Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
52 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Schienenmenschen
Eingestellt am 30. 11. 2001 20:42


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 7
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Die Schienenmenschen

Peter von Gunten war gerne Lokomotivf├╝hrer. Er ging diesem Bubentraum schon sein ganzes Leben lang nach. Es war ja auch wirklich ein Traum, ein solches Ungest├╝m aus Stahl steuern zu d├╝rfen. Nicht f├╝r alle, wohlgemerkt. Peter von Gunten akzeptierte das. Nicht weil er sich sagte, dass nur sehr begabte Menschen Lokomotivf├╝hrer werden konnten, nicht weil man das so sagen musste, sondern ganz einfach deshalb, weil Peter von Gunten ein guter Mensch war. F├╝r ihn waren alle Berufe und somit alle Menschen gleich. Peter von Gunten kannte keine VIPÔÇÖs, also keine ÔÇ×sehr wichtigen PersonenÔÇť. ├ťber die lachte der Lokomotivf├╝hrer nur, und wenn er an seine Familie dachte, dann schallend.

Peter von Gunten entstammte einer sehr reichen Familie. Sie war so verm├Âgend, dass man sich im Garten ihres gr├Âssten Grundst├╝cks wie in einem unheimlichen Wald verirren konnte. Der Vater, der, obwohl schon sehr alt, noch immer arbeitete, f├╝hrte ein namhaftes Schokoladenunternehmen in der dritten Generation. F├╝r ihn war es immer selbstverst├Ąndlich gewesen, dass sein Sohn Peter eines Tages das Unternehmen als Vertreter der vierten Generation weiterf├╝hren w├╝rde. Doch Peter von Gunten hatte nie Lust gehabt, sich in Generationsfesseln ketten zu lassen. Er konnte die Vorstellungen seines Vaters zwar sehr wohl nachvollziehen, doch dieser seine, was Peter von Gunten ausserordentlich bedauerte, leider nicht. Und deshalb hatte ihm sein Vater gesagt, dass er sich nie wieder blicken lassen solle und dass er enterbt sei. Dabei war Peter von Gunten Geld gar nie wichtig gewesen. Es gab andere Dinge, Dinge, die man nicht anlegen, ÔÇ×share holdenÔÇť oder diversifizieren konnte. Aber seine Familie begriff das nicht. So war es etwas minderwertiges, Lokf├╝hrer zu sein, gleich wie das Kinderm├Ądchen, mit dem er nie richtig hatte sprechen d├╝rfen und das er sp├Ąter aus Liebe geheiratet hatte.

An diesem Abend war Peter von Gunten f├╝r den Regionalzug von Basel nach Frick zust├Ąndig. Man schrieb einen gew├Âhnlichen Wochentag, graue Wolken hingen am Himmel, m├╝de, abgek├Ąmpfte Gestalten besetzten die Zugwagons. An den Stationen stiegen nur noch wenige Menschen ein und aus. Es gab auch Haltestellen, wo um diese Zeit gar niemand mehr ein- und ausstieg. Hier hielt Peter von Gunten seine Lokomotive nur aus Vorschrift an. Er mochte ausgestorbene Bahnh├Âfe, h├Ąsslich leere Betonperrons nicht. Dann f├╝hlte er sich ein bisschen wie der F├╝hrer eines Geisterzuges. Dennoch liebte er die Nachteins├Ątze. Wenn es draussen kalt und finster war und er, als Lokomotivf├╝hrer gewissermassen ├╝ber seine schlafenden Passagiere wachte und seine Maschine sicher durch die Nacht leitete. Das machte ihn stolz und gl├╝cklich.

