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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Spur des Elefanten.
Eingestellt am 02. 12. 2009 19:44


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chSchlesinger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2005

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Als ich zehn war, starb mein Onkel Erhard. Die Erwachsenen sagten mir, Onkel Erhard w├╝rde nun vom Himmel auf uns herabschauen. Das war mir unangenehm. Bis in meine Tr├Ąume f├╝hlte ich die Augen von Onkel Erhard. Den Erwachsenen erz├Ąhlte ich davon nichts. Ihnen schien es wenig auszumachen, von Onkel Erhard beobachtet zu werden. Ich hingegen hatte Angst, dass Onkel Erhard es den Erwachsenen petzte, wenn ich im Traum einmal unartig war. Ich wollte meine Tr├Ąume f├╝r mich haben. Da die Erwachsenen mir aber keine Hilfe waren, musste ich schon selbst mit Onkel Erhard sprechen. Ich wurde Pfarrer.
Seither habe ich viele Predigten gehalten. Von Onkel Erhard, wie er in den Himmel gekommen ist, als ich zehn war. Damit ich immer wieder von Onkel Erhard predigen konnte, lie├č ich Onkel Erhard mal als das Lamm, mal als den Sohn Gottes sterben. Wie ich es auch anfing, immer schien die Gemeinde befriedigt, so bald Onkel Erhard im Himmel angekommen war.
Wenn die Gemeinde schlief, floh ich hinaus in eine Nacht ohne Tr├Ąume. Aber selbst im stillsten Winkel des Parks lie├č Onkel Erhard nicht ab von meinen S├╝nden. Bald f├╝hlte ich mich unter seinen Augen, als w├Ąre ich mein Leben lang unartig gewesen. So sehr ich auch betete wie man es mich gelehrt hatte, mir schien, als g├Ąbe es im gesamten Himmelsrund nicht ein Wort des Trostes f├╝r mich.
"Bist Du der Pfarrer?" klang es hinter mir.
Es war der Vorabend des Weihnachtsfestes, und ich sperrte gerade das Tor zur Kirche ab. Ich drehte mich um. F├╝r einen Augenblick war ich geblendet vom Schnee, der hell im Mondlicht leuchtete. Dann sah ich das M├Ądchen. F├╝nf, vielleicht sechs Jahre jung.
"Ich will dies hier vor den K├╝hen retten!" Das M├Ądchen hielt mir einen Umschlag hin. "Kannst Du es nicht segnen?"
Wortlos nahm ich den Umschlag.
"Nicht ├Âffnen! Es ist nicht f├╝r Dich bestimmt!"
"Wie kann ich segnen, was ich nicht kenne?"
"Du segnest nur, was Du nicht kennst. Weil auch Du eine Kuh bist."
"Dir muss doch kalt sein!" Ich erkannte das Nachthemd unter der Winterjacke des M├Ądchens. Ein Nachthemd, wie ich es oft in Krankenh├Ąusern gesehen hatte, wenn man mich ans Bett rief.
"Segnest Du es?"
Ich erinnerte, wie ich als Kind eine M├╝tze, die man mir zu tragen befohlen hatte, in den Fluss warf. Meine Ohren waren taub vor K├Ąlte, als ich die M├╝tze warf so weit ich konnte.
"Gehen wir in die Kirche", sagte ich.
"Keine Licht!" forderte das M├Ądchen
"Aber dann sehen wir nichts."
"Was K├╝he sehen, wollen sie fressen." Flink pustete das M├Ądchen alle Kerzen aus, die am Altar brannten.
Beide standen wir nun mitten im Kirchenschiff auf einer Insel des Mondlichts. Meine H├Ąnde hielten sich an dem Umschlag fest, den das M├Ądchen mir gegeben hatte. Nur mit M├╝he gew├Âhnte ich mich an die Dunkelheit ringsum.
"Siehste, jetzt sieht Dein Onkel da oben auch nichts mehr."
