Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95263
Momentan online:
502 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Steine auf meinem Weg - oder - Der Fusselteppich, auf dem ich liege
Eingestellt am 18. 04. 2015 16:01


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Fliegengitter
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Apr 2015

Werke: 5
Kommentare: 10
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Fliegengitter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

ÔÇ×Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Sch├Ânes bauen.ÔÇť
Meine Mom war schon immer eine sehr aufger├Ąumte, vergn├╝gte und unbeschwerte Person. In ihrem Leben lief scheinbar irgendwie immer alles von unsichtbarer Meisterhand geplant und mich wundert es nicht im Geringsten, dass dieser Spruch einer ihrer Leitf├Ąden war und ist.
Ein zweiter lautet: ÔÇ×Wer schwankt, hat mehr vom Weg.ÔÇť Nicht ganz so klassisch, wie der von Johann Wolfgang Goethe aber dennoch von untr├╝gbarer Wahrheit.
Eigentlich k├Ânnte ich sie wieder einmal anrufen aber ich hatte mir vorgenommen, nachzudenken. Gr├╝ndlich nachzudenken! Darum liege ich schon seit drei├čig Minuten wie ein Maik├Ąfer auf dem R├╝cken, alle Viere von mir gestreckt und versuche, meine Gedanken zu sammeln. Dass mir das nicht gelingt, liegt wohl an den Anzahl und Gr├Â├če der Steine, die auf meinem Weg herumliegen und in Wirklichkeit keine Steine, sondern Felsbrocken sind. Felsbrocken, was sage ich da - im Grunde sind es ganze Felsen, also nicht nur Brocken. Und die hindern mich im Moment oder eigentlich schon das ganze letzte Jahr daran, nach vorn zu schauen. Sie versperren mir dreist den Blick auf meine gl├╝ckliche Zukunft, machen mich handlungsunf├Ąhig und verwirren mich immer wieder aufs Neue.
Warm sp├╝re ich die Fu├čbodenheizung unter meinem R├╝cken und kuschelig den Fusselteppich, den mir Christian vor acht Monaten, in Verbindung mit einem verf├╝hrerischen Dackelblick, in mein Wohnzimmer legte. Wenn ich nachdenken will, liege ich immer auf dem Boden, speziell an dieser Stelle. Seit acht Monaten nun also auf dem Teppich mit den langen F├Ąden, die Herr Brucker - mein Kater - mindestens dreiundzwanzig Stunden von den vierundzwanzig des Tages animieren, mit spitzen F├╝ssen und ausgefahrenen Krallen, diese einzeln zu ziehen, wie ein Doktor acht Tage nach einer erfolgreichen Blinddarm-Operation. Auch jetzt liegt Herr Brucker neben mir, stubst immer wieder mit seiner feuchten Schnute an meine Hand, was einer eindeutigen Aufforderung, ihn zu kraulen, gleichkommt.
Wie soll ich da nachdenken k├Ânnen? Meine Mom und ihre Spr├╝chen im Kopf, Herr Brucker mit seiner feuchten Schnauze neben mir und der Fusselteppich von Christian unter mir.
Christian verstand den Teppich als Investition in die Zukunft. Als er mir den Heiratsantrag machte, lagen wir auch hier und er wollte sein Ansinnen sogleich mit einer intensiven Familienplanung verbinden. Was mich st├Ârte war seine Aussage: ÔÇ×Die Familie ist mir egal, aber das Gr├╝nden macht enorm Spa├č!ÔÇť Dass er noch w├Ąhrend er das sagte, bereits die Kn├Âpfe seiner Jeans ├Âffnete, lie├č mich die Notbremse ziehen. Der Mann muss eindeutig noch einige Jahre auf die Weide, auch wenn er kalenderm├Ą├čig vier Jahre ├Ąlter ist als ich. Das mit der Weide hat er mir ├╝bel genommen, aber ab und zu kommt er trotzdem noch. Also zu mir, nicht mit mir.
Und schon kreisen meine Gedanken um Robert, der diesbez├╝glich im Moment weit mehr Privilegien besitzt und benutzt. Aber Robert ist Anwalt, ├Ąu├čerst pingelig und w├╝rde niemals im Leben, auch nur ansatzweise, ├╝ber Familiengr├╝ndung auf einem Fusselteppich nachdenken. Daf├╝r legt er seine Hose auf Falte ├╝ber den Stuhl und durchsucht die komplette Wohnung nach einem B├╝gel f├╝r sein knitterfreies Sakko, ehe er bereit ist, sich meiner ebenfalls knitterfreien Haut zu widmen.
