckslosen Augen. Er machte ein schmatzendes Geräusch mit den Lippen und fuhr sich ein paar Mal sehr langsam mit der Zunge über die nicotingelben Zähne. Er hatte sich seit Tagen nicht die Zähne geputzt.
`Verdammt.´ Er lehnte den Wischmob gegen das Sofa und kratzte sich an der Stirn. Langsam drehte er sich um und betrachtete etwas verwirrt seinen augenblicklichen Lebenszustand. Der am Boden liegende Kronleuchter fiel nicht gerade auf, in dem Chaos, das in seinem Zimmer herrschte. Jack zuckte mit den Achseln, hob den Kronleuchter auf und warf ihn gedankenverloren auf das Sofa.
„00101101 – Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“
Jack kratzte sich am Hintern und ging etwas wacklig auf den käseweißen Beinen in die Küche. Mit einem unguten Gefühl im Bauch öffnete er den Kühlschrank. Das Licht flackerte. Jack stieß mit der Fingerspitze gegen die Glühbirne. Sie flackerte, dann ging sie aus.
Jack nickte. Er schob ein paar halbleere Joghurtbecher bei Seite und zog ein mit Alufolie umwickeltes Stück Pizza aus dem Kühlschrank hervor. Er betrachtete es eine Weile, stand dann auf und öffnete die Mikrowelle. Er überlegte, ob er zum Spaß das Stück Pizza samt Folie in die Mikrowelle packen sollte. Das hätte lustige Funken gegeben. Er runzelte die Stirn.
Es war die Frage, wie oft die Mikrowelle das noch mitmachte. Die Energiesparlampe vom Baumarkt, die er in den Kühlschrank eingebaut hatte, war auch nicht gerade eine seiner genialsten Einfälle gewesen. Er knüllte das Alupapier zusammen und legte es oben auf den 120-Liter-Müllbeutel, der wie ein fetter Alkoholiker in der Ecke lehnte und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Jack stellte die Mikrowelle auf drei Minuten und ging zurück zum Ursprung seines heutigen Wutausbruches. Ein Knopfdruck und erste, weiße Schriftzüge flimmerten über den schmutzigen 19-Zoll-Bildschirm.
Jack ging das Bild von dem funkensprühenden Aluminiumpapier nicht mehr aus dem Kopf. Was war, wenn er das Programm mit Alufolie einwickelte? Jack runzelte wieder die Stirn. Er dachte an die Energiesparlampe im Kühlschrank, er dachte an den riesengroßen, roten Hintern, den er aus einem Schwulen-Hardcoreporno-Heft abgescant und auf die Seite der „Weißen, katholischen Front für den arischen Schulterschluss“ eingeschmuggelt hatte und das Gesicht ihres weißen, katholischen Anführers durch diesen wunderbar roten Hintern ersetzt hatte – er lachte – er dachte an Kontoüberweisungen und Elstern, die ihre Eier in fremde Nester legten, an Mäuse, die sich tot stellten, er dachte an Lebensversicherungen. Jack beugte sich ein wenig vor. Seine Finger lauerten angriffsbereit über der Tastatur. In der Wohnung über sich hörte er laut eine Tür knallen. Jack zog wütend die Augenbrauen zusammen.
Wer würde es jetzt wagen, ihn in seiner kreativen Phase zu stören?
Es klingelte. Jack drehte sich sehr langsam auf seinem Drehstuhl herum.
„00101101.“, sagte er leise und stand auf. Aus der Küche hörte er ein leises PING. Jack sah zur Küche, dann sah er zur Eingangstür. Wieder klingelte es. Jack lächelte und nickte. Er griff neben sich in den übervollen Mülleimer, kramte eine Weile darin herum – Jacks Augen wurden groß. Langsam zog er einen schweren, selbstgeschnitzten Baseballschläger hervor. Jack ließ das schwere, dicke Vorderteil klatschend in seine geöffnete Hand fallen. Siegesgewiss stand er auf und ging in Richtung Eingangstür. Vor der Tür betrachtete er sich einen Augenblick in dem mannsgroßen Ankleidespiegel und fragte sich, ob er eigentlich gefährlich genug aussah, mit seinen dünnen käseweißen Beinen und der etwas eingefallen Brust. Er öffnete schnell den Kleiderschrank, stöberte einen Augenblick, dann zog er eine alte zerschlissene Bomberjacke hervor. Als er sie sich übergezogen hatte, war er plötzlich erleichtert, dass er sie damals nicht mit in die Kleidersammlung gegeben hatte. Er zog den Reisverschluss hoch und stellte sich ganz nah an den Ankleidespiegel. Sein Blick zuckte ein paar Mal nach unten. Ach! Er fasste sich an die aufgeplusterten Oberarme. `Bei solchen Oberarmen war es doch scheißegal, wie dünn seine Beine waren!´
Entschlossen drehte er sich zur Tür, zog den Riegel zurück und riss den Arm mit dem Baseballschläger in die Höhe.
Dann riss er die Tür auf!
„Das ist eine Privatwohnung!“

„Entschuldigung, sind Sie Hans-Peter Maci-?“ Das Mädchen mit dem seltsamen Haarschnitt und dem etwas zu roten und zu ledernen Minirock betrachtete seine Bomberjacke. Langsam wanderte ihr Blick an ihm herab bis zu seinen nackten, käseweißen Beinen. Jack beugte sich vor und sah ebenfalls an sich herab. „MACIEJEWICZ.“, sagte er sehr deutlich.
Er sah auf und ließ lächelnd den Baseballschläger sinken.
„Ehm.“ Er stellte ihn vorsichtig gegen den Türrahmen. Er rutschte zur Seite und fiel polternd zu Boden. Jack zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Ich hatte jemanden -“, er kratzte sich an der Stirn. „anderes erwartet.“
„Das sehe ich.“, sagte sie lächelnd. Jack fand, dass sie gar nicht mal so schlecht aussah, bis auf diesen etwas antiken Ponyhaarschnitt und diesen roten Leder oder Latexrock. Die dunkle Strumpfhose schien ihm ein wenig zu luftig für diese Jahreszeit und wenn sie so den ganzen Tag rumlaufen wollte, um Zeitungen an den Mann zu bringen, würde sie sich irgendwann eine ganz üble Erkältung wegholen. Fast tat sie ihm leid, wie sie so dastand, einen Packen Zeitungen an ihre Brust gepresst, in dem kleinen, vorne geöffneten Jäckchen, den eng geschnürten Springerstiefeln – Jack sah an ihr herab.
„Haben Sie eigentlich einen Internetzugang?“
„Was?“, stotterte Jack. „Ehm.“, er nickte. „Ja.“
Er sah wieder auf. Das Mädchen war einen Schritt zurückgegangen. Sie schaute zur Seite und nickte. „Das ist der Wichser, Ecki.“
Jack beugte sich vor und schaute verwirrt den Treppenaufgang hinauf.
`Ecki?´
Erst sah Jack nur Ecki´s Füße. Die schweren, stahlbeschlagenen Kampfstiefel, die Ecki trug, führten dazu, dass sich ein warmes, nichtidentifizierbares Gefühl in Jacks Magengegend ausbreitete. Über den Kampfstiefeln trug Ecki eine von diesen Tarnkappen-Überlebenstraining-Militärhosen mit jeder Menge kleinen Taschen an den Seiten. Er trug auch eine von diesen schwarzen Bomberjacken – Jacks Hand tastete vorsichtig nach dem Baseballschläger, sein Oberkörper beugte sich immer tiefer, während sein Blick an Ecki hing und langsam an ihm emporwanderte. Als Jack die Aufschrift auf Ecki´s Bomberjacke las, hörte Jack auf nach dem Baseballschläger zu tasten.
WEIßE, KATHOLISCHE –
Weiter kam Jack nicht. Ecki´s schwerer, stahlbeschlagener Kampfstiefel traf ihn mit voller Wucht unterm Kinn und schleuderte Jack zurück in die Wohnung.

Jack war innerhalb von Sekunden wieder auf den Beinen. Sein Gehirn arbeitete. 10 hoch eintausend kleine Jacks in Boxershorts und zerschlissener Bomberjacke gerieten mit einem Mal in Panik und versuchten sich in den Standuhren und den Kommoden seines Computergeniegehirns vor dem bösen Wolf zu verstecken. Jack sah verzweifelt in Richtung Tür. Er sah das Mädchen mit dem roten Lederrock, den dunklen Strumpfhosen und den Zeitungen, die sie an ihre Brust gepresst hatte. Er zog verwirrt die Augenbrauen zusammen, als sie ihm aufmunternd zuzwinkerte.
Dann trat Ecki in die Tür. Sein Gesicht sah aus, als wäre es genau wie seine Kampfstiefel mit Metall beschlagen worden. Jack leckte sich die Lippen. Es schmeckte nach Blut.
„Ich will, dass sein Gesicht hinterher wie ein Arsch aussieht.“, sagte Ecki laut und drei Kerle mit Kurzhaarschnitt und Bomberjacken schoben sich an Ecki vorbei in die Wohnung und kamen langsam auf Jack zu.
„Wie ein roter, blutender ARSCH! Habt ihr verstanden?
ICH WILL, DASS ER BLUT AUS DEM GESICHT SCHEIßT.“
Jack hob seine Hände schützend vor sein Gesicht.
„00101101“, flüsterte er leise. „Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“


„Soll ich Sie noch hochbringen?“, fragte der Krankenwagenfahrer und öffnete die Beifahrertür. Jack machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
„Ift nift nötich. Danke fön.“ Der Krankenwagenfahrer grinste ihn an und hob zum Abschied die Hand. „Sie sollten das nächste Mal vorsichtiger sein. Diese Drückerkolonnen arbeiten jetzt mit allen Mitteln.“
Jack nickte vorsichtig mit dem Kopf. Der Krankenwagenfahrer schloss die Beifahrertür und schaltete die Warnblinkanlage aus. „Auf Wiedersehen.“
Oh, Gott, dachte Jack, hoffentlich nicht!
Müde schleppte sich Jack die Treppen hinauf. Sein Kopf dröhnte und unter dem Kopfverband juckte es, dass er wahnsinnig hätte werden können.
Die Wohnungstür stand noch offen. Er hatte sich irgendwie nach unten auf die Straße geschleppt und sich auf den Gehweg geworfen. Danach konnte er sich erst wieder daran erinnern, wie er in der Notaufnahme aufgewacht war und die erstaunten Augen einer jungen, korpulenten Krankenschwester gesehen hatte.
„Mein Gott, was haben SIE denn gemacht?!“
Jack kratzte sich an der Stelle, wo ein letzter Schopf dunkelbraunen Haares aus dem Kopfverband hervorlugte. Der Boden im Eingangsbereich war mit Spiegelsplittern übersät. Jack tastete sich vorsichtig hindurch und suchte da, wo sein Ankleideschrank mal gestanden hatte nach ein paar Schuhen. Er zog aus dem Wirrwarr von zersplittertem Holz ein Paar Wildlederschuhe hervor und schleppte sich zur Couch, um sie anzuziehen.
Als er aufschaute kam die Erinnerung wie mit einem Schlag zurück. Er sah seinen Schreibtisch. Er war in der Mitte auseinander gebrochen. Computerausdrucke waren auf dem ganzen Fußboden verteilt. Jacks Hände hoben zwei, drei Zettel zitternd auf. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Warum stand das Fenster offen? Warum…?
Jack stolperte zu dem offenen Fenster. Er ließ das Papier fallen. Er machte ein wimmerndes Geräusch. „NIFT, BITTE!“
Dann sah er aus dem Fenster und vier Stockwerke unter ihm sah er es glitzern und funkeln. Prozessoren, Speicherplätze, eine Festplatte so groß wie der Ararat. Das geöffnete Cd-Laufwerk sah aus wie eine aufgeschwollene, heraushängende Zunge, der Bildschirm abgerissen, aufgeplatzt, wie ein Schädel - man konnte die Bildröhre sehen!!!! Jacks Finger krallten sich in das Fensterbrett, das Weiße in seinen Augen leuchtete weißer und heller als der frische Kopfverband.
Jack holte Luft. Holte Luft – HOLTE LUFT!!
Und dann schrie Jack, dass man es im ganzen Viertel hören konnte. Es war ein hoher Schrei, wie der eines Tenors, wie der eines Soprantenors. Jack achtete nicht darauf, dass sein Gesicht schmerzte. Er wollte schreien. Er wollte nur noch schreien.


Plötzlich ein alles durchdringender Schmerz. Jack hustete.
Noch einmal! Jack drehte sich um und erhob schützend die Hände.
Fräulein Anneliese Reutherberg legte alle Kraft und alle Wut, die sich in den dreiundachtzig Jahren ihres Lebens in ihr aufgestaut hatten in die Schläge mit ihrem Gehstock, mit dem sie sehr gezielt auf Jacks verbundenen Kopf einschlug.
„AB 22 UHR NURNOCH ZIMMERLAUTSTÄRKE!!!!!“ Jack konnte nicht glauben, dass die alte Schachtel aus der Wohnung über ihm es gewagt hatte, in seine Wohnung einzudringen. Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen?
Das war zu viel. Das war einfach zuviel! Jack taumelte. Er faste sich an den Kopf. Ihm wurde schwindelig. Langsam ließ er erst die Hände sinken, dann sank er selbst zu Boden. Eine Weile spürte er noch, wie Anneliese Reutherberg mit ihrem Gehstock auf seinen Kopf einhämmerte. Dann spürte er nichts mehr. Alles verschwamm.
Er hörte sie nur noch schreien.
„ZIMMERLAUTSTÄRKE!“, schrie sie und hielt kurz inne, um sich die gichtbeuligen Fingergelenke zu reiben. Dann holte sie wieder mit dem Gehstock nach hinten aus. Ein Windstoß ließ ihr weißes, mit blauen Lilien verziertes Nachthemd über ihre Knie nach oben rutschen. Bevor es schließlich dunkel um Jack the Eyemac wurde, sah Jack ihre dürren, faltigen, käseweißen Waden, wie sie im Licht des hereinflutenden Mondlichtes hell aufleuchteten.