Tats├Ąchlich... wo waren die Augen von Onkel Erhard? Mit mir schienen auch sie ihre Orientierung verloren. Beinahe wollte ich aufblicken und Onkel Erhard die Zunge rausstrecken.
Ungeduldig zupfte das M├Ądchen an meinem ├ärmel: "Kannst Du Dir einen Elefanten vorstellen?"
Ich dachte an Afrika. An jene Welt aus Tag und Nacht, die nach keinem Priester je verlangt hatte. "Ja", sagte ich, "ich kann mir einen Elefanten vorstellen."
"Du h├Ąltst ihn in der Hand. Er ist in dem Umschlag drin. Es ist sp├Ąt. Er will schlafen."
All die Kirchen kamen mir in den Sinn, die sich mir als Kind verschlossen, als ich um meine Vorstellungen von Wahrheit und L├╝ge gek├Ąmpft hatte. "Dann m├╝ssen wir einen Ort finden, wo er ruhig schlafen kann."
"Endlich begreifst Du!"
Das M├Ądchen nahm mich bei der Hand. Wir verlie├čen die Insel des Mondlichts und traten ein in das Dunkel, das um den Beichtstuhl herrschte.
"Hier gehen die Erwachsenen ihre S├╝nden abladen, nicht wahr?"
"Wenn sie ganz stark an den lieben Gott als ihren Sch├Âpfer glauben, ja."
"Kinder auch?"
"Es gibt Lehrer, die f├╝hren ihre Klasse geschlossen zur Beichte, ja."
"Beichten Kinder viele S├╝nden? Ich meine, ist Dir das nicht peinlich?"
Ich schwieg.
"Bei uns durchleuchten sie die Kinder sogar. Um zu sehen, ob etwas B├Âses in ihnen ist. Das finde ich frech!"
Ich schwieg. Vielleicht, weil es f├╝r einen Erwachsenen sehr ungewohnt ist, im Dunkeln zu sein. Mit den Jahren verlernen Erwachsene, die Dunkelheit zu respektieren, glaube ich.
"Kannst Du mir erkl├Ąren, wie der Elefant hier in den Umschlag gekommen ist?" forderte das M├Ądchen.
"J├Ąger werden ihn eingefangen haben. F├╝r den Zoo." Ich sp├╝rte, wie mein Gesicht rot anlief. Vielleicht war ich wirklich eine Kuh, die gleichm├╝tig eingefangene Elefanten begafft.
Das Lachen des M├Ądchens hallte bis hinauf zum Kirchengeb├Ąlck. "K├╝he glauben, man w├╝rde sp├Ąter ihr Herz in einen Umschlag tun und an den Himmel adressieren."
Ich sank auf eine der Kirchenb├Ąnke. Viele Jahre hatte ich mir das Leben der Erwachsenen einge├╝bt. Nur mit M├╝he konnte ich anderen Menschen noch Zuh├Âren. Und bei Kindern sch├╝ttelte ich bereits den Kopf, kaum dass eines sch├╝chtern seine Stimme hob. Welcher Frieden mochte wohl darin liegen, mit einem Elefanten in einem Umschlag zu reisen? Von Kinderh├Ąnden durch die Welt getragen. Pl├Âtzlich kamen mir all die Tage verloren vor, an denen ich es f├╝r unwahrscheinlich gehalten hatte, dass ein Elefant in einen Briefumschlag passt. W├╝rde ich diese Tage mit einem schwarzen Stift aus dem Kalender streichen, es blieben von meinem Leben wohl nur wenige wei├če Flecken.
Das M├Ądchen stampfte mit dem Fu├č auf. "Nun mach schon, sing dem Elefanten ein Schlaflied!"
"Aber Elefanten sind das doch nicht gewohnt."
"Tote etwa? Selbst auf einem Gottesacker seid Ihr noch am l├Ąrmen. Also los!"
Ich legte den Briefumschlag neben mich. F├╝r Minuten war nichts als Dunkelheit um uns.
