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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Sunchimes (1)
Eingestellt am 10. 08. 2008 18:09


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Micham
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Registriert: Jun 2008

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Den ersten Mord beging sie vor knapp vier Jahren. Ihre Augen verrieten keine Spur von Zaghaftigkeit. Im Gegenteil. Entschlossen peilte sie das ahnungslose Opfer an, schlug mit einem dicken Kn├╝ppel so lange drauf ein, bis es sich nicht mehr wehren konnte und zu schwach f├╝r eine Flucht war. Ich h├Ârte Knochen krachen und sah Blut in alle Richtungen spritzen. Der Todessto├č kam von oben, mit viel Schwung und einem ├╝bergeschnappten "Friss Dreck, du Kacker!" So kannte ich mein Rippchen gar nicht. Als Schaulustiger f├╝hlte ich mich nat├╝rlich mitschuldig. Auch das Pl├╝ndern des Leichnams schockierte mich, h├Ąlt man sich die eher d├╝rftige Beute von drei Kupferm├╝nzen vor Augen.

Mein Rippchen ist Beatrix Sunchime, Magier des 80. Levels in der Welt von Everquest. Die Macher dieses Online-Spiels werben mit einem einzigen Slogan: "You're in our World now!" Das zieht. Und zwar so sehr, dass es in Amerika bereits Ehepsychologen gibt, die sich genau auf dieses Thema spezialisiert haben. Kein anderes Spiel hat mehr Ehen zerst├Ârt als Everquest.

Heute braucht Beatrix Sunchime den Kn├╝ppel zum Morden nicht mehr. Sie zaubert sogenannte Pets aus der d├╝nnen Luft herbei. Diese Wesen - gew├Âhnlichen Haustieren in keinster Weise ├Ąhnelnd - erledigen jede Drecksarbeit. Mrs. Sunchime steht nur da, schaut zu und fleddert am Ende die Entschlafenen. Ich glaube, sie ist inzwischen stinkreich. Sie tr├Ągt f├╝rstliche Gew├Ąnder und bewohnt eine prunkvolle Villa im S├╝den der Stadt Qeynos. Wildfremde Gestalten verbeugen sich ehrerbietig vor ihr. Der Neid aus niederen Leveln bringt die Luft zum Knistern, derweil Beatrix selbstgef├Ąllig die virtuelle Sch├Âpfung lustwandelt.

Bis ich von der Arbeit komme. Dann will ich mein Abendessen haben! In der Vergangenheit klappte das leider immer seltener. Unz├Ąhlige Male kam ich nach Hause, schloss die T├╝r auf und trat in einen geruchlosen Flur. Meistens wei├č ich schon morgens, was es zu essen gibt und mit dieser Vorfreude kehre ich heim. Ohne Ger├╝che im Flur denke ich: Schei├če! Und genau jenen Ausdruck benutzte ich immer ├Âfter. "Ich bin gleich fertig, Schatz", lautete dann die typische Begr├╝├čung aus meiner Schreiberecke, meiner Oase der Ruhe, die - wenn Beatrix in Aktion trat - mit wilden Schlachtrufen erf├╝llt war. "Wir m├╝ssen nur eben schnell diesen Drachen killen." F├╝r Everquest-Spieler bedeutet 'nur eben schnell' etwa vier bis sechs Stunden. Oft schlief ich hungrig auf der Couch ein.

Wenn es am sch├Ânsten ist, soll man nach Hause gehen, dachte sich unser PC an einem sonnigen Sonntag im M├Ąrz und stellte daraufhin den Betrieb f├╝r immer ein. Ich stutzte. Was haben die Menschen eigentlich fr├╝her gemacht, als es noch keine Computer gab? Ich wei├č es nicht mehr. Vermutlich stand man unt├Ątig vor einer Wand. Ein Leben ohne PC ist f├╝r mich undenkbar. Ein Leben ohne Beatrix Sunchime ist f├╝r mein Rippchen undenkbar. Davon setzte sie mich in Kenntnis, noch ehe die letzten Rauchschwaden des durchgeschmorten Computers durchs offene Fenster gezogen waren: "Meine Existenz hat ihren Sinn verloren ..."

