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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Seuche
Eingestellt am 15. 04. 2001 18:51


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Rainer Heiß
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Die Seuche

1. Der Augenblick, in dem sie Menschen waren

Die Irrenanstalten begannen √ľberzuquellen, aber der Strom der dort zu internierenden, um - insgeheim war schon fr√ľh bekannt, dass es praktisch unm√∂glich war - sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern, riss nicht ab; er wurde gr√∂√üer und m√§chtiger und die Zahl √ľberschritt alle, selbst die verwegensten Sch√§tzungen um ein Vielfaches.
Gesch√§fte blieben geschlossen, Feldarbeit blieb unerledigt liegen, Kinder verstummten, bevor sie noch gelernt hatten zu laufen, liebevolle, f√ľrsorgliche M√ľtter verfielen der Trunksucht, die verdorbensten Elemente √ľbernahmen die Regierungsgesch√§fte, da die Rechtschaffenen als erste von der Epidemie weggerafft wurden, die Vornehmen gingen nachts auf die √Ącker, Kartoffeln zu stehlen, Pfaffen predigten Krieg, Gott verlie√ü die Menschheit...und die Seuche kam n√§her.
Das Flagellantentum war in Mode wie in den 60er, 70er Jahren das Kiffen. Lange, teilnahmslose Prozessionen zogen durch die Stra√üen, um sich mit Gei√üeln die verkrustete Haut am R√ľcken erneut blutig zu schlagen. Pflichterf√ľllung √ľber die Selbstaufgabe hinaus. Geben, was man konnte. Doch die Seuche, der sie den grasierenden Irrsinn, wie sie richtig vermuteten, verdankten, wurde dadurch nicht einged√§mmt. Vielmehr w√ľtete sie gnaden- und schrankenlos, egal, was die Menschen unternahmen.
Langsam und unaufhaltsam wie ein Lavastrom war sie auf das Land zugekrochen, wie ein Reptil, leckend, schmeckend, nach Beute z√ľngelnd. Beinahe ein Jahr hatte es gedauert, bis sie die Stadtgrenzen erreicht hatte, nachdem die Nachricht dort eingetroffen war und mit einem Schlag die Menschen gleichgemacht hatte; dann war sie, obwohl noch in eiliger, schreiender Ekstase wahllos beschuldigte B√ľrger nach namenloser Folter verbrannt worden waren, in die Stadt eingezogen, um ihr uneingeschr√§nktes Regiment anzutreten.
Inzwischen herrschte sie bereits √ľber vier Monate in dem einst so sicheren Hort, den die Mauern bildeten. Nun waren sie zur Todesfalle geworden. F√ľr alle, die von ihr ergriffen wurden, bedeutete sie den absoluten Irrsinn, den Wahn. Was vorher die Sinne meinten, als Welt wahrzunehmen, existierte nicht mehr. Man kann nicht beschreiben, was an die Stelle der alten Ordnung trat. Chaos, schwarzes, nie gesehenes Chaos.
Verschiedenste Abhilfepläne der besitzenden Schichten wurden fiebrig geschmiedet und, kaum ausgesprochen, manifestierten sie sich in verzweifelten, aber nutzlosen Taten.
Die Infizierten, die sich binnen weniger Tage wie im Veitstanz geb√§rdeten, die nackt und schlammverschmiert durch die engen H√§userschluchten der Innenstadt torkelten, wie im Rausch. Kehlige Laute, jenseits aller Sprache: Nichts mitzuteilen, niemand ansprechbar. Die Qualen, die sich in ihren Gehirnen und K√∂rpern abspielten, die ihre Eingeweide gleich krampfigen Knoten f√ľhlen machten, besa√üen weder Worte noch Chance auf verst√§ndiges Geh√∂r. Die Anstalten, in die sie gepfercht wurden, von W√§rtern mit Atemmasken, wurden nicht mehr gereinigt, seit sich ein Gro√üteil des freiwilligen Personals selbst - dort oder anderswo konnte nicht festgestellt werden - angesteckt hatte, und so vegetierten sie frei und stinkend in ihren eigenen Exkrementen. Von au√üen spritzten Beherzte bisweilen mit Schl√§uchen kaltes Wasser in die Anstalten, um von dort sich ausbreitende Folgeseuchen, ausgel√∂st durch die hygienischen Zust√§nde, die die vom Unsagbaren Verdrehten, im Irrsinn dahintreibenden Sterbenden sich schaffen k√∂nnen oder wollen, einzud√§mmen, vergebens.
Animalisches St√∂hnen und Grunzen kam als einzige Antwort. Auch diese hygienischen Massnahmen zeitigten keinen Erfolg. Der Wahn griff weiter um sich, um die Infizierten binnen Stunden zu entmenschen, sie dann einige Tage, manche gar bis zu zwei Wochen, siechen zu lassen, dann erst sterben zu d√ľrfen. Zuletzt ohne entfernte √Ąhnlichkeit mit einem Menschen, ja √ľberhaupt mit einer von Gott geschaffenen Kreatur. Eitrig schwarz verquollene Haut, aufgedunsen, stellenweise aufgeplatzt, um dicke, stinkende Fl√ľssigkeit zu ergiessen. Die Haare im Schmerz ausnahmslos ausgerissen, in B√ľscheln. Gesichter, oder was einst Gesichter waren, verzerrte Grimassen, stumme Zeugen der namenlosen Qualen. Von Kopf bis Fu√ü beschmiert mit den eigenen, blutig-eitrigen K√∂rperausscheidungen, die nun nicht mehr nur durch die daf√ľr vorgesehenen √Ėffnungen ihren Weg ins Freie sich bahnten, sondern gleichsam durch die ledrige Haut aus den zitternden Leibern aussickerten. Vom Fieberwahn weit aufgerissene, panische, matt-gl√§nzende, gelbliche Augen und das nie endenwollende urspr√ľngliche, urw√ľchsige, in Vergessenheit geratene Schreien, das die Menschheit nach so vielen Jahrtausenden wieder eingeholt hatte.
