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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Spritztour
Eingestellt am 27. 03. 2015 09:35


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fah
???
Registriert: Mar 2015

Werke: 8
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Die Spritztour.

Seit Jack arbeitslos war, brandeten nur noch Wellen der Langeweile gegen die Ufer seiner inneren Trostlosigkeit. Wie stets schlurfte er diesen Morgen durch die Straßen. In der Tasche seiner zerschlissenen Jacke drehte er zwischen Daumen und Zeigefinger seine letzten zwei Münzen und kickte missmutig eine leere Bierdose aus dem Weg. Sie knallte gegen einen Papierkorb. Im Weitergehen fiel sein Blick auf etwas am Boden – ein Autoschlüssel. Einer der modernen, mit integrierter Fernbedienung, BMW-Logo.
Könnte für einen richtig großen BMW sein. Wow, so einen ’mal fahren, das wär’s. Was tun? Abgeben beim Fundamt?
Jack liebte Autos, besaß einen Führerschein, aber kein Gefährt. Mit diesem Schlüssel könnte er die Phalanx der ihm verwehrten Großkutschen endlich einmal aufbrechen. Er entschied: Wenn ich den zugehörigen Wagen in 10 Minuten nicht gefunden habe, bringe ich den Schlüssel zum Fundamt. Die Dinger sind teuer, da gibt es wenigstens noch Finderlohn.
Gesagt – getan. Enttäuschend, dass ihn zunächst alle geparkten BMWs in der Nähe ignorierten. Endlich eine Reaktion. Starke Kiste. Vor einem Haus geparkt, an dem gebaut wurde. Über 300PS. Getönte Scheiben. Der schreit nach einer Spritztour! Ohne zu zögern ging er auf das Auto zu und stieg ein. Der Automatikhebel, das Display, beeindruckend. Auf dem Beifahrersitz eine Sporttasche mit Namensschild Maggie Malcolm, 36, Ferry Rd., Kensington, halboffen, mit Trainingszeug. Danke, Mrs. Malcolm, dass ich mir Ihr Auto ausleihen darf. Ich gebe es anschließend ganz sicher zurück. Er drückte den Startknopf.
Es war wie im Traum. Schnell ließ er bewohnte Viertel hinter sich und rauschte auf die M40. Im Fach unter dem Radio erkannte er eine zusammengeknüllte 20-Pfd-Note an der Farbe. Sein Hochgefühl wuchs noch ein Stück. Das Auto fuhr sich großartig. 250 Sachen ließen ihn die fehlende Arbeit und das chronisch leere Portemonnaie vergessen.
...

Maggie summte eine Melodie, während sie das Essen vorbereitete. Sie würden bald kommen. Der Küchenfernseher lief nebenbei. Kochsendungen ließen sich in der Küche hautnaher verfolgen. Der Lokalsender berichtete gerade von einem Unglück in der Nähe. Ein Baukran hatte eine Ladung Steine verloren. Die Steine fielen so unglücklich, dass zwei Stockwerke frischer Mauer mitgerissen wurden und auf Gehweg und Straße vor dem Neubau stürzten. Ob Verletzte oder Tote zu beklagen seien, war noch ungewiss. Maggie konnte mit halbem Auge nur schemenhaft einen Haufen Steine, Mauerwerk und eine Staubwolke ausmachen. Dazu noch Rettungswagen und Feuerwehrleute, die hektisch in dem Berg wühlten. Mein Gott, dachte sie, Pfusch am Bau gibt es also bei uns auch. Die armen Menschen. Sie summte weiter die Melodie des Liedes, dessen Titel ihr nicht einfallen wollte, während sie Gemüse putzte. Das Telefon klingelte.

...