"Du k├Ânntest die ganze Welt entzwei schlagen, nicht wahr?"
"Wir haben bei uns so viele Zimmer..." Das M├Ądchen schien zu tr├Ąumen. "Wenn alles in dem Umschlag f├╝r Dich w├Ąre, w├╝rdest Du wissen, wie schwer es ist. Wer von uns schon schreiben konnte, hat etwas hinein geschrieben. Und von denen, die nicht schreiben konnten, haben wir uns erz├Ąhlen lassen, was wir f├╝r sie hinein schreiben sollen."
Leise begann ich ein Schlaflied zu singen. "Oh liebe Nacht, oh weiser Wind, in Eurer Hand zu sein ganz tief, ist wie die Macht, ist wie das Licht, das mich ins Leben rief."
Einen Augenblick war Stille. Dann fl├╝sterte das M├Ądchen: "Er schl├Ąft."
"Und Du bist kein bisschen m├╝de?"
"Doch, sehr."
"Vielleicht sollte ich Dich heimbringen."
"Heimbringen! Nun tu doch nicht so, als wenn Dich etwas anderes erwarten w├╝rde als Dein Kuhstall."
Obwohl das Pfarrhaus einen Kamin hatte, war mir nie in den Sinn gekommen, dort Feuer zu entfachen. Ich achtete darauf, dass kein Staub lag und der Rasen gem├Ąht war. Mehr nicht. Nun tat es mir leid, Onkel Erhard beinahe die Zunge rausgestreckt zu haben. Wo sollte ich denn jetzt hin? Die Sterne waren f├╝r alle. Und im Augenblick kamen sie mir auch recht gleichg├╝ltig vor. Onkel Erhard hingegen war die ganze Zeit nur f├╝r mich gewesen.
"Verstehst Du nun, was uns Kindern die Elefanten sind, die Indianer, die Piraten? Versuch nie wieder, ein Kind heimzubringen in einen Kuhstall."
"Ist es denn so schlimm, wenn wir es gut miteinander meinen?"
"Du meinst nichts, Du glaubst nichts. Du kannst doch nur bestimmen!" Beinahe sp├╝rte ich, mit was f├╝r Emp├Ârung das M├Ądchen hinauf zur Kanzel blickte. "Ihr Erwachsenen tut von oben herab immer so, als m├╝sstet Ihr nie weinen und niemals schreien. Dabei m├╝sst Ihr es doch. Ihr habt blo├č Angst, dass Euch dann keiner mehr lieb hat."
"Wenn Menschen ganz fest an den lieben Gott glauben, tut ihnen jeder Mensch weh, der zweifelt. Einige Gl├Ąubige werden dann sehr b├Âse. Wieder andere versuchen, den Zweifler mit Liebe zu umschlingen. Und manche sind fest entschlossen, sich in den Tod zu st├╝rzen, g├Ąbe es keinen lieben Gott. So sinnlos erscheint ihnen das Leben und das, was sie als Unrecht empfinden."
Wort f├╝r Wort stieg K├Ąlte in mir empor. Mir war, als r├╝ckten aus jedem Winkel des Kirchenschiffes Schatten an mein Herz. Die Geister all jener, die ihr Seelenheil meinem Glauben anvertraut hatten. All die Menschen, die auf dem Sterbebett nach meiner Hand griffen, w├Ąhrend ich nur die Lippen bewegte. Konnte es denn sein, konnte es denn wirklich sein?
"Mit jeder Predigt habe ich die Verzweiflung meiner Gemeinde ein St├╝ck weit auf mich genommen. Ihnen allen versprach ich ein Land, von dem ich mir immer weniger vorstellen konnte, dass ich es je finden w├╝rde."