Im Westen der Stadt, durch die Bahnanlagen von den √ľbrigen Stadtvierteln abgeschnitten, lebte zu dieser ungl√ľckseligen Zeit ein fast noch junger, einst hoffnungsvoller Mensch. Inzwischen hatte er, unabh√§ngig von dem Entsetzen, das unter seinen Mitmenschen w√ľtete, das Leben aufgegeben. Teilnahmslos schlenderte er und kraftlos durch das sch√§bige Wohnviertel, in dem er ein halbwegs akzeptables Quartier gefunden hatte. Die Schatten der Vergangenheit, das wusste er, fielen weit voraus auf seine Zukunft. Zu oft war alles, was er versucht hatte, fehlgeschlagen.
Bespuckt hatten sie ihn in seiner Heimat und getreten, weil er anders war als sie. Feinf√ľhliger, gerechter. So hatten sie ihn vertrieben aus seiner Heimatstadt, umhergezogen als Heimatloser war er seitdem. Die Stelle, die er dort angenommen hatte, war ebenfalls nur auf ein halbes Jahr befristet, mit Option auf ein weiteres halbes Jahr, dann jedoch ohne Verl√§ngerungsm√∂glichkeit. Doch dann kam die Seuche. Kurz zuvor hatte er noch eine junge Kollegin, die der Zufall wie ihn in dieses verlassene, zukunftslose St√ľck Land getrieben hatte, kennengelernt.
Ganz spontan hatte er sich in sie verliebt; von ihr schien menschliche W√§rme auszugehen, Z√§rtlichkeit, Leben. Vorsichtig n√§herten sie sich einander, f√ľhrten sch√ľchterne, weltver-gessene Gespr√§che, beschenkten sich gar.
Dann kam der Winter und mit ihm die alles Gewesene beendende Seuche. Ihre Wohnungen wurden von einer Schneise des Wahnsinns, die das Hereingebrochene durch die Stadt gemäht hatte, voneinander getrennt. Kurze Zeit noch konnten sie telefonisch ihren jugendlich-unschuldigen Kontakt aufrecht erhalten, der sich gerade erst entwickelte, dann wurde das zarte Band jäh zerschnitten.
Da begann sich in ihm, von ihr wissen wir das nicht, sein alter Elan seiner k√§mpferischen Jugend, aus der Zeit, als er sich noch meinte wehren zu k√∂nnen, zu regen. Aus Tatendrang, aus der Gewissheit, etwas tun zu k√∂nnen und zu m√ľssen, wurde Wut. Hass, auf alles und jeden, der ihm seinen Weg zu ihr verstellen k√∂nnte. Die Viertel, in denen die Seuche aufgetreten war, wurden, nachdem die Betroffenen ausquartiert worden waren, unter Quarant√§ne gestellt, so als ob irgendeine Massnahme helfen h√§tte k√∂nnen. Wie immer meinten die Menschen, mit Ma√ünahmen, mit offensichtlich schwachsinnigem Aktionismus, mit Verwaltungsma√ünahmen, sich zu Herren des Schicksals aufzuschwingen. Verzweifelt stand er nachts an den errichteten Barrieren und schrie seinen Hass und seine Ohnmacht in die Dunkelheit hinaus, bis ihn die selbsternannte Seuchenmiliz mit Waffengewalt zur√ľcktrieb. Ersch√∂pft, aber innerlich kochend, kehrte er in seine vier W√§nde zur√ľck, wo ersterbende Nachbarn, die man am gestrigen Tag, als routinem√§√üig die Infizierten zusammengetrieben worden waren, noch f√ľr gesund gehalten hatte, an den W√§nden schabten, die an seine Wohnung grenzten. St√∂hnen, teilweise noch erstickende, bald schw√§cher werdende Schreie, ein leises Schaben: das waren also die Ger√§usche, die Sterbende machten. Teilnahmslos registrierte er sie kaum - seine Gedanken waren bei ihr, nur bei ihr. Selbstignoranz wie die Flagellanten, nur mit weit h√∂herer Inspiration.
So beschloss er eines Nachts, sich um die Posten ,die durch die entmenschten Stra√üen patroullierten, herumzuschleichen, sie weitr√§umig zu umgehen, falls n√∂tig aus der Stadt hinaus, um sie herum, um auf ihrer Seite wieder einzudringen. Es gelang nicht beim ersten Mal. Heiser hatten ihn die nerv√∂sen Besch√ľtzer gestellt. Ohne zu z√∂gern hatte er ihren Anweisungen, obwohl er sie, und wie er vermutete, die Wache selbst, als v√∂llig unwirksam erkannte, Folge geleistet. Zum Zerrei√üen angespannte Nerven, bewaffnet, nat√ľrlich, das bedeutete unbedingten Gehorsam, sofortige Selbstent√§u√üerung, um nicht einem misstrauischem Stahlmantelgeschoss zum Opfer zu fallen. Aber er versuchte es erneut, an anderen Stellen, um nicht den Unmut des Wiederholungst√§ters auf sich zu ziehen.
Schlie√ülich gelang es: er verlie√ü sein Wohnviertel. Es war ein heruntergekommenes Fleckchen, das vor wenigen Jahrzehnten noch bewaldet, jetzt vor allem Migranten aus Osteuropa als Heimat, nein, als Wohnst√§tte diente; als St√ľtzpunkt f√ľr ihre unterbezahlte Lohnsklaverei.
Er ignorierte die Kälte, die Schreie, die wie zerfetzte Laken im Wind durch die Nacht wehten. Die Stadt war wie ausgestorben; nicht nur war tatsächlich bereits ein Großteil der ehemals ansehnlichen Einwohnerzahl dahingerafft oder in die Anstalten an den Rändern der Stadt verschafft worden. Auch die Restbevölkerung wagte sich nicht ins Freie, saß angespannt in ihren ungeheizten, dunklen Zellen und wartete. Streunende Hunde stritten sich um stinkende menschliche Kadaver, die tags nicht beseitigt worden waren. Misstrauisch, aggressiv knurrend zerrten Köter Tote in dunkle Ecken, rissen Fleischfetzen aus den verwesenden Leichen.