Alles, was Jack the Eyemac jetzt noch wollte, war schlafen. SCHLAFEN. Und nach einer Weile träumte er von weißen, käseweißen Beinen, die mit seinem 19-Zoll-Bildschirm Fußball spielten. Es war der schlimmste Albtraum, den Jack je gehabt hatte.


Bahngleis 8 lag in tiefen, dichten Herbstnebel gehüllt.
22.37 Uhr – Veronika Hertel sah erst auf ihre Armbanduhr und dann auf die Anzeigetafel. Der ICE aus Rom hatte mindestens zwanzig Minuten Verspätung. Sie beugte sich ein wenig vor und versuchte im Nebel das Ende des Bahngleises zu erkennen. Sie drehte sich zur anderen Seite – sie schüttelte mit dem Kopf. Es war kein Wunder, dass der Römer Verspätung hatte. Etwas unschlüssig, wie sie die verbleibende Zeit herumkriegen sollte, verschränkte sie die Arme hinter dem Rücken und ging ein Stück in Richtung des Bahngleishäuschens, wo ein Mann hinter einer Glasscheibe saß und ein belegtes Brötchen in sich hineinstopfte. Er hatte seine warme Winteruniformjacke neben sich auf die Ablage geworfen und blätterte gelangweilt in einer billigen Tageszeitung. Als er aufsah, hob Veronika die Hand und winkte ihm zu. Grinsend nahm er die Hand mit dem belegten Brötchen aus dem Gesicht und hob sie in die Höhe seiner Stirn. Veronika nahm die Hand herunter und verschränkte sie wieder hinter ihrem Rücken.
„Arrogantes Arschloch!“
Mit ihren knöchelhohen von der Bahn gestellten Einheitswinterschuhen kickte sie gelangweilt ein liegengebliebenes Stück Einwickelpapier in den Gleisbereich.
22.45 Uhr – Veronika schaute auf. Hatte sie eben das dumpfe Geräusch einer ICE-Signaltons gehört? Ihr Blick wanderte verwirrt zu dem Bahnhäuschen. Der Mann hinter der Scheibe hatte soeben das zweite belegte Brötchen mit aller Gewalt in seinen Mund geschoben und versuchte es unter Würgen zu zerkauen. Er war aufgestanden und hatte sich die Winterjacke übergeworfen. Mit hochrotem Kopf stürmte er aus der Tür heraus und kam auf sie zu gerannt.
Der ICE-Signalton war jetzt sehr deutlich zu hören.
„Ist das schon der Römer?“, Veronika ging ihm langsam entgegen und suchte in ihrer Jackentasche nach dem Funkgerät. Der Mann hob im Laufen die Arme, wie zur Begrüßung und sah immer wieder hinter sich, in die Richtung aus der der Signalton kam. Er blieb stehen, er hustete und versuchte den letzten Rest Brötchen hinunter zu würgen.
„Scheiße!“ Sein Kehlkopf arbeitete wie der schlecht geölte Kolben einer antiken Dampfmaschine. Er versuchte verzweifelt, Atem zu holen. „Verdammte Scheiße.“
Veronika schaltete das Funkgerät ein und hielt es sich vor der Mund.
„Was soll ich den Jungs sagen? Ist das der Römer?“
„Ich“, er fasste sich erschöpft an die schweißnasse Stirn. Entschuldigend hob er die Hand in die Höhe – „Warte.“ Angewidert sah Veronika mit an, wie er sich schmatzend mit Lippen und Zunge die letzten Reste von halbverdauten Brötchenkrumen und Leberwurst aus den Zahnzwischenräumen saugte. „OK.“
„Was?“, das ICE- Signal kam immer näher.
„OK, OK!“, er zeigte mit der Hand in die Richtung aus der das Signal kam. „Die Weichen.“, er schluckte. „Vier und Fünf –“, er machte eine wegdrückende Bewegung mit der Hand.
Veronika nickte. Sie drehte sich zur Seite und hielt sich das linke Ohr zu.
„Meier? Bist du dran?“
„Was?“- Das ICE-Signal war jetzt so laut, dass sie sich hinter einen Snackautomaten stellen musste. Sie presste ihre Stirn gegen das kalte Metall und hielt sich mit aller Kraft das Ohr zu.
„Ja.“, schrie sie so laut sie konnte. „Der Römer kommt jetzt rein. Lüder hat die Weichen manuell eingestellt. – Was?“, sie schüttelte mit dem Kopf. „WAS?“
Sie trat hinter dem Snackautomaten hervor und klemmte sich das Funkgerät an eine Schlaufe, die an die Winterjacke genäht war.
„Du läufst zu Meier!“, schrie sie Lüder an. „Wagon 7 und 8 sollen abgekoppelt und auf Gleis drei verschoben werden. Die kommen dann an den 105er aus München.“ Mit dem Zeigefinger tippte sie auf ihre Armbanduhr. „Sag Meier, die Jungs haben genau 25 Minuten.“
Lüder nickte. Hinter ihm sah Veronika, wie die Nase des ICE´s wie eine rote Granatenspitze aus dem milchigen Herbstnebel auftauchte und die dicke, graue Nachtluft wie ein landender Düsenjet verwirbelte. Veronika hielt sich die Ohren zu.
Dieses verdammte Arschloch hörte einfach nicht auf, das Signalhorn zu betätigen! Mit zugehaltenen Ohren rannte sie dem einfahrenden Zug entgegen.
„HEY!!“, sie nahm eine Hand vom Ohr und begann in Richtung Führerkabine zu winken.
„HEEEYYY!!!!!!!“
Der Signalton verstummte plötzlich. Veronika blieb stehen. Sie hielt sich immer noch ein Ohr zu. Langsam und quietschend schob sich der ICE an ihr vorbei und kam fast erschöpft zum Stillstand. Veronika sah sich mit verkniffenen Augen um und wartete darauf, dass sich die Waggontüren öffneten. In einiger Entfernung sah sie eine Gruppe von Gleisarbeitern, die damit beschäftigt waren, die letzten beiden Waggons an eine Zugmaschine anzukoppeln.
Veronika wischte sich erleichtert mit dem Handrücken über die Stirn und schüttelte mit dem Kopf. „Sind denn hier alle verrückt geworden?“, flüsterte sie leise, wie zu sich selbst. Langsam ging sie in Richtung der 1.Klasse-Waggons. An dem 2.Klasse-Waggon, der sich direkt hinter der Zugmaschine befand, blieb sie stehen und drückte die hell umleuchtete Tastenfläche, die die Tür öffnen sollte. Sie betrachtete ihr Spiegelbild an der dunklen, gläsernen Außenhaut und wartete. Eigentlich sah sie ziemlich hübsch aus, in ihrer dunkelblauen Bahnuniform. Mit den Händen zupfte sie den Kragen der Winterjacke in die korrekte Form und verschränkte wieder die Arme hinter dem Rücken. Sie wippte ein paar Mal auf ihren Zehenspitzen auf und ab – dann drückte sie den Öffnungsmechanismus mehrere Male sehr oft und sehr schnell hintereinander.
`Mist.´ Lustlos betrachtete sie ihr eigenes Spiegelbild und kam sich dabei ziemlich lächerlich vor. Mit einem Geräusch tiefster Verzweiflung zog sie ihren Generalschlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür per Hand.

„Mein Gott!“, Veronika presste sich den gefütterten Ärmel ihrer Winterjacke vor Nase und Mund und ging einen Schritt zurück. Der Geruch, der ihr entgegengeschlagen war, als sie die Tür geöffnet hatte war seltsam gewesen. Vorsichtig nahm sie den Ärmel runter und atmete die frische, kühle Nebelluft ein. „Meier?“, sie drehte das Funkgerät an ihrer Jacke zu ihrem Gesicht. Ein leises Knacken, immer wieder unterbrochen von unregelmäßigem Rauschen.
„Hör zu Lars, schick mir wen hoch, der die Lüftung repariert. Irgendwas stimmt nicht mit der Lüftung. Lars?“ Sie drückte mehrmals den Empfangsknopf, bekam aber keine Antwort.
„OK, Lars, ich kann dich zwar nicht hören, aber ich geh mal rein und werde von Hand lüften, OK?“ Sie ließ das Funkgerät los und hielt sich wieder den Ärmel ihrer Winterjacke vor das Gesicht. In dem Waggon stank es, als hätte jemand darin Schmalz ausgekocht. Es roch süßlich, nicht wirklich ekelerregend – sie beugte sich ein wenig in den Waggon hinein und ließ den Ärmel etwas sinken – nein, es roch einfach – UNANGENEHM. Veronika nickte und presste den Ärmel wieder auf Mund und Nase - `Unangenehm.´
In dem Waggon brannte die Nachtbeleuchtung. Die Bildschirme, die sich in den Rückenlehnen befanden waren ausgeschaltet. Veronika sah sich um und schüttelte mit dem Kopf. Warum war der Römer nicht voll? Der Römer war immer voll. Meistens hockten sie sogar auf den Toiletten. Sie schaute in den Durchgangsbereich zu den hinteren Waggons – LEER! Ihre Hand taste nach dem Lichtschalter unter der Notbremse.
„Mist! Hier funktioniert aber auch gar nichts!!“
Sie drehte sich um und ging tiefer in den Waggon hinein. An jeder Sitzreihe beugte sie sich über sie Sitze und schaltete unter den Gepäckablageflächen das Leselicht ein. Langsam wurde es ein wenig heller. Warum roch es hier nur so seltsam? Als sie durch den Waggon hindurch war, musste sie kurz die Hand herunternehmen, um die vordere Waggontür per Hand zu öffnen. Mit ganzer Kraft lehnte sie sich gegen die Tür und drückte sie nach außen. Durch den schmalen Spalt, der so entstand, drang ein feiner Luftzug an ihr Gesicht. Erleichtert atmete sie auf. Sie schob ihre Finger durch den schmalen Spalt und versuchte, die Tür weiter aufzuschieben. Sie bewegte sich nicht. Sie stemmte ihren Fuß gegen die Wand, drehte sich um und zog – Nichts. `Warum zum Teufel ---?´
Plötzlich ein Geräusch! Veronika quiekte auf. Die Tür bewegte sich! Im letzten Moment riss sie ihre Finger aus dem Spalt, bevor sich die Tür mit einem saugenden Geräusch wieder schloss.
„Verdammte SCHEIßE!“, Veronika rieb sich ängstlich die Hände. „Oh Gott.“, flüsterte sie plötzlich ängstlich. Sie dachte an die Hydraulik, die die Waggontüren normalerweise mit einem Druck von 250 Kilo in die Türöffnungen pressten. Das hätte nicht passieren dürfen! Verdammtnochmal, dafür gab es Lichtschranken, irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen. Mit geschlossenen Augen küsste sie ihre Fingerspitzen und presste ihre Hände unter ihre Achselhöhlen. `SOWAS DURFTE EINFACH NICHT PASSIEREN!´
Sie drehte sich um und sah zu der Tür, die in die Zugführerkabine führte. Sie ging langsam darauf zu. Warum war die Tür nicht verschlossen? Wer zum Teufel saß da vorne am Steuer?
Vorsichtig drückte Veronika die Tür mit der Hand auf.
„Hallo?“ In dem schmalen Gang, der seitlich an Dieselgeneratoren vorbeiführte, brannte kein Licht. Nur ein paar grüne und rote Kontrolllämpchen glimmten etwas zögerlich an den Schalttafeln an der Wand. `Na, wunderbar.´, dachte Veronika und machte einen Schritt in den Gang hinein. Am Ende des Ganges konnte sie den Eingang zur Zugführerkabine erkennen. Wenigstens dort brannte Licht. Erleichtert beschleunigte Veronika ihren Schritt. Mit den Händen tastete sie sich vorsichtig an der Außenwand entlang, um nicht aus Versehen irgendeinen der Knöpfe an den Schalttafeln zu betätigen. Schon konnte sie durch die offene Kabinentür den Rücken des Zugführers erkennen, der sich über den Fahrtenkontrollbildschirm gebeugt hatte.
„Hey Sie.“, rief Veronika. Sie klopfte an die offene Tür und trat in die Führerkabine. Die in die Steuerung integrierte Funkanlage rauschte und piepste.
„Hey!“ Veronika legte dem Zugführer entschlossen die Hand auf die Schulter und versuchte ihn durch ein leichtes Rütteln auf sich aufmerksam zu machen. Er lehnte sich zurück und plötzlich klappte sein Kopf wie der einer Gliederpuppe nach hinten.
Veronika riss die Hände zurück und kreischte auf. Sie stolperte zurück. IHRE HÄNDE! Sie kreischte. Sie betrachtete ihre blutroten Hände. Sie zitterte. Plötzlich brach eine Gestalt hinter der angelehnten Tür hervor und schleuderte sie mit solcher Gewalt nach vorn, dass sie gegen Fahrersessel schlug und der Zugführer wieder nach vorn auf den Fahrtenkontrollschirm kippte. Er rutschte zur Seite klatschte wie ein nasser Sack vor Veronikas Füße, die sich die Hände vor das Gesicht hielt und so laut wie eine ICE-Signalton quiekte. Als sie sich umdrehte sah sie gerade noch die dunkle Gestalt und wie sie sie vom Ende des Ganges lautlos anstarrte.
Veronikas Schrei erstarb und machte einem wesentlich beängstigenderem Wimmern Platz.
„MeinGott-MeinGott-MeinGott.“, flüsterte sie wieder und wieder und zerrte an dem Funkgerät an ihrer Seite. Die dunkle Gestalt legte den Kopf ein wenig schief und riss den dunklen Umhang um seine Schultern ein wenig zurück. Für einen Augenblick sah Veronika darunter einen silbrig glänzenden Gegenstand aufblitzen. Wie verrückt betätigte sie den Signalknopf an ihrem Funkgerät.
„VERONIKA!“, plärrte das Funkgerät plötzlich los. „Veronika, was zum Teufel ist bei dir da oben los?“ Mit aller Gewalt riss Veronika das Funkgerät von ihrer Jacke ab und drückte den Wiedergabeknopf.
„LARS, HIER IST –“ Sie drehte sich um und sah den Gang hinab. Erleichtert wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn. Die dunkle Gestalt war plötzlich verschwunden.
Sie atmete laut und erleichtert aus. „Lars, bist du noch da? LARS?“
Ein metallisch schleifendes Geräusch wie von einem Wetzstein ließ Veronika erstarren.
„WISSEN SIE EIGENTLICH, DASS DAS AUGE DER SPIEGEL DER MENSCHLICHEN SEELE IST?“, sagte eine düstere Stimme hinter ihr sehr leise.
Veronica drückte den Widergabeknopf.
„Lars?“, fragte sie ängstlich und schloss die Augen.

