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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Schneekugel
Eingestellt am 21. 05. 2014 20:56


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hierophantus
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2014

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Mit zitternden Fingern kn├Âpfte der Mann mit dem Terrier den Mantel enger und schlurfte ├╝ber die schneefreie Stra├če. Der graue Himmel warf Zwielicht wie ein Leichentuch ├╝ber die Kleinstadt. Die kahlen B├Ąume waren wie alte, haarlose Greise, wie sie mit ihren leeren Zweigen die Fu├čwege s├Ąumten.
Entt├Ąuscht rutschte der kleine Jimmy von der Fensterbank. Wie sehr hatte er sich wei├če Weihnachten gew├╝nscht, wie sehr hatte er sich auf den Schnee gefreut und auf die Vanillepl├Ątzchen. Die Vanillepl├Ątzchen von Oma, dachte Jimmy. Jimmy hatte seine Oma sehr gern. Sie war immer so lustig. Die allerbesten Witze erz├Ąhlte sie und die allerbesten Geschichten. Sie lief stundenlang mit ihm durch den Schnee und lachte, wenn er sie mit Schneeb├Ąllen bewarf. Aber nun war die Oma nicht mehr da.

„Mama, wann kommt Oma wieder? ", hatte Jimmy gefragt. Doch seine Mutter hatte nur den Kopf gesch├╝ttelt und geweint und da hatte Jimmy auch geweint, weil er wusste, dass die Oma nicht wiederkommen w├╝rde. Die Oma war tot. Sie sei krank gewesen, hatte der Papa gesagt. Jimmy war sehr traurig gewesen, er hatte viel geweint. Auch das bevorstehende Weihnachten machte ihn nicht gl├╝cklich. An seinem Adventskalender waren noch drei T├╝rchen geschlossen, die er h├Ątte ├Âffnen k├Ânnen, aber Jimmy wollte sie nicht aufmachen. Er hatte keine Lust auf Schokolade oder auf Vanillepl├Ątzchen und N├╝sse. Er wollte auch
keinen hei├čen Kakao, wie ihm die Nachbarin st├Ąndig einen anbot, er wollte nur, dass die Oma wiederkam.
Die Mama war sehr traurig gewesen, dass Jimmy so viel weinte, sie wahr mit ihm in den Wald gegangen und hatte ihm Geschenke gekauft, aber er wollte keine doofen Geschenke, sondern dass die Oma wiederkam und das sie mit ihm im Schnee spielte, wenn es doch nur schneien w├╝rde. Jimmy war ganz fest davon ├╝berzeugt, dass es dieses Jahr deshalb nicht schneite, weil die Oma nicht da war. Fr├╝her, als die Oma noch lebte hatte sie im Wohnzimmer gesessen und gestrickt, dann hatte sie Jimmy gefragt: „Und Jimmy, schneit es?" Und Jimmy war zum Fenster gelaufen und auf die Fensterbank geklettert und hatte gerufen: „Ja Oma, sieh doch nur, es schneit!"

Pl├Âtzlich rief die Mama aus der K├╝che: „Jimmy! Komm mal her! Ich habe etwas f├╝r dich!" Jimmy seufzte. Nicht schon wieder so ein bl├Âdes Geschenk. Doch es machte die Mama gl├╝cklich, wenn er so tat, als ob er sich ├╝ber die Geschenke freuen w├╝rde und so trottete er in die K├╝che, wo die Mama verschw├Ârerisch die H├Ąnde hinter dem R├╝cken verschr├Ąnkt hatte.
„Welche Hand?", fragte sie. „Links", antwortete Jimmy tonlos. Die Mama nahm solche Dinge immer in die linke Hand. „Richtig!", rief die Mama begeistert und hielt ihm ein kleines P├Ąckchen, das in buntes Papier eingewickelt und mit einer wei├čen Schleife verziert war, hin. Jimmy griff nach dem P├Ąckchen und versuchte dabei zu lachen, aber es misslang
kl├Ąglich. Mehr schlecht als recht riss er das P├Ąckchen auf, halbherzig warf er das Papier zu Boden. Darunter kam eine unscheinbare Pappschachtel zum Vorschein. Nun war Jimmy doch neugierig geworden und w├Ąhrend die Mama sich b├╝ckte, um das Papier aufzuheben, ├Âffnete
Jimmy gespannt die Schachtel.
Er fand eine wundersch├Âne Schneekugel darin. Es war ein gr├╝ner Tannenbaum, vor dem ein kleiner Engel mit makellosen Z├╝gen auf einer kleinen Harfe spielte. Jimmy konnte jede einzelne Seite und jeden einzelnen Zweig des Baumes erkennen. Vorsichtig sch├╝ttelte er die Schneekugel und sah wehm├╝tig zu, wie die federleichten Flocken
zur Erde herabsanken und sich auf dem Weg dahin auf die ├äste des Baumes und die goldenen Haare des Engels setzten. „Danke Mama, sie ist wirklich sch├Ân", sagte Jimmy aufrichtig und freute sich, als seine Mutter l├Ąchelte. „Freut mich, dass sie dir gef├Ąllt, mein Schatz." Jimmy l├Ąchelte noch einmal, dann flitzte er aus der K├╝che und schl├╝pfte in Stiefel und Daunenjacke, denn er hatte noch einen dringenden Besuch zu erledigen.

Als Jimmy auf dem Friedhof ankam, gruselte er sich ein bisschen vor der alles erdr├╝ckenden Stille, doch er fand schnell den Weg zwischen den Grabsteinen und Blumenbeeten hindurch zum Grab seiner Oma. Jetzt im Winter sahen die Gr├Ąber leer aus, irgendwie hohl, da nat├╝rlich keine Blumen wuchsen und die Erde der Beete hart gefroren ist. Ein paar Laternen mit Kerzen standen an Omas Grab und ein wenig Tannengr├╝n als Weihnachtsschmuck. „Es ist hier ja ganz leer, Oma. Aber ich habe dir was mitgebracht, da musst du dich nicht mehr langweilen", fl├╝sterte Jimmy in die Stille hinein und sch├╝ttelte die Schneekugel. Dann stellte er sie achtsam auf das Tannengr├╝n und sah and├Ąchtig zu, wie die Flocken in der Kugel tanzten. „Schau nur Oma, es schneit!"
Wie er gl├╝cklich der Schneekugel zusah, war sich Jimmy sicher, dass die Oma jetzt lachte und auch gl├╝cklich war und da sah er hinauf zum Himmel und beobachtete die erste Schneeflocke diesen Winters, die sich sachte auf seine Nasenspitze setzte.

Version vom 21. 05. 2014 20:56

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