So brettgerade auf dem Teppich zu liegen, zollt seinen Tribut. Mein Hals wird starr, mein Genick beginnt zu schmerzen und ich angele mir ein Kissen vom Sofa. Wieso schaffe ich es heute einfach nicht, ├╝ber meine Probleme und die Steine auf meinem Weg nachzudenken? Sie sind ja schlie├člich der Grund f├╝r meine k├Ąferhafte Lage auf Fusseln.
Vielleicht liegt es daran, dass sich von hier unten erstaunlich die Perspektive ver├Ąndert? Jeder, der Probleme hat - oder Steine auf seinem Weg - sollte sie einmal aus so einer umgewandelten Position betrachten. Manche Dinge verschieben sich dann ganz unweigerlich. Manches wird kleiner, manches gr├Â├čer und diverse Sachen sieht man einfach gar nicht mehr. Daf├╝r bekommt man Klarheit f├╝r ganz andere Belange und ich staune immer h├Ąufiger dar├╝ber. Das ist praktisch und manchmal w├╝nschte ich mir, mein Leben immer aus dieser Aussicht zu bestreiten. Vielleicht sind meine Sorgen gar nicht wirklich gro├č oder ├╝berhaupt nicht real? Unter Umst├Ąnden k├Ânnte ich sie ja auch als Chance betrachten. Ich w├╝rde nicht so weit gehen wie meine Mom, die jetzt sofort wieder Johann Wolfgangs Spruch auf Lager h├Ątte, nachdem man, aus in den Weg gelegten Steinen etwas Sch├Ânes bauen k├Ânne. Aber vielleicht hat sie ja doch recht und es ist alles nur eine Frage der Anschauung?
Wenn ich k├Ânnte, w├╝rde ich sie jetzt anrufen. Aber ich habe das Telefon nicht mit auf die Fusseln genommen und meine Position verlassen m├Âchte ich auch noch nicht. Ich denke ├╝ber meine Mutter nach und ├╝berlege, warum sie es schafft und immer geschafft hat, alles mit dieser Leichtigkeit zu bew├Ąltigen. Sie hat alleinstehend meine drei Geschwister und mich zu mehr oder weniger wohlgeratenen Pers├Ânlichkeiten erzogen, es gab immer ein offenes Ohr, immer etwas Gutes zu essen und Spa├č ohne Ende. Mom hat nie die schwierigen Stunden gezeigt, die es ganz bestimmt auch gab, hat uns nie an ihren Sorgen beteiligt und ganz pl├Âtzlich frage ich mich, was ich hier eigentlich gerade mache. Ich versuche, meine Probleme zu sortieren, die Felsbrocken umzuschichten und meine ├ärgernisse zu definieren. Und ganz nebenbei versuche ich auch, meinen Fusselteppich zu retten. Gegen seinen Willen zerre ich Herr Brucker auf meinen Bauch, besteche ihn durch Dauerkraulen zwischen seinen gro├čen Fledermausohren und bewege ihn so dazu, seine Augen zu schlie├čen und schnurrend ins Kater-Traumland zu entschwinden.
Pl├Âtzlich m├Âchte ich gar nicht mehr ├╝ber die Steine auf meinem Weg nachdenken. In der letzten Stunde sind sie geschrumpft und liegen nun nur noch als Kr├╝mel auf meinem Weg, die allenfalls unter meinen Schuhsohlen knirschen w├╝rden. Es sind keine wirklichen Probleme, die ich habe. Mir ist es nur erfolgreich gelungen, sie durch meine Gr├╝beleien anwachsen zu lassen, bis sie mir wie gro├če Brocken vorkamen. Genau betrachtet geht es mir sehr gut. Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Sache mit den B├╝gelfalten an Robert ├Ąndern sollte ÔÇŽ
Es ist eben alles nur eine Sache der Betrachtung. Oder wie w├╝rde meine Mom jetzt sagen: ÔÇ×Wer die Welt positiv sehen kann, der hat die meisten Probleme schon gel├Âst.\"

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
H├Ąufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Fliegengitter, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Sch├Ân, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Ma├če an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den h├Ąufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Ich suche zwar ein bisschen die Geschichte in Deiner Geschichte, aber bin auf andere Kommentare gespannt. Als Gedankenreflexion ist der Text auf jeden Fall gelungen.


Viele Gr├╝├če von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung