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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Die Spreu vom Weizen
Eingestellt am 27. 04. 2016 11:29


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Die Spreu vom Weizen

Et war Anfang November und sieben Einladungen zu großen Treibjagden lagen auffem Schreibtisch. Kurz nache JĂ€gerprĂŒfung hĂ€tte ich mich ĂŒber so viele Einladungen riesig gefreut. Heute beĂ€uge ich gewisse Jagdeinladungen anders – viel kritischer.
Vier Treibjagden hab ich „schweren Herzens“ abgesagt. Warum? Weil die Absender null Ahnung von gut organisierten Gesellschaftsjagden hatten! Man durfte jedet Mal froh sein, wenne deine Schwarte bis zum Abblasen der Jagd ĂŒber die Treiben gerettet hattes. Nur LebensmĂŒde sagten da noch zu!
Und ob Se dat nun glauben oder nich, genauso hab ich den PĂ€chtern dat gesteckt, allerdings etwat lustig verpackt. Ich hab se auch noch gefragt, ob se diesma vor der Jagd Stahlhelme und schusssichere Westen anne Treiber und SchĂŒtzen verteilen wĂŒrden. Die haben dann nur gelacht und ĂŒberhaupt nich geschnallt, dat ich et ernst meinte.
Die waren ĂŒber meine Absagen auch nich böse. So iss mir dat auch am liebsten, denn Streit unter JĂ€gern iss unserer grĂŒnen Sache nich förderlich. Ich freue mich immer, wenn ich mit diesen Revierinhabern ab und zu noch freundschaftlich en Bier trinken kann. Dat sind ja keine ĂŒblen Kerle. Am Stammtisch sind dat meist die gemĂŒtlichsten und lustigsten. Knauserig waren die bei Treibjagden auch nich! Da gab et fĂŒr Leib, Leber und Lunge immer nur dat Feinste. Gastlichkeit und Brauchtumspflege standen dort an erster Stelle.

Nach nem ĂŒppigen FrĂŒhstĂŒck inne Dorfkneipe, wurden dort zuerst ma dicke Habanas anne Raucher verteilt. Und nach der BegrĂŒĂŸung bekam jeder Alkoholiker en paar ZielwĂ€sserchen eingeschenkt. Als eiserne Reserve mussten Treiber und JĂ€ger auch en ÜberlebenspĂ€ckchen mit MettwĂŒrstchen, MĂŒsliriegel, KĂ€sekniften und en paar kleine hochprozentige Seelentröster in ihre Taschen packen. Man war stets besorgt, dat die Damen und Herren wĂ€hrend der Treiben zu schnell weiche Knöchelkes kriegten
Mittags gab et dann en leckeret ErbsensĂŒppken mit viel Eisbein-Einlage. SelbstverstĂ€ndlich wurden anschließend auch wieder hochgeistige GetrĂ€nke gereicht – diesma ausse Hand vonne netten Frau PĂ€chtergemahlin. Da konnte man ja unmöglich „Nein“ sagen. Auch GlĂŒhwein mit Rum und Fassbier flossen in Strömen durch die immer durstigen JĂ€ger- und Treiberkehlen. Kaffee oder Tee – Fehlanzeige. Dat wĂ€r nur wat fĂŒr alte Weiber, und von Mineralwasser kriegten die JĂ€ger bekanntlich Nasenbluten.
Könnte et sein, dat diese â€žĂŒberzeugenden“ Argumente auch die GrĂŒnde fĂŒr die vielen Fehl- und KrankschĂŒsse in diesen Revieren waren? Vielleicht sogar auch vonne tödlichen UnfĂ€lle? Wer weiß dat schon so genau? Vielleicht weiß dat dann der Staatsanwalt, wenn son bitterböser Schaden passieren tut, der auch beim besten Willen und Beziehungen nich mehr untern Teppich gekehrt werden kann.

Berta und ich wurden vor zwei Jahren auf sonne herrliche Chaosjagd im Taunus eingeladen. Als Berta entsetzt mitkriegte, wie sich die meisten JagdgĂ€ste schon beim FrĂŒhstĂŒck die Kannte mit Korn und Bier gaben, wurde se erst blass und dann ösig.
„Willi!“, schrie se, „Du wirst doch hoffentlich diese Sauferei nich mitmachen. Diese Jagd iss ja lebensgefĂ€hrlich, ich hau hier ab. Du kommz hoffentlich mit!“ Die umstehenden JĂ€ger lachten sich kaputt.
Ich bin ihr nich gefolgt, weil ich zu feige war. Ich wollte nich zum Gespött vonne gesamten Jagdgesellschaft werden. NatĂŒrlich sprach sich ihr Gemecker schnell herum, und sie wurde dort nie wieder eingeladen. Aber bei nachtrĂ€glicher BeĂ€ugung war Berta die einzige, die Verstand im SchĂ€del hatte und vor versammelter Mannschaft RĂŒckrat zeigen tat.