"Pah, zu uns kommt auch immer so ein Typ, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat. Was die Kinder drau├čen nicht mehr haben m├Âgen, das schenkt er uns. F├╝hlt sich ganz gro├čartig dabei der Typ. Und die ganze Zeit tut er so, als w├╝rde er den Weihnachtsmann auch spielen, wenn er daf├╝r keinen Umschlag voll Geld bek├Ąme... Ihr Erwachsenen spannt doch selbst vor der Kirche Schirme auf! Euer lieber Gott wird ans Kreuz geschlagen, w├Ąhrend Ihr auf jede Pf├╝tze achtet."
Der Bruder von Onkel Erhard kam damals mit dem Taxi. Die ganze Beerdigung ├╝ber schien er sich zu sorgen, dass er nicht nass wurde.
"Stell Dir vor, Dein Briefumschlag l├Ąge drau├čen im Schnee. Zerlaufen und mit einer Eisschicht ├╝berzogen. Es w├╝rde dem Elefanten, der ja in dem Briefumschlag lebt, kaum gut tun. Glaubst Du nicht, wir haben die Aufgabe, f├╝r das Leben zu sorgen, das in uns ist - f├╝r die Indianerreservate und f├╝r die Schatzinseln?"
Das M├Ądchen aber blieb unerbittlich: "Elefanten sind im Leben wie im Tod. Was Euch K├╝he vor Angst plemplem macht, ist dem Elefanten wie als w├╝rde ein Traum stillstehen. ├ťber die Z├Ąune Eurer Weiden steigt er dr├╝ber weg. J├Ąger, die ihm B├Âses wollen, werden nur einen Briefumschlag finden, der kalt ist und leer."
Mondlicht f├Ącherte sich ├╝ber dem Altar bis hinein in die ersten B├Ąnke. Mir war, als s├Ąhe ich diese Kirche zum ersten Male. Ein Boden, der so hart war, dass er mich zerschmettern w├╝rde, Fenster, die wie Raubv├Âgel auf mich lauerten. Und vor allem f├╝hlte ich mich leicht, so leicht, als w├Ąre etwas in mir gel├Âst worden. Ich h├Ątte das Wort Gottes beiseitelegen k├Ânnen und nie mehr anschauen m├Âgen. In jenem Augenblick hatte ich etwas gefunden, das sich wahrer anf├╝hlte, als all das, was mir die Erwachsenen je zu lesen aufgegeben hatten. Ich nahm den Briefumschlag es M├Ądchens in beide H├Ąnde und hielt ihn gegen das Mondlicht. Mir war nun, als wenn mich Trommeln riefen und die Tiere des Urwaldes nach mir schrien.
"Kein sehr gro├čes Zimmer hier." Das M├Ądchen h├╝pfte den Mittelgang entlang in Richtung des Altars. "Warum habt Ihr es so gro├č gebaut?"
"Weil wir uns weniger klein f├╝hlen, je gr├Â├čer wir bauen."
"Das kenn ich, das kenn ich!"
Oft hatte ich erleben m├╝ssen, zu was f├╝r Wahrheiten Kinder f├Ąhig waren. F├╝r Kinder schien unser Leben wie eines ihrer Spielzeuge. Und wenn das kaputt war, ja, dann war es eben kaputt. Dann musste man das auch so sagen.
"Was kennst Du denn, das gro├č wirkt wie eine Kirche?"
"Das B├╝ro vom Zottel!"
"Auch eine Kuh?"
"Ja. Aber das Zottel hat sich einen Zopf wachsen lassen und einen Bart, damit niemand merkt, dass es eine Kuh ist. Eine kleine sogar, die hohe Abs├Ątze braucht und Diplome an der Wand."
"Und was macht das Zottel."
"Es spricht mit uns Kindern ├╝ber den Tod."
Kein Kind hatte in der Stunde seines Todes je nach meinem Trost verlangt. Warum war mir nie aufgefallen, dass die Erwachsenen ringsum gest├╝tzt werden mussten, w├Ąhrend das Kind in ihrer Mitte weder klagte noch bettelte?
"Dabei macht das Zottel immer ein Gesicht, als w├╝rde es uns etwas anbieten, das schlecht ist f├╝r die Z├Ąhne."
