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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Spur der Freiheit
Eingestellt am 28. 01. 2015 11:58


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Elenore May
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Registriert: Nov 2013

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DIE SPUR DER FREIHEIT

Wo war er, und wie kam er ĂŒberhaupt hierhin? Er wusste es nicht. Irgendwie fĂŒhlte es sich jedoch sehr gut an, obwohl sich alles verĂ€ndert hatte: Er lag weich, neue GerĂ€usche und GerĂŒche umgaben ihn, und selbst die Dunkelheit kam ihm seltsam anders vor.
Nur dieses stĂ€ndige Rascheln und Wispern neben ihm, das machte ihn nervös, dieses unruhige Vorbeihuschen! Das kannte er nicht. Rascheln hing fĂŒr ihn mit sich im Schlaf drehenden Körpern zusammen; das hier war fremd und machte ihm etwas Angst.

Trotzdem blieb er liegen und hörte den GerÀuschen angespannt zu. Nach und nach stellte er fest, von ihnen ging keine Gefahr aus. Sie kamen nur von kleinen Tieren, die eifrig auf Nahrungssuche unterwegs waren und ihn noch nicht mal beachteten.

Vorsichtig hob er den Kopf und spÀhte in die Dunkelheit. Da war Licht, ganz weit weg, aber es war da. Und es sah ebenfalls anders aus als das Licht, wie er es bisher kannte. Nicht grob und grell, sondern fast schmeichelnd schaute es ihn aus der Ferne an.

Er rĂŒckte sich etwas zurecht und merkte, eines der hinteren Beine tat weh. Er streckte es vorsichtig aus; ja, das zog ein bisschen, aber es war nicht schlimm. Er reckte den Hals höher, auch da tat etwas weh, aber auch das konnte er ganz gut aushalten; es wĂŒrde bald wieder vergehen, sagte ihm ein GefĂŒhl.

Und immer noch sah ihm dabei das große Licht zu – unbeweglich und still.

Wegen seiner tiefen Erschöpfung schlief er unter diesem wundervollen Licht wieder ein – und als er Stunden spĂ€ter erwachte, war es hell und freundlich um ihn, wie er das noch nie gesehen hatte.

Licht außerhalb der Dunkelheit erlebte er bisher nur als kalt und Schrecken verbreitend – zu oft wurde hart nach ihm gegriffen, Schmerzen wurden ihm zugefĂŒgt, er wurde gestoßen und angeschrien. Doch jetzt quĂ€lte in niemand. Kein Strick wurde um seinen Hals gehĂ€ngt, niemand zog ihn brutal fort und quetschte ihn zwischen zwanzig ebenfalls Geschlagene und Geschundene.

Und endlich gehörten auch diese brĂŒllenden Tiere auf zwei Beinen der Vergangenheit an. Die, die ihn bei einsetzender MorgendĂ€mmerung mit Stöcken stießen und ihm in die Flanken traten, nur damit er in dieses harte Etwas stieg, das sich fĂŒrchterlich laut anhörte und ebenso fĂŒrchterlich stank.

Selbst seine vor Angst brĂŒllenden Leidensgenossen waren wie von Geisterhand verschwunden. DafĂŒr hatten neue Laute den Platz der Elendstöne eingenommen: Ein melodisches Singen aus vielen Kehlen, sonores Brummen und sanftes Rauschen, wenn sich dieses eigenartig Zarte um ihn herum bewegte, in dem er so weich eingebettet lag.

Plötzlich kam die Erinnerung zurĂŒck: In maßloser Panik stand er dicht gedrĂ€ngt zwischen den anderen. Es rĂŒttelte, lĂ€rmte ohrenbetĂ€ubend und schmiss sie alle hin und her. Lange ging das so; einige stĂŒrzten, wurden getreten, schrien und konnten sich doch nicht mehr aufrichten, es war einfach zu eng. Durst und Hunger quĂ€lte sie, sie schrien ihre Pein heraus; aber niemand hörte sie, oder wollte sie hören.
Und dann - ein lauter Krach, ein Quietschen, ein Bersten, alles wirbelte durcheinander - er flog, schlug hart auf und wusste von da an nichts mehr.

Als er erwachte lag er behaglich und alleine auf etwas, das neu fĂŒr ihn war. Es fĂŒhlte sich kĂŒhl und warm zugleich an, es gab federnd nach, kitzelte in der Nase, roch frisch und eigentĂŒmlich vertraut.
Zuerst noch zögernd, dann immer mehr zupfte er daran und kaute ein wenig darauf herum. Ja, man konnte es essen, es schmeckte vorzĂŒglich. Noch nie hatte er es bisher gesehen, oder davon gegessen; sein bisheriges Leben fand auf einer engen FlĂ€che zusammen mit anderen statt, wo die Nahrung in KĂŒbeln an GitterstĂ€ben hing und sie nur ein wenig Stroh vor der HĂ€rte des Bodens bewahrte.