„LAAAARS???“


„Hey Sie!“, Lüder hatte die düstere Gestalt mit dem dunklen Anzug erst im letzten Augenblick gesehen. „Scheiße!“, er ließ die beiden heißen Pappbecher mit Kaffee auf den Boden fallen und leckte sich den verbrannten Handrücken. Die düstere Gestalt starrte ihn von weitem sehr lange und sehr ruhig an. Lüder wischte sich die Hände an der Winterjacke ab und hob die Hand.
„Warten Sie mal!“ Als die dunkle Gestalt einen Schritt zurück machte, wurde Lüder misstrauisch. „Kann ich mal Ihre Fahrkarte sehen?“ Die dunkle Gestalt machte jetzt mehrere Schritte zurück, als wollte sie Anlauf nehmen.
Lüder begann zu grinsen. „An mir kommt keiner vorbei, du mieser, kleiner Schwarzfahrer.“
Plötzlich rannte die Gestalt zur Seite, auf die andere Seite des Bahnsteiges und übersprang mit einem einzigen gewaltigen Satz den sechs Meter breiten Gleisbereich. Mühelos setzte er auf der anderen Seite auf, überquerte auch diesen Bahnsteig mit wenigen, langen Schritten, dann sprang er. Sein dunkler Umhang flatterte dabei wie eine schwarze, samtene Schleppe durch die Luft und ließ die Umrisse seines Körpers in der Dunkelheit fast verschwinden. Lüder wischte sich ungläubig die übermüdeten Augen. Die dunkle Gestalt landete auf Gleis vier und begann nach rechts zu laufen. Der 105er aus München hatte gerade das Abfahrsignal bekommen und hatte sich bereits in Gang gesetzt. Noch nie hatte Lüder gesehen, dass einer mit nem ICE mithalten konnte. Lüders Kinnlade klappte nach unten. Der verdammte Zug musste jetzt schon mindestens 60 Sachen drauf haben! Und dieser Kerl mit dem dunklen Umhang holte immer noch auf!! Als er den letzten Waggon fast erreicht hatte, öffnete sich plötzlich eine der Waggontüren – Lüder schlug sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel. Mit einem allerletzten Kraftaufwand machte die dunkle Gestalt einen Satz nach vorn und verschwand im Inneren des Zuges, als würde der noch immer auf das verdammte Abfahrtsignal warten.
Lüder stieß einen Schrei des Unglaubens aus und klatschte laut und überwältigt in die Hände.
„WOW! WOW! WOW! ALSO SOWAS HAB ICH NOCH NICHT GESEHEN!“
„Habt ihr DAS gesehen?“, fragte er und drehte sch zu den Bahnarbeitern um, die gerade gelangweilt die Treppen hoch kamen. Lüder kratzte sich an der Stirn.
„Also so was habt ihr noch nicht gesehen!“
„Ist das der Römer?“, fragte einer der Bahnarbeiter gelangweilt.
„Ja.“, sagte Lüder und schüttelte immer noch ungläubig den Kopf.
„Wir sollen hier den Siebten und Achten an den Münchner ankoppeln.“
Lüder zeigte nach vorn.
„Aber der ist doch eben gerade –“ Plötzlich wirbelte Lüder herum und begann hastig die Waggons des Römers mit den Fingern abzuzählen. Als er damit fertig war, betrachtete er sehr ungläubig seine beiden Hände. Sechs Finger waren von seinen Händen abgespreizt.
Lüder schloss beide Hände wieder zu Fäusten und schloss die Augen.
„ACH DU SCHEIßE!“


Jack erwachte und fühlte sich, als hätte jemand mit seinem Kopf Football gespielt. Er beugte sich etwas vor und musste seinen Kopf festhalten. Genauso wie beim Football, schien sein Kopf die Form eines Ei´s zu haben, das auf der spitzen Seite stand und jederzeit drohte, um zu fallen. Er stöhnte auf und versuchte seine Augen zu öffnen. Er ertastete seine Augenlider durch die schmalen Öffnungen im Kopfverband und machte ein hohes entsetztes Geräusch, als er die seltsame Kruste fühlte, die sich über den Wimpern gebildet hatte.
„Das Blut hat dir die Augen verklebt.“, sagte eine Mädchenstimme. Jack verschränkte die Oberarme und versuchte sich aufzusetzen. Er war also wieder im Krankenhaus. Na, wunderbar! Das bedeutete wahrscheinlich, dass die alte Schachtel die ganze Nacht hindurch auf ihn eingeprügelt hatte, bis morgens der Postbote gekommen war und unten im Flur die dumpfen Schläge gehört hatte. Der hatte dann die Polizei gerufen und die hatten die Alte mit ihren Schlagstöcken zur Besinnung gebracht. Jack nickte und lächelte.
„Hier.“, sagte die Mädchenstimme und drückte ihm einen nassen Lappen in die Hand.
„Wisch dir damit die Augen aus. Das Wasser müsste die Blutverkrustungen wieder auflösen.“
Jack nahm den Lappen und wischte sich damit über die Augen.
„Habt ihr das ganze Jod nach Somalia geschickt?“, fragte er. „Oder hat euch das Gesundheitsministerium mal wieder die Mittel gestrichen?“ Langsam fühlte er, wie sich das Blut auf seinen Augen aufzulösen begann. Jack ließ den Lappen auf den Boden fallen und machte mit der Hand eine fordernde Bewegung. „Ich brauch nen Neuen.“
Das Mädchen hob den Lappen wieder vom Boden auf und drückte ihn ihm in die Hand.
„Na also!“, sagte Jack ungeduldig und betupfte sich mit dem Lappen wieder die Augen.
„Warum muss ICH das eigentlich machen?“, fragte er plötzlich und fühlte schon, wie sich seine Augen langsam öffneten. Er sah ein verschwommenes Gesicht und wartete, bis es klarer wurde.
Das Gesicht kam ihm irgendwie bekannt vor. Er beugte sich vor, um es besser erkennen zu können. Es war –
„Weil du hier nicht in nem verdammten Krankenhaus bist.“, sagte das Mädchen und gab ihm einen Stoß gegen den verbundenen Kopf. Jack zuckte zurück und schrie auf.
„Du, Du NAZISCHLAMPE!!“ Jack versuchte aufzustehen.
„Ich ruf die Bullen!“, schrie er. „Ihr habt versucht mich umzubringen!“
Den Schlag gegen den Kopf, den das Mädchen ihm jetzt versetzte, war um einiges heftiger, als Jack erwartet hatte. „AU!“, Jack hielt seinen Kopf umklammert, als könnte er aufplatzen und auslaufen. „Scheiße.“
„Hör auf rumzuheulen.“, sagte das Mädchen sehr ruhig und stand auf. Jacks Hand tastete auf der Couch umher und suchte nach einem Gegenstand, mit dem er sich verteidigen konnte. Plötzlich fühlte er den silbernen Kronleuchter, packte ihn und stieß ihn wie eine Waffe nach vorn.
„Mach dich nicht lächerlich.“, sagte das Mädchen und betrachtete den Kronleuchter, der viel zu verbeult war, um aus echtem Silber zu sein.
„Wenn Ecki jetzt hier wäre –“
„ECKI??“, Jack ließ den Kronleuchter vor Schreck fallen und rutschte ganz in die letzte Ecke der Couch zurück.
„WENN Ecki jetzt hier wäre, würde er dir den Kronleuchter so tief in deinen Normaloarsch rammen, dass sogar in deinem Dünndarm wieder Licht brennen würde.“
Jacks Stimme zitterte: „Er ist NICHT hier?“, fragte er vorsichtig. Er blickte erst in Richtung Flur und dann in Richtung Küche. Als sich nichts rührte, atmete er laut und erleichtert aus.
„Puh.“, Jack wischte sich über die Stirn. „Also nicht, dass ich irgendwas gegen Ecki hätte. Aber er ist – ich meine, er hat ja, ich meine, gestern Abend.“, Jack winkte mit der Hand ab. „Ach, du bist doch dabei gewesen.“
„Ecki hat dich nicht einmal angerührt.“
„JA, ICH WEIß – HITLER HAT AUCH KEINEN UMGEBRACHT!! Das waren nur Goebbels und Himmler und dieser komische Arzt aus – ehm.“, Jack schnippte ungeduldig mit den Fingern.
„Du meinst Mengele.“
„GENAU!“, schrie Jack und zeigte genau auf das Mädchen. „Wahrscheinlich musstest du das damals alles auswendig lernen, als du auf Hitler deinen Blutschwur geleistet hast. Ich schätze, das komische Buch, das er geschrieben hat, das kannst du auch auswendig!“
„Mein Kampf.“
„Blödsinn!“, schrie Jack. „Alles Blödsinn! Sieh dich doch an. Dieser beschissene Haarschnitt, die Klamotten – geschweige denn, der ganze Schwachsinn, den ihr im Hirn habt. Dieser Rassen- und Osterweiterungsscheiß!“, Jack war wieder auf dem Höhepunkt seiner Kräfte.
„Und DU, du bist wahrscheinlich nur bei dem Verein, weil du nie einen Freund gefunden hast, und Ecki war bestimmt der erste, der dich so richtig gefickt hat und der dann erzählt hat, es wäre nur so schön gewesen, weil er nicht an die Ausschwitzlüge glauben würde.“
„Sowas Ähnliches.“, antwortete sie plötzlich und drehte sich wütend zu ihm um. Das Funkeln in ihren Augen brachte Jack dazu, seine Lippen verlegen zusammen zu kneifen.
„Ehm, ich meine –“ Er kratzte sich an der Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, was er eben gesagt hatte.
„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte er etwas irritiert. „Habt ihr grade keine Mitgliederversammlung oder so was?“
„Ich dachte, du könntest uns vielleicht helfen.“
Jacks Mund stand so weit auf wie ein Scheunentor. Hatte er richtig gehört?
„WAAASSS??“, Jack lachte lauthals auf. „Soll ich –“, Jack konnte sich nicht mehr einkriegen. „Soll ich für euch vielleicht noch mal die Schwulenpornos durchgehen?“ Jack trommelte wie verrückt gegen die Lehne des Sofas. „Wie wärs mit nem richtig schönen, prallen Negerschwanz? Wär´ das was? Oder passt euch der irgendwie nicht –
RASSENTECHNISCH????“
„Für dich könnte dabei ein neuer Rechner rausspringen.“
Jack spitzte die Ohren. Er lehnte sich entspannt gegen die Lehne des Sofas zurück und lächelte. So langsam schien die Geschichte anzufangen, ihm als Amüsement zu dienen. Er nahm wieder den Kronleuchter und drehte ihn spielerisch mit den Händen hin und her.
„Also für ne neue Turbomaschine könnte ich schon mal darüber nachdenken, meine politische Meinung – na ja – n´bißchen zu DEEEHNEN.“ Er legte den Kronleuchter bei Seite, presste die Fingerspitzen seiner Hände fest gegeneinander und machte eine eindeutige Dehnungsbewegung, indem er die Handballen voneinander fortbewegte. Das Mädchen verdrehte angewidert die Augen.
„Mehr als´n Rechner is nich drin.“, sagte sie und kam auf ihn zu. Sie hielt ihm ihre kleine Faust sehr dicht vor das Gesicht und drehte sie langsam vor seinem Gesicht nach rechts.
„Wenn du denkst, ich mach für so´n scheiß Normalo wie dich die Beine breit, haste dich geschnitten. Wenn de auch nur dran denkst, steck ich dir die hier so tief in deinen Schreibtischarsch, bis de denkst, du hast zwei neue Mandeln!“
Jack schluckte und betrachtete die Faust mit großen Augen.
„Wow!“
Sie stieß mit der Faust fest gegen Jacks Stirn.
„Mist!“ Jack hob entschuldigend die Hände. „OK,OK! Ich hab schon verstanden. Kein GENaustausch bevor ich nicht meinen Rechner habe.“ Jack stand langsam vom Sofa auf und ging ins Badezimmer. Er betrachtete sich eine Weile im Spiegel und betastete vorsichtig den Verband in seinem Gesicht. Als er ihr Gesicht mit den blondgefärbten dünnen Haaren in der Stirn sah, zuckte er erschrocken zusammen. „Verdammt! Schon mal was von Privatsphäre gehört?“
„Mach den Verband ab.“, sagte sie und drehte sich zur Seite. Sie öffnete den Badschrank und nahm sein Rasierzeug und eine Packung Taschentücher heraus.
Jack nestelte an dem Knoten an seinem Hinterkopf und öffnete ihn vorsichtig.
„Haste keinen Langhaarrasierer?“, fragte sie und schaute in den kleinen Schrank neben der Tür.
Jack hielt mehrere Bahnen Kopfverband lose in der Hand und betrachtete etwas verwundert das Rasierzeug. „Wozu brauchst du denn meinen Langhaarschneider?“
Sie fand den Langhaarschneider, hielt ihn hoch und steckte auch schon den Stecker in die Steckdose.
„Denkst du etwa, da, wo wir hinwollen, kommt man mit sonem hässlichen Mittelscheitel rein?“
„Ich war erst letzte Woche beim Frisör!“, protestierte Jack.
„Du warst auch erst letzte Nacht im Krankenhaus.“, sagte sie ernst und schaltete den Rasierapparat ein.
„Und wozu sind die Taschentücher?“, fragte Jack und wickelte sehr langsam den Verband von seinem Gesicht. Sie nahm eines der Taschentücher und steckte es ihm vorne in den Ausschnitt seines Unterhemdes.
„Hinterher heult jeder.“, sagte sie.


