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Leselupe.de > Kindergeschichten
Die Schokoladenpudding-Oma
Eingestellt am 23. 08. 2002 14:03


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Hallo, ich freue mich über jeden, der/die sich die Zeit nimmt, meine Geschichte von der Oma Piepenbrinck zu lesen und noch mehr freue ich mich über Kommentare und Anregungen. Ich habe riesige Lust und eine ganze Menge Einfälle, um aus der Omageschichte ein ganzes Buch zu machen. Das hier soll das erste Kapitel sein. Teilt mir doch mit, ob die Oma Piepenbrinck eure (äußeren und inneren) Kinder anspricht und ob ihr sie und Lisa lebendig und in sich stimmig findet oder nicht. Zum Beispiel könnten mir die Berliner unter euch sagen, ob diese Herkunft aus Berlin bis jetzt glaubwürdig wirkt. So, jetzt warte ich gespannt...





Die Schokoladenpudding-Oma

Oma wohnt im dritten Stock. Es gibt zwar keinen Aufzug im Haus, aber das macht ihr gar nichts. Sie sagt immer: „Wenn ick mal nicht mehr in meine Wohnung hochkomme, dann bin ick reif für’s Altersheim. Vorher nicht.“ Wenn sie die Treppe runterflitzt, denken manche Leute, Sofie kommt. Sofie ist meine große Schwester und sie ist dreizehn. Oma kommt also noch nicht so schnell ins Altersheim.

Oma heißt in Wirklichkeit Frau Piepenbrinck und ist gar nicht unsere richtige Oma. Sie kommt aus Berlin und das hört man manchmal noch, obwohl sie inzwischen schon seit mehr als vierzig Jahren hier in Stuttgart lebt. Sie sagt immer ick und icke, wenn sie ich meint. Besonders, wenn sie sich gerade furchtbar aufregt. Dann kriegt sie einen ganz roten Kopf und sagt so lustige Wörter aus ihrem Berlin, daß Sofie und ich gerne lachen würden. Aber wenn Oma sich aufregt, dann darf man nicht lachen, sonst wird’s noch schlimmer.
Übrigens regt sie sich gar nicht oft auf und wenn, dann nie über uns. Oma ärgert sich meistens über Erwachsene. Das gefällt mir an ihr. Aber meistens hat Oma sowieso gute Laune. – Meine richtige Oma, die hat so viele Schmerzen, daß sie nur ganz selten lacht. Ich hab sie sehr lieb, aber ich bin immer ein bißchen traurig, wenn ich von ihr zurückkomme. Wenn ich Oma Piepenbrinck besucht habe, bin ich meistens ganz fröhlich.

Als wir damals hier eingezogen sind, da habe ich mich gar nicht gefreut. Ich mußte aus meinem Kindergarten weg und von der netten Frau, die im Gemüseladen verkauft hat, und alles war so neu. So richtig traurig war ich und ganz sauer auf Mama und Papa.

