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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Stille des blauen Atlantiks
Eingestellt am 02. 09. 2001 17:29


Autor
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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
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Irgendwo an der K├╝ste von North Carolina; Outer Banks;

Wenn ich meine Augen schlie├če, dann kann ich mich noch daran erinnern. Ganz deutlich sogar. Es ist wie eine Schmach, die mich bef├Ąllt. So weit entfernt und doch sp├╝rbar nahe. Wie ein Fels in der Brandung, der durch nichts zu ersch├╝ttern ist. Eine Barriere, die Leben und Opfer bringt. Eine Waage zwischen Gl├╝ck und Trauer. Ich f├╝hle sie, meine Gedanken, wie sie mit dem Wind davon gleiten, der sie woanders hintr├Ągt. An einen Ort, den ich nicht kenne und den nicht einmal Gott zu kennen scheint. Um mich herum ist alles leer. Keine Menschenseele so weit das Auge reicht, nur Wind und der Donner, der vor├╝berzieht.
Da sitze ich im weichen wei├čen Sand und f├╝hle seine W├Ąrme, die er vom ├╝brig gebliebenen Tage langsam verliert. Ich lasse den Sand durch meine Finger rieseln und sp├╝re seine Sanftm├╝tigkeit. Als f├╝rchte er sich davor, mich zu ber├╝hren oder mir weh zu tun.
Ich lausche dem Rauschen des Meeres und versuche die Stimme zu finden, nach der ich mich sehne. Aber ich suche schon seit langer Zeit und habe sie nicht finden k├Ânnen. Die Stimme, die mir im Leben alles bedeutet hat. Sehnsuchtsvoll gleiten meine Blicke ├╝ber den Horizont, der sich verdunkelt, w├Ąhrend die schwarzen Wolken vom Landesinneren her aufs Meer hinausziehen. Die Sonne war lange verschwunden und mit ihr das Gef├╝hl der Geborgenheit, die mir ihre warmen Strahlen schenkten.
Wie das Meer versucht, seinen Ursprung zu finden, so versuche ich zu finden, was ich vor langer Zeit verloren habe. Gelacht haben wir miteinander, zusammen waren wir gl├╝cklich. Doch gab es diesen Tag, der uns f├╝r immer trennte.

An diesem Tag, wie schon an den vielen Tagen zuvor sa├č ich auf unserem gemeinsamen Stein bei den Wellenbrechern. Ich genoss das Gef├╝hl der warmen Sonne, die meine braune Haut zu streicheln schien und den Wind, der mein Haar tanzen lies. Der Himmel war so wundersch├Ân blau wie der Gro├če Ozean und die Augen meiner geliebten Frau. Dort sa├č ich allein und wartete. Meine Arme umschlossen die eingezogenen Beine und es wirkte so, als m├╝sste ich mich daran festhalten. Ich beobachtete die Wellen, wie sie sich weit drau├čen auf dem Meer auft├╝rmten und auf mich zurasten. Wie ungescholtene Botschafter reisten sie durch den geheimnisvollen Atlantik um an genau diesem Punkt der Erde ihr Ende zu finden, damit sie kraftlos in sich zusammenzufallen konnten. Von einem Ende der Welt zum anderen hier her. Wie m├Ąchtige und unbezwingbare Wasserw├Ąnde b├Ąumten sie sich auf zu einem letzten Gru├č an die raue See und sein Land, bevor sie gl├╝cklich und ersch├Âpft an ihr Ziel gelangten und an den gro├čen Steinen, die die Buchten vor ├ťberschwemmungen besch├╝tzten, zerschellten.
