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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Sanduhr
Eingestellt am 18. 07. 2015 13:51


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Xuscha
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2015

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Schnellen Schrittes eilte sie durch die G├Ąnge des hellen, sauberen Krankenhauses. Sie durfte nicht zu sp├Ąt kommen. Sie sagten, sie h├Ątte nicht mehr lange Zeit, also verlie├č sie vorzeitig ihren Arbeitsplatz mit dem Risiko entlassen zu werden. Es war nur eine Frage der Zeit, wann ihr Chef ihr h├Ąufiger vorkommendes vorzeitiges Gehen nicht mehr tolerieren w├╝rde, aber das war ihr egal, Hauptsache sie konnte bei ihr sein.
Ihr schneller Schritt beschleunigte sich und sie fing an zu laufen. Je mehr Zeit sie gewinnen konnte, desto besser.
An der T├╝r zu ihrem Zimmer machte sie Halt und k├Ąmpfte einige Sekunden lang mit den Tr├Ąnen.
Nein! Nicht heute! Heute musste sie stark sein! F├╝r sie!
Sie atmete tief ein und betrat das verdunkelte Zimmer. Nur eine einzige Kerze erleuchtete schwach den Raum, sowie die Vorh├Ąnge, welche das Sonnenlicht gering durchdringen lie├čen.
Leise betrat sie das Zimmer und schloss die T├╝r lautlos hinter sich. Stille, bis auf das Summen einer sausenden Fliege.
Sie ben├Âtigte einige Sekunden um sich an die Dunkelheit zu gew├Âhnen. Und trotz des verd├╝sterten Zimmers erkannte sie ihre Tochter. Schwach, hilflos und zerbrechlich lag sie in der Decke eingeh├╝llt in ihrem Bett. Sie war leichenblass und kalt. Zumindest ahnte sie es. Schon seit Wochen hatte sie keine W├Ąrme mehr gesp├╝rt. Ihre Augen waren geschlossen. Sie schlief.
Ihr Brustkorb hob sich langsam auf und ab. Sie war nicht zu sp├Ąt. Noch hatte sie Zeit.
Vorsichtig setzte sie sich an den Rand des Bettes. Ihr K├Ârper warf, verursacht durch die Kerze, einen gro├čen schwarzen Schatten. M├Ąchtig. Unwirklich. Erschreckend.
Gleich darauf ├Âffnete ihre Tochter die Augen. Dunkel. Finstere Augenr├Ąnder. Wie bei Sch├Ądeln. Eine lebende H├╝lle. Und trotz ihrer fortgeschrittenen Leuk├Ąmie l├Ąchelte sie ihre Mutter kraftlos an. Nur ein Wunder konnte sie jetzt noch retten.
"MamaÔÇŽ", fl├╝sterte sie und durchbrach neben der umherschwirrenden Fliege die Stille. Sofort zeigte ihr altes Gesicht Fr├Âhlichkeit und Gl├╝ck. Erleichterung.
"Hallo, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?", fragte ihre Mutter liebevoll mit den Tr├Ąnen k├Ąmpfend und nahm ihre Hand. Sie nickte.
Es schien als sei sie durch ihre Krankheit um Jahre gealtert. Ihre jungendliche Energie und Vitalit├Ąt verlor sie schon lange bei dem Kampf gegen den Krebs. Dabei war sie erst 13 Jahre alt! Ein Kind! Und akzeptierte dennoch wie eine alte Frau ihren Tod. Noch so mancher Erwachsener w├╝rde bei dem Todesurteil weinen. Nicht aber sie. Sie war stark. Sie hatte es nicht verdient! Niemand verdiente dieses Schicksal!
Nun lag sie schwach, entkr├Ąftet und ihrer Energie beraubt und wartete auf ihr Ende. Es war schon sehr lange her, dass sie ein unbeschwertes Leben ohne den Krebs gef├╝hrt hatten. Zu lange her.
Das M├Ądchen zog ihre Hand weg und betrachtete ihre goldene Kette, die einen kleinen zierlichen Sanduhr-Anh├Ąnger mit sich trug. Als sie die Diagnose Leuk├Ąmie bekam wollte ihre Mutter ihr Leben einfacher und sch├Âner gestalten, was sich in kleinen Aufmerksamkeiten ausdr├╝ckte. Ihre Tochter hatte schon lange von einer Sanduhrkette geschw├Ąrmt. Antrieb dazu hatte ihr ihr Vater gegeben. Er erkl├Ąrte ihr jedes Mal wie kostbar, aber auch kurz, die Zeit sei und sie diese ausleben und genie├čen solle.
Das Durchrinnen des Sandes durch die winzige ├ľffnung glich einem schwachen Lichtstrahl, welcher zu fr├╝h erlosch, und erinnerte sie nun immer an die zu schnell vergangene, aber dennoch sch├Âne Zeit mit ihrem Vater. Ab dem Zeitpunkt wurde es ihr wertvollster Besitz.