Ich weiß noch genau, wie wir hier ankamen. Es regnete in Strömen und der Möbelwagen stand schon da. Die Männer wollten gerade Mamas Klavier aus dem Wagen heben. Mama stieß einen Schrei aus, sprang aus dem Auto und stürzte mit ihrem Regenschirm in der Hnad zu den Möbelmännern hin. Papa, Sofie und ich hielten den Atem an, denn wir wissen ja, daß Mama keinen Spaß versteht, wenn es um ihr Klavier geht. Mir hat sie sogar schon mal eine runtergehauen, als ich mit einem nassen Glas einen Wasserrand auf ihr heiliges Klavier gemacht habe. Ich bin furchtbar erschrocken, denn sonst haut Mama uns nie. Da war ich also richtig gespannt, was sie wohl mit den Möbelmännern machen würde.
Genau in diesem Moment stand plötzlich Oma vor den Männern. Wir wußten natürlich damals noch nicht, wer sie ist, aber ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Wie sie da stand, in der einen Hand eine große rote Decke und in der anderen eine zusammengefaltete Plastikplane, hatte ich mit einem Schlag das Gefühl, sie sei schon immer dagewesen. Beide Sachen streckte sie den Möbelmännern hin und sagte dazu: „Ick glaube, das können sie jetzt gut gebrauchen.“ Danach drehte sie sich zu Mama um, zuckte mit den Schultern und meinte: „Die Menschen, die die Musik nicht lieben, die können nicht verstehen, wieviel einem so ein Klavier bedeuten kann.“
Mama fing an übers ganze Gesicht zu strahlen und sie streckte der Oma die Hand hin:„Ich bin Frau Lohmiller. Wir ziehen gerade im vierten Stock ein. Wohnen sie auch im Haus?“
„Ja und ob ick hier wohne. Ick jehöre hier sozusagen zur Einrichtung. Meine Wohnung ist direkt unter ihrer. Piepenbrinck ist mein Name,“ antwortete die Oma freundlich und gab Mama die Hand. „Freut mich!“ sagte Mama, und es klang so, als ob sie das wirklich so meinte.
Die Oma stand immer noch am selben Fleck wie am Anfang. Auf ihrem Kopf war über den schneeweißen Haaren ein komisches Plastikkopftuch mit blauen Punkten und um ihren Bauch hatte sie eine ganz schön bunte Schürze gebunden, aus deren Tasche ein hölzerner Kochlöffel herausschaute. Damals dachte ich noch, daß sie den Möbelmänneren vielleicht im Notfall doch eins draufgegeben hätte mit ihrem Kochlöffel. Später erzählte sie mir allerdings, daß sie gerade damit fertig gewesen war, Schokoladenpudding zu kochen, als der Möbelwagen in den Hof fuhr. Und als sie den hörte, mußte sie selbstverständlich sofort ans Fenster. Deswegen hatte sie den Kochlöffel nur schnell in die Schürzentasche gesteckt.
Sie stand da und irgendwie spürte ich, daß alles gut war und wir hier genau in die richtige Wohnung einziehen würden. Ich glaube fast, Mama ging es ähnlich. Sie sah gar nicht mehr wütend aus. Nicht einmal mehr so müde und abgerackert wie in den ganzen letzten Wochen, als wir all unsere Sachen zusammenpacken und dauernd zwischen Kisten und ohne Toaster und ohne unseren Wasserkocher leben mußten und am Schluß nicht mal mehr wußten, wo unsere Zahnbürsten hingekommen waren. Das Alles war nicht mehr so schlimm und irgendwie war diese Oma mit der bunten Schürze daran schuld.
Sogar ein klitzekleines bißchen Neugierde auf die neue Wohnung machte sich in mir breit, obwohl ich bis vor Kurzem gar nichts von dieser Wohnung hören und sehen wollte. – Ich schaute Sofie an und Sofie schaute mich an. Wir grinsten beide und ich glaube, wir fühlten ziemlich genau dasselbe.