Aber da gab et ja zum GlĂŒck noch andere Einladungen. Zum Beispiel die vom Landesforst. Hier waren echte Jagdprofis am Werk. Die Organisation klappte wie am SchnĂŒrchen, und um ne verirrte Kugel brauchte man sich hier keine Sorgen machen. Alle Schusswinkel waren anne BĂ€ume markiert und et gab klare Vorgaben fĂŒr den Abschuss. Alkoholgenuss war erst beim abendlichen SchĂŒsseltreiben erlaubt. Gut, dat gesellschaftliche Drum und Dran war wesentlich steifer als bei die fidelen JagdpĂ€chter – dafĂŒr fĂŒhltesse dich beim Jagen aber erheblich sicherer.
Die JagdgĂ€ste waren handverlesen. Normalerweise wĂ€ren wir da nie eingeladen worden, weil wir nich zu die Akademikers gehörten und bei uns auch kein blauet Blut inne Adern fließen tut. Aber weil Hubertus ma gut gelaunt war, durfte auch unsereins hier mitjagen.
Und dat kam so:
Vor Jahren war ich als Treiber dem Forstdirektor Hofmann aussem Westerwald aufgefallen. Er beobachte, wie ich mich bei ner Treibjagd unheimlich int Zeug legen tat und kam beim abendlichen SchĂŒsseltreiben zufĂ€llig neben ihm zu sitzen. Ich hab ihm so manch nettet Döneken aussem Ruhrpott erzĂ€hlt, ĂŒber die er sich vor Lachen stĂ€ndig auffe Schenkel kloppte.
Von meiner bestandenen JĂ€gerprĂŒfung hab ich ihm spĂ€ter berichtet und war seitdem jedet Jahr sein Jagdgast. Mittlerweile sind wir Freunde. Unsere Duzerei löst noch heute bei die adeligen und studierten JagdgĂ€ste regelmĂ€ĂŸig en pikinierten Augenaufschlag aus. Dat juckt uns aber nich. Jagdfreundschaft hat doch nix mit die Herkunft, Stand oder mein profanöset Ruhrpottdialekt zu tun – oder? Dat geht einfach nich in die feudalen Köppe rein.
Passionierte einfache JĂ€ger sind auf deren Jagden nich gern gesehn – vielleicht werden die noch so eben als DurchgehschĂŒtzen oder Flintenspanner geduldet. In welchem Jahrhundert leben diese „EdelmĂ€nner“ eigentlich? Bei ner Jagd im Staatsforst blies man sogar noch den „FĂŒrstenruf“ fĂŒr son blaublĂŒtigen FĂŒrstling. Der erwartete da auffe Jagd tatsĂ€chlich, dat man ihn als Durchlaucht anquatschen tat. Den Titelanspruch iss er doch schon 1918 losgeworden! Und wieso war der durchleuchtet? Da kriegt man doch ne Krise im Kopp!

Genug davon.
Ich plante im Dezember ne DrĂŒckjagd, um grĂŒndlich mit die Wutzen abzurechnen, die mir acht Tonnen Weizen- und fĂŒnf Hektar Wiesenschaden beschert hatten. Ich nahm mir vor, diesma keine schlumpschĂŒtzigen JĂ€ger, die stĂ€ndig Nachsuchen und UnfĂ€lle produzierten, einzuladen. Ich hatte von diesen Herrschaften die Nase voll.
Diese gefÀhrlichen Jagdnieten vermehrten sich inne letzten Zeit wie Unkraut. Ob dat schon die unheilvollen Auswirkungen vonne kastrierten,so KurzlehrgÀnge von 14 Tagen, waren?

