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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Studie
Eingestellt am 19. 11. 2006 16:58


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Raniero
Textablader
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Die Studie

‚Was soll’s, die haben ja Recht‘, dachte Eberhard Frank, nachdem er wieder einmal eine gute Viertelstunde kniend auf dem Teppichfußboden seines BĂŒroraumes verbracht hatte, um eine BĂŒroklammer aufzuspĂŒren, die ihm aus der Hand entglitten war, und er erinnerte sich an die Arbeitsanweisung, die vor einigen Monaten per Rundschreiben durchs Haus gegangen war und sich auf die Studie eines renommierten amerikanischen Wirtschaftsinstitutes ĂŒber effektivere Arbeitszeitnutzung bezog.
Diese Studie besagte, dass bei bĂŒrointernen Arbeiten in der freien Wirtschaft wie auch bei Behörden im tĂ€glichen GeschĂ€ftsverkehr viel zu viel Geld verschwendet wĂŒrde fĂŒr unnutze TĂ€tigkeiten wie das Aufsammeln von Kleinstutensilien wie beispielsweise BĂŒroklammern, weil die Zeit, die einem Betrieb hierdurch verloren ginge, viel wertvoller sei als der materielle Gegenwert solcher GegenstĂ€nde.
Die Empfehlung, die schließlich aus dieser Anweisung abgeleitet wurde, lautete schlicht und einfach: ‚Lassen Sie das Zeug liegen! Der Staubsauger ist effizienter und vor allem billiger als Ihre wertvolle Arbeitszeit. Nutzen Sie diese Zeit, dieses kostbare Gut, fĂŒr wichtigere VorgĂ€nge!‘
Zu Anfang hatte Eberhard diese Empfehlung nicht gutgeheißen, nicht gutheißen können; mehr als vierzig Dienstjahre auf dem Buckel ließen sich nicht so einfach wegleugnen und vermochten auch nicht, einen stets korrekt handelnden Beamten grundlegend zu verĂ€ndern.
Nur zu gut noch konnte er sich an die Zeit zu Anfang seiner Laufbahn zurĂŒckerinnern, als bei diesen geringfĂŒgigen BĂŒroartikeln, wie sie nun hießen, absolute Mangelware herrschte und man beispielsweise gezwungen war, sich BĂŒroklammern im wahrsten Sinn des Wortes tĂ€glich aufs neue zu erkĂ€mpfen, Auge um Auge, Zahn um Zahn, und nun sollte er, Eberhard Frank, diese Dinger einfach auf dem Boden liegen lassen, nur weil die Amerikaner es so wollten?
‚Nein, mit mir nicht, so einfach geht das nicht, schließlich haben wir noch gelernt, was der Taler wert ist‘, sagte sich Eberhard verbittert, ‚wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!‘
Mit der Zeit jedoch war er ins GrĂŒbeln gekommen, und des öfteren, wenn ihm wieder einmal eine BĂŒroklammer entglitten war und er sich daran machte, sie aufzufinden, was sich als nicht ganz einfach herausstellte, auf dem rostroten Teppichboden, kam ihm die Studie ĂŒber die Arbeitszeiteinsparung in den Sinn.
‚Was tue ich hier eigentlich?‘, fragte er sich immer hĂ€ufiger, wĂ€hrend er auf dem Boden herumrutschte, ‚in der Zeit könnte ich ja weiß Gott was Sinnvolleres machen‘.
Und so hatte er in der Tat schließlich eines Tages das Ganze satt und traf eine einsame, aber folgenschwere Entscheidung.
Eberhard Frank beschloss, sich der Arbeitanweisung, die auf der amerikanischen Studie basierte, zu beugen und kĂŒnftig keine BĂŒroklammern vom Fußboden aufzuheben, nie mehr. Er traf diese Entscheidung in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass sein BĂŒro relativ weit abseits von den ĂŒbrigen BĂŒrorĂ€umen der Verwaltung lag und praktisch nie von professionellen PutzkrĂ€ften gereinigt und infolgedessen auch der Teppichboden nicht gesaugt wurde.
‚Ich werde allerdings vorsichtiger sein mĂŒssen, in Zukunft, im Umgang mit meinen BĂŒroklammern‘, nahm er sich vor, ‚denn wenn ich sie demnĂ€chst liegen lasse, wird eines Tages ein Punkt erreicht sein, an dem ich statt eines weichen Teppichs nur noch harte Stahlklammern unter den FĂŒĂŸen habe‘.
Doch soweit kam es zum GlĂŒck nicht.
In den ersten Tagen geschah zunÀchst einmal nichts Besonderes.
Eberhard ging wie gewohnt seiner TĂ€tigkeit nach, besuchte zwischendurch auch zuweilen einige Kollegen in entfernten RĂ€umen auf – er selbst bekam keine Besuche, weil er soweit abseits vom Nabel des tĂ€glichen BĂŒrogeschehens residierte – und hielt das eine oder das andere PlauderstĂŒndchen mit ihnen ab.
Im Umgang mit den BĂŒroklammern legte er jedoch Ă€ußerste Behutsamkeit an den Tag, schließlich hatte er ja noch einige Berufsjahre vor sich und konnte sich daher nicht schon jetzt allzu viele von diesen Klammern auf dem Fußboden erlauben.

