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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Stautheorie
Eingestellt am 05. 05. 2004 12:51


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Frederik
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Die Stautheorie
Es war einer dieser Sommertage an denen die Bev├Âlkerung nur sehr langsam trinken konnte. Eine schnelle Schluckbewegung h├Ątte jeden Durstenden so sehr ins Schwitzen gebracht, dass er mehr Fl├╝ssigkeit verloren als aufgenommen h├Ątte. An eben diesen Tag lief alles schief. Ich stolperte aus dem Bett, nur weil mein Vermieter penetrant eine Viertelstunde lang klingelte. Als N├Ąchstes schrie er mich etwa eine halbe Stunde ausgiebig an. Ich kann nicht genau rekonstruieren, worum es ging, schlie├člich war es gerade einmal neun Uhr. Es fielen jedenfalls immer wieder die Worte „drei Monate“, „Mietr├╝ckstand“ und „so kann es nicht weitergehen“. Gerade er als Arzt d├╝rfte an eine quartalsweise Abrechnung gew├Âhnt sein.

Der Morgen ging ├Ąhnlich weiter: Fr├╝hst├╝cksmilch schlecht, Orangensaft umgekippt, Hemd an der T├╝rklinke aufgerissen. In der passenden Stimmung f├╝r einen Amoklauf, verlie├č ich das Haus. Vielleicht konnte ich bei einem Spaziergang abk├╝hlen. Ich konnte nicht. Sogar den Grillen war es zu hei├č zum zirpen. In diesem Moment traf ich Tolle.

Ich sollte Tolle erst einmal vorstellen. Tolle ist ein guter Freund, dessen Name seinen Ursprung in der Anordnung seiner Frisur findet. Er ist ein Lebensk├╝nstler, wei├č auf alles eine Antwort und f├╝rchtet fast Nichts. Ein Schlitzohr mit einem Hang zum Unkonventionellen, wobei seine L├Âsungsans├Ątze einer gewissen Genialit├Ąt nicht ermangeln. So k├Ânnte sein Steckbrief formuliert werden.

Tolle strahlte ├╝ber das Gesicht, sah erholt und zufrieden aus.
„Wie kannst du an einem solchen Tag derart gut gelaunt sein?“, fragte ich vorwurfsvoll.
„Mir ging es heute Morgen auch nicht gut, also habe ich die A 1 Methode praktiziert. Mit Erfolg, wie immer. Es war einfach eine tolle Idee!“, l├Ąchelte er.
„Deine Tolle-Ideen kenne ich. A 1 Methode? Was ist das nun wieder?“, fauchte ich, w├Ąhrend ich den Schwei├č aus meinen Schuhen goss.
„Komm wir gehen zu deinem Auto, ich erkl├Ąre es dir unterwegs.“

So sa├čen wir in einem dunklen Wagen ohne Klimaanlage. Ungehalten erkundigte ich mich nach der Richtung.
„Wir fahren auf die Autobahn A 1, die Zeit ist g├╝nstig.“
Ich konnte es nicht glauben. Auf die A 1, an einem Freitag. Das musste innerhalb k├╝rzester Zeit in einem Stau enden.
„Wir werden nicht weit kommen, kennst keinen anderen Weg?“, gab ich zu bedenken.
„Wir wollen auch nicht weit. Der Weg ist das Ziel. Gleich erreichen wir einen wunderbaren Stau. Dort angekommen, werden wir unaufmerksame Autofahrer beschimpfen. PKW Lenker, die nicht schnell genug aufschlie├čen werden mit einem b├Âsen Blick von rechts auf der Standspur ├╝berholt. Ferner musst du den Therapieopfern klar machen, dass deine Hupe die Lauteste und deine Lichthupe die Hellste ist. In jedem Fall musst du zwischendurch gemeine Fl├╝che und Beleidigungen aus dem Fenster rufen.“