Nur noch JagdgĂ€ste, die son Nachweis ihrer SchießkĂŒnste vom Schießkino oder Kreisgruppen-Schießstand erbringen konnten, wollte ich auf meiner DrĂŒckjagd sehn. Ich hab dann fĂŒnfunddreißig Einladungen mit die entsprechende Forderung an meine Jagdfreunde rausgeschickt.
Meine oberschlaue Berta meldete sofort Zweifel an: „Willi, wat meinze wohl, wie viele von den fĂŒnfunddreißig Leuten zusagen?“
„Berta, ich weiß, zehn Absagen hab ich einkalkuliert. Mach Dir bitte nich meinen Kopp und mal den Deubel nich anne Wand.“
„Willi, dat wird die grĂ¶ĂŸte Einladungspleite, die en PĂ€chter je erlebt hat, da kannze Gift drauf nehmen.“
Berta sollte leider Recht behalten. Sonst bekam ich höchstens drei plausible Absagen, diesmal einundzwanzig ohne jede BegrĂŒndung. Mein JagdhĂŒter hatte sogar mit noch mehr AusfĂ€llen gerechnet.
Dat war doch wohl die Höhe! Die drei Damen, die mit auf der Einladungsliste standen, sagten erfreut zu. Dat en JagdpĂ€chter endlich son Nachweis fordern tat, hatte sie angenehm ĂŒberrascht. Aus Dankbarkeit wĂŒrden sie je einen Kuchen backen und Berta bei die Arbeit zur Hand gehn. Dat positive Echo von elf mĂ€nnlichen JagdgĂ€sten baute mich ebenfalls auf.
Waren die anderen Jagdkerle zu faul oder zu blöd, ihre Schussfertigkeit zu beweisen?
Klar! Wat meinen Se wohl, wat ich da so hintenrum allet zu hören kriegte. Ob ich jetz total durchgeknallt wĂ€r? Dat wĂ€r ja wohl ne UnverschĂ€mtheit, so wat von altgedienten JĂ€gern zu verlangen, dat wĂŒrde man sich merken.
Ich merkte mir dat auch. Die AasjÀger wurden von mir nich mehr eingeladen. Basta!
Mit vierzehn GĂ€sten konnte ich keine erfolgreiche DrĂŒckjagd veranstalten. Dat war mir klar.
Berta tröstete mich auf ihre unvergleichliche Art: „Willi, mach Dir nix draus, warum bisse enttĂ€uscht? Dat war doch abzusehn, Du wirss nie gescheit, Du mĂŒsstest doch Deine Jagdkameraden kennen.“ Und dann tat se mir en knallharten Elfmeter rein: „Sach ma, Willi, hass Du eigentlich schon diesen Schießnachweis erbracht?“ Rumms, Tor!
Sie wusste genau, dat ich vor vier Jahren dat letzte Mal auffen laufenden Keiler geschossen hatte. Berta hatte mich kalt erwischt.
„Berta, reiz mich nich, ich bin schon geladen genug! Hoffentlich erinnersse Dich noch daran wie ich vor zwei Jahren den Hasen mit nur einem Schuss roulieren ließ, dat iss doch wohl Nachweis genug, verdammt noch ma! Son Hase iss bekanntlich wesentlich kleiner als ne Wutz!“
„Willi, Du muss gar nich fluchen, Du kriss sowieso bei mir kein Recht. Du biss genau son Banause, wenn et um Weiterbildung in Deinem Beruf geht. Du biss keinen Deut besser als Deine sogenannten Jagdfreunde.“
Ich hab mich inne Werkstatt verdrĂŒckt, weil sonst dat eine Wort dat andere ergeben hĂ€tte – bis zum ausgewachsenen Krach.

Sie hatte leider Recht, und wie Recht sie hatte! Noch am selben Tag hab ich beim Schießstand vonne Kreisgruppe angerufen und mich fĂŒr dat Schießen auffen laufenden Keiler angemeldet.
Bei so wenig SchĂŒtzen kam jetz nur noch ne Ansitzjagd in Frage. Alle GĂ€ste, die zugesagt hatten, wurden ĂŒber die AbĂ€nderung der Jagdart informiert, niemand sagte deshalb ab. Sie fanden meine Entscheidung sogar lobenswert.
Die Spreu hatte sich vom Weizen getrennt.
Nach der anfĂ€nglichen EnttĂ€uschung, stellte sich bei mir son GefĂŒhl vonne Befreiung ein.
Ich hatte mit die wochenlangen nervigen Vorbereitungen nix mehr am Hut. Die stĂ€ndige Angst vor JagdunfĂ€llen war von mir abgefallen. Ich hatte die Gewissheit, dat vom Ansitz sauberer geschossen wurde und deshalb Nachsuchen nur ganz selten vorkamen. Ich brauchte auch keine Hundemeuten und keine Treiberwehr, und beim SchĂŒsseltreiben saß ich mit vernĂŒnftigen, passionierten JĂ€gern inne Runde. Meine saustarken Erkenntnisse ließen in mir große Freude aufkommen.

Und – wat soll ich Ihnen sagen, bei die Ansitzjagd mit sechzehn belegten Kanzeln wurden sieben Sauen, fĂŒnf Rehe und drei FĂŒchse erlegt. Ich war hochzufrieden! Fast jeder Gast kam zu Schuss oder hatte guten Anblick, et gab keine Nachsuchen, dat Wildbret war nich zerschossen, und et war niemandem wat passiert.
Jagdkönigin war ne JungjĂ€gerin und passionierte JagdhornblĂ€serin aus Wuppertal mit einem Keiler und zwei StĂŒck Rehwild.
Waidmannsheil!


__________________
Wolfgang M. A. Bessel
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