"Es gibt nicht viele Erwachsene, die ├╝ber den Tod sprechen m├Âgen."
Tats├Ąchlich ging man mich immer nur wegen dem Himmelreich an. Als w├╝rde ich oben bei den Kirchenglocken einen Goldschatz h├╝ten. Niemand aus der Gemeinde wollte das Laub in Erw├Ągung ziehen, das sich still unter dem Schnee in den Kreislauf des Lebens f├╝gte.
"Das Zottel hat Angst vor dem Tod. Immer wieder bestellt es uns Kinder ein, um sicher zu sein, dass noch jemand vor ihm an der Reihe ist."
"Aber Ihr Kinder seid doch gerade erst geboren!"
Pl├Âtzlich stand alles in mir still. Mein Ausruf sank wie ein Nebel auf mich hinab. War ich all die Jahre Pfarrer gewesen mit dem Ideal einer Gem├╝sewage? Hundert Gramm Gerechtigkeit bitte. Ich sp├╝rte keinen Boden mehr. Gleich einem Pendel schwankte der Stein unter mir. Langsam segelte das Kirchenschiff hinein ins n├Ąchtliche Afrika. Wie viele Sterne es gab! Auf den Wipfeln der B├Ąume wogten V├Âgel im Wind der Steppe. Ein Elefant brach durch das Unterholz und sah mir vom Ufer aus nach.
"Oh, haben wir den Elefanten aufgeweckt?"
Das M├Ądchen schwieg. Was Kinder schweigen k├Ânnen! Im Geiste eines stummen F├Ąhrmannes schien das M├Ądchen vor dem Altar zu stehen. Kinder gehen mit den Toten wie mit den Lebenden um. Fingerpuppen aus k├Âniglichem Purpur und schwarzer Seide sind ihnen Antwort genug... Unwillk├╝rlich nickte ich zu beiden Seiten des Ufers hin. Die Menschen, die dort standen, schienen mich zu kennen - und ich sie.
"Herr Pfarrer, es ist Zeit f├╝r den Segen", sagte das M├Ądchen endlich.
Ich folgte der Stimme des M├Ądchens bis vor den Altar. Beinahe h├Ątte ich meine Augen geschlossen. Ich versp├╝rte keine Lust mehr, mit ihnen zu sehen. So aber erkannte ich, wie das M├Ądchen geschwind zur Seite trat und mich die Kerzen sp├╝ren lie├č, die erloschen auf dem Altar standen. Ich tastete nach dem Kruzifix. Als ich den fein geschnitzten Leib Christi endlich sp├╝rte, schien das Kirchenschiff in einen Hafen zu gelangen.
"Komm, es ist nicht mehr weit", ein letztes Mal nahm das M├Ądchen mich bei der Hand.
Der Bootssteg f├╝hrte hinein in ein dunkles Gr├╝n, das sich mir entzog, je n├Ąher wir ihm zu kommen schienen. Schw├╝le lastete auf mir, eine fiebernde Art der Erwartung. Mein Talar, er f├╝hlte sich St├╝ck f├╝r St├╝ck unpassender an. Mit der schmalen Hand eines Zehnj├Ąhrigen hielt ich den Briefumschlag des M├Ądchens. Segnen sollte ich ihn, und hatte doch alle Segnungen meines Pfarramtes l├Ąngst vergessen. Tiere wichen zur├╝ck ins Buschwerk, und be├Ąugten uns mit einer Neugier, wie man sie unter den Menschen gelegentlich im Kindesalter noch fand, ehe sich eitle Erwartungen an ihre Stelle dr├Ąngten und den Gef├╝hlshaushalt bestimmten.
"Sieh!" rief das M├Ądchen.
Inmitten des Urwaldes waren wir auf einer Lichtung angelangt. Um uns ein Heulen des Windes, das aus H├Âhlen tief unter der Erde zu stammen schien. Gebeine erkannte ich, wei├č wie das Elfenbein. Sterbliche ├ťberreste, die in das Gr├╝n Afrikas gelegt waren, als w├Ąren sie der Schmuck der Erde.