„Maggie Malcolm am Apparat“
„Spencer Hospital, Kensington. Schwester Thelma.
Sind Sie verwandt mit Robert Muller?“
„Ja, bin ich. Das ist mein Vater. Hospital? Was ist mit ihm?“
„Beruhigen Sie sich, Mrs. Malcolm. Ihr Vater liegt hier mit einem schweren Herzinfarkt, aber ...“
„Mein Gott! Und meine Tochter? Was ist mit meiner Tochter?
„Ihre Tochter? Ihr Vater ist in der Ebrington Road zusammengebrochen. Man hat ihn hierher gebracht. Es geht ihm ... „
„Er war nicht allein. Um Gottes willen, er war mit Tina unterwegs. Sie ist 5 Monate alt.“
„Tut mir sehr leid. Wir wissen nichts von einer Tina.“
„Kann ich meinen Vater sprechen, wo liegt er?“
„Sie können es versuchen, wir haben ihn auch noch nicht gesprochen. Auf Station 3“
“Ebrington Road; ist das nicht da, wo das Unglück passiert ist?“
„Stimmt. Wir haben schon zwei Verletzte reinbekommen.“
Maggie legte ohne Gruß auf, raste zur Garderobe, während sie ein Taxi anrief.
Im Hospital hastete sie zu Station 3 und fand ihren Vater wach. Bleich wie der Tod konnte er mit den Schläuchen im Körper kaum sprechen. Er stöhnte und Tränen liefen ihm über das Gesicht. Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und fragte nur: “Papa, wo ist Tina? Du hattest sie doch mit.“
„Ich glaube ... Der große Haufen Steine ... Dein Auto ... .“
„Papa, wo ist Tina?“, schrie sie ihn an. Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt.
„Sie war in Deinem Auto ... .“
„Und wo ist das?“
„Das Unglück ... Der große Haufen Steine ... .“
„Das ... Auto ... hat ... doch ... nicht etwa ... da gestanden?“
„Ja“, röchelte Maggies Vater, und ein neuer Schwall Tränen sprang ihm aus den Augen.
Maggie schlug die Hände vor ihr Gesicht.
„Tina war drin?“
„Ich bin doch ... nur ganz kurz in ... die Apotheke und in den Supermarkt ... .“
Maggie stieß einen schrillen Schrei aus und sank vor dem Bett zusammen.

...

„Dann steigen Sie ’mal aus, junger Mann“, sagte der eine Polizist. Der andere hatte die Hand an der Pistole.
„Sie sind ganz schön zügig unterwegs. Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.“
Jack zeigte seinen Führerschein.
„Das, das Auto ist nur geliehen. Ich wollte es gerade zurückbringen.“
„So, so. Und wohin wollten Sie es bringen, Mr. Hilpert?“, fragte der erste Polizist und reichte den Führerschein an seinen Kollegen weiter.
Glücklicherweise fiel Jack die Adresse von dem Namensschild wieder ein.
„In die Ferry Rd. in Kensington, zu Mrs. Maggie Malcolm.“
„So, so. Wirklich?“
Der zweite Polizist ging mit dem Führerschein ein paar Schritte zur Seite und sprach eifrig in sein Funkgerät.
„Was ist das für ein Geräusch?“, fragte der erste Polizist.
Jack hörte es auch, ein leise Greinen. Ihm brach der Schweiß aus.
„Ich, ich weiß nicht.“
„Was haben Sie denn im Auto? Man sieht ja nichts durch die Scheiben.
Machen Sie ’mal hinten auf.“
„Ich, nein ... vielleicht ... .“
„John, kommst Du ’mal.“ Der erste Polizist hatte eine hintere Tür aufgemacht.
Er griff hinter den Beifahrersitz und hob eine Babyschale mit einem schreiendem Baby heraus.
„Ist das Ihr Kind?“
„Nein, Mrs. Malcolm ... .“
„Ach, sie leiht Ihnen das Auto mit dem Kind drin?“
Jack stand zitternd und mit hängenden Schultern neben dem tollen Auto. Die Spritztour hatte er sich ganz anders vorgestellt. Aber es ging eben alles schief. Seit er den Job verloren hatte, trat er nur noch in die Sch... .
Die Polizisten besprachen sich mit ihren Funkgeräten am Ohr..
Nach einigen Minuten kam der zweite Polizist auf ihn zu, schaute ihn grimmig an und sagte: „Ich glaube, da haben Sie einen riesigen Mist gebaut. Immerhin liegt sonst nichts gegen Sie vor, Mr. Hilpert. Aber das hier reicht ja auch schon.“
„Einsteigen“, sagte der erste Polizist in strengem Ton.
„Das Auto?“
„Lassen Sie das ’mal unsere Sorge sein. Nun steigen Sie schon ein!“
Jack ergab sich seinem Schicksal und ließ sich hinten auf die Bank fallen.
Der eine Polizist schaffte es irgendwie, das Kind zu beruhigen.
Keine Handschellen, immerhin.
Die beiden Streifenpolizisten schwiegen während der Fahrt. Nachdem sie einige Reviere passiert hatten, ohne anzuhalten, fragte Jack:
„Wohin bringen Sie mich denn?“
„Werden Sie schon sehen“, brummte der erste Polizist.
Sie kamen in die bessere Gegend. Jack erkannte das Straßenschild Ferry Rd. und schrie entsetzt: „Sie bringen mich doch nicht etwa zu Mrs. Malcolm?“
„Genau dahin, Freundchen, genau dahin. Die will ja auch ihr Baby zurück“, sagte der zweite Polizist.
Jack sank in sich zusammen.
Wenig später hielt der Streifenwagen.
„Aussteigen! Wir sind da.“
Jack lugte aus dem Auto. Ein schönes Haus.
„Komm’ schon, nicht so langsam. Wir haben nicht so viel Zeit.“
Der erste Polizist ging mit dem Baby an die Tür und klingelte.
Als die Tür aufging, fragte er:
„Mrs. Malcolm?“
„Ja, die bin ... Mein Gott, Tina, ich bin so froh, dass Du wieder da ist.“
Sie riss ihm die Babyschale aus der Hand.
„Da ist er“, sagte der erste Polizist.
Jack versuchte, sich hinter dem zweiten Polizisten zu verstecken. Der gab ihm einen kräftigen Schubs. Mit zusammengekniffenen Augen stand er Mrs. Maggie Malcolm gegenüber und erwartete das Allerschlimmste, schließlich hatte er ... .
Sie sagte sanft: „Gleich, Tina-Mäuschen, gleich ist Mama für Dich da“ und reichte die Babyschale dem Polizisten zurück.
Maggie machte einen Schritt auf Jack zu, holte aus und verpasste ihm eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte.
„Das ist für den Ausflug mit meinem Auto und meinem Kind! “
Jack hielt sich die Wange und murmelte: „Aber ich habe doch nur den Schlüssel ... . Und das Kind, das habe ich nicht gesehen. Ich wollte nur ’mal ... .“
„Ich bin noch nicht fertig!“
Sie machte noch einen Schritt, fing plötzlich an zu schluchzen, fiel ihm um den Hals, gab ihm einen Kuss und stammelte: „Und das ist dafür, dass Sie meinem Baby das Leben gerettet haben.“
Jack verstand nicht. Wusste nicht wie ihm geschah.
Die Polizisten grinsten und gingen, nachdem Maggie mehrfach versichert hatte, sie würde ihre Aussage, das Auto samt Tochter an Mr. Jack Hilpert verliehen zu haben, morgen gern auf dem Revier unterschreiben.