In dem Moment wachte Lutz auf und fing an, aus vollem Hals zu krähen. Lutz war damals erst ein Jahr und ein paar Monate alt. Er hatte die ganze Fahrt verschlafen und wollte sofort was zu essen haben. Papa verdrehte die Augen, das konnte ich im Rückspiegel sehen, und Mama sah plötzlich wieder ganz müde und hilflos aus. Doch die Oma Piepenbrinck machte mit dem Kopf eine Bewegung zu uns hin und fragte: „Sind das ihre Kinder?“ Als Mama nickte, marschierte die Oma zu unserem Auto. Bei uns angekommen bückte sie sich, nickte Papa kurz zu und schaute uns Kinder dann nacheinander an. Ihre Augen funkelten fröhlich hinter ihrer Brille – es war wie ein Willkommensgruß und eine Einladung gleichzeitig. Lutz hörte kurz auf zu schreien und musterte sie erstaunt, aber dann ging das Konzert sofort weiter.
„Wenn ihr wollt, und natürlich, wenn es euren Eltern recht ist, könnt ihr mit zu mir kommen. Ick habe Schokoladenpudding jemacht. Er ist sogar noch warm. Was meint ihr dazu?“ schlug sie vor und zwinkerte mit einem Auge. Lutz war völlig aus dem Konzept. Diese Oma hatte etwas von Schokolade gesagt, soviel hatte er jedenfalls verstanden. Es war schlagartig still im Auto. Mama hatte schon wieder diesen freudigen Ausdruck im Gesicht und Papa seufzte nur erleichtert. Sofie und ich stiegen wortlos aus, während Mama Lutz aus seinem Kindersitz losmachte. Als sie ihn Oma Piepenbrinck auf den Arm gab, lachte er so begeistert, als sei sie seine richtige Oma und hätte ihn schon mindestens tausendmal auf dem Arm gehabt. Mama stotterte schüchtern: „Wissen sie, er hat noch nicht – äh – er sollte vielleicht . . .“
Da hat die Oma die erste Kostprobe gegeben von einer ganz besonderen Fähigkeit, die sie hat. Ich glaube nämlich ganz bestimmt, daß die Oma Piepenbrinck Gedanken lesen kann.
Sie sagte einfach:“Keine Sorge, Frau Lohmiller, ich sorge schon dafür, daß der Kleine zu was Richtigem kommt, bevor er sich den Schokoladenpudding einverleibt.“
Mama schaute sie an, als sei sie eine Fee in Omagestalt – und manchmal glaube ich auch, daß sie das wirklich ist. Sie kann nämlich Gedanken lesen und manchmal kann sie sogar die Zukunft vorhersagen. Außerdem ist sie immer da, wenn ich sie gerade brauche.
Sie sagt, das mit der Fee sei Quatsch, das sei nur ein bißchen Herz und gesunder Menschenverstand. Als ich sie mal fragte: „Hab ich das auch, Herz und Menschenverstand?“ , da antwortete Oma mir: „Ja, unbedingt – du hast das, da bin ich mir ganz sicher.“ Ich wollte wissen, warum ich denn dann nicht Gedanken lesen und die Zukunft vorhersagen könne. Nachdem sie eine Weile überlegt hatte, sagte Oma: „Da habe ick wohl was Wichtiges vergessen, was man auch noch dazu braucht. Das wird dann wohl die Lebenserfahrung sein. Ick bin eben schon ein paar Jahre länger hier auf diesem Planeten als du, Lisa.“ – Trotzdem glaube ich manchmal immer noch, daß sie eine Fee in Omagestalt ist.