Unerschrocken von ihrer Kraft wartete ich immer wieder auf diese Wellen. Es waren genau diese Tageszeiten, die mich hier herlockten, auf den Stein, den ich mir mit meiner Frau teilte. Zusammen zogen wir uns von den vielen Menschen zur├╝ck, die durch die Stadt spazierten und viel redeten. Wir flohen vom L├Ąrm, der tags├╝ber die Innenstadt l├Ąhmte. Sp├Ąter dann, wenn die D├Ąmmerung den Tag verdr├Ąngte, kamen wir uns immer wie einsame Seelen vor, die Zuflucht in einem von Wasser umgebenen Ort suchten und dort ihre Ruhe fanden. Wie die beiden M├Âwen, die zusammen an der Spitze der Wellenbrecher kauerten und aufs Meer hinaussahen, als ersp├Ąhten sie dort ein gro├čes Ungl├╝ck. Es war ein wunderbarer Moment, der sich in meinen Erinnerungen verankerte.
Auch wenn der br├╝llende Donner ├╝ber das Land zog, die grellen Blitze zuckten und sich hin und wieder im Meer verloren, der Wind an meinen Ohren vorbei pfiff und im nahegelegenen Dorf das Signalhorn dr├Âhnte, dass einen aufkommenden Sturm signalisierte, so sp├╝rte ich die Stille um mich herum. Als k├Ânnte mich nichts ber├╝hren, als w├Ąre ich unantastbar. So frei wie ich es hier sein konnte, so konnte ich es nirgends anders finden.
Dann kam meine Frau herbeigelaufen, Marie. Vorsichtig balancierte sie auf den teilweise spitz aus dem Wasser ragenden Steinen des Wellenbrechers herum, um zu unserem Stein zu kommen. Ich stand auf, um sie zu erwarten. Dann sp├╝rte ich, wie ein kalter Wind aufzog. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und ich fragte mich, ob es richtig war, hier zu sein. Ein unangenehmes Gef├╝hl schlich sich durch meinen Magen, doch die Freude, dass meine Frau endlich hier war, verdr├Ąngte dieses Gef├╝hl sogleich.
Als sie n├Ąher kam, bemerkte ich, dass ihre Haare nass waren. Regentropfen perlten an ihr herunter, liefen ihr quer durchs Gesicht, um am Kinn herunterzutropfen. Vor K├Ąlte rieb sie sich ihre Unterarme warm. Sie zitterte und sah mich mit leeren Blicken an. Doch ein kurzlebiges L├Ącheln zeigte mir, dass sie sich freute, hier sein zu k├Ânnen. Ich nahm sie sofort in den Arm, um ihr meine W├Ąrme abzugeben. Sie umklammerte mich, als wolle sie nicht mehr loslassen. Ihr kaltes Ohr dr├╝ckte gegen meine warme Wange. Ich sp├╝rte ihr zittern, ich sp├╝rte auch ihre Angst. Der Wind, wie ein pfeifender Protest, zog an uns vor├╝ber wie die Zeit, die an uns vorbeiraste.
V├Âllig losgel├Âst und im Taumel unserer Liebe, die wir gegenseitig empfingen, l├Âste ich mich von ihr, nahm ihr frierendes Gesicht in meine H├Ąnde und sah sie an. In ihren Augen sammelten sich Tr├Ąnen. Ihre blauen Augen, die mit nichts anderem zu vergleichen waren. Voller Sch├Ânheit, voller Begierde saugte ich ihre Blicke in mich auf, damit niemand anders sie auffangen konnte. Beide standen wir auf unserem Stein, wortlos und nichtssagend sahen wir uns an. Als liebten wir uns innig, ohne jeglicher Blickpunkte, die sich uns dazwischendr├Ąngten. Es war Liebe, die in unseren Blicken w├Ąhrte. Es war Vergangenheit und Zukunft, Sorglosigkeit und Anmut, die uns zusammenhielten.
