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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Schulfreundin
Eingestellt am 28. 01. 2002 15:50


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rosadi
???
Registriert: Jan 2002

Werke: 6
Kommentare: 1
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Sie hĂ€tte mich einfach nicht so ansehen dĂŒrfen....

Eigentlich war sie ja einmal meine beste Freundin gewesen... wie ein Schatten war ich fĂŒr sie, sie hat den Weg bestimmt, ich bin ihr gefolgt - das war schon immer so.

Wir haben uns 1967 in der zweiten Schulklasse kennengelernt, ich war mit meinen Eltern aus M. hergezogen, es ist hart fĂŒr ein Kind, mit noch nicht einmal 8 Jahren aus allem, was vertraut ist, heraus gerissen zu werden, und ich hatte Angst vor der neuen Schule und den fremden Kindern. Ich sprach anders wie sie, zudem war ich klein fĂŒr mein Alter, und ich trug eine dicke Brille.

Der erste Tag war der reinste Horror, es war nur noch ein Platz in der ersten Sitzreihe frei, der Strebersitz, hörte ich meine neuen Klassenkameraden tuscheln. Dann hat mich die Lehrerin auch noch mit den Worten vorgestellt: "Das ist A., sie hat nur gute Zensuren, nehmt Euch ein Beispiel" - der verbale Todesstoß. Ich habe die Blicke der anderen wie Dolche in meinem Nacken gespĂŒrt. K. ist mir da schon aufgefallen, sie war ein hĂŒbsches, aufgewecktes, vorlautes Kind - all das, was ich nicht war. Und sie hatte keine Angst - vor nichts und niemanden. Sie hat immer am lautesten gegrölt, mit den Jungs auf dem Bolzplatz Fußball gespielt, war wild und ausgelassen - und sehr beliebt. Ich wollte verzweifelt so sein wie sie.

Aber ich war auf der untersten Stufe der Klassengemeinschaft, der unbeliebte, bestenfalls beneidete, unsportliche Streber. Beim Schulsport hat man mich immer in der Wartereihe vorgedrĂ€ngt, Bockspringen, und sich schiefgelacht, wenn ich verschwitzt und verzweifelt, mit verbeulter Brille und verkniffenem Gesicht, immer wieder vergeblich versuchte, das FoltergerĂ€t zu bezwingen. K. hat das natĂŒrlich im ersten Anlauf geschafft, ohne Probleme, mit einem reinen, weiten Bogen, der kein Ende zu nehmen schien. Ich war nur der Staub zu ihren FĂŒĂŸen.

Die Wende kam mit dem neuesten Pausensport: Kloschubsen. Unsere Jungs haben sich in den Pausen gelangweilt und sind auf die Idee gekommen, die MĂ€dchen unter viel Gekichere und Gelache auf dem Pausenhof einzufangen. Dann hat man sie feierlich zu der Jungenstoilette geleitet und dort eingesperrt, bis die Pause vorbei war. Ich habe nie verstanden, was daran so toll sein soll, aber keins der MĂ€dchen hat sich jemals auch nur ansatzweise gewehrt. Irgendwann war ich traurig, dass niemand mich in die Toilette sperren wollte... bis dann mal drei dieser Tölpel vor mir standen und mich, diesmal unter PĂŒffen und KnĂŒffen, ins Klo warfen. Sie haben sich nur kurz angegrient und mich dann in meinem neuen Knautschlackmantel in die Pißrinne geschmissen. Ich war vor Schock und BeschĂ€mung wie gelĂ€hmt. Als nach Ende der Pause jemand die TĂŒre aufmachte, lag ich immer noch so da, trĂ€nenĂŒberströmt.

Keiner hat mich angesprochen, als ich mit meinen besudelten Klamotten nach Hause gegangen bin. Auf dem Weg habe ich den Mantel ausgezogen, und in eine MĂŒlltonne gestopft. Es war SpĂ€therbst, ein bitterkalter Wind wehte, und der Weg nach war Hause lang. Zuhause gab's dann gepflegtes UnverstĂ€ndnis wegen dem Mantel, ich bin blaugefroren und ohne Abendbrot auf mein Zimmer gegangen, aber ich habe keinen Ton gesagt - auch nicht am nĂ€chsten Tag, wo ich in der Schule nachsitzen musste, weil ich ohne Erlaubnis einfach mitten im Unterricht fortgelaufen war. Ich bin ein guter Schweiger.

Die anderen Kinder wollten mich nach der Schule hĂ€nseln, aber da kam K. und hat dem schlimmsten RĂŒpel eine Ohrfeige gegeben. Sie hat ihm gesagt, er soll mich in Ruhe lassen, und zu mir, ich soll zusammen mit ihr nach Hause gehen. Ich konnte nicht glauben, dass sie das fĂŒr mich tut. Von diesem Tag an waren wir unzertrennlich..

