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Die Sache mit Rutchen
Eingestellt am 21. 09. 2014 17:42


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Vagant
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Die Sache mit Rutchen
 
Unsere Jacken hingen am Haken, und die Tasche mit der Beute hat wie ein kleines Hündchen zwischen unseren Füßen gelegen. Ein paar Stangen Zigaretten, ein bisschen Fusel. Mehr nicht. Die Kasse war natürlich leer, aber wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass sie die großen Scheine liegen lassen würden. Als wir mit der Arbeit fertig waren hatte Rutchen gesagt, dass sie sich nun ein Bierchen verdient hätte. Ich schätzte, ich hätte auch eins vertragen können, spät, wie es war, und wir fuhren mit dem 57er in die Stadt, heuerten an der 'Stresemann' ab, und sind die letzten paar Ecken bis zur 'Pilsstube' zu Fuß gegangen. Rutchen hatte sich bei mir eingehakt, ihren Kopf an meine Schulter gelegt und eine der Geschichten erzählt, die ich schon so häufig von ihr gehört hatte. Eine Geschichte aus einer fernen Jugend in einem längst vergessenen Sommer; als man sich an den ewig ruhigen Sonntagen auf dem Dorfplatz traf, gerade so, als hätte man nichts weiter im Sinn, die Zeit tot schlug, schweigend eine Zigarette in die Runde reichte, und den Jungs schöne Augen machte. Den Kopf voller Träume und Illusionen, aber doch schon ahnend, dass ihnen ein langer und beschwerlicher Weg bevorstand, zu dem ihnen mehr als nur der richtige Schuh fehlte. Und obwohl ich Rutchen seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, war es zwischen uns so, wie es immer gewesen ist, damals als sie noch in den Clubs im Viertel gearbeitet hatte, und ich sie manche Nacht mit meinem Taxi nach Hause gefahren hatte.
 