Version vom 27. 03. 2015 09:35

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steky
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo, fah,

hier ein paar Anmerkungen:

quote:
Seit Jack arbeitslos war, brandeten nur noch Wellen der Langeweile gegen die Ufer seiner inneren Trostlosigkeit.
Ich würde schreiben, "seitdem Jack arbeitslos war..."

quote:
Wie stets schlurfte er diesen Morgen durch die Straßen.
Hört sich irgendwie komisch an. Würde "stets" durch "immer" ersetzen. Oder du schreibst: "Stets schlurfte er ..."

quote:
Der zweite Polizist ging mit dem Führerschein ein paar Schritte zur Seite und telefonierte eifrig.
Der Polizist telefoniert nicht. Er funkt die Zentrale an und überprüft den Lenker.

quote:
Der eine Polizist schaffte es irgendwie, das Kind zu beruhigen.
Das passt für mich überhaupt nicht mit dem strengen Verhalten der Polzisten zusammen. Das wäre eher ein Job für das Hausmädchen.

quote:
Keine Handschellen, immerhin.
In der realen Welt spielt sich das so nicht ab, vorallem, wenn es sich um eine Autofahrt handelt, da diese ein besonders Risiko darstellt.


Der Anfang deiner Geschichte gefällt mir sehr gut. Allerdings hätte ich es besser gefunden, hättest du das Thema Armut vs. Reichtum - das sich hier ja förmlich aufdrängt! - besser ausgearbeitet. Jack ist arbeitslos und wütend - warum lässt du das den Leser nicht spüren? Außerdem gibt es genug Menschen auf dieser Welt, die arbeiten und sich trotzdem nach einer Fahrt mit einem teuren Auto sehnen. Es für deine Geschichte also völlig irrelevant, ob Jack arbeitslos ist oder nicht - und seine Probleme werden sich mit der Spritztour ebenfalls nicht in Luft auflösen.

LG Steky



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