Stillstehend, wie erstarrt und ergeben vor dem gro├čen Unheil stellte ich mich meiner Ehrfurcht. Marie sch├╝ttelte tr├Ąnen├╝berh├Ąuft den Kopf und schloss dann fest ihre Augen. Das unausweichliche Schicksal hatte wieder zugeschlagen. Entt├Ąuscht, aber nicht mutlos senkte ich meinen Kopf und versuchte Mut aus der Quelle zu sch├Âpfen, die uns damals zusammenfinden lies. Und dann ber├╝hrte ich ihr geschmeidiges Kinn, ber├╝hrte ihre Lippen mit meinem Zeigefinger, strich ihr dar├╝ber und l├Ąchelte sie an. Entsetzt und entt├Ąuscht ├╝ber das Geschehene, ├╝ber die Hoffnung, die wir in ein neues Leben f├╝r unsere Zusammengeh├Ârigkeit gesetzt hatten, verlor an Bedeutung. Ich versuchte, meine Tr├Ąnen zur├╝ckzuhalten, doch dann brach es aus mir heraus. Ich lies nicht davon ab. Als wenn der Regen aus dem Himmel br├Ąche, als wenn die Sintflut uns fortsp├╝len mochte, rannen mir die warmen und salzigen Tr├Ąnen ├╝ber die Wangen. Ich konnte nichts tun, nur krampfhaft versuchen, die letzte Hoffnung, die wir beide in uns trugen, festzuhalten.
Marie schaute in den dunkel verwobenen Himmel und atmete tief ein. Dann blickte sie mich an und l├Ąchelte. Damit bereitete sie mir das gr├Â├čte Gl├╝ck, dass ich jemals hatte erfahren d├╝rfen. Sie l├Ąchelte und sie sah mich an. Dann strich sie mit ihrer weichen und zartf├╝hlenden Hand ├╝ber mein Gesicht und entfernte die Tr├Ąnen. Es kribbelte wie damals, als wir uns das erste Mal sahen.
Ich war 19 Jahre, sie war 20 bei unserem ersten Treffen. Alles geschah an einem Abend. Es brauchte nicht vieler Worte. Es war im Bootshafen, gleich hier in der N├Ąhe. Dort gab es vor vier Jahren ein Fest ├╝ber ein neues prachtvolles Segelschiff, welches man taufte. Beide entdeckten wir uns, als die Seeleute in einem Kreis um ein gro├čes Feuer sa├čen und Lieder auf ihren Gitarren spielten. Es war ein Gef├╝hl, als w├╝rden uns unsere gegenseitig zugeworfenen Blicke streicheln. Vom ersten Moment an wusste ich, dass Marie etwas besonderes war. Ich ging zu ihr, nahm ihre Hand und tanzte mit ihr. Beide tanzten wir in die tiefe Nacht hinein. Unsere H├Ąnde verloren sich bis heute nicht mehr. Einander hielten wir fest.
Das Unwetter heute zog seine Linien und kam immer n├Ąher an uns heran. Besorgt klemmte ich ihr Haar hinter dem Ohr fest, k├╝sste sie sanft auf ihre kalten Lippen und nahm sie an der Hand. Zusammen gingen wir einen Schritt voran, damit wir uns sicher auf unserem gemeinsamen Felsen setzen konnten. Sie setzte sich vor mich, ich setzte mich direkt hinter sie. Dann rutschte ich nahe an ihren R├╝cken, bis ich sie an mir sp├╝rte, bis ich ihr Zittern auffing und sie w├Ąrmen konnte. Meine Arme umschlangen die ihren und ich versuchte sie, als ich meinen Kopf auf ihre rechte Schulter legte, durch das sanfte andr├╝cken meines K├Ârpers zu w├Ąrmen. Mein Blick fiel schnell auf die Markierung im Felsen. Ich hob meinen Arm und zeigte darauf. Unsere Blicke vereinigten sich genau an dieser Markierung, die in einem herzf├Ârmigen Symbol ÔÇ×Marie & DavidÔÇť zeigten. Zusammen hatten wir den Namen des anderen noch am gleichen Tage, als wir uns an diesem Hafenfest gefunden hatten, eingeritzt. Es sollte f├╝r die Ewigkeit sein. Das wussten wir damals. Und bis heute und alle Zukunft sollte dieser Bund halten und uns zusammen festhalten.