Als Karl die Gläser brachte, nickte er Richtung Tasche und sagte, dass er so ein Zeug aber nicht in seiner Kneipe haben wolle, worauf Rutchen ihm sagte, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern solle; und sie sagte es genau in diesem Wortlaut.
„Halt 'n Ball flach Karl, und kümmre dich gefälligst um deinen eigenen Scheiß.“
„Nur das Eine, mehr gibt’s heute nicht.“
Seine Stimme knarzte wie ein offenes Gartentor im Novemberwind.
Ich hob mein Glas, sah Rutchen in die Augen und nickte kurz.
„Na denn, abends ein 'Bit', morgens fit; auf uns.“
Wir tranken. Es war nur das Radio zu hören.
„Du, hör mal, ich hab da so 'ne kleine Gartenkaschemme ausbaldowert, todsichere Sache. Wenn du magst, ruf ich dich an wenn's soweit ist.“
Rutchen legte ihre Hand auf meine und sagte, dass ich solche Dinger wohl auch allein durchziehen könnte, sie es aber zu schätzen wisse, dass ich dabei an sie dachte.
„Nur dass du's weißt“, sagte ich und trank einen Schluck.
Und: „Ist halt wegen der alten Zeiten“, habe ich noch gesagt.
Und: „Versteht sich doch von Selbst“, und ich dachte dabei an Sachen wie Freundschaft, Verbundenheit, und das, was man so macht, wenn man verliebt ist.
Sie zwinkerte mir zu. Das Lächeln für das sie sich entschied, war mit solch einer Sorgfalt gewählt, mit der sich eine alte Seiltänzerin ihre letzte große Nummer ausgewählt hätte.
„Und“, fragte ich.
„Wie und?“
„Na, was machst ‘n noch so?“
„Nichts Bestimmtes.“
„Was heißt das?“
„Na nichts Bestimmtes, halt.“
„Aber von irgendwas musst du doch leben?“
„Wenn du's genau wissen willst, ich hab da ein Zimmer in 'ner privaten Wohnung draußen in Auheim. Vier Frauen, 's läuft so lala.“
„Aber ich dachte...“
„... was dachtest du? Also wenn du's nicht verstehst, ich kann's dir auch aufmalen.“
„Na ich dachte, du bist quitt mit der Anschafferei.“
„Quitt? Damit? Wie stellst du dir das vor?“
Ich starrte auf mein Bier, nahm langsam das Glas in die Hand und trank einen Schluck; so, als erhoffte ich mir etwas Trost aus ihm; aber in diesem Moment spendete es nur wenig mehr Trost als der Besuch einer Autobahnkirche an einem Aschermittwoch.
„Meinst du, man kann da einfach mal so 'quitt' damit sein? So von heute auf morgen aufhören, wenn man die letzten zwanzig Jahre nichts anderes gemacht hat?“
Sie schaute mich an, legte ihre Hand auf meine, und ihr Blick sagte mir, dass sie keine Antwort erwartete.
Ich genoss einen Augenblick die Wärme ihrer Hand. Dann sagte ich: „Na ja, ich dachte damals, dass das mit uns was werden könnte. Hätte doch klappen können, oder? Ich mein, ich mach ein paar Scheine mit'm Taxi, und nebenbei mal 'n Job wie diesen. Wir hätten schon irgendwie zurecht kommen können.“
Sie musterte mich von oben bis unten. Mehr von oben.
„Ach, und du meinst das wäre alles? Mehr braucht's dazu nicht?“
„Man hätt‘s versuchen können.“
Rutchen klopfte zwei Zigaretten aus der Box, zündete sie an und steckte mir eine zwischen die Lippen.
„Was meinst du denn, wie oft ich diesen Scheiß in den letzten Jahren schon gehört habe? Ich kann's schon auswendig, die ewige Leier vom Ich-hol-dich-da-raus-Baby?“
Eine lange, weiße Aschekuppe bildete sich an ihrer Zigarette, an deren Ende ein schwaches Licht pulsierte; so, wie der längst verloschen Schein einer elend fernen Sonne.
Leise und zischend wiederholte sie: „Ich-hol-dich-da-raus-Baby..., dass ich nicht lache“, zog noch einmal an der Kippe und sah mich an: „Das war's doch, was du damit sagen wolltest?“
„Ich wollte damit nur sagen, dass ich mich freue mal wieder mit dir zusammen zu sein. Und falls du was brauchst, naja, du weißt ja, wo du mich findest. Das war's, was ich dir damit sagen wollte.“
„Okay, aber da müssen wir nicht gerade heute drüber reden. Ist kein guter Tag heute, 's läuft grad nicht so.“
Ich gab Karl ein Zeichen für zwei neue Biere und starrte schweigend in den Raum.
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Tut mir leid. Ich weiß, du meinst es gut. Aber da hab ich zurzeit keinen Kopf für. Ich schulde ein paar Typen noch 'ne Menge Geld. Aber, wenn ich da durch bin ist Schluss mit dem Scheiß. Keine Fisimatenten mehr, hundert pro.“