"Hierher kommen die Elefanten, wenn sie m├╝de sind."
"Woher kennst Du den Ort?" Ich war ├╝berzeugt davon, dass vor uns kein Mensch je diese Lichtung betreten hatte.
"Du hast mich hingef├╝hrt."
Das M├Ądchen wirkte entt├Ąuscht, als h├Ątte ich wieder einmal etwas nicht verstanden. Tats├Ąchlich kam die Lichtung mir bekannt vor. Wo nur hatte ich sie schon einmal gesehen?
"F├╝r einen Jungen sollte ich schreiben, dass das Leben durch die Elefanten hindurch scheint, kurz bevor sie hier ihren Frieden finden. Als w├Ąren sie aus Glas. Eigentlich konnte der Junge selber schon schreiben. Aber er hat sich nicht getraut, sein Bett zu verlassen."
In der Nacht, als Onkel Erhard starb, hatte ich leise die T├╝r meines Kinderzimmers ge├Âffnet, um zu horchen, was die Erwachsenen atemlos am Telefon besprachen. Ein Spalt Licht fiel in das Kinderzimmer und spiegelte sich auf den drei gl├Ąsernen Elefantenminiaturen, die nahe der Fensterbank standen. Ein Mutter, ein Vater und ein Junges. Alle drei verbunden durch goldfarbene Kettchen.
Weinen h├Ârte ich in jener Nacht niemanden. Stattdessen traf man Reisevorbereitungen. Als w├Ąre es am Wichtigsten, den Tod von Onkel Erhard zu regeln. W├Ąhrend die Erwachsenen so gestimmt ihre Koffer packten, fiel ich in einen atemlosen Traum.
Und mit einem Male erkannte ich alles wieder! Das kniehohe Gras strich ├╝ber meinen Schlafanzug. Die Erde unter den F├╝├čen war noch warm von der gerade erloschenen Sonne. Um mich lauter Gebeine von Elefanten. Onkel Erhard ruhte unter einem Baum inmitten des Elefantenfriedhofes. Noch nie hatte ich als Kind solch einen Baum gesehen. Tausend Jahre und mehr schien der Baum alt zu sein. Erst wirkte es, als w├Ąre Onkel Erhard mit seiner Pfeife im Mund eingeschlafen. Doch dann tat er die Augen auf und l├Ąchelte mir verschmitzt zu. Komm! Aber ich sch├╝ttelte nur den Kopf, wandte mich von Onkel Erhard ab und rannte so schnell ich konnte durch den Urwald zur├╝ck in mein Bett...
"Nun geh schon", sagte das M├Ądchen, "Dein Onkel hat lange auf Dich gewartet."
Der Baum stand noch da, wie ich ihn in meiner Kindheit zur├╝ck gelassen hatte. Als w├Ąre seit jenem Traum nicht ein Tag vergangen. Onkel Erhard breitete seine Arme aus. Nie in meinem Leben hatte ich solch eine G├╝te gesp├╝rt.
Neben dem Altar sah ich mich liegen. Die Beine angewinkelt, als h├Ątte ich noch versucht zu knien, bevor ich r├╝cklings auf den Kirchenboden fiel. Der Mund ge├Âffnet wie zum Gebet. Den Briefumschlag hielt ich in meiner Faust geborgen. Nach der Messe hatte ihn mir die Schwester Oberin eines Kinderkrankenhauses gegeben. F├╝rbitten schwerkranker Kinder. Ich war nicht mehr dazu gekommen, hinein zu schauen. Das w├╝rden nun andere tun m├╝ssen.
Meine Flucht, die in jener Nacht begann, als Onkel Erhard starb, hatte nun ihr Ende gefunden. Alle Himmel der Welt taten sich vor mir auf, bevor ich einging in seine H├Ąnde.

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Wer leben will, muss sterben k├Ânnen.

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