Das war bis in die PubertĂ€t so, wer K. zu einer Feier einlud, musste auch mich akzeptieren. Ich trottete ĂŒberall mit hin, zu den verhassten Sportveranstaltungen, den Teenie-Feten, den Turnhallen-Disko's, den Kellerparties... dafĂŒr habe ich dann nach KrĂ€ften versucht, mich nĂŒtzlich zu machen. Das K. von mir abschrieb, fand ich nicht schlimm, ist ja auch so eine Art Anerkennung gewesen. Das mein Vater mehr Geld hatte als ihrer und sie morgends in unserem Mercedes mit in die Schule fuhr, war auch ok, wie waren ja immer zusammen. Warum die Nachbarschaft immer wusste, was es bei uns zu Essen gab und wieviel Haushaltsgeld meine Mutter hatte, habe ich damals noch nicht verstanden - ich hĂ€tte auch nie vor meinen Eltern zugegeben, dass mich K. manchmal nach solchen Dingen ausfragte.

Es hĂ€tte auch nichts geĂ€ndert - ich musste K. bei Laune halten - sie war eine Göttin, und Göttinen dĂŒrfen launisch sein - und grausam...

Sie hat mich immer spĂŒren lassen, dass ich nur an ihrer Seite geduldet war. Sie konnte nett zu mir sein, wenn wir allein waren, und dann hat sie mich manchmal angerufen und gesagt: "Ich gehe heute mit C. ins Kino, wir können ja ein andermal was miteinander machen" oder "Da kann ich Dich nicht mit hinnehmen, die Jungs können Dich nicht leiden" oder auch "Das kannst Du doch eh nicht, da gehe ich lieber mit F."- das tat weh, aber sie tat es ja auch, damit ich mich nicht blamiert habe in der Öffentlichkeit.

Ich war so fixiert auf sie als Vorbild, das sie es immer wieder geschafft hat, mich mit wenigen, scheinbar unabsichtlich geĂ€ußerten Worten am Boden zu zerstören. Einmal haben wir mit den beliebtesten Jungs in der Klasse zusammengestanden, ich war gerade unheimlich in M. verknallt, natĂŒrlich völlig chancenlos, und da hat sie mich einfach nur angeschaut und gesagt: "Unsere kleine A. hat ja heute frĂŒh extra ihre Haare gewaschen, warum wohl" und dabei M. zugezwinkert, ich stand nur mit hochrotem Kopf wie blöde dabei und habe mich von den anderen auslachen lassen. Wahrscheinlich wusste jeder, was da abging, nur ich nicht.

Das einzig Schöne an mir, worauf ich stolz war, waren damals, so mit 16, 17, meine langen, blonden Haare. K. hat dafĂŒr gesorgt, dass ich sie mir abschneiden lies. Sie hatte damals einen "flotten" Kurzhaarschnitt und hat mir einfach eingehĂ€mmert, lange Haare seinen uncool. Das hat sie ein paarmal gesagt, und ich bin zum Friseur marschiert und habe mir einen kurzen, irgendwie fusseligen Bob schneiden lassen. Sah voll Scheiße aus, fanden besonders die Jungs. Toll gelaufen fĂŒr mich, wie immer.

Irgendwann habe ich dann endlich gerafft verstanden, dass K. Gift fĂŒr mich ist. Ich habe vorgezogen Abitur gemacht, schlagartig alle Verbindungen zu den alten Cliquen abgebrochen und damit angefangen, mir eigene Freunde zu suchen. Zum GlĂŒck fĂŒr mich habe ich an der Uni Leute gefunden, die mich nicht als den kleinen, hĂ€ĂŸlichen Streber kannten - ich galt auf einmal als gescheit, witzig, schlagfertig, und interessant. So ganz allmĂ€hlich habe ich das auch selber geglaubt.....

In den 70'gern habe ich mir alle Klamotten selber genĂ€ht, war aufgedreht, flippig, sexy. Auf einmal hatte ich Schlag bei den Jungs. Ich habe das natĂŒrlich voll ausgenutzt und keine Party ausgelassen. Von heute auf morgen war ich wie K. - beliebt, begehrt, flatterhafter Schmetterling und Party-Girl. Mit ĂŒber 20 fing ich an, "richtig" zu leben und habe mir Dinge zugetraut, die ich noch nie versucht hatte - sogar Sport war auf einmal etwas, auf das ich mich gefreut habe. Meine Kindheit erschien mir nur noch wie ein endloser, böser Traum - das unsichere, hĂ€ĂŸliche Kind, das war ich nicht mehr.

Meinen weiteren Lebensweg habe ich selbst bestimmt - und es ist fast alles so gelaufen, wie ich wollte: Ich war Go-Go-Girl auf Ibiza, hatte auch mal einen Promi als Freund, habe mich in der Musiker-Szene herumgetrieben und mit Möchegern-Rockstars geschlafen, meine schwachen Augen, die so vieles nicht gesehen haben, habe ich operieren lassen, hurra, dicke Brille adĂ©, alles intensiv erlebt und erlitten, was dem "hĂ€ĂŸlichen Kind" keiner zugetraut hĂ€tte - ich habe es erlebt und ĂŒberlebt, und ich bereue nichts.