Auf dem Fahrkurs in Richtung Frick fuhr Peter von Gunten mit seinem Zug in einen Bahnhof ein, der ihm seltsam erschien und an den er sich nicht erinnern konnte, ihm jemals begegnet zu sein. Trotzdem zog er wie von fremder Hand gesteuert den Bremshebel. Auf dem einzigen Perron dr├Ąngelten sich hunderte von Menschen. Ihre Gesichter waren blass und ohne Charakterz├╝ge. Nicht laut, nicht leise, schweigend stiegen sie ein. Vollgef├╝llt verliess die Lokomotive den Bahnhof und setzte ihre Reise fort.

Peter von Gunten kam die ganze Angelegenheit erst wieder in den Sinn, als er zwei Wochen sp├Ąter erneut in die Nachtschicht eingeteilt worden war. Wieder tauchte wie aus dem nichts jener unbekannte Bahnhof auf, wieder erkannte Peter von Gunten eine gigantische Menschenmasse, die auf die Einfahrt seines Zuges wartete. Doch diesmal hakte Peter von Gunten nach. Er wollte wissen, wer die vielen Leute waren und woher sie kamen. Rasch verliess er den F├╝hrerstand und begab sich in das vorderste Abteil. ÔÇ×Wer seid ihr und woher kommt ihr in solch grosser Zahl?ÔÇť, fragte er in die Menge. Irgendwo aus den hinteren Sitzreihen antwortete eine Stimme: ÔÇ×Wir sind diejenigen Menschen, die kein Gesicht haben. Diejenigen Menschen, die sich das Geleise lieber von anderen Menschen stellen lassen. Menschen, von denen es immer mehr gibt. Wir, wir sind die Schienenmenschen.ÔÇť

Noch in derselben Nacht reichte Peter von Gunten seine K├╝ndigung ein und ├╝bernahm wenige Zeit sp├Ąter das Schokoladenunternehmen seines Vaters.

__________________
George M├╝ller

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
die

geschichte ist gut erz├Ąhlt, aber ihre aussage gef├Ąllt mir nicht. wenn ein mensch farblos ist, dann ist er es, egal, ob sein beruf lokf├╝hrer oder fabrikant ist. lg
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 7
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Die Schienenmenschen

Liebe flammarion,

es geht um etwas ganz anderes, auf den sich auch der Titel bezieht: Die Schienenmenschen. Weshalb gibt es sie? Weshalb gibt es immer mehr von jenen Mitl├Ąufern, die jeden Trend der Beliebtheit wegen ├╝bernehmen und darin ihre Identit├Ąt suchen, sich selbst nicht scheuen, ihren Trend als den einzig richtigen anzusehen und anderen aufzuzwingen?

Frage dich selbst und, falls du eine Antwort gefunden hast, maile mir zur├╝ck. ├ťbrigens: Nat├╝rlich bleibt ein farbloser Mensch auch in der Position eines Unternehmens farblos. Doch Peter von Gunten war nie ein Mann ohne Farbe - bloss ist ihm seit seiner Begegnung mit den Schienenmenschen ein Licht aufgegangen.

PS.: Danke f├╝r deine Zusendung. Ich wusste gar nicht, dass auf leselupe.de die publizierten Kurzgeschichten auch tats├Ąchlich gelesen werden...
__________________
George M├╝ller

Bearbeiten/Löschen    


ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi,
ich finde die Geschichte auch gut geschrieben (nur am Anfang die Formulierung "Bubentraum" finde ich etwas holprig).
Allerdings ist sie glaube ich etwas zu kurz, um die Aussage, die Du im Sinn hast, rueber zu bringen. Warum entdeckt Peter die Schienenmenschen so schnell? Warum sagen sie ihm, wer sie sind? Wenn sie die unbewussten Menschen sind, die sich ihrer selbst nicht klar sind, wie Du in Deiner Antwort auf Flammarion ja anbietest, warum wissen sie dann, WAS sie sind? Sollte Peter die Schlussfolgerung nicht irgendwie (nach etwas laengerer Zeit und mehr Beobachtungen) selber ziehen?
Und noch eine kleine Anregung: Warum endet die Geschichte gar so pessimistisch? Peter ist doch "ein guter Mensch". Wuerde er dann nicht wenigstens versuchen, das Schicksal der Schienenmenschen zu verbessern?
Gruss
Ingrid
P.S.: Klar werden die Posts auf Leselupe gelesen - deshalb werden sie ja gepostet!" ;-)
__________________
Never wake a sleeping dragon!

