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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Sünden der Väter
Eingestellt am 28. 01. 2005 14:51


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freifrau von löwe
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„Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern.“

Man spricht auch von Erbsünde. Dass wir uns keine Gedanken mehr darüber machen müssen, beweisen uns die jüngsten Ereignisse, vor allem die Tatsache, dass die NPD ungestraft im Sächsischen Landtag antisemitische Hetze betreibt und dass unsere jungen Wähler im Osten Deutschlands zu 20 % die NPD wählen. Doch wir haben ja nun das neu errichtete Holocaust-Mahnmal zum Gedenktag in Berlin, das unsere fortschreitende Alzheimer im Zaum halten soll.
Gottlob sind die Hände der jüngeren Generationen von der Schuld rein gewaschen und wir können es der Politik überlassen, alles Verfassungswidrige zu verbieten. So können wir uns also beruhigt zurück lehnen und dieses leidige Thema – wie alles andere auch – denen in den Schoß legen, die an den Hebeln sitzen, und können uns einreden, dass der Holocaust nur ein Märchen ist, dazu ausgelegt, das Beste, was wir je hatten, in den Schmutz zu ziehen.
Vergessen wir doch einfach die Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die die Russen 1945 mehr tot als lebendig aus den KZ´s befreiten. Vergessen wir Namen wie Joseph Mengele und Maria Mandel, vergessen wir die gelben Sterne, Progrome und Leichenberge. Könnte alles glatt gelogen sein, und wenn nicht das, so ist es doch schon verdammt lange her.
Zugegeben, es ist schon etwas lästig, dieses ewige Rühren im Dreck der Deutschen Geschichte, der anklagende Blick der gesichtslosen Masse ermordeter Juden, Zigeuner und Andersartiger, das immer währende Verbeugen und Bedauern. Schaufeln wir uns die Asche der Vergasten nicht länger über die Häupter. Immerhin hat Hitler den Deutschen die Autobahn geschenkt und Arbeit. Jawoll! Und jede Menge Geld hat er gespart durch diese äußerst effiziente Weise der Problemlösung. Und immerhin gabs da eine Perspektive, eine Zukunft, einen Mythos – einen arischen.
Wie gut auch, dass der Zentralrat der Juden Spiegel das Gewicht vor allem auf die „kosmetische Wirkung“ Deutschlands nach außen Wert zu legen scheint. Man stelle sich nur das neue Mahnmal als Kulisse für den Aufmarsch der NPD am 8. Mai vor. Richtig peinlich wäre das!
Wenn ich ehrlich bin, ist mir die kosmetische Wirkung Deutschlands nach außen scheißegal. Ich bin kein Jude, kein Türke, kein Behinderter, kein Zeuge Jehovas und auch kein Zigeuner und man hat mir früh genug beigebracht, dass Nationalstolz für einen Deutschen eine peinliche Angelegenheit ist. Allerdings könnte ich mich als deutsche Lesbe vom braunen Sumpf bedroht fühlen, die eine solide sozialistische Erziehung und einen politischen Häftling als Vater genießen durfte, alle Nachteile eingeschlossen, die das mit sich brachte.