An diesem ersten Tag im neuen Haus gingen wir also in den dritten Stock zu Oma Piepenbrinck, und es kam mir völlig normal vor. Im Gänsemarsch stiegen wir die breite, alte Holztreppe hoch, zuerst die Oma mit Lutz auf dem Arm, dann ich und hinter mir Sofie. Das Treppenhaus war groß und dunkel, weil durch die Fenster mit den vielen kleinen bunten Glasscheiben fast kein Licht hereinfiel. Draußen regnete es noch immer und der Himmel war grau. Im ersten Stock machte die Oma das Licht an – schon wieder hatte ich das Gefühl, sie habe meine Gedanken gelesen. In jedem Stockwerk gibt es zwei große Türen. Ich schaute mir neugierig die Namensschilder und die Schuhabstreifer an. Im zweiten Stock standen Kindergummistiefel vor der rechten Tür. „Da wohnt der Sebastian, der ist sechs, und seine Schwester Irina ist acht,“ erzählte uns die Oma über ihre Schulter hinweg.
Als wir im dritten Stock waren, kamen die Möbelpacker gerade wieder die Treppe herunter. Sie hatten Mamas geheiligtes Klavier anscheinend schon an seinen Platz gebracht. Die Oma überlegte kurz, entschied sich dann aber dafür, ihren Schlüssel aus der Schürzentasche zu kramen und ihre Wohnungstür aufzuschliessen. „Da oben stehen wir jetzt nur im Weg. Eure Wohnung seht ihr noch oft genug,“ meinte sie entschlossen und wir folgten ihr ohne Widerrede. Es kam uns ganz richtig vor so. Klar würden wir unsere Wohnung noch sehen und jetzt waren wir erstmal neugierig darauf, wie es bei der Oma aussieht. Lust auf Schokoladenpudding hatten wir sowieso.
Im vierten Stock rumpelte es laut und wir hörten einen kleinen Schrei von Mama. Sie kam an uns vorbei die Treppe hochgestürzt und beachtete uns überhaupt nicht. Mama hatte schon immer ein Gefühl dafür, wo es uns gutgeht. Wenn sie dieses Gefühl hat, kann sie uns richtig vergessen. So war das bei Oma Piepenbrinck von Anfang an. Sie hat einfach vergessen, daß sie drei Kinder hat. Natürlich nur, bis sie uns wieder abholte.
Die Oma steckte also den Schlüssel ins Schloß und öffnete ihre Tür für uns. Ich weiß noch, wie mir dieser Geruch zum ersten Mal entgegenkam. So riecht es nur bei Oma Piepenbrinck. Nach ihren Möbeln riecht es und nach ihren Kleidern, nach ihrem Parfüm und nach ihrer Seife und natürlich nach Schokoladenpudding. Ich weiß nicht, ob es wirklich immer nach Schokoladenpudding riecht bei ihr – aber für mich tut es das. Für mich ist es jedesmal der gleiche Duft wie vor drei Jahren, als wir zum allerersten Mal in ihre Wohnung kamen. Es duftet herrlich!
Ich stand noch immer in der Eingangstüre, schaute und reckte meine Nase hoch, als Oma sagte: „Komm rein, von hier aus siehst du alles besser. – Schaut euch nur um, ick gehe solange in die Küche und gebe dem kleinen Kerl hier was Anständiges zu essen. Der sieht ja schon ganz verhungert aus.“ Sie grinste und zwinkerte uns zu, denn Lutz war ein schwerer Brocken mit dicken Pausbacken und sah alles andere als verhungert aus.
Sofie drehte den Kopf zu mir. Sie hatte dieses unternehmungslustige Funkeln in den Augen, das sie bekommt, wenn es etwas Neues zu erobern gibt, das ihr gefällt. Kurz vorher war sie noch im Auto gesessen und hatte brummig aus dem Fenster gestarrt. Es war, als hätte diese fremde Oma mit ihrer knallbunten Schürze einen gute-Laune-Zauber über uns ausgeschüttet.