An einem Freitag jedoch, nicht an einem dreizehnten, aber immerhin, war es trotz aller Vorsicht, die er walten ließ, soweit; eine BĂŒroklammer, eine winzig kleine kaum mit den Augen zu erkennende, war ihm aus der Hand gefallen, und nun lag sie vor ihm im Staub resp. auf dem Teppichboden, jedoch er wollte oder konnte sie einfach nicht aufheben.
Schwer atmend warf sich Eberhard in seinen Drehsessel und starrte die BĂŒroklammer an, vor sich auf dem Boden; auf diese Weise vergingen die restlichen Stunden bis zum Feierabend.
Er war sich indes vollkommen bewusst, dass sein Verhalten, stundenlang darĂŒber zu grĂŒbeln, ob er die Klammer aufheben sollte oder nicht, absolut nicht im Sinn der Studie ĂŒber effektivere Arbeitszeitausnutzung entsprach, doch er konnte einfach nicht anders.
Als er am Nachmittag das BĂŒro verließ, warf er einen letzten Blick zurĂŒck, auf die BĂŒroklammer; es schien ihm, als riefe diese um Hilfe.
Schweren Herzens schloss er die TĂŒr ab und machte sich mit kummervoller Miene auf den Heimweg.

Eberhard war ein Mann im fortgeschrittenen Alter, und er lebte allein, seit vielen Jahren. Wenn man ihn auf den Grund dafĂŒr ansprach, pflegte er zu sagen, dass er noch nicht die richtige Partnerin fĂŒrs Leben gefunden habe.
„Ich glaube, ich werde sie auch nicht mehr finden“, fĂŒgte er seufzend hinzu.
Das freie Wochenende verbrachte er zu Hause, wie so oft, indem er sich in seinen BĂŒchern vergrub; im Laufe der langen einsamen Jahre war zu einem wahren BĂŒcherwurm geworden und ging vollkommen in diesen auf.
Dieses Mal verhielt es sich jedoch nicht so wie sonst, denn immer wieder unterbrach er seine LektĂŒre, weil ihn etwas anderes beschĂ€ftigte; er musste immerzu an die BĂŒroklammer denken, wie sie so da lag, auf dem Fußboden in seinem BĂŒro, in ihrer Einsamkeit. Wenn er sich doch nur ĂŒberwinden könnte, sich seinem Herz einen Stoss geben könnte, zu ihr zu eilen, sie aufzuheben und an ihren angestammten Platz zu legen.
Auf der anderen Seite stand jedoch sein fester Entschluss wie ein Fels in der Brandung, dieses auf keinen Fall zu tun, und war er nicht ein Mann von Prinzipien?

