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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Sinnlosigkeit
Eingestellt am 26. 07. 2001 13:50


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Andre
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

Werke: 4
Kommentare: 41
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Sternenkalte Nacht. Es ist so kalt, da├č selbst das Quecksilber im Thermometer den Dienst quittiert und sich nach S├╝den aufgemacht hat. Es ist so kalt und trocken, da├č jeder Schritt und Tritt den Frost laut krachen l├Ą├čt. M├Ąntel w├Ąrmen nur noch, wenn man sich bewegt. Aber ich liege einfach nur hier - bewegen darf ich mich nicht.

Vollmond bescheint hohe Stratosph├Ąrenwolken auf halber H├Âhe zum Horizont. Die schneehelle Ebene vor mir gl├Ąnzt darin und l├Ą├čt mit keiner Bewegung vermuten, da├č irgendwo da drau├čen noch ein anderes Lebewesen dem Frost sein Gesicht hinh├Ąlt. Dabei bin ich nicht allein. In niedrigen Prismen liegen noch ein Dutzend andere hinter mir, in S├Ącken leidlich vor der K├Ąlte gesch├╝tzt. Und vielleicht noch ein oder zwei Idioten da drau├čen, derentwegen ich hier liege.

L.A.N.G.E.M.A.R.K. oder so ├Ąhnlich hei├čt das Schema, nach dem ich anderen berichten soll, wenn meine Zeit hier vorn abgelaufen ist und ich das t├Âdlich kalte Zweibein ├╝bergebe. Dabei wei├č ich nicht einmal mehr, wof├╝r diese Abk├╝rzung ├╝berhaupt steht. Das wu├čte auch mein Vorg├Ąnger nicht. Wortlos und durchgefroren verlie├č er das Dreckloch und verzog sich in eines der niedrigen Zelte.
Wir ruinieren uns hier die Gesundheit im Namen des Volkes, nicht aber im eigenen Namen, obwohl wir doch eigentlich auch dazugeh├Âren sollten. Wer erfriert ist ein Held, der Rest mu├č froh sein, wenn irgendwann mal die Krankenkasse einspringt.

Seit ich Staatsb├╝rger in Uniform bin (aber auch in meinem Namen sind wir nicht hier) habe ich bei den Olivgr├╝n-Steingrauen Sadismus, Masochismus, Nihilismus und noch einige andere -ismen kennengelernt, f├╝r die ich noch keinen Namen gefunden habe.
Und eben jener verh├Ąngnisvollen Mischung, aus der Helden und M├Ârder gestrickt sind, ist es zu verdanken, das wir uns jetzt hier nacheinander den Tod holen, w├Ąhrend irgendwo da drau├čen ein durchgeknallter Rambofan, der meint, da├č seine paar Sterne heller leuchten, als all die vielen da oben ├╝ber ihm und uns, sich durch das Geb├╝sch schleicht, um uns zu einer m├Âglichst realen Gefechtsausbildung zu verhelfen.

Ein "Hoch" auf die Bundeswehr! W├Ąhrend Abartige und Planlose anderswo in Heimen untergebracht werden, steckt man sie hier in Uniformen und kaserniert sie irgendwo zwischen Hauptgefreitem und Major. Das obere und untere Ende der Fahnenstange erweist sich mit etwas Gl├╝ck noch als halbwegs normal, w├Ąhrend das Mittelst├╝ck sich nach besten Kr├Ąften anstrengt, alle Klischees zu erf├╝llen.

Kasernenwache zu Weihnachten. Wie ein Damoklesschwert h├Ąngt dieser Posten ├╝ber den hier Einsitzenden. Wer ├╝bernimmt so was schon freiwillig? Wer vor Wochen noch spottete, da├č Kasernen von privaten Schutzleuten bewacht werden, der w├╝nscht es sich klammheimlich. Der BND schmuggelt gerade etwas Plutonium, und wir sollen hier fahrunt├╝chtige Panzerhaubitzen bewachen? ├ťber so etwas ist unser ohnehin halbtauber Oberstabsfeldwebel erhaben. Die Feiertagsdienste werden unfeierlich an die einzelnen Batterien und deren Teileinheiten verteilt. ÔÇÜDa, seht selbst!' Gesegnet, wer ein Kampfschweinchen in der TE hat. F├╝r solche Leute gibt es nichts Geileres, als zum Fest der Liebe ihr eigener Weihnachtsbaum zu sein. Gr├╝n und mit P1 und Splitterschutzweste behangen. Auf ihre ganz eigene Weise liefern so auch solche Leute ihren Beitrag zum Fest.