In Oma Piepenbrincks Flur steht eine große, alte Kommode mit fünf breiten Schubladen. Auf dieser Kommode liegen immer dieselben Sachen, nämlich eine Haarbürste, eine Holzschale mit vielen Haarnadeln, Kämmchen und ein paar Münzen drin, ein Paar Lederhandschuhe und ihre große, braune Handtasche. Im Winter ist da auch ihre komische Fellmütze und im Sommer ein Strohhut mit roter Schleife. Oma mag rot sehr gern. Über der Kommode hängt ein kleiner runder Spiegel mit Goldrahmen, denn Oma geht nicht aus ihrer Wohnung, ohne vorher ihre Frisur noch einmal kurz anzuschauen und ein paar Haarnadeln rauszuziehen und wieder reinzustecken.
Sofie und ich fassten uns an den Händen und gingen neugierig zu einer großen Tür, die offenstand. Die Oma verschwand mit Lutz in einer anderen Tür und wir hörten sie mit Geschirr klappern. Lutz war völlig friedlich. Wir gingen vorsichtig einen Schritt weiter in das offene Zimmer und ich erkannte, daß es das Wohnzimmer sein muß. Sofie riß den Mund weit auf: „Glaubst du, bei uns ist es auch so groß und hell?“ fragte sie mich. Mein erster Blick war auf ein Bild gefallen, das auf einem Regal im Bücherschrank stand. Ein großer Mann im dunklen Anzug und eine Frau im weißen Kleid, die sich im Arm halten – es mußte ein Hochzeitsbild sein. Drum herum standen noch mehr gerahmte Bilder mit Leuten drauf. Ich mußte zu diesem Schrank hingehen und die Bilder aus der Nähe anschauen. Ganz viele von ihnen sind schwarz-weiß, manche braun-weiß und wenige farbige sind auch dabei. Auf dem Regal darunter entdeckte ich eine wunderschöne Glaskugel mit einer Blume darin. Daneben sitzt ein Hund mit Wackelkopf und eine kleine, weiße Porzellankatze mit rosa Schleife um den Hals. Im Regal über den Fotos steht ein Wetterhäuschen. Damals stand der Mann mit dem Regenschirm vor der Tür und die Frau mit dem roten Sommerkleid hatte sich ins Haus verkrochen. Das wunderte mich nicht.
Wie ich so dastand und schaute, merkte ich nach einer Weile, daß die Oma direkt hinter mir war. Ich tupfte mit dem Finger auf das Hochzeitsfoto und fragte: „Bist du das?“ - „Na sowas, du kannst ja sprechen,“ sagte die Oma, „ick hatte schon ein wenig Bedenken, du könntest stumm sein.“ Ihre Augen glitzerten dabei so schelmisch hinter der Brille hervor, daß es mir kein bißchen peinlich war. Mir fiel erst in dem Moment auf, daß ich wirklich noch kein Wort gesprochen hatte, seit Mama mit dem Regenschirm auf die Möbelmänner zugestürzt war. „Bist du es?“ wollte ich nochmal wissen. Oma Piepenbrincks Augen wurden hinter der Brille noch schelmischer: „Wenn ick dir verrate, ob ick es bin, dann verrätst du mir dafür, wie du heißt. Abgemacht?“ - „In Ordnung. Bist du’s?“ - „Klar bin ick det!“ sagte die Oma mit Nachdruck, „und wie heißt du?“ – „Ich bin die Lisa.“ Die Oma strahlte übers ganze Gesicht und verkündete: „Lisa! Ein schöner Name, der gefällt mir. Der paßt auch zu dir.“ Da wußte ich, daß die Oma mich genauso gern mochte wie ich sie.
Sofie war inzwischen in einem weiteren Zimmer verschwunden und plötzlich hörten wir sie: „Lisa! Lisa, komm her, schnell, das mußt du sehen! Komm schnell!“ - „Da bin ick ja gespannt, was sie in meinem Schlafzimmer so Sensationelles entdeckt hat,“ brummte die Oma und ging mir voraus in’s nächste Zimmer. Sofie stand an einem offenen Fenster. Draußen pladderte noch immer der Regen runter und ich fragte mich, was sie an dem grauen Himmel so toll fände. Oma Piepenbrinck stellte sich hinter Sofie und schaute ebenfalls raus. „Du mußt das sehen!“ drängelte Sofie und zog mich neben sich. Ich wußte beim besten Willen nicht, was sie meinte. Da waren nur Häuser, Straßen, Bäume und überhaupt nichts Besonderes. Ich drehte mich mit einem verständnislosen Blick zu Sofie hin und hatte keine Ahnung, warum sie so begeistert war. Oma sah sie aber sehr freundlich an und erklärte mir: „Ick glaube, Sofie ist ein bißchen überrascht, weil ihr Stuttgart gefällt – stimmt’s?“ Sofie nickte heftig. Ihre Augen glänzten und ich mußte einfach nochmal hinschauen, ob ich es auch sehen kann.
Unser Haus steht an einem Hang, allerdings ziemlich weit unten. Von Omas Schlafzimmerfenster sieht man als erstes unheimlich viele Dächer von den Häusern, die ganz unten stehen. Wenn man über die Dächer drüberschaut, kann man sehen, wie der Hang auf der anderen Seite wieder hochgeht. Dort sind auch Häuser, aber weniger, und mehr Bäume und Gärten dazwischen. Also wirklich nichts, um in Begeisterungsstürme auszubrechen.
Oma muß mir wohl angesehen haben, daß ich Sofie immer noch nicht so recht verstehen konnte, denn sie fing an zu erzählen: „Als ick vor mehr als vierzig Jahren hierherkam, da dachte ick auch, et jibt auf der Welt nichts Schöneres, als mein Berlin. Ick war mir ganz sicher, daß ick wieder dorthin zurück will. Ick hab nicht mal aus dem Zugfenster gekuckt, als wir zum ersten Mal hier nach Stuttgart reingefahren sind. Erst nach ein paar Monaten, als mein Ernst mich bei Sonnenschein mal mit auf die Karlshöhe jeschleppt hat – da hab ick’s plötzlich jesehen, daß et hier ja auch schön ist.“ Sie wandte sich an Sofie: „ Du hast dafür nicht so lange gebraucht. Du hast es sogar bei Regen entdeckt. Das sind eben Kinderaugen, die haben noch nicht so viele Brillen.“ Das begriff ich wieder nicht: „Wieso – hattest du mehrere? Ich dachte, Brillen gibt’s, damit man besser sieht.“ Da mußte die Oma lachen. „Weißt du, es gibt solche und solche Brillen. Mit solchen,“ sie tippte auf die, die auf ihrer Nase saß, „sieht man meistens besser.“ Damals war mir gar nicht klar, was für Brillen es denn sonst noch geben könnte. Ich fühlte mich ein bißchen dumm, weil ich schon die besondere Schönheit dieser patschnassen Stadt nicht hatte erkennen können, und die nette Oma und Sofie sich da so einig waren. Und jetzt auch noch die Sache mit den verschiedenen Brillen, von denen ich nichts wußte...
Aber mein kleiner Bruder half mir aus der Patsche, denn er fand unsere Unterhaltung gar nicht spannend und fing an auf Oma Piepenbrincks Arm heftig zu zappeln. Sie stellte ihn kurz entschlossen auf den Boden und Lutz tapperte los in Richtung Küche. Er hatte den Schokoladenpudding schon auf dem Tisch stehen sehen und wußte, daß er genau dort hinwollte. „Puddu-puddu - - - lalalade,“ brabbelte Lutz vor sich hin. Da mußten die Oma , Sofie und ich lachen und ich war sehr froh, wieder dazuzugehören.