„Gib das her!“. Sagte sie wütend und riss Jack den Handspiegel aus der Hand. Jacks Hände begannen zu zittern.
„Gib ihn noch einmal her.“, flehte er.
„Hier, das ist mein letztes.“, sagte sie gelangweilt und warf die lehre Hülle aus dem Autofenster. Jack nahm das letzte Taschentuch und betrachtete es lange, bevor er laut hineinschnaubte und sich mit den Ecken die Augen abtupfte. Der Taxifahrer grinste und schaute in den Rückspiegel.
„Na, wohl beim Frisör gewesen.“
Jack hob den Zeigefinger und wollte etwas sagen. Er seufzte laut und drehte sich zur Seite.
„Du solltest mir vielleicht deinen Namen sagen, BEVOR ICH DICH UMBRINGE!“
„Ina.“, sagte sie.
„Ok, Ina.“, sagte Jack und streckte seine Hände nach ihrem Hals aus.
„Da vorn links.“, sagte Ina ruhig und beugte sich nach vorn.
Plötzlich packte Jack den Handspiegel und begann wie verrückt daran zu zerren.
„Nur noch einmal.“, schrie er.
Ina ließ den Spiegel nicht los und verpasste Jack einen Ellenbogenschlag gegen die Schläfe. Jack zuckte zurück und zog entsetzt den Beine an.
„Bitte!“
Ina verdrehte die Augen. „Hier.“
Jack riss ihr den Spiegel aus den Händen und sah mit großen, rotumrandeten Augen in die Spiegelfläche. Seine Hand tastete erst in seinem Gesicht herum, dann glitt sie vorsichtig über seine Stirn zu seiner Kopfhaut. Die Kopfhaut leuchtete im schummrigen Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge schmutzig weiß. An den Stellen, wo sie ihn mit dem Nassrasierer geschnitten hatte, gab es dunkle Stellen von getrocknetem Blut. Die meisten Taschentücher waren für diese Schnittstellen drauf gegangen.
„Ich hab dir ja gesagt, du sollst still halten.“, sagte Ina und schaute aus dem Fenster.
Jack sah sich wütend zu ihr um.
„Ich mach das hier alles nur für den Rechner, verstanden?“, sagte er wütend und warf ihr den Spiegel trotzig auf ihre Oberschenkel.
„Kaum zu glauben, dass ich vorhin noch scharf auf dich war!“


„Warte noch.“ Der Mann am Steuer legte der dunklen Gestalt neben sich die Hand auf die Schulter. Im Rückspiegel konnte er beobachten, wie ein helles Fahrzeug in die Straße einbog und direkt auf sie zuhielt. Der Mann neben ihm gab ein missmutiges Brummen von sich und wandte ihm das mit dunklen Tüchern vermummte Gesicht zu. Zwischen einem schmalen Spalt über der Nase funkelten den Mann am Steuer zwei bösartige, dunkle Augen an. Die Pupille des linken Auges war um einiges zu groß und überdeckte fast das Weiß, das rechts und links der Pupille in kleinen Dreiecken zu sehen war. Aus der Mitte der Pupille starrte ihn ein unruhiger schwarzer Punkt an, der so groß wie eine Süßwasserperle war.
„Du weißt, dass der Boss die Aktion selber einleiten möchte.“, sagte der Mann am Steuer ruhig und hob ein wenig die Maschinenpistole ins Licht, die so auf seinen Oberschenkeln lag, dass ihr Lauf auf den Beifahrersitz gerichtet war.
Der Mann neben ihm gab wieder ein missmutiges Brummen von sich und sah zu den beiden Männern auf dem Rücksitz. Sie saßen aufrecht und schauten gerade nach vorne, so als hätten sie mit der ganzen Sache nichts zu tun. Einer von beiden griff sich in die Tasche seiner dunklen Filzjacke und zog ein Päckchen Zigaretten hervor. Er zündete die Zigarette an und für einen Augenblick konnte man sein starres von Narben übersätes Gesicht sehen. Der Mann mit den Tüchern im Gesicht nickte ihm zu.
„Was für ein schönes Gesicht du hast, Zefalos.“, brummte er und der Mann mit den Narben lächelte kurz, bevor er wieder an der Zigarette zog und sein Blick wieder so starr wie zuvor wurde. Hinter ihm beobachtete er, wie das helle Fahrzeug, das in die Straße eingebogen war, langsam anhielt. Er sah eine junge Frau mit einem sehr schönen, kurzen, roten Rock und einer blauen Jacke, die einen jungen Mann aus dem Auto zerrte. Ein paar Augenblicke unterhielten sich die beiden sehr lebhaft, bevor sich das helle Fahrzeug wieder in Bewegung setzte, wendete und in die Richtung zurückfuhr, aus der es gekommen war.
Die junge Frau überquerte als erste die Straße. Der junge Mann folgte ihr zögernd.
Der Mann mit dem vermummten Gesicht wandte sich wieder nach vorn und beobachtete mit seinem „großen“ Auge die Häuserfassaden.
„Kannst du ihn schon sehen?“, fragte ihn der Mann am Steuer und beugte sich vor, um besser sehen zu können.
Der Mann mit dem vermummten Gesicht nickte. Er zeigte mit dem Finger nach vorn und in die Höhe. Der Mann am Steuer schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen.
„Wo?“, fragte er.
„Auf dem Balkon.“, der Mann mit dem vermummten Gesicht griff in eine Tasche, die zwischen seinen Beinen stand und zog einen langen, schmalen Gegenstand heraus.
„Cornelius?“, er hielt dem Mann am Steuer den Gegenstand hin und griff wieder in die Tasche. Der Mann am Steuer schüttelte mit dem Kopf und tätschelte mit seiner rechten Hand auf dem Maschinengewehr herum, während seine Augen noch immer gebannt auf die Häuserfassaden gerichtet waren.
„Da!“, sagte er plötzlich und zeigte nach vorn. Zuerst hatte er nur einen flüchtigen Schatten gesehen, der sich scheinbar unterhalb eines Fensterbrettes bewegt hatte. Es hätte eine Hand oder ein Arm sein können. Einige Augenblicke später nahm der flüchtige Schatten Gestalt an und übersprang mit Leichtigkeit den Abgrund zwischen zwei der obersten Balkone. Mühelos erklomm er den First über einen dünnen Blitzableiter und verschwand für einige Sekunden auf dem Dach des Hauses, bevor er mit einem gewaltigen Satz gleich mehrere Stockwerke in die Tiefe sprang, wo er sich am Geländer einer Balustrade festklammerte und für einen Augenblick fast unsichtbar wurde, als ein Van unter ihm langsam aus einer Ausfahrt fuhr. Der Fahrer schaltete die Scheinwerfer ein, die sich in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses spiegelten und die Gestalt an der Balustrade in ein schummriges Licht tauchten.
„Visace!“, Der Mann am Steuer packte den Vermummten am Ärmel und hielt ihn davor zurück, aus dem Wagen zu springen. Als er wieder nach vorn sah, sah er nur noch die Rückleuchten des Vans, der sich langsam entfernte. Sein Blick wanderte zu der Balustrade.
Die Gestalt war verschwunden.
„Es gefällt ihm, sich zu verbergen.“, sagte der Vermummte neben ihm und nickte.
Cornelius sah, wie der Vermummte die Wagentür öffnete und langsam ausstieg. Er packte die Tasche aus dem Fußraum des Beifahrersitzes und reichte sie nach hinten. Die beiden Männer öffneten sie und entnahmen ihr mehrere große Stichwaffen und einige ältere Schrotflinten.
Cornelius grinste, als er sah, wie sie sich die Stichwaffen in die Gürtel ihrer Hosen steckten.
„Ach!“, sagte er und seufzte. „Wenn euch doch jetzt der Boss nur so sehen könnte.“
Die beiden Männer grinsten breit zurück.
„Meinst du, dass er stolz auf uns wäre?“
„Gehen wir rein und machen ihn stolz.“, sagte Cornelius und stieg aus dem Wagen. Er drehte sich um und suchte die Straße nach den beiden Gestalten ab, die bis vor ein paar Minuten noch hinter ihnen gewesen waren. Sie waren verschwunden.
Wahrscheinlich gefiel es auch ihnen, nicht gesehen zu werden.


Cornelius war in den Jahren des Reisens und des Mordens nicht älter geworden. Auch die anderen Männer, die gewöhnlich nur noch ihre alten dunklen Filzjacken und verschlissenen Filzhosen trugen, hatten mit der Zeit nicht mehr als ihre Hautfarbe verloren. Ihre Wangen hatten das Rot verloren, keine Sonne hätte ihre Haut bräunen können, überall unter ihrer fast durchsichtigen Haut schimmerten dicke, purpurne Adern hindurch, wie Krampfadern aufgebläht, mit schrecklichen Verknotungen und üblen Auswucherungen. Ihre Haut war übersät von großen dunklen Flecken, wo die Adern dem Druck ihres dickflüssigen Blutes nicht mehr hatten standhalten können. Ihre Körper waren über und über mit Wunden bedeckt.
Jede dieser Wunden wurde vom Doktor höchstpersönlich und auf die schmerzhafteste Art und Weise behandelt. Grobschlächtig und wild setzte er seine Skalpelle ein, um ihnen wildes, altes Fleisch zu entfernen, das sie manchmal fast lähmte, wenn es ganze Muskelstränge befiel. Auch Cornelius Körper war bis zu den Hüften ein einziger Klüngel von narbiger, schmutzigweißer Haut. Sie war gänzlich überwuchert von eisernen Klammern, die sich tief ins Fleisch, bis auf die Knochen gruben, um die Muskeln daran zu hindern einfach abzufallen. Dabei war Cornelius noch froh, dass er diese fast unmenschlichen Stellen seines Körpers mit den einfachsten Kleidungsstücken verbergen konnte. Lipus Less und Zefalos Fin hatten schreckliche Narben im Gesicht und niemand konnte sie lange anschauen, ohne es mit der Angst zu tun zu bekommen. Lipus Less´ linkes Auge hatte bereits begonnen, sich zu verändern und so zu werden, wie das von Visace. Er nannte es selbst das „große“ Auge, weil es ihm erlaubte, Dinge in der Dunkelheit zu sehen, wie es nur der Doktor konnte. Lipus Less konnte jetzt schon fast doppelt so gut sehen wie Cornelius. Was würde er erst sehen können, wenn es so groß war, wie das von Visace? Nicht einmal Cornelius wusste ganz genau, was er eigentlich sah. Waren es nur noch Schatten? Sah er das, von dem der Doktor behauptete, dass man es nur mit diesen Augen sehen konnte? Den Spiegel der Seele? Den inneren Schatten eines jeden Körpers und eines jeden Gegenstandes? Cornelius fürchtete sich davor, dass es ihm genauso gehen könnte. Wenn die Narben erst sein Gesicht erreichten, würden sich seine Augen anfangen zu verändern, dann sein Verstand. Visaces Verstand hatte bereits begonnen, sich zu verändern. Er sprach jetzt nur noch wenig und wenn, dann sprach er nur noch von den Dingen, von denen auch der Doktor redete. Es waren schreckliche Dinge und es war schrecklich genug, sie selbst zu erleben, sie zu tun und mit an zu sehen, wie sie geschahen. Aber sie zu denken? Was für ein Wahnsinn musste das sein? Visace war ein Tier geworden, eine Kreatur und Erfindung des Doktors. Bald würden Visaces Augen anfangen zu eitern, wie sie das immer getan hatten. Das Weiß war dann bereits aus dem lidlosen Auge verschwunden und die Seele, wie der Doktor immer sagte, spiegelte sich nicht mehr. Alles, was blieb, war ein großes schwarzes Rund, in dem eine einzige noch schwärzere Pupille unablässig die Dunkelheit absuchte. Bis es schließlich erblindete.