Ich drückte meine Kippe in den Aschenbecher und sah ihr in die kleinen dunklen Schlitze, hinter denen ich ihre Augen vermutete. Dann sagte ich: „Ich könnte das für dich regeln.“
„Wie willst du das denn regeln? Da sind noch fast sechs Riesen offen, und glaub mir, diese Typen verstehen da keinen Spaß.“
Ich nahm Rutchens Hand, zog sie unter mein Jackett und ließ sie den Knauf der Beretta-Larami spüren.
„Aber diesen Spaß werden sie sicher verstehen.“
Rutchen zog ihre Hand weg.
„Sag mal, hast du sie noch alle? Wo hast‘n das Ding her? Mit so 'nem Scheiß will ich nichts zu tun haben. Das ist doch krank.“
„Nun beruhig dich mal wieder. Ist für's Taxi, zu Sicherheit.“
„Was für 'ne Sicherheit denn? Als wenn du schießen würdest, wenn's drauf ankäme“
Sie verschwand hinter einer Rauchwolke. Nur ihr spindeldürres Lachen stand im Raum.
„Hast ja Recht, ich hab noch nie damit geballert. Aber manchmal erreicht man halt mit 'n paar netten Worten und 'ner Knarre mehr, als mit 'n paar netten Worten allein.“
Karl stellte uns zwei neue hin, und ging schleppend zurück zum Tresen. Ich schaute auf das Bier das vor uns stand; es sah so müde aus wie der Wirt.
„Scheiße“, zischte Rutchen. „Ich gerate aber auch immer an so Typen wie dich.“
Ich sagte nichts.
„Genau die Art Typen, die mir den ganzen Scheiß hier eingebrockt haben. Immer stand einer bereit, mit seinem Ich-hol-dich-da-raus-Baby-Scheiß, und immer haben sich die Typen schnellst möglich aus 'm Staub gemacht, wenn's mal brenzlig wurde. Das brauch' ich wie 'ne rostige Gabel im Knie.“
Rutchens Blick heftete sich an irgendeinen weit entfernten Punkt, den wohl nur sie sehen konnte.
„Und weißt du was? Damals hab ich sogar geglaubt, dass du ein bisschen in mich verschossen bist; und als ob das nicht schon genug wär, war ich auch noch so blöd zu glauben, dass ich dich auch lieben könnte. Ach, fuck!“
Ich war mir gar nicht mehr sicher, ob sie gerade von uns sprach, oder ob es sich hier um etwas handelte, das uns irgendwann mal irgendwer erzählt hatte; etwas von irgendwelchen Fremden, die auch irgendwie zusehen mussten, dass sie in dieser Welt zurechtkamen. Ich zündete mir noch eine Zigarette an.
„Du warst von heute auf morgen verschwunden“, sagte ich. „Einfach so, ohne was zu sagen.“
„Musste schnell aus der Stadt. Vielleicht erkläre ich's dir irgendwann mal.“
„Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen können.“
„Du hattest meine Nummer, hättest mich jederzeit anrufen können; hallo Rutchen, wie geht’s wie steht's und so. Aber du meldest du dich weiß der Kuckuck wie lang nicht. Weg ist sie, die Nutte, was soll's, stehen ja an jeder Ecke welche rum. Nach dem ich vier Wochen nichts von dir gehört hatte, dachte ich, 's schien dir nicht wichtig genug gewesen zu sein. Meinst du, das weckt das große Vertrauen in mir? Und dann schneist du irgendwann einfach mal wieder so rein, und meinst, alles klar auf der Andrea Doria. Nee, so läuft das nicht...“
Sie hörte gar nicht mehr auf mit ihrem Lamento, und ich spürte instinktiv, dass das mit uns wohl nichts mehr wird; denn es sind die Windmacher, die Hans-Dampfs-in-allen-Gassen, die, die an allen Ecken gleichzeitig ihre Finger im Spiel haben, diese sind es, zu denen sich die Weiber hingezogen fühlen, und denen sie am Ende den Vorzug geben. Um meinen Fuß wieder in die Tür zu bekommen, musste ich irgendwas sagen. Aber mir fiel nichts ein, und so sagte ich: „... ja, nun ist's aber mal gut, wir sind hier nicht beim Gedichte aufsagen.“
Sie machte Pause, gottseidank, trank einen Schluck und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht.
„Und nun“, fragte ich.
„Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Ruf mich erstmal nicht an. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht nächste Woche. Ich melde mich vielleicht, wenn ich mit dem ganzen Kram durch bin.“
Ich starrte auf die Vorhänge, denen man ansah, dass sich in ihnen schon so mancher Traum verfangen hatte und rauchte.