Wie sp├Ąt ist es? Die Verlaufsgeschwindigkeit der Zeit erscheint umgekehrt proportional zur K├Ąlte. Man hat viel Zeit in solchen N├Ąchten. Zeit, um ├╝ber so vieles nachzudenken. Wie w├Ąre es, wenn da drau├čen nicht der durchgeknallte Foch, sondern ein echter Gegner, mit scharfen Waffen liegen w├╝rde? Wenn die Ebene pl├Âtzlich lebendig w├╝rde? Leuchtkugeln die Nacht zerrei├čen w├╝rden? Man kommt auf verr├╝ckte Gedanken, wenn man in klirrendkalter Nacht in einer MG-Stellung liegt.
Aber sind sie wirklich so verr├╝ckt und weit hergeholt, wenn man bedennkt, was man hier ist und wof├╝r man ausgebildet wird?

Befohlene Gl├╝ckseligkeit. Der lange Gang auf dem unsere 3 Grundausbildungsz├╝ge liegen ist mit Tischen und St├╝hlen vollgestopft. Was zuerst wie Waffenputzen aussieht, entpuppt sich als milit├Ąrisch straff durchorganisierte Weihnachtsfeier. Statt Rohrputzb├╝rsten liegen Tannenzweige auf den Tischen.
Die Innendienstkranken der letzten Tage haben sich zwar alle M├╝he gegeben, aber wenn mehr Gr├╝n um die Tische sitz, als darauf liegt, f├Ąllt es schwer, in die richtige Stimmung zu kommen. Um die Farce komplett zu machen, fehlt eigentlich nur noch ein Oberst mit langem wei├čen Bart. Aber so weit geht man bei Preu├čens dann eben doch nicht. Statt dessen kommt unser neurotischer Hauptmann und Batteriechef vorbei, murmelt etwas und ├╝bergibt an den Hauptfeldwebel um wieder in seinem Dienstzimmer verschwinden zu k├Ânnen. Um solcherlei Beisammensein zu verstehen, fehlt ihm, meiner Meinung nach, jenes Quentchen Gef├╝hl, das uns gemeinhin von den Grottenolmen unterscheidet. Mit Beginn des neuen Jahres wird dieser alte, deformierte NVA-Haudegen seine Dienstzeit hier beendet haben und desilusioniert im leeren Privatleben stehen. M├Âge Mars ihm beistehen.

Hinter den B├╝schen bei dieser Panzerattrappe hat sich etwas bewegt! Spielt die K├Ąlte meinen Sinnen einen Streich, oder ist dieses hirnlose Rindvieh tats├Ąchlich im Anmarsch? Das einzige Fernglas hat der StUffz, der hemmungslos in seinem Zelt schnarcht. Prima Ger├Ąuschtarnung. Wir scheinen hier vorne also bestens ausger├╝stet zu sein, f├╝r einen Beobachterposten. Die zweite Mulde befindet sich zwar in Ruf- aber eben nicht in Fl├╝sterreichweite. Man kann sich hier also wirklich aufs allerbeste die Zeit vertreiben. Sinnloses Schwatzen wird durch Distanz unterbunden, so da├č man nur noch beobachten kann. Was aber macht man in einem Fall, wie diesem? Sinn- und Planlosigkeit scheinen die Mutter der Bundeswehr und ihrer Vorschriften zu sein.

