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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Sache mit dem Hinterherlaufen
Eingestellt am 14. 08. 2014 13:00


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He de Be
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Die Sache mit dem Hinterherlaufen

Jedes Mal, wenn ich diesen Kollegen traf, fiel mir der Name Moralesi ein. So nannte ich ihn unwillk├╝rlich in Gedanken. Er war vor einigen Wochen neu eingestellt worden in unserem Projekt in Spandau, in dem arbeitslose Jugendliche fit gemacht werden sollten f├╝r ein Berufs- oder wenigstens Arbeitsleben, und ein paar Wochen sp├Ąter war er auch schon wieder verschwunden.

Eigentlich hie├č er gar nicht Moralesi mit Nachnamen, sondern Modaresi oder so ├Ąhnlich, aber ich hatte die ganze Zeit M├╝he, ihn nicht auch noch lauthals Moralesi zu nennen, so sehr hatte sich diese Namensverdrehung in meinem Hirn verankert.
Sogar jetzt noch f├Ąllt mir umgekehrt jedes Mal dieser Mensch ein, wenn ich das Wort Moral h├Âre. Ich hatte mich auch schon gefragt, warum, als er noch mein Kollege war. Hielt ich ihn f├╝r so etwas wie einen Moralapostel?

Er selber h├Ątte die Bezeichnung weit von sich gewiesen, alleine schon, weil dieses Wort nicht sehr schmeichelhaft ist, au├čerdem v├Âllig veraltet, was nat├╝rlich nur einer wie mir einfallen k├Ânnte .. Er selbst hielt sich f├╝r jung, dynamisch, modern und aufgeschlossen und sowieso egal wann, wo und wie f├╝r etwas durch und durch Positives, ein ausgemachtes Prachtexemplar, im Gegensatz zu allen anderen in dem Projekt.

Dabei war er genauso alt wie wir, sogar ├Ąlter, das also konnte es nicht sein. Er war auch ansonsten nicht etwa schneller im Rechnen oder besser in Englisch, nein: Der einzige Trick, den er besser beherrschte, das aber ganz und gar, war, sich im Vergleich mit seinem Gegen├╝ber stets als besser anzusehen, egal worauf das nun beruhte.

Wir waren alle hin- und her gerissen, was diesen Mann anging; er war ein solcher kam-sah-und-siegte-Typ, und er hatte so auch die Gesch├Ąftsf├╝hrerin unseres Instituts im Handumdrehen um den Finger gewickelt.

Ihr war auf den ersten Blick klar gewesen, dass sie ihn wollte und nur ihn einstellen w├╝rde, und so hatte er - nat├╝rlich! - den Zuschlag bekommen am Ende dieses Auswahlverfahrens, das seit seinem Erscheinen eigentlich keines mehr gewesen war, und das man sich ihres Erachtens sowieso h├Ątte sparen k├Ânnen, seit sie ihn gesehen hatte. Moralesi aber hatte das Angebot abgelehnt.

Daraufhin war dann ein anderer Bewerber eingestellt worden, einige Wochen sp├Ąter aber urpl├Âtzlich wieder hinaus geworfen.

Denn nun hatte Moralesi sich doch f├╝r den Job entschieden. Und Margit, die Gesch├Ąftsf├╝hrerin, ihn selbstverst├Ąndlich mit offenen Armen wieder aufgenommen, als handelte es sich um den verlorenen Sohn, der endlich wieder heimgekehrt ist. Oder um den verlorenen Liebhaber, der dann doch wieder zur├╝ckkommt. Alles andere und vor allem alle anderen waren daneben unwichtig geworden.

Meine Kollegin Tanya und ich waren w├╝tend dar├╝ber, stinksauer. Denn Moralesi hatte selbstverst├Ąndlich vom ersten Tag an Sonderrechte und wusste obendrein alles besser. Alles.