Seine Sinne waren zum Zerreissen gespannt, die Augen hatten sich an die Nacht gew√∂hnt, nahmen jede noch so kleine Lichtquelle als Anhaltspunkt, erschlossen aus Schatten die Umgebung, St√ľck f√ľr St√ľck. Die intensivste Wahrnehmung war der bestialische Gestank. Zu wenige √úberlebende waren den zu gro√üen Leichenbergen schlie√ülich nicht mehr gewachsen. Oder war es die Angst vor der Ansteckung? Patroullieren konnten sie noch. Diese Frage zu beantworten bleibt sp√§teren, gl√ľcklicheren Generationen √ľberlassen. Der Gestank von verfaulenden Menschen war Fakt. Wie eine Glocke hatte er sich √ľber die gestorbene Stadt gebreitet. Langsam, da die Toten nachts gefroren - es war Winter, ein eisiger Winter - und nur tags√ľber auftauten, auftauten um zu verwesen und zu stinken. Durch diese unwirkliche Kulisse schlich der vereinsamte, pl√∂tzlich inmitten des Todes zu ungeahntem Leben erwachte, um seine Geliebte, wusste sie, dass er sie liebte, oder kannte er die Menschen wirklich so schlecht?, egal, zu ihr, das war sein ganzer Wille. Was dort kommen w√ľrde, war unklar, Hauptsache zu ihr, nur zu ihr! Zu viele Niederlagen hatte er bereits vor dem Hereinbrechen des namenlosen Kulturzerst√∂rers erlitten. Zu viele Menschen, die er durch seinen Beruf oberfl√§chlich kennengelernt hatte, waren, nur Tage zuvor noch zivilisierte Geistesmenschen, als zappelnde Narren zu seinen F√ľ√üen krepiert, Schleim und Eiter absondernd, als dass er jetzt Gef√ľhle, Gedanken gar daran verschwenden konnte. Besessen nur von der m√∂glichen Liebe schlich er geduckt, weite Kreise ziehend, um nur nicht wieder entdeckt zu werden, am Boden geduckt, durch die entv√∂lkerten Wohngegenden am Rande der eisigen, absto√üenden Stadt, nordw√§rts. Wohngegenden - nichts passte schlechter auf das, was er sah. Stinkende Artefakte, das war geblieben von allen Errungenschaften, die Blut, Schwei√ü und Tr√§nen √ľber viele Menschenalter geschaffen hatten. Er k√ľmmerte sich nicht darum, sondern steuerte zielstrebig ihrem Viertel zu. Ihr Viertel - lebte sie √ľberhaupt noch, und wenn, war sie noch dort, wo er sie vermutete?
Hoffnung kann selbst den Tod besiegen, und der war allgegenw√§rtig. Nichts hatte er dabei, au√üer einer Trinkflasche mit Wasser. Wasser, das er sich bei fr√ľheren Z√ľgen flussaufw√§rts, vor den Grenzen der Stadt geholt hatte, sodass die Gefahr der Infektion geringer war. Er nahm einen tiefen Schluck, in der Sicherheit eines Hauseingangs. Weiter, der Morgen d√§mmerte, als er in die N√§he ihrer einstigen Wohnung kam. Die Wachen hatten sich scheinbar alle vor der schneidenden K√§lte in Sicherheit gebracht. Hier und da brannten Feuer aus nicht mehr ben√∂tigten M√∂belst√ľcken, an denen sich vereinzelte Menschen aufw√§rmten, wie um sich aus der W√§rme neuen Mut zu machen, oder durch den Blick in die z√ľngelnen Flammen der Welt zu entfliehen, nur einen Moment lang.
Er kam unentdeckt an ihnen, die von der entkr√§ftenden K√§lte, die die Nacht √ľber die faulende, sterbende Stadt gebreitet hatte, bet√§ubte Sinne hatten, vorbei. Er gelangte an ihre Eingangst√ľr, als er bemerkt wurde. Schnell trat er ein, ohne von dem √ľberm√ľdeten Wachtposten zur Rede gestellt zu werden. Geschafft, geschafft, doppelt geschafft: bei ihr, nicht entdeckt und bei ihr, endlich bei ihr!
Langsam √∂ffnete er ihre Wohnungst√ľre, die nur angelehnt war, misstrauisch. Ihre Zimmer waren beinahe leer, keine M√∂bel mehr, alle im zentral gelegenen Flur verheizt, W√§rme war so wichtig, jetzt im Winter. Im hintersten Zimmer fand er sie. Ihre Haut war schwarz und aufgequollen, unf√∂rmig bereits ihre Gestalt. Gekr√ľmmt, von den Schmerzen der inneren Aufl√∂sung verbogen, kauerte sie in einer Ecke, bemerkte ihn zun√§chst nicht. Erst nach einigen Momenten, in denen er sie wortlos betrachtet hatte, wurde sie seiner gewahr. Sie drehte ihren einst wundersch√∂nen Kopf zu ihm, sodass er ihr v√∂llig entstelltes Gesicht sehen konnte. F√ľr den Bruchteil einer Sekunde wurde sie mit aller Anstrengung noch einmal Mensch, sah ihn mit gro√üen Augen an, Augen, die all ihre Schmerzen widerspiegelten, ihre Sehnsucht, ihr Bedauern, ja, so etwas wie Schuld und Bedauern schien er in ihren gro√üen, wundersch√∂nen Augen auszumachen.
Dann drehte er sich um und ging hinaus. Die Sonne war bereits aufgegangen und schickte ihre kalten blauen Strahlen auf die √úberlebenden nieder. Er aber ging wortlos, ohne sich noch einmal nach ihr und ihrem Haus umzudrehen, davon, vorbei an den Wachen, die ihn kraftlos ansprachen, durch sie hindurch und aus der Stadt, √ľber die schneebedeckten Felder, die ein eisiger Nordwind durchschnitt, wo er am Horizont verschwand, ohne sich umzudrehen.