Der Hauptfeldwebel macht einen orientierungslosen Eindruck. Als Bayer im Erzgebirge stationiert zu sein, macht ihm sichtlich wenig Spa├č. Und die seltsamen Weihnachtsriten der Eingeborenen scheinen ihn zu irritieren. Aber er verschluckt tapfer seine Angst vor dem komischen Zauber, den die paar hier eingesetzten Einheimischen doch in die Runde bringen. Wie es sich f├╝r solche Gem├╝tslagen geh├Ârt, versucht er das ein oder andere Befremdliche ins L├Ącherliche zu ziehen. Besonders der Stollen hat es ihm angetan. Zwei Mitbayern versuchen ein pflichtbewu├čtes L├Ącheln, der Rest bleibt hart. Tradition ist Tradition.
Dann gibt es sogar Gl├╝hwein, bis zur Unkenntlichkeit verd├╝nnt, und die Zeit zieht sich wieder einmal ewig hin. Der befohlenen Geselligkeit fehlt es etwas an Gem├╝tlichkeit. Wo soll die auch herkommen? Vor mir steht zwar der Lebkuchen, aber hinter mir befindet sich die T├╝r zur Waffenkammer - Schizophrenie, Made by Volker R.. Ich kann h├Âren, wie unsere beiden Unteroffiziersanw├Ąrter darin offenbar Inventur machen. An solch "Feierlichkeiten" sollen sie sich wahrscheinlich gar nicht erst gew├Âhnen. Es herrscht ein unerwartet unangenehmes Leben in der Armee der Freiwilligen. Zumindest f├╝r UA's.

Schon seit einigen Minuten regt sich nichts mehr im Geb├╝sch. Wenn sich Herr Oberleutnant tats├Ąchlich darin zu befinden belieben, dann d├╝rfte er jetzt festgefroren sein. Aber ich sch├Ątze, da├č w├╝rde ihm sogar gefallen. Immerhin k├Ânnte es die unertr├Ągliche hypermilit├Ąrische Steifheit des Mannes erkl├Ąren. Foch ist ein Kampfschwein vor dem Herrn - falls ihm der was sagt. Das Milit├Ąr ist seine Braut, die sich aber - wahrscheinlich aus Mitleid mit den Rekruten - in einem Jahr von ihm scheiden lassen will. Noch so einer. Wieder einmal ist die Zeit Verb├╝ndete des Soldaten.
Er war schon in Somalia dabei, worauf er stolz ist, auch wenn er dort nicht schie├čen durfte. Ein Kanonier wurde einmal ├Âffentlich ger├╝gt, weil er angesichts des bewegungsvereisten Foch, der ├╝ber den Appellplatz marschierend eine Batterie abnahm, ge├Ąu├čert haben soll, da├č dieser die Hand wohl nicht einmal zum Wixen krumm kriegen w├╝rde. Das erscheint auch durchaus richtig, denn f├╝r alles andere im Soldatenleben ist die Handhaltung unwichtig. Alkohol wirkt, durch einen Strohhalm eingesaugt, soldsparend schneller und bei einer ordentlichen Vergewaltigung ist die Handhaltung eh nahezu egal, wie uns die Schneeberger Kameraden zeitigten.

Zwei Tage sp├Ąter hing der Spezialdienstplan aus. Nur die Feiertage, Silvester und Neujahr. Nat├╝rlich hatten auch die UA's Dienst: der Dumme zu Silvester und der Familienvater zu Weihnachten. Man konnte sie in ihrer Stube ├╝ber alles bayrische, von Wei├čwurst bis Hauptfeldwebel fluche h├Âren. Wenigstens konnten sie untereinander tauschen.
Der Rest der Dienste wurde per Losentscheid zugeteilt. Sagte man zumindest. Wenn amn es sich genau betrachtete, sah man, da├č unsere Batteriemaskottchen gro├čz├╝gig ├╝ber die Tage verteilt worden waren.

Die Zeit im Graben n├Ąhert sich tats├Ąchlich ihrem Ende. Und das, ohne da├č Foch aufgetaucht w├Ąre! Ist das nun Gl├╝ck oder Pech f├╝r uns? Gl├╝ck, weil nun jemand anderes von unserem Schmalspurrambo ├╝berrascht wird, oder Pech, weil wir deswegen sicher noch einmal aus dem Schlaf gerissen werden? Ich bin zu m├╝de und zu kalt, um ├╝ber diese Frage nachzudenken. Thomas aus dem anderen Graben ist inzwischen jede Deckung - und damit auch allen Schneematsch - vermeidend ins Lager zur├╝ckgestelzt, anstatt auf dem Bauch dahin zu gleiten, wie es uns beigebracht wurde.

Ich hatte Gl├╝ck, mein Name erschien weder auf dieser Liste, noch auf der meiner neuen Teileinheit.

Wenige Minuten sp├Ąter ist die Abl├Âsung da. Er liegt neben mir in der Mulde und starrt gierig auf das MG. Ich verzweifle innerlich. Er ist einer von jenen, denen das alles hier ganz dolle viel Spa├č macht; einer, der jeder Verarschung mit Unverst├Ąndnis widersteht. "Du hast mich nicht nach der Parole gefragt, hast Du mich nicht geh├Ârt?" fragt mich das Lobotomieopfer. ÔÇÜDoch, du warst ja laut genug beim stillen Gleiten' denke ich bei mir, will mich aber auf keinen endlosen Vortrag ├╝ber die Anschleichtaktiken von Guerilleros in Burkina Faso einlassen. Also halte ich die Klappe und krame meinen Krempel zusammen. Entt├Ąuschung steht in dem mondlichbeschienenen Gesicht. Er hatte sich das wohl heroischer ausgemalt. "Die Parole?" fragt er mit einem Hoffnungsschimmer. "Ich wei├č doch, da├č Du sie kennst - wer sonst?" dr├╝cke ich durch klappernde Z├Ąhne hervor. Meine Frontseite ist auf einmal furchtbar kalt. Bis jetzt hat das bi├čchen Laub am Boden mich also wider Erwarten doch etwas gew├Ąrmt. Steifbeinig mache ich mich auf den R├╝ckweg. "He warte!" ruft(!) er hinter mir her, "Was ist mit L.A.N.G.E.M.A.R.K.?" "Foch war noch nicht da." sage ich und laufe immer st├Ąrker fr├Âstelnd ins Lager. Wie aus einer anderen Welt h├Âre ich noch was von "...Deckung...".

Nach den verorneten Weihnachtsferien trat ich meinen Dienst in der neuen Teileinheit an und lernte einen gutm├╝tigen StUffz kennen, der Weihnachten freiwillig den Wachhabenden gemacht hatte, weil er alleinstehend war. Ich fragte ihn, was so losgewesen sei. Ein altes M├╝tterchen von Gegen├╝ber h├Ątte Pl├Ątzchen vorbei gebracht und sp├Ąt nachts w├Ąren zwei stinkbesoffene Offiziere "heimgekehrt".

Foch's routinem├Ą├čiger ÔÇÜ├ťberraschungsangriff' blieb die ganze Nachtaus. Erst am fr├╝hen Morgen, kurz vor dem Aufstehen kam er ins Lager, stolperte ├╝ber unseren Feuerholzstapel, rollte ab, lud durch und zersiebte unsere Zelte mit seiner Uzi. Danach putzte er den Dreck von seiner schicken Schneetarnung, stauchte unseren Gruppenf├╝hrer zusammen und lie├č sich zum Fr├╝hst├╝ck in die Offizierskantine fahren, w├Ąhrend wir versuchten mit na├čkaltem Holz ein Feuerchen zu bauen.

Drei Wochen sp├Ąter wurden wir auf dem Sportplatz einen gottverlassenen tiefverschneiten und wiedereinmal bitterkalten Erzgebirgsnestes vereidigt.
"Wir geloben..."
"Wir geloben..."
"... der Bundesrepublik Deutschland..."
"... der Bundesrepublik Deutschland..."
"... treu zu dienen..."
"... treu zu dienen..." - uns den Arsch abzufrieren, Dreck zu fressen, wann es beliebt und im Ernstfall sicher vor die Hunde zu gehen, wenn wir nicht eher desertieren k├Ânnen.

Manchmal entscheidet nur eine Laune zwischen Stollen und Graben


__________________
Denn so wahr das Wasser immer dem tiefsten Punkt zustrebt, so wahr wird die menschliche Seele von dem tiefsten Punkt angezogen, den sie als Gruppe straflos erreichen kann.

Arnold Zweig, "Erziehung vor Verdun"

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Andre
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

Werke: 4
Kommentare: 41
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Der Dreckfuhlerteufel war da...

Ok, ok. Hab die gr├Âbsten Fehler erstmal bereinigt. Gibt's noch mehr?

Andr├ę
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Denn so wahr das Wasser immer dem tiefsten Punkt zustrebt, so wahr wird die menschliche Seele von dem tiefsten Punkt angezogen, den sie als Gruppe straflos erreichen kann.

Arnold Zweig, "Erziehung vor Verdun"

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