Ina quasselte so lange und nervtötend auf den jungen Mann am Empfang ein, bis selbst Jack beinahe die Beherrschung verloren hätte. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, irgendetwas total Rechtes zu sagen, wenn man ihn fragte. Sein eigener Wortschatz half ihm dabei nicht gerade weiter und Jacks Augen wanderten unablässig über die Reihe von Fotografien an den Wänden, der leuchtend weiß gestrichenen Empfangshalle. Die meisten der Gesichter, die auf den Fotos abgebildet waren, waren ihm unbekannt. Aber ein paar glaubte er schon mal im Fernsehen gesehen zu haben. Es waren Männer, die er irgendwie zwischen der Deutsche Bank und dem äußersten rechten Flügel der bayrischen CSU einordnen wollte. Jack betrachtete sie lange und kam zu dem Schluss, dass sie zu bekannt waren, dass er sie nicht schon mal gesehen hätte, aber sie waren auch wieder so weit unbekannt, dass er sie nicht eindeutig zuordnen konnte. Kannte er denn überhaupt irgendwen aus den Führungsetagen der großen deutschen Banken? Oder aus der CSU? Jack überlegte und beugte sich etwas vor, um die Namen deutlicher lesen zu können.
„Komm jetzt, Blassgesicht.“, sagte Ina plötzlich und packte Jack am Arm. Jack drehte sich um und winkte dem jungen Mann mit dem modischem Kurzhaarschnitt und dem gut aussehenden Anzug freundlich zu.
Als sie ein paar Schritte entfernt waren, ließ Ina ihn los. Jack hielt sich verschwörerisch die Hand an den Mund.
„Warum zum Teufel musste ich mir eigentlich eine Glatze rasieren, wenn hier alle völlig normal rumlaufen?“
Ina stieß ihn in Richtung Treppe. Jack blieb demonstrativ stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Mann, bist du so blöd oder siehst du nur so aus?“
„Na, wer ist denn dran schuld, dass ich SO rumlaufe?“, Jack schlug sich mit der flachen Hand auf den glattrasierten Schädel und schloss schmerzhaft die Augen. Er schaute in seine Flache Hand und sah dass seine Fingerspitzen an einigen Stellen rot gefärbt waren. „Blut.“, sagte er.
„Sei froh, dass das keiner mitgekriegt hat.“, sagte Ina und stieß ihn vorwärts. Sie drehte sich um und sah, wie der Kerl am Empfang hinter der Theke hervorgetreten war und in ihre Richtung sah. „Los jetzt!“, befahl Ina.
Jack schüttelte den Kopf und sah gelangweilt in Richtung Treppenaufgang.
„Erst sagst du mir, warum hier alle außer mir wie ganz normale Menschen aussehen.“ Er drehte sich zu Ina um. „Ich meine, mal abgesehen von dir.“
„Weil das verdammtnochmal alles nur Fassade ist!“
Jack überlegte. Ina sah, wie der Kerl vom Empfang langsam in ihre Richtung kam. Er zog aus seiner Tasche ein Handy hervor und hielt es sich ans Ohr.
Ina drehte sich verzweifelt zu Jack um.
Jack stand schon auf der obersten Treppe und winkte ihr zu.
„Los Niggervotze!“, schrie er sie an. Ina rannte die Treppe hoch.
Jack sah den Mann vom Empfang an und winkte mit der Hand ab.
„FRAUEN!“, sagte er sehr laut. Der Kerl vom Empfang ließ das Handy sinken und grinste.
„Wenn du das noch mal machst, bring ich dich um.“, sagte Ina und stieß Jack in den Rücken. Sie gingen zwei Etagen nach oben und kamen in einen langen Flur, der ebenfalls sehr sauber und sehr weiß gestrichen war. Zwischen den einzelnen Türen sah Jack wieder vereinzelte Bilder mit Gesichtern, dazwischen mehrere Aushänge mit langen Listen, meist mit Namen und kleinen Passfotos daneben. An einer Liste blieb er stehen. Ina packte ihn am Arm und wollte ihn weiterziehen.
„Hey.“, sagte Jack und zeigte auf eines der Fotos. „Kuck mal, da hatte ich noch lange Haare.“, sagte er verblüfft. Ina sah kurz auf das Foto und zog Jack dann energisch weiter. „Siehst aus, wie´n scheiß Langhaardackel.“, sagte sie.
„Vor zehn Jahren war so was total in.“, sagte Jack. „Und wer nen Zopf hatte, der wurde ohnehin gleich verhaftet.“
„Heute haben die ihre eigenen Leute bei den Bullen.“, antwortete Ina gelangweilt.
Jack schüttelte den Kopf und seufzte. „Die guten, alten Zeiten scheinen ja echt vorbei zu sein.“ Jack wurde plötzlich klar, dass das Foto in etwa zu der Zeit gemacht worden war, wo auch er das letzte Mal bei ner Demo gewesen war. Jack kratzte sich am Kopf und vermisste seine Haare. Machte sone Demo ohne lange Haare überhaupt noch Spaß?
„Kein Wunder, dass ihr keine Kinder der Straße mehr seid.“, sagte er. Er wischte sich wieder mit der flachen Hand über den Kopf. „Langes Haar bringt Staat Gefahr. Glatt rasiert – Staat kassiert.“
„Sei jetzt still.“, sagte Ina und blieb stehen. Sie zeigte auf eine Tür. „Da drinnen ist der Rechnerraum. Wenn wir Glück haben, ist jetzt alles leer.“
Jack machte langsam die Tür auf. „Na, ich bin ja schon gespannt, was ihr Rechten so an Equipment habt. Am Geld solls ja bekanntlich nicht mangeln.“
Eine Hand riss Jack plötzlich die Tür aus der Hand. Jack drehte sich blitzschnell um und riss Ina in seine Arme. Ein Mann mit einem weißen Hemd und Hosenträgern steckte den Kopf aus der Tür. „Fickt zuhause.“, sagte er wütend, als er sah, wie Jack sein Gesicht in Inas drückte. Jack ließ Ina los, drehte sich um und schaute ihn an, als wäre er gerade überfallen worden. „Kann man hier nicht mal in Ruhe den Übermenschen zeugen?“, fragte er empört. Der Mann mit dem weißen Hemd schüttelte den Kopf und musste lachen. „Halts Maul und komm rein.“ Als er sich umdrehte, sah Jack Ina mit großen, wichtigtuerischen Augen an. `Na, wie hab ich das gemacht?´


Das Intelligenz-Center, kurz I-Center, war die Hauptzentrale für jegliche multimediale Aktion, die von der KFAS in den letzten fünf Jahren, seit ihrer Gründung von Peter Naumburg, durchgeführt wurde. Man hatte sich aus Kostengründen am Anfang auf das Einrichten von Internetseiten und das Verbreiten von einfachen Grundsatzaussagen beschränkt. Die Finanzierung lief größtenteils über Werbeeinnahmen auf kleineren Internetfronten, vorgelagerten Linkeinheiten, die über Codewörter eine Art Firewall für die eigentlichen Homepages bildeten. Peter Naumburg hatte sie einmal die „Spiegelbilder der Wirklichkeit“ genannt, weil die breite liberale Masse darin ihr eigenes jüdisches Antlitz sah, während hinter diesem Spiegelbild die unaufhaltsame Wahrheit auf sie lauerte. Die KFAS, die jeder Zeit aus ihr hervorbrechen konnte um ihre Wahrheit zu verbreiten. Es war von den Grundsätzen her eine medienterroristische Basis, die sich selbst als Weiterentwicklung und Höhepunkt der südamerikanischen Guerillataktik verstand. Nur dass sie sich endgültig von den Zwängen des Militarismus gelöst hatte und den Kampf jetzt dorthin führte, wo er schon von jeher erst seine tatsächliche Wirkung entfaltet hatte. Nämlich in die Köpfe der Menschen.
`Guerilla ist eine Waffe, die von der Angst gestählt wird.´, pflegte Peter Naumann immer zu sagen. `Wir kämpfen diesen Kampf im Verstand – an vorderster Front.´
Seit ihren Anfängen war das I-Center stetig zum eigentlichen Marktführer für den Vertrieb von rechtradikaler Literatur und PR-Artikeln aufgestiegen. Die Werbeeinnahmen durch die Internetfronten machten nun nur noch einen äußerst geringen Teil ihrer Finanzierungspolitik aus. Die größten finanziellen Zugpferde waren jetzt die Musik und Literaturabteilung. Peter Naumburg hatte es in den letzten zwei Jahren geschafft, fast alle rechtradikalen Untergrundmusiker auf seine Seite zu ziehen. Man hatte einen eigenen Manager, der sich nur mit dem Aushandeln und dem Abschluss von Plattenverträgen beschäftigte. Livekonzerte wurden jetzt live und weltweit übertragen. Kein Garagen oder Hinterhofgeklimper mehr. Keine Livekonzerte, die von der Polizei aufgelöst wurden. Alles geschah diskret in dafür angemieteten Industriegeländen, vor allem in Polen, Litauen und Russland. Man hatte eigene Busunternehmen, die für Anreise und Unterkunft sorgten, ganze Lastwagenzüge voll von Fanartikeln wurden jeden Monat über die Grenzen geschafft, um sie in nahe gelegenen Lagerhäusern unterzubringen. Konzerte fanden an jedem ersten und zwanzigsten des Monat statt. – Der Andrang war unglaublich.


Ina drängelte sich brutal an Jack vorbei und folgte dem Mann mit den Hosenträgern.
Jack schob den Kopf vor und schaute vorsichtig in den Raum hinein. Er erwartete etwas im Stil einer größeren Netzschaltung, vielleicht zwanzig, dreißig Rechner, einen mittelmäßigen bis besseren Server, insgesamt etwas bei dem man höchstens müde lächeln konnte und so was sagte, wie „ganz nett“ oder „hey, ja, das Internet ist schon ne tolle Sache“.
Dann wäre Jack beinahe vorn über gefallen. Er klammerte sich am Türrahmen fest und war so überwältigt, dass es nicht mal gemerkt hätte, WENN ihm der Speichel aus dem Mund gelaufen wäre.
„00101101.“, flüsterte Jack. Dann etwas lauter. Er sah Ina hinterher, die sich hinter den Mann mit den Hosenträgern gestellt hatte. Sie redete mit ihm, während er sich an einen Rechner setzte. „00101101.“, sagte Jack laut und machte vorsichtig einen Schritt in den Raum hinein. `Was hieß hier Raum? DAS WAR EIN SAAL!!!´ Jack wurde schwindlig. Er drehte sich im Kreis – drehte sich – Jack fasste sich an die Stirn.
„Wow!“ Das mussten hundert – er schüttelte mit dem Kopf – HUNDERTE Rechner sein. Sie hatten die Wände zwischen den einzelnen Büroräumen entfernt und so einen einzigen langen Saal geschaffen, in dem sich eine Reihe von Computern an die nächste reihte. Jack dachte angestrengt nach. Die Rechenleistung musste unglaublich sein! Jack stolperte vorwärts und stützte sich fast atemlos an der nächstbesten Tischreihe ab. Er beugte sich vor und drehte einen der Rechner zu sich. Er war an der Seite offen und so voll gepackt wie ein RotesKreuzPaket für die arme, hungernde Bevölkerung von Nigeryen. Jack schaute genauer hin. Er schüttelte mit dem Kopf. Das waren keine Rechner – DAS WAREN RAKETEN! Damit konnte man direkt zum Mond fliegen, wenn man wollte. „Ina.“, sagte Jack laut.
„Ist er das?“, fragte der Mann mit den Hosenträgern und kam mit ausgestreckter Hand auf Jack zu. Er trug ein warmes, offenes Lächeln im Gesicht, das dafür geeignet war, einem einen VW-Polo für einen Benz zu verkaufen. Jack hob irritiert die rechte Hand und ließ sie sich sehr lange und sehr kraftvoll schütteln.
„Ich bin Peter.“, sagte der Mann mit den Hosenträgern sehr freundlich. Jack sah an ihm vorbei und glotzte Ina fast apathisch an. Ina reckte ihren Kopf hinter den breiten Schultern des Mannes in die Höhe und zeigte von hinten mit dem Finger auf ihn.
„Peter Naumann.“, sagte sie fast flüsternd. Jacks apathischer Blick lichtete sich.
„Häh?“
Der Mann mit den Hosenträgern nickte und schüttelte weiter Jacks rechte Hand. Hinter ihm formten Inas Lippen wieder und wieder das Wort Naumann. Jack erinnerte sich plötzlich an den Eingangsbereich und die Photos, die er dort gesehen hatte. Bei einem hatte er sich vorgebeugt, um den Namen zu lesen. Dann hatte Ina ihn weggezogen.
„Naumann!“, sagte Jack laut und sein Kopf zuckte in die Richtung von Naumanns breitem Lächeln. Jack drückte seine Hand sehr kräftig und grinste ein fast ebenso breites Lächeln.
„Hans“, sagte er. „Hans-Peter.“
„Sehr erfreut.“, sagte der Mann mit den Hosenträgern.
„Sie sind also der Mann, der unsere Spiegel wieder zum Glänzen bringen soll.“
Hinter ihm nickte Ina fast wie eine Wahnsinnige.
„Ehm.“ Jack öffnete den Mund und begann sehr langsam zu nicken.
„Ja.“, sagte er, ohne genau zu wissen, warum er ja sagte.
„Ich bin der Mann, der ihre Spiegel wieder zum Glänzen bringt.“