Ich erinnere mich daran, dass wir in unserer Schulzeit, kaum dass wir neun oder zehn Jahre alt waren, alle Einzelheiten von Massenvernichtungen vorgesetzt bekamen, die es gab. Auf einer Klassenfahrt zum KZ Buchenwald gab es einen Dia-Vortrag mit Fotos über das Lagerleben. Ein Bild hat sich bis heute in meinem Kopf erhalten: Ein Mann aufgehängt an einem Baum. Doch man hatte ihn nicht nur einfach so da dran geknüpft. Man hatte ihn an seinen Eiern an den Ast gehängt. Es waren die ersten Eier, die ich sah und sie waren ca. einen halben Meter lang.
Nicht lange danach gab es in der „Kirche unserer lieben Frauen“ einen Film über die Auswirkungen der Atombombe in Hiroshima. Mit morbider Akribie hatten die Amerikaner das Filmmaterial gesammelt und wir sahen eine Stunde lang Verätzungen, Verbrennungen und von Hitze und Strahlung zusammen geschmolzene Deformierte. Ich träumte noch zwei Wochen lang danach davon.
Doch immerhin hatten wir einen Mythos – einen sozialistischen – und ein gepflegtes Feindbild dazu und gottlob mussten wir nicht selber denken. Wir mussten nur tun, was von uns erwartet wurde: Uns als gutwillige und hilfsbereite Zelle im Staatsorgan beweisen. Was mit den Krebszellen – den so genannten subversiven Elementen – geschah, wussten wir zu unserer Zeit genauso wenig wie die Mehrzahl der Deutschen damals wusste, was man in den KZ´s mit den Menschen tat.
Zu guter Letzt – sozusagen um uns die letzten Illusionen von Individualität zu entreißen – hatten wir geschlossen und unabhängig von Geschlecht und Tauglichkeit einen sechswöchigen Wehrdienst abzuleisten. Jungen wie Mädchen marschierten in Uniform und Stiefeln, klackten mit den Hacken bei Befehl „rechts rum“, liefen mit Gewehr bei Fuß und legten an bei Befehl „legt an“. Und was ist das Fazit aus der Geschichte? Man kann genauso gut nach vorne, wie nach hinten fallen?
Ich habe noch Fotos von meinem Großvater in Uniform. Als guter Deutscher kämpfte er im zweiten Weltkrieg. Und – war er deswegen ein rassistisches Arschloch? Ich schätze, es hat ihn niemand danach gefragt, was er wollte, aber ich weiß, dass er den Holocaust bis zu seinem Tod für eine Lüge hielt. Wen wundern also 20 % jugendliche NPD-Wähler?
Gottlob sind wir heute wieder Individuen und alles ist nicht mehr so wie vor zwanzig oder vor sechzig Jahren. Wir dürfen denken, sagen und wählen was wir wollen, wir können arbeiten oder es auch bleiben lassen und wir können uns beruhigt zu den Zeugen Jehovas, zu unseren neonazistischen Ansichten oder zum anderen Ufer bekennen – wir leben ja in einem demokratischen Staat. Hallelujah!
Wir können unsere Verantwortung für uns selber an Ärzte, Krankenkassen, Arbeitgeber und Staat abwälzen und somit aufhören uns ernsthafte Sorgen zu machen. Wir können zwar nicht behaupten, wir hätten einen Mythos, zumindest keinen von der Sorte, für den es sich lohnt, zu leben oder meinetwegen auch zu sterben, aber immerhin kann man ja bei Bedarf den Althergebrachten wieder bemühen, denn so lange der noch gut passt, brauchen wir ja auch keinen neuen. Oder?