Als ich Rutchen die Tasche zwischen die Füße schob, sah sie mich an.
„Was jetzt?“
„Ich möchte, dass du das Zeug nimmst. Denke, du brauchst 's nötiger als ich.“
„Alles?“
„Na ja, lass mir 'n paar Zigaretten. Der Rest ist für dich.“
Sie griff nach der Tasche, zog den Reißverschluss auf und legte eine Stange Marlboro auf den Stuhl neben mir.
„Biste wirklich sicher?“
„Jaja, und nun mach dich einfach ab. War 'n langer Tag heute, und ich hab noch 'ne Menge zu tun; muss noch zur Bank, der Labrador muss in den Park, der Benz in die Werkstadt...“
„... die Anzüge in die Reinigung. Ich weiß, macht 'ne Menge Arbeit, so'n Leben.“
Rutchen drückte ihre Kippe in den Aschenbecher, hing sich die Tasche um, und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Dann ging sie, ohne sich noch einmal umzudrehen.
 
Ich gab Karl ein Zeichen: Zahlen! Er kam zum Tisch, stützte sich kraftlos auf die Platte und prustete die Luft durch die Lippen als käme er gerade von einem Waldlauf; dabei war es nicht mehr als die hundsmiserable Imitation eines schlappen Reifens.
„Was ist los?“, fragte ich.
„Weißt du, was noch erbarmungsloser ist als ein Schutzgeldkommando vom Balkan?“
„Kinder zur Weihnachtszeit.“
„Nein, das Alter.“
„Wenn du dich beeilst, holst du deine Zapfanlage noch ein.“
„Ich weiß, müsste auch mal 'ne neue werden. Aber“, und er hielt beide Hände in die Luft, so als stemmte er gerade ein Tablett, „bin ich Krösus?“
Er warf zwei Deckel auf den Tisch.
„Also, vier Bier macht 12, dann haste noch 'nen Deckel vom Samstag, zusammen 31.“
Ich zeigte auf die Stange Marlboro, die auf dem Stuhl neben mir lag.
„Wie ist 's damit?“
„Passt schon“, er klemmte sich die Stange unter den Arm. „Wie wär's mit 'nem Schnellen im Stehen? Geht auf mich.“
Wir gingen hinüber zum Tresen, jeder auf seine Seite. Karl bediente den asthmatischen Zapfhahn, und ich sah ihm dabei zu, wie jemand der für diesen Tag schon genug gearbeitet hatte.
„Wenn ich dir 'nen guten Rat geben kann“, sagte er als er mir das Glas entgegen hielt, „lass die Finger von der Ruth, die taugt nichts.“
Wir prosteten uns zu und kippten die müde Plörre in einem Zug weg.
„Wer von uns taugt schon was, in dieser Welt“, sagte ich und wischte mir den Schaum von den Lippen.
„Da haste auch wieder recht.“
 
Kurz nach Aschenputtelzeit stand ich wieder draußen, Ecke Postplatz, Krämerstraße. Ich schnippte die Kippe in die Gosse und schaute die Straße hinunter. Sie mühte sich vergeblich um Schönheit ab. Dann schlenderte ich an der Spielhalle vorbei, winkte Mehmet, der mit orientalischer Lässigkeit die Rollläden seines Kiosks herunter ließ, und hatte sogar noch ein schmalbrüstiges Lächeln für die Dirne, die vor der ‚Lunabar‘ hastig eine Zigarette rauchte, übrig.
„Und wie, Freddy?“
„Muss ja.“
„Wie wär‘s mit 'nem Piccolöchen?“
„Ich könnt dir 'ne Fanta ausgeben.“
„Nee du, lass mal lieber.“
Ich befolgte ihren Rat und ging heim.


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Monsieur Milan
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Langer Text. Ich gucke mal, ob ich durchkomme, lese und kommentiere. So wie du es bei einem meiner Texte gemacht hast. Das fand ich sehr gut, eine tolle Idee!

Unsere Jacken hingen am Haken, und die Tasche mit der Beute hat wie ein kleines Hündchen zwischen unseren Füßen gelegen.

Direkt im Geschehen drin. Gefällt mir! Hätte allerdingsgeschrieben "die Beute lag wie ..." Ist aber Geschmackssache, ich weiß.



Ein paar Stangen Zigaretten, ein bisschen Fusel. Mehr nicht. Die Kasse war natürlich leer, aber wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass sie die großen Scheine liegen lassen würden. Als wir mit der Arbeit fertig waren hatte Rutchen gesagt, dass sie sich nun ein Bierchen verdient hätte. Ich schätzte, ich hätte auch eins vertragen können, spät, wie es war, und wir fuhren mit dem 57er in die Stadt, heuerten an der 'Stresemann' ab, und sind die letzten paar Ecken bis zur 'Pilsstube' zu Fuß gegangen. Rutchen hatte sich bei mir eingehakt, ihren Kopf an meine Schulter gelegt und eine der Geschichten erzählt, die ich schon so häufig von ihr gehört hatte. Eine Geschichte aus einer fernen Jugend in einem längst vergessenen Sommer; als man sich an den ewig ruhigen Sonntagen auf dem Dorfplatz traf, gerade so, als hätte man nichts weiter im Sinn, die Zeit tot schlug, schweigend eine Zigarette in die Runde reichte, und den Jungs schöne Augen machte.