Er hatte seiner Meinung nach wahnsinnig viel ERfahrung und ER hatte alles derma├čen im Griff und ER war ├╝berhaupt von seiner Mutter soo sehr geliebt worden und soo gut erzogen - wirklich, das hatte er uns wortw├Ârtlich so gesagt: Mit lang gezogenem 'oo' - und das zeichnete ihn nat├╝rlich wirklich vor allen anderen aus, vor allem aber gegen├╝ber den Teilnehmern dieses Projekts, junge Menschen, die bis zum Hals in Schwierigkeiten steckten und sich nicht einmal halb so gut f├╝hlten wie ER, was sage ich: Nicht mal ein Zehntel so gut, vielleicht nicht mal ein Hundertstel oder noch weniger.
Aber sie himmelten ihn an, anders kann man es nicht sagen, und ER, der da ja leibhaftig vor ihnen stand und vorf├╝hrte, wie gut ER sich f├╝hlte und war - vor allem im Gegensatz zu ihnen - sog diese Wellen an Bewunderung in sich auf wie ein Staubsauger die Kr├╝mel.

"Er zog die Sch├╝ler eben an wie die K├╝ken in dem bekannten Experiment den Roboter", sagte Steffen, der Moralesis Nachfolge angetreten hatte, und dem wir gerade von diesem erz├Ąhlten: Was f├╝r ein Prachtexemplar der gewesen sei, das kommen und gehen sowie tun und lassen konnte, was und wie es ihm beliebte .. Der inzwischen jedoch seine Anh├Ąnger mitten im Projekt sitzen gelassen hatte, allen voran Margit, die Gesch├Ąftsf├╝hrerin .. Der sich von seinen Betreuten mit dem Spruch verabschiedet hatte, dass man manchmal eben Entscheidungen zu treffen habe, ach ja .. seufz
"So eine Neuigkeit!" hatte Tanya mir damals bei diesen Worten zugeraunt.
Margit aber hatte ihn nach wie vor v├Âllig begeistert aus ihren blauen Augen angestrahlt und ihm einen ganzen Tag einger├Ąumt, um sich von allen zu verabschieden ganz wie es ihm beliebte.

Jetzt war er weg, und wir sa├čen mit dem n├Ąchsten Projektmitarbeiter in unserem Dozentenzimmer, dem wir andauernd von Moralesi erz├Ąhlten.

"Ihr kennt doch das Experiment mit den K├╝ken?" fragte der uns. Wir sch├╝ttelten die K├Âpfe.

"Rupert Sheldrake berichtet in seinem Buch Der siebte Sinn der Tiere darüber: Man nahm dazu einen Roboter, der von einem Zufallsgenerator gesteuert wird. Dann nahmen sie ein paar Eier, in denen sich Küken kurz vor dem Schlüpfen befanden. Kaum waren diese geschlüpft, hielt man ihnen nun als Erstes den Roboter vor Augen. Ihr wisst, dass frisch geschlüpfte Küken jegliches Ding, das sie beim Schlüpfen als Erstes sehen, für das Wichtigste in ihrem Leben halten und ihm folgen?!" fragte er.

"Ich wusste, dass H├╝hner bl├Âd sind!" sagte Marc und grinste breit, "nur mal so." "Genau", fuhr Steffen fort, "H├Ąhne auch. Sind ja auch noch K├╝ken hier. Wichtig in diesem Kontext ist, dass sie nun auf den Roboter konditioniert waren, abgerichtet, und ihm folgten. Und da der Roboter zufallsgesteuert war, bewegte er sich kreuz und quer im Raum, wobei die K├╝ken versuchten, damit Schritt zu halten, und deshalb genauso kreuz und quer hinter ihm her liefen. Die Bewegungen des Roboters waren aufgezeichnet worden und ergaben etwa folgendes Bild:"

Schon zeichnete er ein Viereck, das den geschlossenen Versuchsraum darstellen sollte, markierte darin Roboter und K├╝ken mit einem schwarzen Stift, dann mit einem roten Stift kreuz und quer die Linien, die deren Bewegungen zeigten. Dann setzte er seinen Vortrag fort:

"Im zweiten Teil des Experiments hatte man nun die K├╝ken zusammen in einen K├Ąfig gesperrt und neben das Areal mit dem Roboter gesetzt. Sie konnten also nicht mehr in demselben Areal frei herum laufen wie dieser. Und das ├Ąnderte nun die Bewegungen des Roboters! Er rollte nicht mehr in seinem Areal hin und her wie zuvor, sondern blieb andauernd in der N├Ąhe der K├╝ken. Als h├Ątten sie ihn gerufen und er h├Ątte sie verstanden und auf sie geh├Ârt! Irgendetwas hatte die K├╝ken in die Lage versetzt, den doch eigentlich zufallsgesteuerten Roboter selber zu steuern und in der N├Ąhe ihres K├Ąfigs zu halten. Was denkt ihr, was das sein kann?"