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Freifrau von Löwe

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alfi
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Normal lese ich keine Prosa, aber Der Titel zog mich an und ich muss gestehen ,ich habe jedes Wort in mich eingesogen.
Ein weiteres Statement muss man dazu nicht abgeben. Außer:
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Beeindruckend geschrieben.
alfi
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alles was sich reimt ist nicht-
automatisch ein Gedicht. (alfi)

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jon
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Am Anfang könnte es – rein handwerklich gesehen – etwas weniger atemlos sein (von wegen leichterer Einstieg), aber ansonsten top! Man MUSS einfach mit. Selbst wenn man es nicht (wie ich) ob der inhaltlichen Nicht-Plakativität sofort unterschreiben würde. (Zumindest denk ich, dass es auch Leute, die dieser oder jener Aussage des Textes nicht glauben {wollen}, von diesem Text mitgerissen werden.)
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freifrau von löwe
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danke alfi und jon fürs lesen, werten und kommentieren.

@ jon:
ich vermute, mit der atemlosigkeit hast du sicher recht :-) ich war recht atemlos - vor lauter ärger über dieses thema nämlich.

findest du, der text bräuchte etwas anständige recherche, um ihn glaubhafter zu machen? ich habe leider keine ahnung, welche textstellen genau du meinst (würde mich aber sehr interessieren).

außerdem würde ich gern wissen, was genau du mit "Nichtplakativität" meinst, nur dass wir uns nicht mist-verstehen :-)

viele grüße

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Freifrau von Löwe

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jon
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Nein, ich wüsste nicht, was man besser (oder überhaupt) recherchieren müsste. Das mit dem "was manche nicht glauben (wollen)" meinte vor allem die Stelle „ Was mit den Krebszellen – den so genannten subversiven Elementen – geschah, wussten wir zu unserer Zeit genauso wenig wie die Mehrzahl der Deutschen damals wusste, was man in den KZ´s mit den Menschen tat." Aber sicher sind es auch solche Sachen wie mit den Großvater – mancher denkt womöglich: „Wer den Holocaust leugnet, MUSS ein Rassist sein". Oder: Mancher denkt womöglich, man könne sich nur vor Wiederholung schützen, wenn "die Deutschen sich ihrer Schuld stets bewusst sind". Das könnte man ausdiskutieren – aber nicht im Rahmen dieses Textes, höchstens im Rahmen der Diskussion zu diesem Text.

Und genau das – diese "Denkmuster" – meine ich mit plakativ. (Für Plakate und Überschriften gilt nun mal „KISS = Keep it stupid and simple“ – eine griffige, schnelle Formel.) Das Leben ist aber nicht so. Interessant an der Stelle ist – nur mal als Beispiel - dass du, obwohl dein Vater politischer Häftling war, trotzdem sagst: Die meisten haben „es“ nicht gewusst – „es" als Synonym für oft haarsträubende Ungerechtigkeit, ja sogar Unrechtmäßigkeit (denn selbst Rechtmäßiges kann ja ungerecht sein). Gemeinhin wird ja den Ostdeutschen nachgesagt, sie hätten ALLE nur nicht sehen wollen. Das ist zwar "populär" aber genauso falsch wie die analoge Behauptung über die Deutschen in Nazideutschland.
Oder (was ja derzeit Thema ist): "Die gehören verboten!" ist griffig – aber eben nicht wirklich die Lösung…

Das Grundübel steckt dort, wo auch Pisa alarmiert: Bei der Bildung (im humanistischen Sinn – Denk- und Gefühls-Bildung auf der Grundlage von Wissen). Aber das ist ein Thema für's Forum Lupanum…
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Warui
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Hallo liebe Freifrau

Ich glaube ich möchte Jon recht geben wegen dem Anfang, man fühlt sich als Leser etwas überrannt
Als Verbesserungsvorschlag fiele mir höchstens ein, vielleicht eine kurze, trockene Definition zu geben:
"Man spricht von Erbsünde. Erbsünde ist, wenn jeder der Meinung ist, man sei schuldig, weil jemand anderes etwas vor einer halben Ewigkeit gemacht hat. Falsch gemacht hat wohlgemerkt."
Was in der Richtung, kurz, prägnant, trocken, vielleicht noch n bissel mehr ironie reinbringen und der Leser darf sich zurücklehnen und befriedigt und geruhsam den Text für sich denken lassen ... öhm
In der Mitte des Textes hast du zweimal kurz hintereinander das Wort "peinlich" verwendet, da bin ich irgendwie drüber gestolpert ^^
Ansonsten keine Beanstandungen formaler Art

Ich muss sagen, ich teile deine Meinung schon größtenteils, doch haben wir uns auch kürzlich in der Schule im Rahmen eines Zeitzeugenprojekts über das Thema unterhalten und die Meinungen gingen dort auch in sehr verschiedene Richtungen und wiesen aber auch darauf hin, dass vielleicht manches daran ungünstig ist, wie uns die Vergangenheit angehängt oder eher nahegelegt wird. Einen Hinweis darauf würde ich spontan noch vermissen, aber Kolumnen haben die Arroganz der zweidimensionalen Betrachtung ja sowieso gepachtet und würden auch ansonsten viel zu komplex werden, wenn man sie kurz halten will (KISS ... und so ^^).

Sehr gut gefallen haben mir wie immer bei deinen Texten Formulierungen wie "Und was ist das Fazit aus der Geschichte? Man kann genauso gut nach vorne, wie nach hinten fallen? "

Liebe Grüße und Mata ne
Warui

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Ever tried? Ever failed?Try again! Fail better!(Samuel Beckett)

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