Zefalos Fin und Lipus Less standen vor dem Haupteingang des Gebäudes und starrten durch die gläserne Eingangstür ins Innere. Zefalos betastete mit seiner narbigen Hand neugierig das Glas der Tür und verdrehte den Kopf auf fast unmögliche Weise zur Seite.
Der Mann, der hinter der Theke stand, zog das Handy aus der kleinen ledernen Tasche an seinem Gürtel und hielt es wie eine Waffe in seiner ausgestreckten Hand.
„Verpisst euch da!“, schrie er laut und trat hinter der Theke hervor. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass ihm hier so ein paar Penner die Bude einrannten. Mit ihrer schmutzigen, dunklen Kleidung sahen sie aus, als hätten sie schon ihr ganzes Leben unter der Brücke verbracht. Das helle Neonröhrenlicht, das den Eingangsbereich beleuchtete, ließ ihre narbigen Gesichter noch abscheulicher erscheinen. Fast schien es, als würde das Licht durch ihre Haut hindurchscheinen. Einer von beiden hatte bereits seine schmutzigen Hände auf das Glas gelegt und – er drehte seinen Kopf zur Seite, drehte ihn so weit, dass dem jungen Mann mit dem Handy schwindlig wurde.
„Ich sags nicht noch mal.“, schrie er und trat von innen an die Eingangstür heran. Der Mann, dessen Hände jetzt ganz ruhig auf dem Glas lagen, drehte seinen Kopf weiter, bis er fast senkrecht zu seinem Rückgrat stand.
„Verpisst euch, ihr kranken Wichser!“ Der Mann mit dem Handy schlug entschlossen von innen gegen das Sicherheitsglas. Die beiden Männer glotzen ihn von draußen her starr an – er schlug ein zweites Mal gegen das Sicherheitsglas.
„Hey!“
Plötzlich schlugen sie von außen so heftig mit ihren Händen gegen das Glas, dass der ganze Rahmen erbebte. Was zum Teufel hatten sie vor? Das war Sicherheitsglas der Stufe fünf! Mein Gott, da brauchte man schon eine Panzerfaust, um da durch zu kommen. Der Mann mit dem Handy ging einen Schritt zurück. Hilfesuchend sah er sich um. Er sah die Fotos an den Wänden und die Männer, die ihn von den Fotos streng, fast unbarmherzig anstarrten. Durch die Erschütterungen schienen sie lebendig zu werden. Das Glas begann zu klirren. Die Bilder begannen zu hüpfen. Dann rauschten sie alle mit einem Mal zu Boden und zersplitterten. Die Fotos darin kippten fast ehrfürchtig aus ihren Rahmen und präsentierten ihre weiße, saubere Hinterseite.
Der Schläge der Männer wurden jetzt heftiger. Fast schien es, als würde der ganze Türrahmen unter ihren Fäusten erbeben. Sie warfen sich jetzt mit der ganzen Wucht ihrer Oberkörper gegen das Glas. Sie benutzten dabei ihre Köpfe als Rammbock, ihre Schultern wie Brecheisen, mit denen sie wieder und wieder gegen das Glas anrannten. Ihre Schläge hämmerten so laut gegen das Glas, dass sich der Mann im Inneren die Ohren zuhalten musste. Dann gab es plötzlich einen Knall und unzählige kleine Rissen breiteten sich in einem einzigen Augenblick über die ganze Glasfläche aus. Wie durch Milchglas hindurch beobachtete der Mann im Innern, wie die beiden Männer den Rhythmus ihrer Schlagserie beschleunigten. Entsetzt stolperte er mehrere Schritte zurück. Seine Hände zitterten wie verrückt, und er schaffte es gerade noch die Wahlwiederholungstaste zu drücken. Schreiend ging der Mann in die Knie, als der äußere Metallrahmen wie eine gewaltige Feder aus der Tür gesprengt wurde. Schon sah er, wie sich die Finger des einen Mannes wie Nägel durch das gebrochene Glas bohrten, wie wild riss er daran herum – die ganze Hand brach hindurch und packte das Sicherheitsglas, als wäre es aus Papier gemacht. Die Hand riss ganze Stücke heraus.
Dann steckte er plötzlich den Kopf durch das Glas, das eigentlich nicht mal eine Panzerfaust durchdringen sollte.
Für einen Augenblick wurde es still. Der Kopf starrte ihn durch die Öffnung im Glas an und fing an, sich wieder zur Seite zu drehen. Ein leises Knacken war zu hören, als die Augen im Kopf des Mannes ihn zum ersten Mal von unten anschauten.
Dann hörte der Mann mit dem Handy wie jemand das Telefon abnahm. Ohne darauf zu achten, wer es war schrie er mit einem Mal so laut,

dass Peter Naumann das Handy instinktiv von seinem Ohr fortriss.
„Helft mir!“, plärrte es fast schmerzhaft laut aus dem Handy heraus.
„Helft, verdammt, HELFT!“ Plötzlich wurde das Schreien von einem lauten Rauschen und Knacken übertönt. Es gab mehrere Geräusche, die sich anhörten, als würde Glas zersplittern. Naumann presste das Handy an seine Brust und drehte sich zu Jack um, der schon von seinem Stuhl aufgestanden war und ihn fragend ansah.
„Das kommt von unten.“, sagte Naumann und grinste plötzlich nicht mehr.
`Was ist los?´, wollte Jack eigentlich fragen, aber da war Naumann schon halb aus der Tür heraus. Auf dem Flur hörte man, wie er jemanden anschrie, er solle die ganze Truppe holen, alle – und ja, es sei ihm scheißegal, wie spät es war! Dann war es plötzlich still und Jack drehte sich um und schaute Ina an.
„Das ist unsere Chance.“, sagte sie und riss einen Kreuzschraubendreher aus der Innentasche ihrer Jeansjacke hervor.
„Hier.“, sagte sie. „Wir brauchen nur eine Festplatte. Aber das muss die Richtige sein.“
Jack nahm den Schraubendreher in die Hand und setzte sich wieder an den Rechner.
„Ich brauche fünf Minuten.“, sagte er.


Der Mann mit dem vermummten Gesicht rannte. Fetzen von dem zerrissenen Verband flatterten wie kleine, schwarze Fähnchen um seinen Kopf und gaben ihm ein fast medusaähnliches Aussehen. Lipus Less sah sich um und sah, wie der Mann, den sie nur Visace nannten auf die Eingangstür einstürmte. Er packte Zefalos an der Schulter und riss seinen Kopf aus der Öffnung in der Glastür. Zefalos´ verdrehter Kopf zuckte herum und drehte sich mit einem Mal in die aufrechte Stellung zurück. Beiden Männer gingen nur einen einzigen Schritt auseinander, als Visace wie ein lebendig gewordener Rammbock gegen das eingerissene Glas sprang und es wie eine einschlagende Panzerfaust in einer einzigen gewaltigen Explosion in alle Richtung auseinandersprengte. Fast augenblicklich drehten sich die beiden Männer um und betraten das Innere des Gebäudes. Visace hockte bewegungslos auf dem Boden und hatte seinen Kopf zwischen seine Oberschenkel gesteckt, seine gewaltigen Hände bedeckten seine Augen, um sie vor dem hellen Neonröhrenlicht zu schützen. Lipus Less zog aus dem Inneren seiner Filzjacke eine fliegerbrillenähnliche Schweißerbrille hervor. Mit den Fingern zerdrückte er eines der beiden schwarzen Gläser aus dem Rahmen und legte das Gummiband vorsichtig um Visaces Kopf. Er drehte sich zur Seite und schaute Zefalos an, der sich eine Sonnenbrille aufgesetzt hatte. Auch bei ihr fehlte auf der Seite, wo die Krankheit das gesunde Auge noch nicht erreicht hatte das Glas im Gestell. Visace machte ein erleichtertes Geräusch und stand langsam auf. Seine beiden Hände glitten unter seinen dunklen Filzmantel und rissen zwei riesige blitzende Messer heraus. Hinter ihnen betrat ein etwas kleinerer Mann den Eingangsbereich. In seinen Händen hielt er zwei lange Schrotflinten. Über die Schulter hatte er sich ein altertümliches Maschinengewehr gehängt. Er reichte erst Zefalos und dann Lipus Less eine der langen Schrotflinten. Dann nahm er das Maschinengewehr von der Schulter und richtete es in die Höhe.
„Mach das verdammte Licht aus.“, sagte Visace laut und ging zu der Empfangstheke rechts von ihnen. Das Maschinengewehr ratterte los und überzog die Decke mit einem Teppich von Einschusslöchern. Die Neonröhren explodierten eine nach der anderen und bedeckten die Männer mit einem grellen, heißen Funkenregen.
Visace war hinter der Theke in die Knie gegangen. Sie sahen, wie sich eine seiner Hände mit dem Messer in die Höhe reckte und dann mit einem Mal niedersauste. Ein einziger gurgelnder Schrei war zu hören. Die Männer gingen langsam auf die Theke zu. Wieder und wieder war Visaces Hand zu sehen und das riesige Messer, das immer schneller hernieder sauste. Cornelius ging um die Theke herum und sah, wie Visace wie von Sinnen auf den Körper eines Mannes einhackte. Mit einem Mal drehte er sich um und warf Cornelius etwas zu. Überrascht fing Cornelius es auf. Es war eine Hand, die kurz unterhalb des Handgelenks abgehackt worden war. Neugierig betrachtete Cornelius das Ding, das die tote Hand noch immer verzweifelt umklammert hielt.
„Er hat damit gesprochen.“, sagte Visace unter Anstrengungen.
Cornelius hielt sich die Hand mit dem Gegenstand ans Ohr und schüttelte es. Das Handy war fast vollständig mit einer dickflüssigen Blutschicht überzogen. Etwas misstrauisch hielt er das Handy an seinen Mund. „Hallo?“
Visace stand auf und wischte sich an seinem dunklen Mantel die blutigen Hände ab.
„Gib her.“, sagte er und nahm die Hand mit dem Handy. Mit einer einzigen kraftvollen Handbewegung löste er die Hand von dem Handy. Er betrachtete es eine Weile, indem er sein gesundes Auge mit der Hand bedeckte. Dann schaute er plötzlich auf und ließ das Handy achtlos auf den Boden fallen. Er hielt Cornelius die blutige abgehackte Hand ins Gesicht. „Hier drin ist mehr Leben.“, sagte er fast vorwurfsvoll. Dann warf er die Hand über seine Schulter. Sie klatschte leise auf den blutüberströmten Körper hinter ihm. „Gehen wir.“, sagte Cornelius. Visace sah an ihm vorbei in Richtung des Treppenbereiches. Er sah einen Mann mit einem sehr weißen Hemd und Hosenträgern, der wie erstarrt auf dem Zwischenpodest stand und sie anstarrte. In seiner Hand hielt er einen dunklen Gegenstand, der sehr große Ähnlichkeit mit dem Gegenstand hatte, den der Mann hinter der Theke in den Händen gehalten hatte. Mit einem Mal drehte sich der Mann um und rannte die Treppen hinauf.
Visace zeigte mit dem Finger in seine Richtung. „Der hat auch so ein Ding.“, sagte Visace und ging schnell an Cornelius vorbei in Richtung Treppenaufgang.
„Vielleicht ist da mehr Leben drin.“, sagte Zefalos Fin. Cornelius zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls können Augen nicht sprechen.“, sagte er.
Die drei Männer verließen den Eingangsbereich auf demselben Weg, wie sie ihn betreten hatten.

Eine seltsame Kälte überkam Peter Naumann, als er im zweiten Stockwerk an den Sicherungskästen vorüberhastete. Er drehte sich im Laufen zur Seite und sah einen dunklen Schatten zwischen den Sicherungskästen und der Tür, die zum I-Center führte. Kurz kreischte er auf, als der Schatten sich zu bewegen schien, dann stolperte er durch die Tür in den hell erleuchteten, langen Flur. Er stürzte, schrie und schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Ohne über die Schmerzen nachzudenken, raffte er sich auf und stolperte weiter. Hinter ihm knallte die Tür zurück in den Türrahmen.
Der Schatten, den Naumann nur flüchtig gesehen hatte, erzitterte. Mit einem Mal sah man eine Hand, die aus dem Schatten hervorkroch und den Schatten wie einen Vorhang ergriff. Der Schatten nahm die Form eines schwarzen Umhangs an und die Hand senkte den Saum des Umgangs, so dass ein düsteres, hageres Gesicht zum Vorschein kam. Langsam senkte sich der Umhang weiter und fiel dann, als die Hand den Saum losließ mit einem leisen Rauschen zu Boden. Die dunkle Gestalt, die sich hinter dem Umhang verborgen hatte, trat aus dem Schatten heraus und ging langsam auf die Sicherungskästen zu. Sie waren von einer massiven Metallplatte bedeckt, die von einem starken, fast faustgroßen Vorhängeschloss gesicherte wurde. Vorsichtig befühlte die dunkle Gestalt die Metallplatte mit den Händen. Eine Hand glitt langsam zu dem Vorhängeschloss und umklammerte es. Mit einer einzigen mühelosen Bewegung riss die Hand das Schloss von der Metallplatte. Die Metallplatte klappte nach unten und legte das Innere des Sicherungskastens frei. Die Gestalt griff mit beiden Händen in das Innere hinein und umfasste gleich mehrere dicke Stromkabel. Langsam zog die Gestalt die Stromkabel aus ihren Lötverbindungen. Das grelle Neonlicht im Treppenaufgang wich mit einem Mal einer alles ausfüllenden Dunkelheit. Alles, was die Gestalt jetzt noch erahnen ließ, waren seine dunklen Hände, die noch immer die Stromkabel umklammert hielten.
Als die Gestalt die Kabel losließ, verschwand sie vollends.