2. Endlich Lebenszeichen

Lange, verzehrend lange schleppte er sich teilnahmslos √ľber flache Ebenen, √ľber denen schneidend der Wind herrschte. Waren es sechs, waren es zehn Tage gewesen? Er konnte es nicht sagen, da ihn niemand je fragen w√ľrde und es ihm selbst v√∂llig gleichg√ľltig war. In verlassenen, fremd anmutenden D√∂rfern, die die Seuche zum Teil vollst√§ndig entv√∂lkert hatte, hatte er Unterschlupf gefunden, wenn er trotz aller Abwesenheit registrierte, dass die Beine nicht mehr vorw√§rts konnten, sondern entkr√§ftet umknickten. Wie fluchtartig verlassene Geh√∂fte, nicht verlassen, nur leergestorben, der Gestank verriet die Leichen, die teils in Hinterzimmern kauerten und vergeblich ihrer Entsorgung harrten, teils verdreht an die dreckigen Dorfstrassen gefroren waren, nackt und schwarz.
Auch das Vieh war bereits der Verwesung anheim gefallen, unausweichlich und sicher. In einem Geh√∂ft war noch ein kleines M√§dchen herumgeirrt, rotzverschmierte Mundwinkel, krustig, gro√üe, das Unsagbare nie begreifende Augen. Teilnahmslos, stumm, wie er. Kurz schauten sie sich an, dann lie√ü er sie stehen und ging in ein ehemaliges Wohnhaus. Er wusste, wo er suchen musste, die t√ľchtige Landbev√∂lkerung hatte Obstvorr√§te f√ľr den Winter, der jetzt und scheinbar schon immer kalt und ehrlich √ľber dem Land lag, angelegt. Rechtschaffen bis in den Tod, wie auch schon Generationen vorher. Der Unterschied war lediglich im Bewusstseinsgrad der eigenen Sterblichkeit, pl√∂tzlich schrecklich und unmenschlich. Er biss abwesend in einige √Ąpfel, das gen√ľgte ihm.
An einer einsamen Eiche waren Menschen aufgeh√§ngt worden, "schuldig!" hatten die Weiber geschrien, um die Seuche abzuhalten, als Zeichen der stellvertretenden Bu√üe, vergebliches Zeugnis menschlicher Hilflosigkeit. Sie wehten traurig im Wind, wirkten fast noch lebendig, wie sie da so baumelten und ihre Augen weit aufrissen, um ihn anzugaffen. Er beachtete sie nicht, ging an ihnen vor√ľber, wie er an allem vor√ľberging, nein, durch alles hindurchging, ohne es zu ber√ľhren. Ackerger√§t war auf den Feldern liegengeblieben, inzwischen vom Wind mit einer feinen Schneeh√ľlle bedeckt, ungenutzt, untauglich jetzt, wie aus einer anderen Welt.
M√ľde schritt er voran, ziellos, nur selten hob er den leeren Blick, lies ihn √ľber die weiten Ebenen schweifen, auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, doch es gab nichts Festes, das dem Blick Halt geben h√§tte k√∂nnen. Verlassen war die Welt, weggesp√ľlt alles Treiben, als sinnlos enttarnt angesichts des Namenlosen. Endlich hatte sich das Schicksal erf√ľllt, unausweichlich, da stets nur der Alltag entscheidend, nie die Zukunft anvisiert worden war, und Alltag gab es nun keinen mehr, und mit ihm war auch die Zukunft vergangen.
Irgendwann, nur ein schmaler Streifen seiner grauen Haut war, im Gesicht, sichtbar, so wanderte er durch das entmenschte Land, versuchte er, sich auf den Ausbruch der Seuche und dar√ľber hinaus gar an ihre Ursache zu erinnern. Verschiedene Theorien waren, als das unab√§nderliche Sterben begann, aufgestellt worden, teils v√∂llig abwegig, teils einleuchtend, was jedoch nichts, √ľberhaupt nichts √ľber ihre Richtigkeit aussagte. Hitzige Debatten hatten sie gef√ľhrt, die Natur-wissenschaftler und Mediziner, stritten sich mit roten K√∂pfen √ľber m√∂gliche Ursachen, verga√üen dabei die Bek√§mpfung des Todes, den hyppokratischen Eid. Beschimpften sich, fielen √ľbereinander her wie Hy√§nen und best√§rkten so die Bev√∂lkerung in ihrer Ahnung, Eigeninitiative ergreifen zu m√ľssen. Erst als gro√üe Teile S√ľdeuropas Opfer der Seuche geworden waren, erst als der Tod vor der Haust√ľr stand, war ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns bewusst geworden, nicht v√∂llig, aber sie sp√ľrten das Kommende. Schon vorher waren alle Zust√§ndigkeiten umgeschmissen worden. Wanderprediger waren √ľber das Volk gekommen, mit feurigen, wahnsinnigen Blicken und sicheren Rezepten gegen den Tod. Um so gewaltsamer die Ma√ünahmen waren, die sie forderten, um so sicherer schien die Wirkung, ein Selbstl√§ufer im Schrecklichen, eine fatale Kettenreaktion. So w√ľtete, bevor die Seuche noch angekommen war, der Mensch unter seinesgleichen, zu richten die Schuldigen, nein, irgend-jemanden, m√∂glichst verd√§chtige, aber wehrlose Bev√∂lkerungs-gruppen, mit der Hinrichtung Einzelner war offensichtlich nichts mehr zu erreichen. So offenbarte sich das Wesen des Menschen in der Hilflosigkeit, das wahre Gesicht, das ihm geholfen hatte, vom gejagten zum beherrschenden Tier aufzusteigen. Grausam war das Regiment, das der wiedererwachte Volksaberglaube, die Erkenntnis der Notwendigkeit zu handeln, ohne jedoch zu wissen, was zu tun war, f√ľhrte, urspr√ľnglich und nat√ľrlich.
Doch die Seuche kam n√§her, schl√§ngelte sich durch die Landstriche, nahm St√§dte in ihren W√ľrgegriff, bis der letzte Atem ausgehaucht war, es gab kein Entkommen. Selbst die abwegigsten, rein aktionistischen Ma√ünahmen verpufften, wirkungslos, selbstverst√§ndlich.
Aufgepeitscht sterbend aktivierte die Menschheit ihre ureigensten Kräfte, zappelte und wendete sich in alle erdenklichen Richtungen, zuckend, um dann verdreht liegen zu bleiben, regungslos, matter Blick: tot.