Bearbeiten/Löschen    


georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 7
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Die Schienenmenschen

Liebe Ingrid,

auch dir herzlichen Dank f├╝r deine Anregungen. Peter von Gunten entdeckt die Schienenmenschen, wie du richtig schreibst, in der Tat sehr schnell. Aus diesem Grund kehrt er seiner wohlhabenden Familie auch den R├╝cken, weil sie den "Comme il faut"-Manieren besonders frappant vertreten. Doch, und dies erkennt der freiheitsliebende Lokomotivf├╝hrer erst bei der Begegnung mit den Schienenmenschen, wird er diesen Misstand nur ver├Ąndern k├Ânnen, wenn er Verantwortung ├╝bernimmt. Bleibt er weiterhin Lokomotivf├╝hrer, so f├╝hlt er sich selbst zwar frei, die Weichen werden aber im wahrsten Sinne des Wortes auch in Zukunft von anderen Menschen, wie etwa von Peter von Guntens knochentrocken-konservativen Vaters, gestellt. Das Ende der Geschichte ist alles andere als pessimistisch: Peter von Gunten entscheidet sich ja , das Unternehmen seines Vaters zu ├╝bernehmen, um mit seinem F├╝hrungsstil gesellschaftliche Misst├Ąnde zu beheben.

Die Schienenmenschen wissen sehr wohl, dass sie im Grunde genommen Mitl├Ąufer sind. Ihr Problem liegt darin, nicht den Mut zu haben, sich selbst so zu geben, wie sie es eigentlich gerne t├Ąten. So m├╝ssen sie zum Beispiel die Musik irgendeiner Blondine abg├Âttlich verehren, um von anderen gesch├Ątzt zu werden, obwohl sie vielleicht vielmehr einen anderen Musikstil m├Âgen. Die Schienenmenschen verdr├Ąngen ihr Problem, und nur nachts, irgendwo im Nichts, in einem unwirklichen Bahnhof, kommen ihre wahren Bed├╝rfnisse zum Vorschein. Die Schienenmenschen suchen verzweifelt nach jemandem, der sie versteht, der es auch akzeptieren w├╝rde, wenn sie anders w├Ąren als die Allgemeinheit.

P.S. In der K├╝rze liegt die W├╝rze, aber nat├╝rlich kann man sie auch versalzen...
__________________
George M├╝ller

Bearbeiten/Löschen    


ingridmaus
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

Werke: 2
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

> Ende der Geschichte ist alles andere als pessimistisch:
> Peter von Gunten entscheidet sich ja , das Unternehmen
> seines Vaters zu ├╝bernehmen, um mit seinem F├╝hrungsstil
> gesellschaftliche Misst├Ąnde zu beheben.

Interessant - das haette ich jetzt nicht so interpretiert. Ich fand es eher traurig und sehr schade, dass Peter seinen Traum aufgibt; fuer mich flieht er vor den Schienenmenschen. Aber ist ja Deine Geschichte...
__________________
Never wake a sleeping dragon!

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
siehste,

georg m├╝ller, in obiger diskussion ist doch einiges gesagt worden, was in deiner geschichte stehen sollte, damit man sie besser versteht. k├Ânntest du eine leichte ├╝berarbeitung in betracht ziehen?
├╝brigens schw├Ąrme ich f├╝r kurzgeschichten und viele lupianer auch. wenn zu einer geschichte nichts gesagt wird, dann ist der leser entweder nicht dahinter gestiegen oder die geschichte erschien ihm zui belanglos. letzteres ist deine geschichte gewi├č nicht. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!