Als er am Montagmorgen sein BĂŒro betrat, galt sein erster Blick der BĂŒroklammer.
Gottlob, sie lag noch an der selben Stelle, unversehrt.
Ein wenig unschlĂŒssig setzte Eberhard sich an den Schreibtisch, gab sich schließlich einen Ruck und spannte einen Bogen Papier in die Schreibmaschine. Mit voller Kraft hĂ€mmerte er in die Tasten, nur ab und an warf er einen verstohlenen Blick auf den Teppichboden. Doch die gewohnte Konzentration wollte sich einfach nicht einstellen, und nachdem er voller Wut die vierte Schreibmaschinenseite in den Papierkorb geworfen hatte, schweifte sein Blick erneut ĂŒber den Fußboden und ließ ihm die Haare zu Berge stehen.
Die BĂŒroklammer hatte sich aufgerichtet, in voller GrĂ¶ĂŸe, wenn man das von einer solchen Klammer auch nur bedingt sagen kann, und sie sprach ihn direkt an, mit dĂŒnner Fistelstimme:
„Erschrick nicht, mein Freund, dass ich so unvermutet das Wort an dich richte, aber es bricht mir das Herz, wenn ich dich leiden sehe, und ich kann es einfach nicht mehr mit ansehen. Seit der vorigen Woche schon quĂ€lst du dich damit herum, bist du erschĂŒttert, in den Grundfesten deiner Beamtenseele. Lass mich dir helfen, lieber Mann, denn offenkundig hat dich diese blöde Studie aus Übersee dermaßen verwirrt, dass du nicht mehr derselbe bist. Oh, wie habe ich dich bewundert, in den vielen Jahren wegen deines Mutes, gegen den Trend zu schwimmen, wegen deiner unerschĂŒtterlichen Standfestigkeit gegen alle unnĂŒtzen Reformbewegungen innerhalb der Gesellschaft. Mit welcher Genugtuung habe ich es gesehen, dass du nicht einmal ĂŒber einen Computer verfĂŒgst und stattdessen lieber deine alte Schreibmaschine traktierst wie vor Urzeiten, selbst ein Handy hast du dir nicht zugelegt“.
Trotz des anfĂ€nglichen Entsetzens machte sich nun ein LĂ€cheln auf Eberhards Gesicht breit, denn er war stolz darauf, weder Handy noch Computer zu besitzen. Gnadenlos jedoch fuhr die BĂŒroklammer fort:
„TieferschĂŒttert musste ich unlĂ€ngst jedoch zur Kenntnis nehmen, dass du bereit bist, dich jedoch aufgrund irgendwelcher zweifelhafter an den Haaren herbeigezogenen Erkenntnisse dem Diktat der sogenannten Fortschrittlichen aus Übersee zu beugen.
Kannst du mir diese deine merkwĂŒrdige Wandlung erklĂ€ren? Sprich!“
Eberhard hatte sich soweit wieder in der Gewalt, um antworten zu können; er wunderte sich sogar ein wenig darĂŒber, dass die BĂŒroklammer das Herkunftsland der Studie nicht mit direktem Namen erwĂ€hnte, sondern nur den Ausdruck Übersee benutzte:
„Ja, genaugenommen finde ich diese Empfehlung aus Amerika – im Gegensatz zu seiner GesprĂ€chspartnerin nannte er nun unverblĂŒmt Ross und Reiter, wobei die BĂŒroklammer, wie es schien, ein wenig zusammenzuckte – auch absolut unzutreffend, das heißt, ich fand sie bisher so, aber zwischenzeitlich, nach lĂ€ngerem Nachdenken, muss ich einrĂ€umen, dass es...“
„Dass es besser wĂ€re, mich hier auf dem Boden liegen zu lassen, zu deinen FĂŒĂŸen“, fuhr die BĂŒroklammer in scharfem, wie Eberhard schien, weiblichem Tonfall dazwischen, „wolltest du das sagen?“
„Nein, nein“, beeilte Eberhard sich zu sagen, so war das nicht gemeint“.
Er befand sich in einem Konflikt, einem Konflikt, von dem er nicht mehr wusste, wie er ihn lösen sollte.
„Du hast ja Recht“, antwortete er zögerlich, „wenn du es so siehst, aber andererseits, diese Studie aus Übersee“ – nun ĂŒbernahm er auch den Ausdruck – „ich weiß selbst nicht genau, was ich machen soll, und das Schlimmste ist, keiner, weder meine Kollegen noch meine Vorgesetzten, keiner kann mir helfen“.
„Keiner kann dir helfen? Ich kann dir helfen, glaube mir, ich kann dir helfen, so zu fĂŒhlen wie ich, das heißt, wenn du meine Hilfe annimmst“.
„Du kannst mir helfen?“ zeigte sich Eberhard erstaunt, „wie willst denn ausgerechnet du mir helfen?“
„Ganz einfach“, lachte die BĂŒroklammer, „heirate mich!“

Eberhard Frank glaubte seinen Ohren nicht zu trauen; da hatte er mehr als ein halbes Menschenalter nach einer LebensgefÀhrtin gesucht, und nun stand sie vor ihm, wenn auch in etwas anderer Form, als er sich das vorgestellt hatte.
„Bist du, bist du weiblich?“ begehrte er vorsichtig zu wissen.
„Aber natĂŒrlich, du Dummerchen, hast du das denn nicht sofort gemerkt?“
Eberhard hatte es nicht sofort gemerkt, aber nun hob er behutsam die BĂŒroklammer vom Teppichboden auf und drĂŒckte sie zĂ€rtlich, ganz zĂ€rtlich, an sein Herz.
Sodann traf er erneut eine Entscheidung, noch folgenreicher als die, welche er vor einiger Zeit getroffen hatte.
„Ich werde dich zur Frau nehmen, meine Gute, aber vorher werden wir dir noch ein passendes Brautkleid suchen“.

So traten sie denn vor den Traualtar, ein ungewöhnliches Paar; er im tiefdunklen Einreiher und sie mit schneeweißem KunststoffĂŒberzug, und aus Eberhards bisheriger melancholischer Einsamkeit erwuchs eine wundersame Zweisamkeit, der zwar nicht ein reicher Kindersegen beschert war, die aber langanhaltend und ausreichend vom GlĂŒck beschienen wurde.
Dieses GlĂŒck strahlt nun auch darĂŒber hinaus auch bis an seinen Arbeitsplatz in seinem einsamen BĂŒro.

Seit jener Zeit nun behandelt Eberhard alle BĂŒroklammern mit ausgesuchter Höflichkeit, und mit so manch einer von ihnen fĂŒhrt er hin und wieder ausgiebige und erquickende GesprĂ€che.

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