Es musste irgendein bereits von Anbeginn in der Natur gegen Eventualit√§ten der Evolution angelegter Selbstschutz-mechanismus gewesen sein, den der ber√ľhmte Fl√ľgelschlag des Schmetterlings ausgel√∂st hatte, und der nun, einmal entfesselt, das Gleichgewicht wieder herstellte. Grausam scheinbar, doch mit der Logik des Lebens, faszinierend gleichzeitig. Kalt, emotionslos das Recht einfordernd, von T√ľr zu T√ľr ging er, die alte Schuld einzutreiben. Und sie wurde bis zum letzten Pfennig beglichen.
Besser war es, nicht zu denken, wie schon fr√ľher, in den Zeiten, da alles noch normal und schrecklich war, nicht wie jetzt nat√ľrlich und unausweichlich. Damals schien es, als g√§be es M√∂glichkeiten des Handelns, Chance auf selbstgewollte Ver√§nderung, tr√ľgerisch. Selbstbestimmung, ja ja, zu √§ndern den Lauf der Dinge: jetzt wurden die Tatsachen wieder zurechtger√ľckt, nein, nicht zurechtger√ľckt, nur offen-sichtlich, endlich. Un√ľbersehbar war die Schicksalhaftigkeit, in der die Menschheit dahintrieb, wie schon immer, es aber wie auch schon seit Anbeginn nicht wahrhaben wollte, und sich weiter auf blinden, nur aggressiveren Aktionismus verlegte. Taten ver√§ndern die Welt! M√§nner mit gro√üen Visionen machen Geschichte! Kennenlernen wollten sie Ehre Sieg Untergang, selbstgemacht, versteht sich. Der Griff nach den Sternen war misslungen, gr√ľndlich, unmissverst√§ndlich, doch die Versuche, handelnd einzugreifen, rissen bis zuletzt nicht ab. Flagellanten zogen durch das hysterisch aufgestachelte Land, viele schlossen sich ihnen an, zu bestrafen den eigenen Leib, biblisch.
Doch die Seuche kam, trat ihr Regiment an, uneingeschränkt, unangefochten, ausschließlich.
Endlich kam er an den Rand einer Stadt, die ebenfalls, nicht √§u√üerlich, die von menschlicher Hand geschaffene Struktur war unver√§ndert, nur innerlich, das Leben war keines mehr, von der Seuche heimgesucht worden war. D√ľnne Rauchs√§ulen zeugten von vereinzelter Restbev√∂lkerung. Sollte er sie, die zum Zerrei√üen Angespannten, zu Allem Bereiten, nachdem sie den Tod, der sonst so brav Abstand hielt, ber√ľhrt, auf den Lippen geschmeckt hatten, aufsuchen? Leise, wie von fern, sp√ľrte er seinen K√∂rper, ausgezehrt, hungrig, nach Nahrung verlangen. W√ľrden fremde Menschen ihm helfen? Nein, nicht fr√ľher bereits, jetzt noch weniger. Trotzdem ging er in ihre Richtung weiter, was sollte ihn schrecken? Welcher Abgrund sollte ihm neu, unheimlich sein und so Angst oder sonstige Emotionen abverlangen, unbekannte? Und so ging er, langsam, aber doch pl√∂tzlich zielstrebig sich an einer Rauchs√§ule orientierend, in Richtung auf die Fremden zu. Menschen immerhin, dachte er.
Die Leichen konnten, wie in seiner zwischenzeitlichen √úbergangsheimat, auch hier zuletzt nicht mehr beseitigt, entsorgt werden, und so hatte man sie in die Vororte gebracht, notd√ľrftig in G√§rten verscharrt. Vom Wind freigeblasen oder von streunenden Hunden wieder hervorgezerrt, ans kalte, blaue Tageslicht, das immer wieder den Dunst durchbrach, zeugten sie vom w√ľtenden Stampfen, mit dem auch hier die Seuche alles zermalmt hatte, wie √ľberall. Gestank, der die Sterbenden bereits vor dem endg√ľltigen Eintreten des Todes, wer h√§tte bestimmen wollen, ab wann dann tats√§chlich der Zeitpunkt des Todes eingetreten war, reine Definitionsfrage, bedeutungslos, doch fr√ľher wichtig einmal, erfasste, lag √ľber den Siedlungen. Die Verwesenden waren gezeichnet, entstellt, unmenschlich, ohne Frage. Dunkel aufgequollene Haut, feucht und z√§h. Fl√ľssigkeiten sickerten auch den Toten noch aus den Poren, Gemisch aus allem Nassen, das einmal Leben bedeutet hatte in ihren jetzt steifen, am Asphalt und in gepfegten Vorg√§rten festgefrorenen K√∂rpern.
Verloschene Feuer deuteten auf Ausharrende hin, die nun nicht mehr, oder anders irgendwie, ausharrten. Seltsam still, immer noch unwirklich mutet so eine Stadt an, in der niemand lebt. Gleich kommen schreiend Hunderte von Kindern um die Ecke, aus der Schule vermutlich, toben, doch nein, nicht mehr hier und nicht mehr irgendwo, nicht in dieser Gegenwart, die schnell alles Träumen einholt.
Aus schmalen Augen betrachtete er seine Umgebung, das was um ihn herum nicht mehr geschah, aber als Tatsache sich noch im Toten spiegelte, aufgezeichnet dastand, man musste nur hinsehen und lesen k√∂nnen. Es war nicht schwer, zu lesen, was hier, besser in welcher speziellen Art und Weise es hier √ľber die Menschen gekommen war. Sprache kann es nicht sagen, Augen aber k√∂nnen es sehen, Gehirne nicht verstehen, nur wahrnehmen, registrieren und erinnern, entfernt, weil au√üerhalb allem Vorstellbaren.
Vorsichtig stieg er √ľber errichtete Barrieren, auch hier waren Stadtviertel abgeriegelt, die Bewohner der Ansteckung und Vernichtung ausgeliefert worden, wie daheim, dachte er.
Langsam, fast tastend, bewegte er sich auf die Zeichen des Lebens zu, als unvermutet hinter einer Häuserecke ein Schatten auftaucht, nein, ein Überlebender, keuchend, und ihm mit einer Holzlatte auf die Schläfe schlägt. Er hatte noch versucht, den Arm hoch zu reißen, doch zu heftig, zu schnell und plötzlich kommt die Attacke. Schmerzen bleiben in diesen Momenten aus, Abwehr ist der einzige Gedanke, nein Affekt, denn der Angriff geht weiter, wortlos, aber schwer schnaufend. Er liegt, vom ersten Schlag benommen, am Boden, als er aufschaut, sieht er nur die Latte, die erneut auf ihn niedergeht. Ein-, zweimal noch sieht er sie, will sie aufhalten, dann nicht mehr.