Ihre Mutter l├Ąchelte und sah sich im verdunkelten Zimmer um. Sie bemerkte all die B├╝cher auf dem Tisch. Die einzige Besch├Ąftigung und Ablenkung, die ihre Tochter hatte. Der Blumenstrau├č, der den traurigen Ort eigentlich versch├Ânern sollte, war schon eine Woche alt. Nun hingen die verwelkten Bl├╝ten herab und verd├╝sterten die Stimmung. Wieder durchbrach die summende Fliege die Ruhe. Nervosit├Ąt beherrschte die Frau. Hektisch stand sie auf um die Blumen fortzuwerfen. Sie wollte, dass es ihrer Tochter gut ging und das konnte nicht in der Atmosph├Ąre von verwelkten Blumen geschehen.
"Mum, lass nur!", flehte ihre Tochter, die dieses Verhalten gewohnt war. Auch sie wollte, dass ihre Mutter sich entspannte. Oft gab sie sich die Schuld an deren Trauer und Verzweiflung, da deren Leben komplett auf sie ausgerichtet war, sodass ihre Mutter verga├č auf ihren eigenen Zustand zu achten.
Die Fliege begann um das M├Ądchen zu schwirren und flog anschlie├čend zu ihrer Mutter. Genervt schlug sie um sich. In ihrer Hast warf sie die Vase aus Glas um, welche zu Scherben zerbrach. Sie hielt sich beide H├Ąnde vor den Mund und sagte verzweifelt, dass es ihr Leid t├Ąte.
"Beruhige dich. Es ist alles ok.", antwortete das M├Ądchen.
Ihre Mutter l├Ąchelte ihr schwach zu und lie├č eine Krankenschwester kommen um die Scherben und das Wasser zu beseitigen. Danach setzte sie sich erneut aufs Bett.
Zitternd griff das M├Ądchen nach der Hand ihrer Mutter, welche ihr mit der anderen Hand ├╝bers Gesicht strich. Durch die Bl├Ąsse glich das M├Ądchen einem Gespenst.
Langsam schlossen sich ihre Augen, woraufhin ihre Mutter gro├če Kraft aufbringen musste nicht zusammenzubrechen. Sie war ihre Tochter! Ihr einziges Kind! Wieso musste es ihr genommen werden? So fr├╝h. So jung. So unschuldig.
"Schlaf ein wenig.", fl├╝sterte die Frau mit br├╝chiger Stimme und lie├č es zu, dass eine Tr├Ąne ├╝ber ihr Gesicht rollte.
Die Atmung ihrer Tochter wurde flacher und flacher, doch sie blieb ruhig und hielt ihre Augen geschlossen. Gefangen in einem endlosen Traum.
Anschlie├čend h├Ârte das Kind auf zu atmen und trat, wie die Frau hoffte, eine Reise zu einem besseren, gerechteren Ort an. Ein Ort ohne Leid und Verluste. Ein Paradies.
Und es schien sich zu bewahrheiten. Zumindest wirkte es, als sei die Seele ihrer Tochter ruhig und friedlich gegangen. Nun sorglos und frei in den unendlichen Weiten des Universums.
Zur├╝ck blieb nur ihre leere H├╝lle. Und die Leere in den Herzen derer, die sie zur├╝ckgelassen hat.
Lange Zeit sa├č die Frau nun bei ihrer Tochter, klammerte sich an ihre kleine k├╝hle Hand und lie├č ihrer Trauer freien Lauf. Die Zeit verging wie Sekunden. Sie verga├č all die Krankenschwestern und ├ärzte, welche sich nach ihr erkundigten. Sie verga├č ihre Wut auf die Ungerechtigkeit der Natur. Sie verga├č ihre Trauer. Sie verga├č ihre Gef├╝hle.
Minutenlang betrachtete sie die Kerze. Es war nicht richtig.
Taub und benommen stand sie auf und schlenderte zu dem Licht, beugte sich tr├Ąge herunter zum Tisch, auf dem die Kerze platziert war, und blies sie mit einem Atemhauch aus.
Anschlie├čend glitt die Frau wie ein Geist langsam ├╝ber den Boden aus dem dunklen Zimmer ├╝ber die hellen G├Ąnge in die Eingangshalle, wo sie zwei Frauen bemerkte, welche miteinander lachten. Eine von ihnen hielt in ihren Armen ein Neugeborenes in einer blauen Decke umwickelt. Sie beugte ihren Kopf l├Ąchelnd zum Baby und k├╝sste es auf die Stirn.
Sie war gl├╝cklich, hatte einen Lebenssinn. Ihre Augen strahlten heller den je vor Muttergl├╝ck, w├Ąhrend das Leuchten in den Augen der anderen Frau langsam verblasste, bis es endg├╝ltig starb.


__________________
Der Mensch ist nicht fehlerlos!

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sternschwester
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Die Sanduhr

Hallo Xuscha,

eine unglaublich traurige, aber wirklich ber├╝hrende Geschichte, die Du mit viel Einf├╝hlungsverm├Âgen und gleichzeitig scheinbarer Leichtigkeit beschrieben hast! Beim Lesen hatte ich einen richtigen Knoten im Hals.
Eine einzige Kleinigkeit: Achte ein bisschen besser auf Deine Kommastellungen bzw. oft fehlen welche, wo welche hingeh├Âren.

Beste Gr├╝├če und weiter so,
sternschwester

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