Als Peter Naumann die Tür zum I-Center aufriss und in den Saal hineinstürmte, da wurde ihm vollends klar, dass ihn alle, aber auch wirklich alle verraten wollten.
„Was macht ihr da?!“, schrie er und stürzte wie von Sinnen auf Ina zu. Sie hielt die Festplatte, die sie aus dem Hauptserver entfernt hatten entschlossen mit den Händen umklammert. Als Naumann fast bei ihr war, riss sie plötzlich den Kreuzschraubendreher vom Tisch und hieb ihn Naumann über das Gesicht.
Naumann schrie. Er griff sich ins Gesicht und schlug taumelnd gegen das junge Mädchen. Beide wankten wie ein betrunkenes Liebespaar mehrere Schritte nach hinten. Eine breite Schramme bildete sich auf Naumanns rechter Wange ab, die erst weiß und schließlich rot wurde, als sich dicke Tropfen von Blut durch die Wunde an die Oberfläche seiner Haut drückten. Wutentbrannt griff er nach Inas Hand, die den Schraubendreher in Richtung seines breiten Oberkörpers stieß, und verdrehte sie so, dass Ina einen spitzen Schrei ausstieß und in die Knie ging. „Miststück!“, schrie er laut und entwand ihr den Schraubendreher. Mit dem Griff des Schraubendrehers schlug er ihr einmal sehr hart gegen die Stirn, dass Ina für den Bruchteil eines Augenblicks zusammensackte.
Da prallte plötzlich Jack wie ein Rodeoreiter gegen Naumanns Rücken und katapultierte sie beide nach vorn. Mit beiden Händen versuchte Jack Naumanns Gesicht zu umklammern. Naumann stolperte über den bewegungslosen Körper des Mädchens und verfing sich mit seinen Beinen in dem Durcheinander ihrer Arme. Er machte einen großen Schritt nach vorn und versuchte das Gleichgewicht zu halten, während Jack ihm wieder und wieder mit der Faust gegen die Schläfe schlug. Naumann taumelte orientierungslos zur Seite und prallte mit den Hüften gegen einen Computertisch. Sein Oberkörper kippte nach vorn und Jack schrie auf, als sie beide in ein Gewirr von Computertischen und Stühlen stürzten.
Ina fasste sich stöhnend an die Stirn und hatte erst das Gefühl, als könnte sie ihre Hände nicht mehr spüren. Das Gefühl verging und sie hörte ein lautes Krachen und war wie auf einen Schlag auf den Beinen. Sie sah gerade noch, wie Jacks Kopf zwischen den Stühlen und den Computertischen auftauchte und dann von einer großen Hand nach unten gezogen wurde. Dann ging plötzlich das Licht aus und alles, was sie hörte waren die dumpfen Geräusche von Faustschlägen und manchmal ein verirrter Schrei, der von den beiden Männern zu ihr drang. In dem fahlen Mondlicht, das durch die hohen Fenster in das Innere des langen, schmalen Saales drang, sah sie ein paar ineinander verhakte Beine, die zwischen den Tischreihen rhythmisch zuckten und in ihr für einen Augenblick die Erinnerung an den Austausch von Zärtlichkeiten wachriefen.
Ina presste die Festplatte an ihre Brust und rannte zur Tür. Sie öffnete sie und schrie auf, als sie ein Mann mit vermummtem Gesicht am Hals ergriff und sie in die Höhe hob. Als sie versuchte, mit ihren Beinen nach ihm zu treten, schleuderte er sie plötzlich mit einer einzigen kraftvollen Bewegung den langen Gang hinunter. Sie schlug auf, rutschte quietschend über das stumpfe Linoleum und fühlte, wie sich die Haut ihrer Hände mit einem Mal auf schmerzhafte Weise erhitzte, als sie versuchte, die Wucht des Aufpralls abzumildern. Ihr ganzer Körper schmerzte, als sich ihre Beine schließlich wie ein gespreizter Anker in ein paar in den Flur gefallener Computerstühle verfingen und sie wie eine hilflose Schildkröte auf dem Bauch liegen blieb. Ein paar Meter vor ihr schlitterte noch immer die Festplatte über das Linoleum und polterte mehrere Male gegen die graugestrichene Tapezierleiste, bevor sie irgendwo in der Dunkelheit zur Ruhe kam.
Ina stöhnte. Eine große, kräftige Hand packte sie am Kragen ihrer blauen Jeansjacke und riss sie so unvermutet in die Höhe, dass ihr der Atem wegblieb. Ein einzelnes widerliches Auge starrte sie durch den leeren Rahmen einer Schweißerbrille hindurch an und ein seltsam vernarbter Mund schob sich durch dicke Bahnen von schmutzigem Verband hindurch. Die Lippen schienen dünn und spitz, wie leere Hautlappen. Es fehlte ihnen jegliche Form von Sinnlichkeit oder Gefühl. So vernarbt, wie sie waren, sah es aus, als hätte jemand die Lippen abgeschnitten und sie durch andere Hautteile ersetzt. Ina wurde fast ohnmächtig, als sie den abscheulichen Atem roch, der zwischen diesen Lippen hervorkroch.

Wie der Flügelschlag eines Dämons senkte sich der Umhang des Doktors zu Boden und ein Rauschen und ein Flattern war im ganzen Raum, als ob eintausend schwarze Dohlen mit ihren Flügeln schlügen. Dem Flattern folgte ein hundertfaches Knacken, als er sich mit fast unmenschlichen Körperverrenkungen aufrichtete.
Der Mann mit dem vermummten Gesicht drehte sich um und ließ das Mädchen, das er gepackt hatte, zu Boden sinken. Der Doktor ging langsam zu ihm und legte ihm die gewaltige dunkle Hand auf die Schulter.
„Bring mir das, was ihnen wichtig war.“, dröhnte seine Stimme und das Mädchen, das bei den beiden Gestalten auf dem Boden lag, erzitterte, als es diese Stimme hörte. Der Mann mit dem vermummten Gesicht drehte sich wortlos um und rannte den Flur hinab. Einige Augenblicke später kam er zurück und hielt einen kleinen, kastenförmigen Gegenstand in den vernarbten Händen.
Er betrachtete ihn einen Augenblick mit seinem Auge und schüttelte mit dem Kopf. Er reichte es dem Doktor.
„Es war ihnen wichtig.“, sagte der Doktor, um dem Mann mit dem vermummten Gesicht die Frage zu beantworten, die er stellen wollte.
Der Mann mit dem vermummten Gesicht lächelte. Manchmal war die Logik des Doktors atemberaubend! `Nimm ihnen das, was ihnen wichtig ist.´
Der Mann mit dem vermummten Gesicht sah neben sich auf den Boden und sah sehr genau das kleine, hilflos dreinschauende Gesicht des Mädchens. JA, dieser kleine Kasten war ihr wichtig. Wichtiger noch als ihr eigenes Leben. Der Mann mit dem vermummten Gesicht konnte das in ihren Augen lesen.
„Komm.“, sagte der Doktor plötzlich fast führsorglich. Der Mann mit dem vermummten Gesicht nickte und sprang auf eine der Tischreihen. Er trampelte achtlos über die zahllosen Tastaturen hinweg, bis er an der Wand angelangt war. Dort riss er gleich mehrere dicht beieinander liegende Fenster auf und steckte seinen Kopf in die Nacht hinaus.
Ein gellender Pfiff drang zu ihm hinauf und der Mann mit dem vermummten Gesicht sah einige Meter unter sich zwei dunkle Gestalten, die auf der Ladefläche eines Lastwagens standen und ihm schon das gespannte, helle Segeltuch entgegenstreckten. Er drehte sich um und ergriff den nächsten besten der Gegenstände, die ihm der Doktor beschrieben hatte. Sie hatten die Größe von kleineren, viereckigen Kästen. Vorne gab es eine Glasscheibe, die in die Kästen eingefügt waren. Lange Kabel verbanden die Kästen mit anderen Kisten und mit der Wand. Achtlos riss er die Kabel aus ihren Verankerungen und schleuderte den Kasten in hohem Bogen aus dem Fenster. Er sah in die Tiefe und konnte sehen, wie die beiden Männer auf der Ladefläche des Lastwagens den Kasten mit Hilfe des Tuches auffingen, das Tuch blitzschnell zu Boden senkten und den Kasten augenblicklich in einer Ecke der Ladefläche verstauten. Wie Feuerwehrmänner stellten sie sich wieder an dieselbe Stelle und strafften das Tuch, um die nächste Sendung zu empfangen.
Der Mann mit dem vermummten Gesicht drehte sich um und wartete auf das Zeichen des Doktors.
„Mehr.“, dröhnte die Stimme des Doktors ihm ungeduldig entgegen.
„VIEL MEHR!“ Und der Mann mit dem vermummten Gesicht packte gleich mehrere der Verbindungskabel zwischen den Kästen mit seinen Händen und riss die Kabel aus ihren Verankerungen. Einen nach dem anderen schleuderte er die Kästen aus dem geöffneten Fenster.
Dann gab es plötzlich ein lautes Poltern, als einer der Männer, die bewegungslos zwischen den Tischreihen gelegen hatten, aufsprang und schreiend auf die Ausgangstür zustürzte. Er sprang an der düsteren Gestalt des Doktors vorbei und riss die Tür auf. Mit seinen gänzlich schwarzen Augen beobachtete der Doktor, wie er kreischend hinausstürzte. Laut und schrecklich düster verfolgte ihn das Gelächter des Doktors.
„MEHR!“, schrie der Doktor lachend dem Mann mit dem vermummten Gesicht zu. Ohne auf den Fliehenden zu achten, beschleunigte der sein Tempo noch und räumte eine Tischreihe nach der anderen leer. Der Doktor zog langsam einen mit wunderbaren Schnitzereien und Messingbeschlägen verzierten Vorderlader aus seinem Gürtel und richtete ihn auf die Tür. Ein beschwörendes Flüstern war aus seinem Mund zu hören, als er den Abzug betätigte und die Pulverladung die Kugel in die Dunkelheit hinausschleuderte.
Die Kugel gab ein hohes sirrendes Pfeifen von sich, als sie auf den Flur einbog und dem Flüchtenden mit unverminderter Geschwindigkeit hinterherjagte.

Naumann rannte. Seine Muskeln brannten wie Feuer und er stolperte und knallte gegen die Wand des Flures, als er durch die Tür des I-Centers auf den Flur hinausstürmte. Als hätte die düstere Gestalt ihn dabei beobachtet, erklang plötzlich ein lautes, grauenhaftes Gelächter im Inneren des I-Centers. Naumann keuchte. Er stieß sich von der Wand ab und rannte. Er rannte so schnell, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war, als er hinter sich einen lauten Schuss vernahm. Selbst, als er schon am Ende des Flures war und die Tür zum Treppenaufgang mit seinen beiden Händen aufstieß, konnte er noch immer den Widerhall des Schusses hören, dessen Echo durch das ganze Gebäude dröhnte. An den Treppen blieb Naumann plötzlich stehen. Irgendetwas stimmte nicht. Er hörte keine Schritte hinter sich! Nur ein seltsames –
Naumann ging zurück zu der Tür, die in den Flur führte. Das Geräusch hörte sich an wie ein Pfeifen, nein wie ein Zirpen, ein Säuseln und Zischen.
Vorsichtig öffnete Naumann die Tür und schob seinen Kopf vor, um in den Flur zu sehen. In diesem Moment traf ihn die Freikugel mitten in die Stirn.
Naumann wurde zurückgeschleudert. Für einen Augenblick noch spürte er, wie sich die Kugel in ihm bewegte, wie sie zitterte und nach einem Weg suchte. Naumann kippte nach hinten und polterte die Treppenstufen in die Tiefe. Als sein lebloser Körper schließlich am Ende der Treppe, ein halbes Stockwerk tiefer zur Ruhe kam, zitterte auch die Kugel in seinem Kopf kaum noch.
Sie hatte gefunden, was sie suchte.

Der Doktor ließ die Waffe langsam sinken.
„Du bist frei!“, zischte er der abgeschossenen Kugel nach und verzog die Lippen zu einem widerlichen Grinsen. Er drehte sich um und kniete sich auf den Boden. Fasziniert beobachtete er, wie das Mädchen mit dem roten Rock und der blauen Leinenjacken ihn ängstlich anstarrte.
„Lass uns ein Spiel spielen.“, sagte er und war plötzlich wie ein Schatten über ihr und riss sie an ihrem Arm zur Seite. Ina spürte gerade noch, wie sich die eisige Klammer einer eisernen Handfessel um ihr Handgelenk schloss. Der Doktor zog sie mit sich und war plötzlich bei dem jungen Mann, der noch immer zwischen den Tischreihen lag und langsam wieder zur Besinnung kam. Blitzschnell packte der Doktor dessen Arm und ließ die zweite Öffnung der Handfesseln um seinen Unterarm schnappen.
„Ich brauche normalerweise sechzig Sekunden, um diese Waffe nachzuladen.“, sagte er und zeigte ihnen die altertümliche Pistole, deren Messingbeschläge im Mondlicht golden glänzten. Ina zuckte ängstlich zurück, als er ihren Kopf ergriff und mit seinen langen, kalten Fingern nach ihren Augen tastete.
„Einer wird sterben.“, sagte er grinsend. „Die Kugel wird ihn finden und töten. Dann wird seine Seele zum Himmel aufsteigen. UND DORT WIRD SIE TANZEN, BEI DEN STERNEN UND BEI DEN ENGELN, EINTAUSEND MAL EINTAUSEND JAHRE.“
Der Doktor lachte lauthals auf. „Er wird frei sein.“, zischte er und packte plötzlich beide an ihren Krägen und riss sie zu sich heran.
„Einer von euch beiden wird frei sein.“ Er schaute beiden in ihre weit aufgerissenen, verängstigten Augen. „Der andere aber“, zischte er. „gehört mir. Und er wird wissen, dass er nicht frei ist, bis ich zu ihm komme UND IHN MIT MIR NEHME.“ Er zog ein kleines ledernes Säckchen hervor und hielt es ihnen hin.
„Hier drin.“, sagte er. „Hier drin werde ich ihn mit mir nehmen.“ Er öffnete das Säckchen und die beiden sahen, dass er im Inneren mit einer seltsam spiegelnden Schicht bedeckt war. Der Doktor schloss wieder das Säckchen und stand langsam auf.
„Sechzig Sekunden.“, sagte er leise und zog ein altes, schmutziges Pulverhorn hervor.
„In sechzig Sekunden wird einer von euch beiden seine Augen verlieren.“ Seine Hände begannen plötzlich mit unglaublicher Geschwindigkeit und Präzision das Pulver in den Lauf zu gießen. „Das Auge ist der Spiegel der Seele.“, zischte er wieder fast beschwörerisch, als er in die Tasche seines Umhangs griff und eine kleine zitternde Metallkugel zum Vorschein brachte.
„Gleich bist du frei.“, flüsterte er der Kugel zu, deren zitternde Bewegungen sich durch seine Worte noch zu beschleunigen schienen. Mit einem langen Metallstab schob er die kleine Kugel vorsichtig in den Lauf des Vorderladers.