Er streckte seine Glieder aus und merkte, die Schmerzen waren verschwunden. Er blieb ruhig liegen und mit einem Mal spĂŒrte er ein wohliges GefĂŒhl, als WĂ€rme seinen Körper zu streicheln schien und etwas sanft ĂŒber ihn strich.

Er probierte wieder von dem Feinem um ihn herum und eine Sehnsucht stieg in ihm auf, die er nicht deuten konnte. Die sich, ohne dass er es ahnte, nach weichem Muttermund sehnte - der seine Flanken liebkosend leckt und seinen Kopf mit rauer Zunge trocknet. Der ihn auffordernd stupst, damit er endlich aufsteht, um sich zwischen Hinterbeine zu stellen und den Saft zu trinken, der sein Lebenselixier ist, der extra fĂŒr ihn geschaffen wurde.

Doch dieser Wunsch wurde bei seiner Geburt nicht erfĂŒllt. Ein kurzer Blick zwischen seine Schenkel und sein Schicksal war besiegelt. Er wurde weggezogen, rau scheuernd abgetrocknet und in einen Verschlag gesperrt, zu fĂŒnf anderen seiner Art.
Doch jetzt erfĂŒllte sich wenigstens einer seiner dumpfen SehnsĂŒchte – in diesem Weichen zu liegen, das eigentlich schon immer zu ihm gehörte; aber auch das wusste er nicht.

Er stand auf. Ein rostbraunes Bullenkalb mit einer sternförmigen Blesse auf der Stirn stand da im knietiefen Gras. Beim Unfall des Viehtransporters wurde er herausgeschleudert, landete nebenan in der großen Wiese und blieb erst noch benommen liegen. Dank der ganzen Aufregung entging den Zweibeinern anfĂ€nglich sein Verlust; und als spĂ€ter bei der ZĂ€hlung der toten und verletzten KĂ€lber eines fehlte, war er lĂ€ngst ĂŒber alle Berge.

Er lief einfach los, hinein in diese wundervolle Freiheit, die Leben sein kann – und brach erst nach unzĂ€hligen Metern Lauf zusammen; geschwĂ€cht, leicht lĂ€diert aber sehr lebendig. Vor Erschöpfung schlief er ein und erwachte unter sanftem Vollmond, in lauer Nacht, mit den Tieren der Dunkelheit als GefĂ€hrten.

- - -

Das GlĂŒck blieb ihm hold, sie konnten ihn nicht mehr finden; er lief einfach weiter und weiter. Was er fĂŒr sein Leben brauchte, wuchs um ihn herum. Raubtiere, die ihm gefĂ€hrlich werden konnten, gab es nicht, und das Land war wenig besiedelt.

Er folgte seinem Instinkt. Wenn er in der Ferne eines dieser zweibeinigen Tiere sah, versteckte er sich, ließ sich in das hohe Gras fallen und verschmolz mit dem undurchdringlichen GestrĂŒpp vor den BĂ€umen.

Einige Zeit spĂ€ter traf er auf eine Gruppe von Wildpferden. Zuerst waren sie skeptisch und versuchten ihn zu vertreiben. Doch er blieb in ihrer NĂ€he und folgte ihnen hartnĂ€ckig. Nach und nach tolerierten sie ihn, ließen ihn mit sich ziehen, und er fĂŒgte sich in ihre Gemeinschaft ein. Bis er irgendwann glaubte auch ein Pferd zu sein - wenn er sich mit ihren JĂŒngsten auf den weiten HĂŒgeln eine ausgelassene Hatz lieferte, die er leider nie gewann...


__________________
Elenore May

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petrasmiles
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Liebe Eleonore,

eine schöne ErzÀhlung.
Durch das 'Geheimnis', um wen (bzw. was) es sich handelt, und die Darstellung des Geschehens aus kreatĂŒrlicher Sicht wird der Reiz erhöht.
Man denkt sich dann, dass es sich um ein (Schlacht-)Tier handelt, das bei einem Verkehrsunfall frei kam. Von daher empfinde ich es als Bruch, wenn Du dann vom einheitlichen ErzÀhlpfad in die 'RealitÀt' abbiegst, das Angedeutete konkretisierst und diesen Zukunftsausblick machst.