Den Kopf voller Träume und Illusionen, aber doch schon ahnend, dass ihnen ein langer und beschwerlicher Weg bevorstand, zu dem ihnen mehr als nur der richtige Schuh fehlte. Sehr schön.


(...)


Als Karl die Gläser brachte, nickte er Richtung Tasche und sagte, dass er so ein Zeug aber nicht in seiner Kneipe haben wolle, worauf Rutchen ihm sagte, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern solle; und sie sagte es genau in diesem Wortlaut.
„Halt 'n Ball flach Karl, und kümmre dich gefälligst um deinen eigenen Scheiß.“
„Nur das Eine, mehr gibt’s heute nicht.“
Seine Stimme knarzte wie ein offenes Gartentor im Novemberwind.
Ich hob mein Glas, sah Rutchen in die Augen und nickte kurz.
„Na denn, abends ein 'Bit', morgens fit; auf uns.“
Wir tranken. Es war nur das Radio zu hören.
„Du, hör mal, ich hab da so 'ne kleine Gartenkaschemme ausbaldowert, todsichere Sache. Wenn du magst, ruf ich dich an wenn's soweit ist.“
Rutchen legte ihre Hand auf meine und sagte, dass ich solche Dinger wohl auch allein durchziehen könnte, sie es aber zu schätzen wisse, dass ich dabei an sie dachte.
„Nur dass du's weißt“, sagte ich und trank einen Schluck.
Und: „Ist halt wegen der alten Zeiten“, habe ich noch gesagt.
Und: „Versteht sich doch von Selbst“, und ich dachte dabei an Sachen wie Freundschaft, Verbundenheit, und das, was man so macht, wenn man verliebt ist.
Sie zwinkerte mir zu. Das Lächeln für das sie sich entschied, war mit solch einer Sorgfalt gewählt, mit der sich eine alte Seiltänzerin ihre letzte große Nummer ausgewählt hätte.
„Und“, fragte ich.
„Wie und?“
„Na, was machst ‘n noch so?“
„Nichts Bestimmtes.“
„Was heißt das?“
„Na nichts Bestimmtes, halt.“
„Aber von irgendwas musst du doch leben?“
„Wenn du's genau wissen willst, ich hab da ein Zimmer in 'ner privaten Wohnung draußen in Auheim. Vier Frauen, 's läuft so lala.“
„Aber ich dachte...“
„... was dachtest du? Also wenn du's nicht verstehst, ich kann's dir auch aufmalen.“
„Na ich dachte, du bist quitt mit der Anschafferei.“
„Quitt? Damit? Wie stellst du dir das vor?“
Ich starrte auf mein Bier, nahm langsam das Glas in die Hand und trank einen Schluck; so, als erhoffte ich mir etwas Trost aus ihm; aber in diesem Moment spendete es nur wenig mehr Trost als der Besuch einer Autobahnkirche an einem Aschermittwoch.
„Meinst du, man kann da einfach mal so 'quitt' damit sein? So von heute auf morgen aufhören, wenn man die letzten zwanzig Jahre nichts anderes gemacht hat?“
Sie schaute mich an, legte ihre Hand auf meine, und ihr Blick sagte mir, dass sie keine Antwort erwartete.
Ich genoss einen Augenblick die Wärme ihrer Hand. Dann sagte ich: „Na ja, ich dachte damals, dass das mit uns was werden könnte. Hätte doch klappen können, oder? Ich mein, ich mach ein paar Scheine mit'm Taxi, und nebenbei mal 'n Job wie diesen. Wir hätten schon irgendwie zurecht kommen können.“
Sie musterte mich von oben bis unten. Mehr von oben.
„Ach, und du meinst das wäre alles? Mehr braucht's dazu nicht?“
„Man hätt‘s versuchen können.“
Rutchen klopfte zwei Zigaretten aus der Box, zündete sie an und steckte mir eine zwischen die Lippen.
„Was meinst du denn, wie oft ich diesen Scheiß in den letzten Jahren schon gehört habe? Ich kann's schon auswendig, die ewige Leier vom Ich-hol-dich-da-raus-Baby?“
Eine lange, weiße Aschekuppe bildete sich an ihrer Zigarette, an deren Ende ein schwaches Licht pulsierte; so, wie der längst verloschen Schein einer elend fernen Sonne.
Leise und zischend wiederholte sie: „Ich-hol-dich-da-raus-Baby..., dass ich nicht lache“, zog noch einmal an der Kippe und sah mich an: „Das war's doch, was du damit sagen wolltest?“