Jack riss Ina so heftig die Treppen hinunter, dass sie fast gestürzt wäre und gegen seinen Rücken prallte. Der dumpfe Schlag ließ Jack aufschreien. Sein Kopf zuckte herum und für einen Augenblick sahen sich die beiden in ihre ängstlich aufgerissen Augen. Das Geräusch eines einzelnen Schusses, der irgendwo in der Dunkelheit abgefeuert wurde, ließ wie auf einen Schlag aus ihrer Bewegungslosigkeit aufschrecken. Sie fassten sich an den Händen und stürzten die Treppe hinab. Im ersten Stockwerk riss Ina Jack plötzlich zurück.
„Hier lang!“ Jack machte wie auf Befehl kehrt und ließ sich von Ina durch eine Tür in einen langen Flur zerren. In diesem Flur hingen keine Bilder und auch keine Listen. Im Gegenteil, er war gesäumt von langen Reihen von Metallspinden, die alle sehr dicht beieinander standen und dazwischen kaum eine Handbreit Platz ließen.
„Mach schon!“, schrie Ina Jack an und packte den ersten der Schränke an der Seite. Jack begriff sofort. Er umklammerte den Schrank an der anderen Seite und sie zogen den Schrank so herum, dass er fast die gesamte Breite des Flures ausfüllte. Sie sprangen zurück und ergriffen den nächsten Spind. Einen nach dem anderen rückten sie herum und schoben ihn gegen den vorherigen. Jack fühlte seine Arme nicht mehr und ihre Hände hatten unter der Umklammerung der Handfesseln eine fast dunkelblaue Farbe angenommen. Unermüdlich rückten sie Spind für Spind, bis ein einziger Knall sie aufschreckte und die Freikugel durch das dicke Vollholz der Flurtür in das Innere des Flures eindrang.
„Lauf.“, schrie Ina und riss Jack von dem letzten Spind zurück, den sie schon halb in den Flur gedreht hatten. Sie fassten sich wieder bei den Händen und stolperten dem Ende des Flures entgegen. Hinter sich hörten sie, wie die Kugel in die Rückwand des ersten Spindes eindrang und sie mit einem lauten metallischen Geräusch durchschlug. Wie ein Maschinengewehr ratterte die Kugel durch die ersten Metallplatten und Jack begann zu schreien, weil sie kein bisschen langsamer zu werden schien.
„Hör!“, schrie Ina plötzlich und erleichtert hörte Jack, wie die Kugel die Metallplatten jetzt tatsächlicher langsamer durchschlug. Zuerst hatte es kaum einen Lidaufschlag lang gedauert, dann waren es zwei – drei – vier. Zum Schluss schien es Jack fast, als wäre sie stecken geblieben und als sie an der Tür zum Hinterausgang anlangten, drehte er sich um und hielt Inas Hand umklammert. Ina riss atemlos die Tür auf.
Mit einem letzten fast flüsternden TAK durchbrach die Freikugel auch die letzte Metalltür des Spindes, den sie nur halb in den Flur gedreht hatten. Ina zerrte Jack, der wie erstarrt da stand und die Kugel auf sich zufliegen sah, durch die Tür in den Treppenaufgang. Hinter ihnen fiel die Tür langsam zurück in den Türrahmen. Fast war sie geschlossen und der Spalt, den sie offen ließ war kaum noch fünf Zentimeter breit, als die Kugel kaum merklich ihre Richtung änderte und auf diesen Spalt zusteuerte.
Dann fiel die Tür ins Schloss und die Kugel krachte splitternd in den äußeren Rand der Tür.
Auf der Flurseite sah man ein kleines rauchendes Loch, durch das die Kugel in das feste Holz eingedrungen war. Die Kugel zitterte und drückte auf der entgegensetzten Seite einen einzigen fingerdicken Splitter aus der Holzoberfläche. Fast schien es, als könnte es ihr gelingen, auch diesen Splitter aus ihrem Weg zur räumen. Doch dann bewegte sich der Splitter nicht mehr, er zitterte nur noch kaum merklich unter dem Druck der Freikugel, die sich im Inneren langsam ihren Weg an die Oberfläche bahnte.

Wie eine Spinne glitt die dunkle Gestalt des Doktors über die in den Flur gestellten Metallschränke und hob wieder und wieder den Kopf, um in der Dunkelheit den stechenden Geruch ihres Angstschweißes aufzunehmen. Vor dem letzten Schrank, der nur halb in den Flur hineingedreht war, sprang er lautlos zu Boden und befühlte mit seinen Fingern das kleine Loch, das seine Kugel in das Metall gerissen hatte.
`Sie hatten versucht, seine Kugel aufzuhalten.´ Die dunklen Augen des Doktors verfinsterten sich so sehr, dass ihr Schwarz aus dem Schwarz seines Körpers fast schmerzhaft herausstach und einen düsteren Schatten auf das Einschussloch warf. Sein Kopf zuckte herum und in der Ferne sah er, dass die Kugel ebenfalls die Tür durchschlagen hatte, die zu den Hintertreppen führte. Mehrere lange, kraftvolle Schritte reichten aus, um ihn bis zu der Tür zu tragen. Wütend riss er die Tür auf und ließ seinen düsteren Blick über das Treppenhaus gleiten.
Mit einem Mal zuckte sein Kopf zurück und kaum einen Augenblick, bevor die Tür gegen die Flurwand knallte, sah er noch den fingerdicken Holzsplitter, der wie ein geknickter Ast aus dem Holz der Tür herausstach. Es schoss ihm wie ein Blitz durch den Kopf - Sie war noch immer in der Tür.
`SIE WAR NOCH IMMER IN DER TÜR!´
Dann krachte die Tür gegen die Wand und unter dem Aufprall löste sich endlich die Freikugel aus ihrem engen Gefängnis. Sirrend schoss sie nach vorn und der Doktor gab ein überraschtes Geräusch von sich, als sie in seine Brust eindrang und ihn gegen den Türrahmen schleuderte. Wankend blieb er noch einen Augenblick stehen, dann sank er langsam auf die Knie. Seine Hand glitt unter seinen Umhang und tastete nach der kleinen Einschussstelle in seiner Brust. Als er sie wieder herauszog war sie über und über mit Blut beschmiert.
Unter Keuchen stand der Doktor langsam auf und wankte in Richtung der Treppen, die zum Hinterausgang führten. Nach kaum ein paar Schritten umklammerte er mit zitternden Händen den Saum seines Umhangs und ließ ihn flatternd über seine Schultern gleiten.
Fast im selben Augenblick verschwand er in der Dunkelheit.

Jack und Ina hockten zusammengekettet in der Dunkelheit und beobachteten, wie sich die Tür des Lastwagens öffnete und wieder schloss. Jack glaubte für einen Augenblick einen Schatten gesehen zu haben. Er sah Ina an und erkannte, dass sie ihn ebenfalls gesehen hatte. Als der Lastwagen startete und an ihnen vorüberrauschte drückten sich die beiden eng aneinander in die dunkle Ecke zwischen zwei Müllcontainern. Jack konnte Inas warmen Atem in seinem Gesicht spüren und zum ersten Mal hatte er wieder das Gefühl, dass er scharf auf sie war. Er schniefte und wollte sie gerade in seine Arme nehmen, als sie plötzlich aufsprang und sie aus ihrem Versteck zog.
„Sie haben die verdammte Festplatte.“, keifte sie ihn an.
Jack kratzte sich an seinem Glatzkopf. Er sah sich um und sah mehrer dunkle Vans in die Straße einbiegen. Sie hielten vor dem Eingang des I-Centers, das aussah, als hätte darin eine Panzerfaust eingeschlagen. Mehrere Männer in Bomberjacken sprangen durch die Hintertüren der Vans auf den Gehsteig und drängelten sich fast gleichzeitig durch die auseinandergesprengte Eingangstür.
„Da.“, sagte Jack und deutete in die Richtung der dunklen Fahrzeuge, die immer mehr wurden und aus allen Richtungen herbeigeströmt kamen. Bald mischten sich auch Polizeifahrzeuge unter die Fahrzeuge.
„Ich glaube wir haben bald noch ganz andere Probleme.“, sagte Jack und drückte Ina tiefer in die Seitenstraße hinein.
„Wenn wir die Festplatte nicht finden, war alles umsonst.“, sagte Ina verzweifelt.
„Ich schätze, wenn die unsere Fingerabdrücke finden, auch.“, sagte Jack und stellte sich vor, wie ihnen die ganze Polizei der Stadt und jeder gewaltbereite Nazischläger der Umgebung auf den Fersen war. Er schüttelte den Kopf und stellte fest, dass er darüber jetzt nicht nachdenken wollte. Er fasste Ina bei der Hand und drehte sich zu ihr um.
„Hast du eigentlich einen Langhaarschneider?“
„Was?“ Ina griff sich unwillkürlich in den blonden Reneehaarschnitt und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
Jack nickte.
„Genau.“, sagte Jack und grinste breit. „Da wo wir jetzt hinmüssen, kannst du so nicht auftauchen.“


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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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Michael Schmidt
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Registriert: Jan 2002

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Hallo Markus,

am Banhof bin ich ausgestiegen. Meiner Meinung nach solltest du etas straffen, die ganze Beschreibung seines Zimmers und die Kleidung seiner Besucher ziehen sich ziemlich in die Länge. Und nach Ewigkeiten hat man immer noch nicht den blassesten Schimmer, worum es geht.

Bis bald,
Michael

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Marcus Richter
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Hi Micha,
kann schon sein, daß du Recht hast. Aber ich schreibe immer einfach drauf los und wenn ich schon weiß, daß die Geschichte länger wird, dann lass ich mir immer ein bisschen Zeit, um mich in die Geschichte einzuschreiben.
So auch hier - Die Geschichte ist vielleicht noch zu frisch, als daß ich sie kürzen könnte. Es ginge mir dabei zuviel verloren.

Bis dann
Marcus
__________________
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Durs Grünbein

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Michael Schmidt
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Hallo Marcus,

kein Problem, du musst schließlich selbst davon überzeugt sein, meine Anmerkungen sollen dir nur Hilfestellung leisten.
Daher noch ein kurzer Kommentar von mir :
Dein Stil ist sehr bewegend, ein wenig hektisch, nimmt einen aber mit. Daher empfinde ich die ausführlichen Beischreibungen als verwirrend. Es paßt dann so nicht zusammen.
Aber ich hoffe, du bekommst noch weitere Kommentare, vielleicht sehen andere den von mir beschriebenen Umstand anders.

Bis bald,
Michael

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Rainer
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hallo marcus, hallo michael,

sicherlich liegt es daran, daß ich langsam zum fan von marcus werde - mir kann es nicht ausführlich und detailliert genug sein. ich finde die geschichte dicht, und gerade auf grund ihrer geschwindigkeit bin ich recht froh über manche "längen", die, wie ich glaube, den text für mich erst nachvollziehbar, vorstellbar machen.

ein paar kleine flüchtigkeitsfehler sind mir aufgefallen, von denen ich aber die meisten schon wieder vergessen habe.
ausnahmen:
jod oder iod nicht jot,
irgendwas mit "fliegerbrillenähnlich" da adjektiv natürlich klein schreiben,
-sind aber alles nur peanuts.

grüße vom sich auf weitere teile freuenden

rainer

am mo habe ich mehr zeit, da melde ich mich vielleicht nochmal - bis dahin: ein schönes wochenende
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Marcus Richter
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Hi Rainer,
schön, dich immer wieder mit meinen Geschichten ins Horrorgenre zu ziehen.
Der Sinn ist ja, Handlungsstränge zu entwickeln, die den Leser dazu "nötigen", weiter zu lesen, obwohl die Geschichte arsch-lang ist. Mein Problem ist jetzt noch, daß ich das Ende schon im Kopf habe. Deshalb stehen am Anfang natürlich auch Geschehnisse, die erst später geklärt werden. Zum Bsp. die alte Oma aus dem Stockwerk über der Wohnung von Jack (natürlich)"the I-mac".
Natürlich weiß ich noch nicht im Einzelnen, ob ich alle Ideen, die für Geschichte vorgesehen sind, werde verwirklichen können.
Die Geschichte entwickelt sich noch, Rainer. Und ich bin genauso gespannt, wie sie im Detail weitergehen wird, wie du es bist.

Bis dann und dank deiner aufmunternden Worte
Gruss Marcus
__________________
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Durs Grünbein

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