Ich schluckte. „Das kann doch nicht ernstgemeint sein. Ich fahre auf die A 1, um in einem Stau zu stehen?“
„Red┬┤ keinen Unsinn. Wir stehen nicht in einem Stau. Du wirst uns r├╝cksichtslos hindurchschl├Ąngeln, wobei wir ├╝bel fluchen werden. Das l├Ąsst so richtig Dampf ab. Glaub` mir, das ist ein willkommenes Ventil. Was meinst du wie die Kubakrise gel├Âst wurde? Pr├Ąsident Chruschtschow wurde kurz vor Ablauf des Ultimatums einfach in einen k├╝nstlich erzeugten Stau geleitet. Nach einer halben Stunde wilden Fluchens war er so entspannt und ausgewogen, dass er seine Raketen schmunzelnd aus Kuba abzog.“

Tolle argumentierte weiter. „Weshalb immer wieder der F├╝hrerschein ab siebzehn Jahre im Gespr├Ąch ist? Die Regierung will so die Jugendgewalt in den Griff bekommen. K├╝nstlich erzeugte Staus sind inzwischen unverzichtbares Regierungswerkzeug. Oder, was glaubst du passiert w├Ąhrend einer Inflation? Die Regierung regt die Gewerkschaften ├╝ber einen Strohmann an, h├Âhere L├Âhne im Einzelhandel zu erk├Ąmpfen. Der Einzelhandel sieht sich gezwungen Personal zu entlassen und es entstehen Staus an den Kassen. Der Einkaufende ├Ąrgert sich, f├Ąhrt dem Vordermann in die Hacken, schimpft ├╝ber Rentner, die nach Feierabend noch einkaufen m├╝ssen oder schreit einen Vordr├Ąngler an. Stolz erz├Ąhlt er zu Hause, wie er dem Kontrahenten Saueres gegeben hat und ... f├╝hlt sich gut. Niemand denkt mehr an die inflationsbedingt gestiegenen Preise und die Regierung hat bessere Chancen wieder gew├Ąhlt zu werden... OK, wir sind da!“ Tolle zeigte auf ein Stauanfang, wenige hundert Meter vor uns.

Die Stautheorie klang irgendwie ├╝berzeugend, zumindest im Inneren eines auf siebzig Grad aufgeheizten Fahrzeugs. Was die Anspannung zwischen der damaligen UdSSR und USA l├Âsen konnte, sollte auch mir helfen k├Ânnen.

Ich blieb erst gar nicht stehen, sondern ├╝berholte die ersten f├╝nf Fahrzeuge ├╝ber die Standspur, dann nutzte ich eine L├╝cke, um auf die Mittelspur zu wechseln. Nat├╝rlich nicht ohne den zu sp├Ąt Aufschlie├čenden als tr├Ąumenden Sonntagsfahrer zu beschimpfen. Wild hupend bedr├Ąngte ich einen Golffahrer und zeigte ihm einen Vogel, w├Ąhrend ich seinen Au├čenspiegel abfuhr. Die Insassen rissen ├Ąngstlich eingesch├╝chtert ihre Augen auf. Geschieht ihnen recht! Schlie├člich legitimiert ein Fahrschulschild nicht dazu bl├Âd im Weg zu stehen. „Stra├čenterrorist, Schlaftablette, Witzfigur“ waren meine Lieblingsvokabeln in der n├Ąchsten halben Stunde. Dann nahmen wir die Abfahrt, um ├╝ber die Landstra├če nach Hause zu gelangen. Immerhin waren wir inzwischen im Verkehrsfunk.

Nachdem mein Adrenalinspiegel gesunken war, f├╝hlte ich mich herrlich entspannt, um nicht zu sagen losgel├Âst. N├Ąchste Woche bekomme ich meinen Steuerbescheid, dann wollen wir auf die A 30, da soll es eine Gro├čbaustelle mit Fahrbahnverengungen geben.

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