Diesen Absatz:

quote:
Er stand auf. Ein rostbraunes Bullenkalb mit einer sternförmigen Blesse auf der Stirn stand da im knietiefen Gras. Beim Unfall des Viehtransporters wurde er herausgeschleudert, landete nebenan in der großen Wiese und blieb erst noch benommen liegen. Dank der ganzen Aufregung entging den Zweibeinern anfĂ€nglich sein Verlust; und als spĂ€ter bei der ZĂ€hlung der toten und verletzten KĂ€lber eines fehlte, war er lĂ€ngst ĂŒber alle Berge.

und die beiden nach den drei Gedankenstrichen finde ich ĂŒberflĂŒssig. Die 'Rettung' ist ja an sich schon ein Wunder und mit dem (dann) letzten Satz:

quote:
Vor Erschöpfung schlief er ein und erwachte unter sanftem Vollmond, in lauer Nacht, mit den Tieren der Dunkelheit als GefÀhrten.

ist das KĂ€lbchen der Natur anvertraut.

Der Bruch besteht darin, dass diese AbsĂ€tze dem BedĂŒrfnis des Menschen zu entspringen scheinen, dass er ein Happy End haben möchte. Aber besteht nicht das Happy End schon darin, dass das Kalb dem vom Menschen vorbestimmten Schicksal entkommen ist? Dieses Menschen-Happy-End - unterstellt es nicht, dass man es der Kreatur nicht zutraut, sich in seinem Lebensraum zurecht zu finden? Ich will jetzt nicht ĂŒber die 'LebenstĂŒchtigkeit' von Rindern philosophieren, die ja schon lange domestiziert sind, aber als Motiv gehören fĂŒr mich Freiheit und Überlebenskampf zusammen. Das ist doch auch schon ein schöner Ausblick.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Clara
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:-)so ein Getöse
wie im Krieg -
an seinen hinteren unteren Beinen erkannte ich, dass es sich um eintier handeln muss

Ich bin ja auch immer sehr fĂŒr Wahrheit
aber in diesem Fall, dieser Schlacht, tÀte ich evtl diesenUnfall ganz herauslassen
und erst am Ende zu schreiben: Nach langer Lebenszeit in Freiheit
wurde Schwein397 gefunden - das arme Schwein hatte sich jahrelang in der Freiheit zurechtfinden mĂŒssen.

Als allerletzten Satz.


DĂŒr die Darstellung des Transportes nebst Unfall mit Vieh
wirst du zwar von TierschĂŒtzern auf die Schulter geklopft bekommen,als einfĂŒhlsamer Mensch... der die RealitĂ€t aufgreift

aber um diese dĂŒstere Stimmung zu behalten, tĂ€te es gut, den Passus nur als GerĂ€usche stehen zu lassen - GERUCH ist auch dabei eine Sache, wobei ich nicht weiss, ob ein Schwein ein anderes riechen mag oder nicht - Und, Schweine schreien wie verrĂŒckt und haben enorme Angst - KĂ€lber sind da wohl ruhiger?
Jedenfalls was so unversehrt herausfĂ€llt - fast unversehrt, ist fĂŒr mich ein Schwein. Plobb - da bin ich.

Hast du aber den Anspruch ĂŒber die QuĂ€lerei von Tiertransporten zu schreiben, wĂ€re dieses sich in das tier versetzen mitmenschlichen eigenschaften anders zu schreiben
aber mir gefiel die Reise so wie sie ist -

Da sie auch BodenwĂŒhler sind, könntest du statt des Wortes tiertransport evtl einflechten, wer wo ein PhĂ€nomen entdeckte - villeicht : es wurde ein Schwein inder Heide gesichtet - oder besser: ein ungewöhnliches Tier.. das Wort Schwein_Kalb wĂ€re also weiterhin zu vermeiden. Aber insgesamt wĂ€re es wohl nicht mehr deine Geschichte -diese Idee von mir.




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Clara

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Clara
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ich tÀte nur den Viehtansport erst am Ende erzÀhlen
im Zusammenhang, das ein Tier mit der Nummer sowieso da und da entweder tot aufgefunden wurde, oder lebend aufgegriffen wurde.

Das Tier hat Angst, es nimmt alles um sich wahr
aber von Transporten hat es keine Ahnung, es kennt auch keine Lastwagen und keine Autobahnen.

nur damit es bei dieser Stimmung bleibt tÀte ich es ans Ende setzen - also die spannung noch weiter ausreizen.


hoffe ich werde nun verstanden - und ja ich tÀte es mit einem Schwein schreiben - aber ich habs mir nciht ausgedacht
__________________
Clara

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