„Ich wollte damit nur sagen, dass ich mich freue mal wieder mit dir zusammen zu sein. Und falls du was brauchst, naja, du weißt ja, wo du mich findest. Das war's, was ich dir damit sagen wollte.“
„Okay, aber da müssen wir nicht gerade heute drüber reden. Ist kein guter Tag heute, 's läuft grad nicht so.“
Ich gab Karl ein Zeichen für zwei neue Biere und starrte schweigend in den Raum.
Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Tut mir leid. Ich weiß, du meinst es gut. Aber da hab ich zurzeit keinen Kopf für. Ich schulde ein paar Typen noch 'ne Menge Geld. Aber, wenn ich da durch bin ist Schluss mit dem Scheiß. Keine Fisimatenten mehr, hundert pro.“
Ich drückte meine Kippe in den Aschenbecher und sah ihr in die kleinen dunklen Schlitze, hinter denen ich ihre Augen vermutete. Hmm, ich weiß nicht, gefällt mir nicht so richtig. Dann sagte ich: „Ich könnte das für dich regeln.“
„Wie willst du das denn regeln? Da sind noch fast sechs Riesen offen, und glaub mir, diese Typen verstehen da keinen Spaß.“
Ich nahm Rutchens Hand, zog sie unter mein Jackett und ließ sie den Knauf der Beretta-Larami spüren.
„Aber diesen Spaß werden sie sicher verstehen.“
Rutchen zog ihre Hand weg.
„Sag mal, hast du sie noch alle? Wo hast‘n das Ding her? Mit so 'nem Scheiß will ich nichts zu tun haben. Das ist doch krank.“
„Nun beruhig dich mal wieder. Ist für's Taxi, zur Sicherheit.“
„Was für 'ne Sicherheit denn? Als wenn du schießen würdest, wenn's drauf ankäme“
Sie verschwand hinter einer Rauchwolke. Nur ihr spindeldürres Lachen stand im Raum.
„Hast ja Recht, ich hab noch nie damit geballert. Aber manchmal erreicht man halt mit 'n paar netten Worten und 'ner Knarre mehr, als mit 'n paar netten Worten allein.“
Karl stellte uns zwei neue hin, und ging schleppend zurück zum Tresen. Ich schaute auf das Bier das vor uns stand; es sah so müde aus wie der Wirt.
„Scheiße“, zischte Rutchen. „Ich gerate aber auch immer an so Typen wie dich.“
Ich sagte nichts.
„Genau die Art Typen, die mir den ganzen Scheiß hier eingebrockt haben. Immer stand einer bereit, mit seinem Ich-hol-dich-da-raus-Baby-Scheiß, und immer haben sich die Typen schnellst möglich aus 'm Staub gemacht, wenn's mal brenzlig wurde. Das brauch' ich wie 'ne rostige Gabel im Knie.“
Rutchens Blick heftete sich an irgendeinen weit entfernten Punkt, den wohl nur sie sehen konnte.
„Und weißt du was? Damals hab ich sogar geglaubt, dass du ein bisschen in mich verschossen bist; und als ob das nicht schon genug wär, war ich auch noch so blöd zu glauben, dass ich dich auch lieben könnte. Ach, fuck!“
Ich war mir gar nicht mehr sicher, ob sie gerade von uns sprach, oder ob es sich hier um etwas handelte, das uns irgendwann mal irgendwer erzählt hatte; etwas von irgendwelchen Fremden, die auch irgendwie zusehen mussten, dass sie in dieser Welt zurechtkamen. Ich zündete mir noch eine Zigarette an. Hier vielleicht mehr Emotionen rüberbringen, Nervosität beschreiben, Zigarette hastig aus der Packung kramen oder ärgerlich sein oder ...
„Du warst von heute auf morgen verschwunden“, sagte ich. „Einfach so, ohne was zu sagen.“
„Musste schnell aus der Stadt. Vielleicht erkläre ich's dir irgendwann mal.“
„Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen können.“
„Du hattest meine Nummer, hättest mich jederzeit anrufen können; hallo Rutchen, wie geht’s wie steht's und so. Aber du meldest du dich weiß der Kuckuck wie lang nicht. Weg ist sie, die Nutte, was soll's, stehen ja an jeder Ecke welche rum. Nach dem ich vier Wochen nichts von dir gehört hatte, dachte ich, 's schien dir nicht wichtig genug gewesen zu sein. Meinst du, das weckt das große Vertrauen in mir? Und dann schneist du irgendwann einfach mal wieder so rein, und meinst, alles klar auf der Andrea Doria. Nee, so läuft das nicht...“