Einf├╝hlsam streichelte ich mit meiner linken ihren Bauch und ber├╝hrte mit den Lippen ihr Ohr. Es war mir so, als k├Ânnte ich ihr stilles Flehen im Wind h├Âren. Wie dieses Flehen mit dem Wind hinfortgetragen wurde.
Als wir hier sa├čen, hatten sich schon alle in ihre H├Ąuser zur├╝ckgezogen. Dieses Unwetter, dass langsam herankroch wie ein Krebs im Sand, machte den Menschen Angst. Nicht uns. Zusammen sa├čen wir hier, genossen die Ferne, die vor uns lag und sp├╝rten einander die Liebe, die uns zu besch├╝tzen vermochte. Auch wenn uns unsere Liebe nicht das Geschenk machte, nach dem wir uns sehnten. Wir mussten nur Geduld aufbringen. Und so h├Ârten wir dem Wind zu, der ├╝ber das Land zog und unsere Gedanken mitnahm, in der Hoffnung, dass sie jemand h├Ârte.
Nur heute, an diesem Ort, vor diesem Meer, w├Ąhrend das Rauschen immer lauter wurde, die Wellen immer gr├Â├čer und der Donner immer bedrohender, geh├Ârte uns allein die Stille des blauen Atlantiks.

Und heute sitze ich wieder hier. Diesmal aber allein. Und w├Ąhrend ich die Markierung betrachte, die vor so vielen Jahren in den ewigen Stein der Jugend geritzt worden war, f├╝llen sich meine allein gelassenen Augen mit Tr├Ąnen. Ich konnte, und eigentlich wollte ich sie nicht aufhalten. Zur├╝ckgelassen hat man mich mit der Zeit, allein bin ich wieder gegangen. ÔÇ×Marie & DavidÔÇť stand dort in dem Stein. Der Stein, der sich bis heute nicht ver├Ąndert hat. Die Zeit, die ihn so belies, wie es damals schon war. Doch mich hat sie ver├Ąndert, und mit mir mein Leben.
Ich schwelge in so vielen Erinnerungen, w├Ąhrend der Schmerz es mir verbietet, an die sch├Ânsten Dinge im Leben zu denken, die uns zusammen noch h├Ątten erfreuen k├Ânnen. Doch das Schicksal hatte sie mir weggenommen. Marie, die einzige Liebe, nach der ich mich heute noch sehne. Jedes Mal, wenn der Tag gekommen ist, als sie fortging und nicht wiederkehrte, f├╝hrt mich mein Weg zur├╝ck an diesen einsamen Ort, wo wir zueinander finden konnten. Wie die beiden M├Âwen, die an der Spitze der Wellenbrecher sa├čen und aufs weite Meer hinaussahen. Sie waren zusammen, aber ich war allein.
Heute bin ich 69 Jahre alt. Ein Mann, der seine Frau verloren hat. Ein Mann, der sich mit seiner Frau ein Kind gew├╝nscht hatte, es aber nie wahr werden konnte. Ein gebrochener Mann, der niemals wieder soviel lieben konnte, wie ich es mit Marie getan habe.
Damals, als sie zu diesem Felsen kam, frierend und mit Tr├Ąnen in den Augen, war es der Tag, der uns h├Ątte ein Kind bescheren sollen, das wir uns gew├╝nscht hatten. Aber das Schicksal wollte es nicht.
Jetzt bin ich allein. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach ihr sehne. Kein Abend, an dem ich nicht an sie denke. Kein Moment, an dem sie nicht mein Herz erobert hatte. Mit nur einem Blick waren unsere Seelen zueinander gewandert.
Noch einmal kehrte ich hier her zur├╝ck, an den Ursprung zweier Menschen. Denn es sollte mein letztes Wiederkehren an diesen Ort bedeuten.
Auch wenn der Wind noch an mir vor├╝berwehte, der Donner immer bedrohlicher wurde und die Wellen sich auft├╝rmten zu einem letzten Gru├č an das Meer, so sa├č ich hier auf unserem Stein und genoss die Stille des geheimnisvollen blauen Atlantiks.

__________________
cu
M.

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