3. Fr√ľhling

Während all dies geschah, ging die Seuche weiter von Land zu Land, um uralte Schuld einzufordern. Nur konnte man sie nicht mit Geld begleichen. Letztlich war Leben das einzige, was die Menschen hatten, und damit mussten sie jetzt bezahlen, teuer. Seltsam wurde das Treiben der Menschen, jedoch nur selten nahmen sie Notiz davon. Wenige versuchten, der allgemeinen Hysterie Einhalt zu gebieten, naturgemäß vergeblich. Denn wo Natur waltet, kommt auch die Natur des Menschen deutlich zum Vorschein, und davor bewahre uns Gott!
Die scheinbar durch Zufall sich aufstellende Miliz, eigentlich war von Beginn an klar, wer in der schwerbewaffneten, f√ľhrungslosen Seuchenmiliz "Dienst" tun w√ľrde, trat die Verwaltung des Chaos an, barbarisch. Der sich bald in der Restbev√∂lkerung ausbreitende Hang zur Anarchie wurde mit Stahlmantelanarchie gebrochen. Regiment des Terrors, Menschen √ľber Menschen, seit Urzeiten immer gleich, immer in anderer Form, mit dem selben Resultat: Das Recht des momentan St√§rkeren, der Augenblick errang die Herrschaft vor dem Weitblick, in die Zukunft. Und der Augenblick war kurzlebig und sprunghaft, so auch sein Regiment.
Willk√ľrlich wurden Stadtviertel abgeriegelt, Wohnbl√∂cke abgefackelt, Familien samt Grundlagen ausradiert.
Und die Seuche m√§hte durch das Leben wie die Sense durch das Feld, fette Ernte, ein √ľppiges Feld, wohlgen√§hrt, gem√§stet. In den St√§dten eroberte der Tod Strassenzug um Strassenzug seinen alten Platz zur√ľck, verdr√§ngte das Leben. Verdr√§ngte es nicht, denn dann h√§tte es woanders weiter existiert, was es jedoch nicht tat, nicht verjagt, ausgetilgt wurde es.
"Pl√ľnderer" schrien die Ordnungsmasochisten, die meinten, weiterhin nach Buchstaben, gedruckt auf Papier, das Leben gliedern zu k√∂nnen, in Gut und B√∂se. Einteilung, Verwaltung, Scheinherrschaft, wie das goldene Kalb leuchtete ihnen diese Erinnerung alles √ľberstrahlend in ihren √ľberanstrengten Gehirnen. "Richtet sie", fielen andere ein, die meinten, auf der Seite eines Gesetzes, Schall und Rauch, zu sein. So blieben ausgestorbene H√§userzeilen unbewohnt, w√§hrend einen Block weiter Menschen inmitten der Seuche erfroren, menschgemachtes Recht verk√∂rpernd, zu Skulpturen erstarrt.
Die Lebensmittelverteilung brach zusammen, nach kurzer Zeit schon. Die Menschen waren mit dem Sterben besch√§ftigt genug. Und wie sie starben. Panik schaute aus ihren Augen und verdeutlichte der ganzen Welt, dass dies einmal Menschen waren, die da so faulig auf den Stra√üen lagen. Panik, dar√ľber, was mit ihnen geschah, Beweis, dass auch sie einst andere Gestalt hatten als jetzt, offene, schw√§rende Wunden, aus denen blutiger Eiter sich ergoss, stinkend. Die Haut der Infizierten verf√§rbte sich rasch und unaufhaltsam, un√ľbersehbar. Flecken zun√§chst, dann auf den ganzen K√∂rper ausgreifende, melanomartige, verdickte Kruste. Por√∂s, um die g√§renden, vom Organverfall zeugenden Fl√ľssigkeiten austreten zu lassen, n√§ssend. Dazu kam das Fieber und der Wahn. Das war die Seuche als solche.
Die Reaktionen der "Reinen", wie sie sich bald selbst nannten, das waren diejenigen, die noch verschont geblieben waren, f√ľr wie lange? waren unvorhersehbar und willk√ľrlich, aber, wenn auch unkoordiniert, so doch endg√ľltig, weil verzweifelt.
Beim Einzug des Sterbens, w√§hrend der ersten Wochen, kamen vermutlich, wer kann das wissen? mehr Menschen durch Menschenhand um, als durch den Ausl√∂ser, die Naturgewalt. Dem Namenlosen in die Augen zu schauen, vom Ende aus dem Schlaf ger√ľttelt, dabei tatenlos zu bleiben, unm√∂glich. Gewohnt, die Welt handelnd zu ver√§ndern, wozu? niemand wusste das, ergaben sie sich der Aktion, hilflos, ihren Instinkten gehorchend. Und diese Instinkte sind grausam, messerscharf und glasklar, wenn es darauf ankommt. Du oder ich, hei√üt es, wenn es darauf ankommt, und es kam darauf an wie nie zuvor. Nur die Seuche blieb davon unbeeindruckt und holte sich ihren Tribut, gr√ľndlich.
Hinrichtungen wie zu Zeiten der Heiligen Inquisition pr√§gten das Stadtbild, Galgen, Scheiterhaufen, Podien f√ľr Scharfrichter. Nicht √ľberall wurden Verbrecher, welch ein kaltes Wort f√ľr Menschen, die √ľberleben wollen, aber letztlich stimmte es von Beginn an, erschossen. Die meisten, die erst noch, statt sofort standrechtlich hingerichtet zu werden, die Miliz war gut bewaffnet, in diesem Fall jedoch trotzdem schlecht ger√ľstet, festgenommen wurden, endeten am Scheiterhaufen. Symbol daf√ľr, dass sie nicht gestanden hatten. Gestanden, in welchem pers√∂nlichen Kausalzusammenhang sie mit dem Massensterben standen. Biblisch-christliches Fanal f√ľr die Gerechtigkeit des Menschengeschlechts. Die Kirchenf√ľrsten taten es ihren sp√§tmittelalterlichen Amtsvorg√§ngern des 14. Jahrhunderts gleich und verbarrikadierten sich in T√ľrmen, in abgeriegelten Penth√§usern diesmal, regierten von dort aus wirkungslos an der Hierarchie und den Tatsachen vorbei, abgeschottet und sicher? Ausreiseverbote bestanden l√§ngst weltweit, und nur sehr viel Geld an schwacher Stelle konnte sie durchl√§ssig machen. Denn wem nutzte jetzt noch der Menschenfetisch, das einzige bisherige Streben war enttarnt als masochistischer Zeitvertreib, als Spiel, das jedoch Realit√§t war. Au√üerdem breitete sich die Seuche, hatte sie erst einmal die sogenannte zivilisierte Welt in ihrem Griff, so schnell aus, die Vorz√ľge der Globalisierung, des transatlantischen und sonstigen Flugpendelverkehrs, dem Busbetrieb von Ort zu Ort nicht allzu lang vergangener Jahrzehnte √§hnlich, gebar ihre Fr√ľchte, weltweit. Verwaltungsnetze als √úbertr√§ger. K√ľrzeste Inkubationszeit wurde nutzbar durch √úberschallfl√ľge. Gesunde Menschen stiegen in die Maschinen ein, kr√§nkelnde stiegen in anderen Teilen der Welt wieder aus, Menschen mit Schwei√ü auf der Stirn stiegen vor Flugh√§fen in Taxis, millionenfacher Tod stieg wenig entfernt, siegessicher und erhaben l√§chelnd aus. Dieser beliebige Ortswechsel war lange genug m√∂glich, um den Erreger penibel und gr√ľndlich auf allen Kontinenten zu beheimaten. Woher er letztlich kam, konnte niemand mehr sagen. Hitzige Schuldzuweisungen, handfeste Auseinandersetzungen zwischen den F√ľhrern der zivilisierten Welt, bald abgel√∂st von der Schematisierung des √úberlebemskampfes. Regeln mussten aufgestellt werden. Auf allen Ebenen, jeder noch so kleine, unbedeutende Ort, versuchte, sich zu sch√ľtzen, indem er Ma√ünahmen beschloss, verr√ľckt. Die einstigen Magistrate wurden durch lautere, aktivere ersetzt, verst√§ndlich, in Notzeiten braucht es die starke Hand. Was diese starke Hand tut, ist erst einmal Nebensache, Hauptsache, sie handelt, entschlossen. Es war egal, ob die Dienstwege noch eingehalten wurden, ob die Befehle noch die Ausf√ľhrer erreichten, denn so und so endete alles unweigerlich im Chaos.
Erst als die Seuchenstatistik weltweit nach oben schnellte, das heißt, wenn noch jemand eine Statistik aufgestellt hätte, bereit dazu waren viele, nur fehlten ihnen, ach, leider die nötigen Zahlen, kehrte wieder Ruhe ein. Wie eine Verschnaufpause wirkte, was die Seuche der menschlichen Unrast gönnte, wie Schlaf. Patroullierende Milizen wurden zum Alltagsbild, bis auch sie seltener wurden, schließlich fast gänzlich ausblieben, aber wer hätte das noch sagen können?
Die Restbev√∂lkerung war so klein, dass sie nicht mehr effektiv h√§tte bewachen k√∂nnen, was an m√∂glichem Besitz von der Zivilisation geblieben war, f√ľr sp√§tere Zeiten. Das √úberleben war erb√§rmlich. Nicht verlassen durfte man seine eigenen vier W√§nde, das war am sichersten, wahrscheinlich, sagten sich die Wenigen. An einer Hand konnte man letzlich die √úberlebenden der Stadt, die einst mehreren Zigtausend Heimat, zumindest in ihren Ausweispapieren, geboten hatte, abz√§hlen.
Als der letzte Schnee geschmolzen war, wagten sich einige von ihnen hinaus aus ihren Bl√∂cken und blinzelten in die unwirkliche Sonne, die das Land in tr√ľgerischer, noch schwacher W√§rme badete.
Sie hatten √ľberlebt, und die Natur des Menschen hat es so eingerichtet, dass vergangene Fehler nie erkannt, immer weiter geht es, immer vorw√§rts! niemals ausgesprochen werden, und so stritten sie sich um die Neuverteilung, da es zu viel f√ľr alle gab.
Die letzten Überlebenden, wer uns das erzählt? - egal, aber es ist wahr, haben sich mit Spaten erschlagen, im Streit um die Welt, so als ob sie ihnen gehören könnte, so wie sie den Menschen vor ihnen offensichtlich auch schon nicht gehört hatte; mit Spaten erschlagen, beinahe wortlos, aber doch wie Menschen.



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kira
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Hallo Rainer

Nachdem ich vor einigen Minuten nur wenige Worte unter ein anderes Werk von dir gesetzt habe, hier etwas ausf√ľhrlicher meine Meinung zu diesem Text:

Er wirkt auf mich wie ein atmosphärisch dichtes Mosaik aus einzelnen gewaltigen und erschlagenden Sätzen. Deine Aussage wird schnell klar, trotzdem liest man weiter, gebannt, sucht weiterhin nach tieferen Inhalten, nach mehr Erkenntnis.

Dabei - und nun komme ich zur Kritik - ist es allerdings entt√§uschend, dass nach den anfangs ersp√ľrten Aussagen nichts mehr nachfolgt, du verschie√üt dein Pulver einfach zu schnell. Deine Geschichte besteht aus einem einzigen langen H√∂hepunkt, alles scheint √§hnlich wichtig zu sein.
Ein Protagonist, an dem ich mich anfangs festhielt - in der Hoffnung er werde mich zur Handlung f√ľhren - verschwindet irgendwo sang- und klanglos von der Bildfl√§che, gegeben hat er dem Leser nichts, was nicht durch den Text an sich schon klar geworden w√§re.

Wiederholungen (Eiter, schwarz, Tod, Verwesung, Gestank) mindern die Eindringlichkeit, irgendwann √ľberliest man ganze Passagen (Ja, okay, alle sind tot und stinken) auf der Suche nach neuen Offenbarungen.

Einzelne Bilder sind wunderbar:
"Er ignorierte die Kälte, die Schreie, die wie zerfetzte Laken im Wind durch die Nacht wehten",
andere sind bekannt und erm√ľdend:
"Kurze Zeit noch konnten sie telefonisch ihren jugendlich-unschuldigen Kontakt aufrecht erhalten, der sich gerade erst entwickelte, dann wurde das zarte Band jäh zerschnitten."

Sätze wie diese -

"Gestank, der die Sterbenden bereits vor dem endg√ľltigen Eintreten des Todes, wer h√§tte bestimmen wollen, ab wann dann tats√§chlich der Zeitpunkt des Todes eingetreten war, reine Definitionsfrage, bedeutungslos, doch fr√ľher wichtig einmal, erfasste, lag √ľber den Siedlungen."

"Die Irrenanstalten begannen √ľberzuquellen, aber der Strom der dort zu internierenden, um - insgeheim war schon fr√ľh bekannt, dass es praktisch unm√∂glich war - sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern, riss nicht ab; er wurde gr√∂√üer und m√§chtiger und die Zahl √ľberschritt alle, selbst die verwegensten Sch√§tzungen um ein Vielfaches."

- sind f√ľr jeden Leser qualvoll, sie sind einfach zu schachtelig. Gerade in einem Text wie diesem, der den Leser hin zu einer schauderhaften (Selbst)Erkenntnis treibt, sollten sich Aussagen direkt erschlie√üen, ohne dass S√§tze m√ľsam zum Anfang zur√ľckverfolgt werden m√ľssen.

Und noch einmal kurz zu den Zwischenfragen, speziell zu dieser:
"Die letzten Überlebenden, wer uns das erzählt? - egal, aber es ist wahr, haben sich mit Spaten erschlagen..."

Abgesehen davon, dass sie hemmend auf den Lesefluss wirken (wie an anderer Stelle bereits erwähnt): Du bist ein allwissender Erzähler, Rechtfertigungen sind vollkommen unnötig.

Abs√§tze t√§ten dem Ganzen √ľbrigens auch gut.

Das ist erst einmal alles, was mir einfällt. :-)
Ich hoffe, es bringt dir etwas.

Und nur falls das so gar nicht mehr in meinem Beitrag r√ľberkommt: Ich mag deine Texte!

Kira

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Rainer Heiß
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Hi Kira,

du sprichst eine ganze Reihe Punkte an, die ich hoffentlich alle beantworten kann, die Reihenfolge muss egal sein. Zu den Zwischenfragen: Klar st√∂ren sie den Erz√§hl- und Lesefluss, aber vielleicht kommt eine Geschichte gerade dann eindringlicher r√ľber, wenn der Leser ab und zu innehalten muss; kl√§r mich auf, wenn`s anders ist!
Die story, da hast du Recht, w√§re in wenigen Zeilen erz√§hlt (die Seuche kommt, alle sterben), aber es geht mir auch weniger um die story, als um das Szenario. Meiner Meinung nach sollte eine gute B√ľhne entworfen werden, die dann die M√∂glichkeit bietet, den Mensch zu sezieren. Ok, klingt recht hochgestochen, zudem habe ich die Geschichte in einem Wutanfall hingeschrieben, weshalb wohl auch die Sezierung des Menschen etwas zu kurz kommt.
Eben merke ich, dass ich mit einer spontanen Antwort √ľberfordert bin; muss erst deine Kritik noch einmal genau durchlesen...
Gr√ľ√üe, Rainer
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Rainer Heiß
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Antwort schuldig

Hallo Kira,

jetzt habe ich mir deine Kritik noch einmal in aller Ruhe durchgelesen und muss dir in einigen Punkten absolut Recht geben: Die Schachtels√§tze sind teilweise richtig schlimm! Gerade die Beispiele, die du ausgesucht hast - verheerend! Lag wahrscheinlich an Vorbildern, die das beherrschen (Saramago, Th. Bernhard...). Richtig auch die Kritik an den Wiederholungen; das liegt aber wohl daran, dass die Geschichte zun√§chst in Einzelteilen entstanden ist. Irgendwie habe ich angefangen, zu diesem Thema zu schreiben und bemerkt, dass es f√ľr mich fruchtbar ist. Immer, wenn dann ein Teil abgeschlossen war, hatte ich noch was auf Lager; so entstand wohl auch die "Handlungsf√ľhrung". Aber, und das ist eben ein altes Leiden von mir: Ich kann mich nur ganz schwer von etwas trennen, das ich einmal geschrieben habe. Vielleicht versuche ich es jetzt doch, denn deine Kritik war wirklich konstruktiv - vielen Dank!
Und irgendwann werde ich mir dann auch die M√ľhe machen, meine Texte auch in der Leselupe mit Abs√§tzen zu versehen; bei mir haben sie n√§mlich welche!
Gr√ľ√üe, Rainer
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