Bis dahin sehr flott zu lesender, abwechselungsreicher Dialog, immer mal wieder indirekte Rede, kurze Beschreibungen. Gefällt mir.

Sie hörte gar nicht mehr auf mit ihrem Lamento, und ich spürte instinktiv, dass das mit uns wohl nichts mehr wird; denn es sind die Windmacher, die Hans-Dampfs-in-allen-Gassen, die, die an allen Ecken gleichzeitig ihre Finger im Spiel haben – diese sind es, zu denen sich die Weiber hingezogen fühlen, und denen sie am Ende den Vorzug geben. Um meinen Fuß wieder in die Tür zu bekommen, musste ich irgendwas sagen. Aber mir fiel nichts ein, und so sagte ich: „... ja, nun ist's aber mal gut, wir sind hier nicht beim Gedichte aufsagen.“
Sie machte Pause, gottseidank, trank einen Schluck und pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht.
„Und nun“, fragte ich.
„Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Ruf mich erstmal nicht an. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht nächste Woche. Ich melde mich vielleicht, wenn ich mit dem ganzen Kram durch bin.“
Ich starrte auf die Vorhänge, denen man ansah, dass sich in ihnen schon so mancher Traum verfangen hatte, und rauchte.

Als ich Rutchen die Tasche zwischen die Füße schob, sah sie mich an.
„Was jetzt?“
„Ich möchte, dass du das Zeug nimmst. Denke, du brauchst 's nötiger als ich.“
„Alles?“
„Na ja, lass mir 'n paar Zigaretten. Der Rest ist für dich.“
Sie griff nach der Tasche, zog den Reißverschluss auf und legte eine Stange Marlboro auf den Stuhl neben mir.
„Biste wirklich sicher?“
„Jaja, und nun mach dich einfach ab. War 'n langer Tag heute, und ich hab noch 'ne Menge zu tun; muss noch zur Bank, der Labrador muss in den Park, der Benz in die Werkstadt...“
„... die Anzüge in die Reinigung. Ich weiß, macht 'ne Menge Arbeit, so'n Leben.“
Rutchen drückte ihre Kippe in den Aschenbecher, hing sich die Tasche um, und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Dann ging sie, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich gab Karl ein Zeichen wegen der Rechnung. Ich gab Karl ein Zeichen: Zahlen!
Er kam zum Tisch, stützte sich kraftlos auf die Platte und prustete die Luft durch die Lippen als käme er gerade von einem Waldlauf; dabei war es nicht mehr als die hundsmiserable Imitation eines schlappen Reifens.
„Was ist los?“, fragte ich.
„Weißt du, was noch erbarmungsloser ist als ein Schutzgeldkommando vom Balkan?“
„Kinder zur Weihnachtszeit.“
„Nein, das Alter.“
„Wenn du dich beeilst, holst du deine Zapfanlage noch ein.“
„Ich weiß, müsste auch mal 'ne neue werden. Aber“, und er hielt beide Hände in die Luft, so als stemmte er gerade ein Tablett, „bin ich Krösus?“
Er warf zwei Deckel auf den Tisch.
„Also, vier Bier macht 12, dann haste noch 'nen Deckel vom Samstag, zusammen 31.“
Ich zeigte auf die Stange Marlboro, die auf dem Stuhl neben mir lag.
„Wie ist 's damit?“
„Passt schon“, er klemmte sich die Stange unter den Arm. „Wie wär's mit 'nem schnellen Schnellen im Stehen? Geht auf mich.“
Wir gingen hinüber zum Tresen, jeder auf seine Seite. Karl bediente den asthmatischen Zapfhahn, und ich sah ihm dabei zu, wie jemand der für diesen Tag schon genug gearbeitet hatte.
„Wenn ich dir 'nen guten Rat geben kann“, sagte er als er mir das Glas entgegen hielt, „lass die Finger von der Ruth, die taugt nichts.“
Wir prosteten uns zu und kippten die müde Plörre in einem Zug weg.
„Wer von uns taugt schon was, in dieser Welt“, sagte ich und wischte mir den Schaum von den Lippen.
„Da haste auch wieder recht.“