K. hatte ich völlig aus den Augen verloren. Ihre Eltern wohnen immer noch in der NĂ€he, die habe ich von Zeit zu Zeit gesehen. Mit Genuß habe ich wahrgenommen, wie ihre Mutter alt und knitterig wurde - K. kam immer sehr auf sie und ich habe mir vorgestellt, wie der Zahn der Zeit auch an ihr nagt. Ich wollte natĂŒrlich selbst nicht Ă€lter werden, aber fĂŒr K. habe ich mir graue Haare und Falten vorgestellt. Und Krampfadern, natĂŒrlich - massenweise Krampfadern, auf diesen sportlichen Beinen.

Mittlerweile bin ich ĂŒber 40 und bin sehr viel ruhiger geworden. Mit meinem Mann wohne ich immer noch in der Stadt meiner Kindheit, im ehemaligen Haus meiner Eltern, die beide noch leben und sich guter Gesundheit erfreuen, dafĂŒr bin ich dankbar. Mein Mann ist ĂŒbrigens ein GoldstĂŒck, er hat mich nicht als Kind gekannt, auch nicht als "wilde Hummel", er ist auch ein "Zugezogener" hier und fĂŒr ihn war ich ein unbeschriebenes Blatt. Wir haben und im Job kennengelernt, eine gute, solide Basis, und ich liebe ihn wirklich abgöttisch.

Gestern habe ich K. gesehen, auf einem Stadtfest, auf einmal habe ich so ein komisches GefĂŒhl im Bauch gehabt, ich sah zur Seite und da war sie, viel schlanker und noch schöner als frĂŒher, und mit einem Kinderwagen. Wir haben keine Kinder, mein Mann und ich. K. war alleine da, nur mit dem Kind. Ein hĂŒbsches blondes Kind, höchstens zwei Jahre alt.... und keine Falten, kein graues Haar, keine Krampfadern an ihrer Mutter.

K. hat mich angesehen, mit einem Zwinkern in den Augen, wie frĂŒher.

Ich bin dann doch rĂŒbergegangen und wir haben Telefonnummern ausgetauscht. Wir könnten uns ja mal auf einen Kaffee treffen, wie in alten Zeiten, hat sie gesagt. Und dann hat sie so komisch gelacht.

Ich habe den Zettel mit der Telefonnummer eingesteckt und bin wieder zurĂŒck zu meinem Mann. "Wer war das", hat er gefragt, ich habe nur gemeint: "eine alte Bekanntschaft, niemand wichtiges" und er hat nicht weiter gefragt.

Sie hĂ€tte mich einfach nicht so ansehen dĂŒrfen... so, als ob sie immer noch alles ĂŒber mich wĂŒsste, als ob sie immer noch das Recht hĂ€tte, alles ĂŒber mich zu wissen.

Ich habe sie gestern abend besucht, als es schon dunkel war. Sie wohnt alleine, ihren Mann hat sie vor einem Jahr rausgeschmissen, "er war ein Egoist", hat sie gesagt... komisch, das aus ihrem Mund zu hören. Sie raucht auch noch immer, stĂ€ndig hat sie den Rauch in meine Richtung geblasen, einfach rĂŒcksichtlos. Sie hat mich angesehen und gefragt, ob ich immer noch Angst im Dunkeln habe - nein, ich habe keine Angst im Dunkeln mehr.

Ich habe ihr die Weinflasche auf den Hinterkopf gehauen, als sie sich umgedreht hat, um noch mehr von diesen zĂ€hen, geschmacklosen Schnittchen aus dem Eisschrank zu holen, das GerĂ€usch war nicht sehr laut, komisch, man denkt immer, das mĂŒsste man meilenweit hören, aber es ist nur ein dumpfes GerĂ€usch, sie ist einfach umgefallen, das Kind hat schon geschlafen und ist nicht mal aufgewacht. Irgendwie wurde ich wĂŒtend, als ich sie so da liegen sah, unheimlich wĂŒtend, und habe immer wieder auf sie eingeschlagen. Sie war aber schon tot, denke icK. Das Blut war sehr rot, irgendwie unecht. Ich musste lachen, es passte zu ihr.

Ich habe sie einfach da liegen lassen und in aller Seelenruhe das Geschirr abgespĂŒlt und in den Schrank gerĂ€umt, man muss tun, was getan werden musA. Die Kleine hat nicht geschrien, als ich sie aus dem Bettchen genommen habe. Sie wird es bei mir gut haben - niemand wird sich ĂŒber sie lustig machen und niemand wird ihr weh tun, dafĂŒr werde ich sorgen.

Mein Mann kommt erst morgen von seiner GeschĂ€ftsreise zurĂŒck. Ich weiss noch nicht, was ich ihm erzĂ€hlen werde. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich habe jetzt alle Zeit der Welt.

Eben hat die Kleine die Augen aufgemacht und sieht mich an. Sie hat blaue Augen, wie K. Eben hat sie mich angegÀhnt und gezwinkert.

Sie sollte mich besser nicht so ansehen....


__________________
Sabine D.

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Deminien
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

Werke: 5
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Hi rosadi,

ich fasse mich kurz, fesselnd und ein richtig schön böses Ende. GefÀllt mir sehr.



Deminien


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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. eine tolle geschichte haste da geschrieben. habe am ende laut aufgeschrien vor schreck. mach mal so weiter. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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