Keiner antwortete. Steffen fuhr also fort: "Das gibt zu denken, was? Denn die gerade mal einen Tag alten K├╝ken hatten mit Sicherheit nicht so schnell gelernt, wie mit Zufallsgeneratoren ausgestattete Roboter funktionieren. Und trotzdem lag es an ihnen, denn sobald man die K├╝ken wegnahm, bewegte sich der Roboter wieder wie zuvor kreuz und quer in seinem Areal. Das l├Ąsst doch nur einen Schluss zu: Dass der Wunsch oder der Wille der K├╝ken, am Roboter quasi 'dran zu bleiben', ihn tats├Ąchlich anzieht. Daraus schloss man dann, dass dies eine Energie ist, die wiederum ein Feld erzeugt, das intrinsische Intelligenz besitzt, das hei├čt, das aus sich selbst heraus sehr wohl wei├č, wie dieser Roboter, der Zufallsgenerator und die Steuerung funktioniert und entsprechend die Bewegungen des Roboters ausl├Âste!"

"Also das Feld und nicht die K├╝ken?" fragte Tanja. "Na das von den K├╝ken erzeugte Feld", bekam sie zur Antwort.

"Ich frage mich nur, ob ein einzelnes K├╝ken das auch k├Ânnte?", murmelte Tanja nachdenklich vor sich hin. Ihr derzeitiges Problem war ihr neuer Freund, der sich einbildete, mittels eines von ihm erzeugten intrinsischen Feldes im Casino die Kugel in das K├Ąstchen seiner Wahl lenken zu k├Ânnen.

"Na ja", sagte Steffen dann, "ihr wisst schon, wieso ich von dem Experiment erz├Ąhlt habe."

"Damit wir jetzt verstehen, warum unsere 'K├╝ken' in den Klassenr├Ąumen immer noch da sitzen und auf ihn warten?"

"Nein, das tun sie doch gar nicht!", sagte er.

"Doch!" riefen Tanya und ich wie aus einem Mund.

"Ok", r├Ąumte Steffen ein, "nur sind sie nicht die K├╝ken, sondern Roboter. Sie liefen doch ihm hinterher und er hat sie magisch angezogen, nicht umgekehrt, oder?!"

"Ach ja?!", rief Tanya pl├Âtzlich, "genau wie Margit, die Gesch├Ąftsf├╝hrerin, die sich immer noch die Hacken hinter ihm abl├Ąuft?! Sie hat mir gestern noch lang und breit von ihm vorgeschw├Ąrmt und auf meine Frage, ob sie denn nicht entt├Ąuscht sei, wie er uns sitzen gelassen habe, mit verz├╝cktem Blick get├Ânt: ÔÇÜIch w├╝rde es jederzeit wieder so machen!ÔÇÖ"

"Tja, die w├Ąre eben auch gerne seine Mutti", fing Marc an, "das kommt manchmal davon, wenn Frauen sich f├╝rs vierte K entschieden haben: Statt Kinder, K├╝che, Kirche nur noch Karriere."
Wir hatten alle schon den Mund ge├Âffnet: Steffen zum Lachen, Tanya zum Luft holen, um sich dann Luft zu machen, und ich zum noch weiter Ausholen, doch dann klingelte es, und wir mussten zur├╝ck in unsere Klassenr├Ąume.

Das w├╝rden wir auf jeden Fall noch diskutieren. Auch, welchen Vorteil die Sch├╝ler sich vom Roboter-Sein versprachen.

Version vom 14. 08. 2014 13:00

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