In der Küche aßen wir zusammen den leckeren Oma-Piepenbrinck-Schokoladenpudding und unterhielten uns. Hinterher kannte die Oma auch die Namen meiner Geschwister und wir wußten, daß Oma Piepenbrinck mit Vornamen Frieda heißt und mit einem Ernst Piepenbrinck verheiratet gewesen war, der schon seit mehr als zehn Jahren tot ist. Oma hat uns seither schon soviel von ihrem Ernst erzählt. Ich finde es sehr schade, daß ich ihn nicht mehr kennenlernen kann. „Eine Seele von Mensch war er,“ sagt die Oma immer, wenn sie von ihm spricht. Eigentlich weiß ich nicht genau, was das ist. Jedenfalls muß er ein sehr feiner Mensch gewesen sein, denn sonst hätte er ja nicht zu Oma Piepenbrinck gepaßt.
Als der Schokoladenpudding ganz leergegessen war, klingelte es an der Wohnungstür. Mama wollte uns abholen. Die Oma holte sie in die Küche herein und bot ihr einen Stuhl an. Sofie, Lutz und ich saßen gemütlich auf der langen Seite ihrer Eckbank. Oma ließ sich wieder auf der kurzen Seite nieder und rückte den Stuhl für Mama zurecht. Aber Mama blieb stehen und schaute uns auffordernd an: „Kommt, Kinder, ihr könnt Frau Piepenbrinck jetzt nicht länger belagern. Außerdem wollt ihr doch bestimmt unsere Wohnung sehen.“ Sie nahm Lutz entschlossen auf den Arm. Sofie und mir blieb nicht viel anderes übrig als mitzukommen. Ich war zwar neugierig auf unser neues Zuhause, aber es war so gemütlich bei dieser Oma Piepenbrinck und ich hätte ihr ewig zuhören können. Als ich langsam aufstand, sah ich sie an und sie las schon wieder meine Gedanken: „Weißt du was, Lisa? Du und deine Geschwister, ihr könnt mich jederzeit besuchen,wenn ihr Lust habt. Ich freue mich, wenn ihr kommt. Es ist wirklich schön für mich, daß jetzt drei so nette Kinder direkt über mir wohnen.“ Sie wandte sich an Mama und fügte hinzu: „Ich glaube, wir Großen werden auch gut miteinander zurechtkommen.“ Mama lächelte verlegen und sagte: „Ja wissen sie, Frau Piepenbrinck, - ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken soll. Gleich einen Babysitter, kaum daß wir angekommen sind – und die Decken für mein Klavier...“ Oma machte eine sehr energische Handbewegung: „Frau Lohmiller, das ist doch selbstverständlich. Auch ick muß mich bedanken. Ihre Kinder waren eine prima Gesellschaft für mich. Ick habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten – ehrlich. Die Zeit verging wie im Flug.“ Sie strahlte dabei so, daß Mama nicht mal nachfragte, ob wir uns auch gut benommen hätten. Das macht sie sonst fast immer. Sie sagte nur: „Das freut mich wirklich!“ und dann schob sie uns zur Tür. Im Nu waren wir im Treppenhaus und Oma Piepenbrinck rief uns nach: „Ihr müßt mir versprechen, daß ihr wiederkommt. Macht ihr das?“ - „Ja, klar!“ antworteten Sofie und ich wie aus einem Mund.