Kurz nach Aschenputtelzeit ??? stand ich wieder draußen, Ecke Postplatz, Krämerstraße. Ich schnippte die Kippe in die Gosse und schaute die Straße hinunter. Sie mühte sich vergeblich um Schönheit ab. Fällt mir auf dei Schnelle nichts Besseres ein, gefällt mir aber nicht. Dann schlenderte ich an der Spielhalle vorbei, winkte Mehmet, der mit orientalischer Lässigkeit die Rollläden seines Kiosks herunter ließ, und hatte sogar noch ein schmalbrüstiges Lächeln für die Dirne, die vor der ‚Lunabar‘ hastig eine Zigarette rauchte, übrig.
„Und wie, Freddy?“
„Muss ja.“
„Wie wär‘s mit 'nem Piccolöchen?“
„Ich könnt dir 'ne Fanta ausgeben.“
„Nee du, lass mal lieber.“
Ich befolgte ihren Rat und ging heim.

Nette Geschichte insgesamt. Schöne Atmosphäre geschaffen. Gute Typen. manches wünsche ich mir bissiger, wütender, weniger lakonisch, obwohl ich ahne, dass du gerade das erzeugen wolltest. Macht aber Neugier auf mehr.

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Vagant
???
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guten morgen m. milan.

nun haben wie zwei schon wieder das vergnügen miteinander. ich tue es aber gern.

ich möchte aber nur kurz auf zwei, drei einwände eingehen. der text ist mit selbst schon etwas fern, und, um ehrlich zu sein, hängt mein herz da nun auch nicht wirklich dran.

ASCHENPUTTELZEIT: das ist ganz einfach. aschenputtelzeit ist die zeit rund um mitternacht, oder wie thelonius monk es nennt: 'round midnight'. o-ton protagonist - er tickt halt so, nicht meine schuld.

da hast bemerkt, dass ich anfangs einen nebensatz im 'perfekt' stehen habe. ich wollte in der storie eigentlich noch mehr 'perfekt' nutzen - und hier und da werden sich sicher auch noch ein paar versteckte stellen finden - konnte das aber (zum glück) nicht konsequent durchhalten.
wenn man genau hinhört, dann stellt man fest, dass das 'perfekt' im gesprochenen deutsch die vorherrschende vergangenheitsform ist, und gerade in den kreisen, in denen sich die geschichte bewegt, wahrscheinlich die einzigste. also durch das eingestreute 'perfekt' wollte ich ein bisschen mehr authentizität bringen.

anhand des blau markierten satzes "sie mühte sich vergenbens um schönheit ab." möchte ich noch kurz meine generelle herangehensweise erleutern.
ich habe da einen absatzt in dem es heißt : ich gehe hier hin, ich gehe dort hin, ich mache dies, ich mache das, usw ... nun habe ich eine perfekte stelle um eine stimmige beschreibung der umgebung zu platzieren. mache ich aber nicht. interessiert mich nicht, interessiert den leser nicht. selbst die örtlichkeit der kneipe habe ich mit keinem satz beschrieben, mir legentlich eins, zwei details herausgepickt(gardine, zapfhahn) und diese mit einem bild oder einer assoziation in verbindung mit den figuren gebracht.
eine ähnliche funktion hat der markierte satz. er beschreibt nicht die umgebung, sondern beschränkt sich legentlich darauf, die wirkung der umgebung auf den protagonisten wiederzugeben. das lakonischen ist wahrscheinlich ein grundelement meines erzählens, quasi naturgegeben.

ansonsten: vielen dank fürs lesen und für den einen oder anderen vorschlag. vielleicht setze ich mich ja irgendwann doch nochmal dran.

lg vagant.

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