Abends lagen wir in unserem Doppelstockbett. Um uns herum standen überall Kisten. Von draußen hörten wir Mama und Papa wie sie klapperten und klopften, um ihr Ehebett wieder zusammenzubauen. Ich schob meinen Kopf über die Bettkante und fragte Sofie: „Was findest du am Besten – unser Kinderzimmer oder die Küche?“ Sofie antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Die Oma.“
So ist das bis heute. Alles hier ist viel besser, als wir es uns ausgemalt hatten – aber das Beste von Allem ist und bleibt unsere Oma Piepenbrinck.

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GabiSils
???
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Hallo Stern.

das könnte ein sehr gerngelesenes Kinderbuch werden. Ich habe mir das Kapitel noch nicht detalliert angeschaut; was ich gelesen habe, gefällt mir gut, stilistisch und inhaltlich.

Gruß,
Gabi

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Stern
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Liebe Gabi,

es freut mich, daß dir die Omageschichte gefällt! Vielleicht ist es noch wichtig dazuzusagen, daß ich Kinder im Alter von ungefähr sechs bis zehn Jahren ansprechen wollte.
Ich möchte dich darum bitten, dir das Kapitel nochmal wie du sagst "detailliert" anzuschauen. Hast du Lust und Zeit dazu?
Viele liebe Grüße,

Natalie

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GabiSils
???
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Liebe Natalie,

mache ich gerne, aber erst nächste Woche wahrscheinlich.

Gruß,
Gabi

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tinta
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Liebe Nathalie,
wunderschön ist Deine Geschichte! Warte dringend auf die Fortsetzung. Tinta
__________________
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flammarion
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ja,

auch ich warte gespannt auf eine fortsetzung. du bist mit dem berlinerischen recht sparsam umgegangen, aber das ist vielleicht auch gut so.
ein fehler hat sich eingeschlichen - der 3. stock ist nicht über dem 4. oder zieht man in den 2. stock ein? schau dir die passage bitte noch mal an. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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