"Sag sowas nicht, Schnuckie. Ich werde noch heute Abend einen neuen Computer besorgen."

In ihrer Stimme klang Verzweiflung, aber auch Hoffnung. "Wirklich? K├Ânnen wir uns das denn leisten?"

Mein mechanisches Gehirn quietschte kurz, was immer passiert, wenn ich einen pl├Âtzlichen Einfall habe.

"Eigentlich nicht. Aber ich werde schon etwas Billiges finden."

Etwas Billiges fand ich auch. Ein Superschn├Ąppchen, fast so preiswert wie ein Besuch im Zoo und - besonders wichtig - absolut untauglich f├╝r Everquest. Staunend wurde ich Zeuge, wie meine neuste Errungenschaft sage und schreibe 17 Minuten zum Hochfahren brauchte. Touchdown! Nie wieder w├╝rde ich auf mein Abendessen verzichten m├╝ssen.

Mein Rippchen schob mich grob zur Seite, um ihr Spiel zu installieren. ÔÇťIch komme, Beatrix!ÔÇŁ, rief sie, wobei sie mich an einen wahnsinnigen Wissenschaftler erinnerte, der im Begriff war, das Tor zu einer anderen Dimension aufzusto├čen. ÔÇťNur noch ein paar Minuten!ÔÇŁ In weiser Voraussicht schaffte ich die gr├Â├čtm├Âgliche Distanz zwischen uns und stellte mich in die s├╝d-westliche Ecke der Duschkabine. Ihre entsetzlichen Schreie lie├čen nicht lange auf sich warten. ÔÇťJetzt nur nicht schwach werden, MichaÔÇŁ, fl├╝sterte ich zu mir selbst. Hier stand weitaus mehr auf dem Spiel als das Seelengl├╝ck einer Cyber-Killerin.

Nachdem sie in einem schlimmen Wutanfall zwei bis drei R├Ąume unserer Wohnung demoliert hatte, machte sich mein Rippchen auf die Suche nach ihrem Gatten. Sie fand ihn hinter der Duscht├╝r, packte ihn am Kragen, zog ihn ganz nahe zu sich heran und starrte z├Ąhnefletschend in sein wild zuckendes Gesicht.

"Der Kasten funktioniert nicht!"

"Das kann nicht sein", entgegnete der Gatte. "Er ist brandneu."

"Ich sage dir ..." Sie sprach nun sehr langsam und mich d├╝nkte, dass sie sich gerade nach ihrem dicken Kn├╝ppel sehnte. " ... der Kasten funktioniert nicht."

"Hm, das ist schade. Gibt's bald Abendessen?"

Mein geistreiche Frage war der Ausl├Âser f├╝r eine Ged├Ąchtnisl├╝cke von etwa einer Woche. Die erste Erinnerung war das laute Zuschlagen der Wohnungst├╝r sowie ein Zettel auf dem Wohnzimmertisch: "Bin bei Mike. Everquest spielen. Essen steht im Supermarkt."

Mein guter Freund und Arbeitskollege Mike, ebenfalls ein gro├čer Everquest-Fan, hatte sich wieder mal von seiner gro├čz├╝gigen Seite gezeigt und mein Rippchen zu sich nach Hause eingeladen, damit sie dort spielen konnte. Von diesem Tag an sah ich sie nur noch selten. Moment, das muss ich pr├Ązisieren: Von diesem Tag an sah ich sie ├╝berhaupt nicht mehr. Unser gemeinsames Eheleben fand nur noch in sporadischen Telefongespr├Ąchen statt, die in etwa wie folgt verliefen:

"Wann kaufst du endlich einen neuen PC?"

"Ich arbeite dran. Nur noch zweihundert ├ťberstunden, dann habe ich das Geld zusammen."

Kleine Notl├╝ge. In Wahrheit genoss ich die Zeit an meinem lahmen Rechner, lie├č mir jeden Abend Pizza kommen und schrieb zwei erotische Romane plus ein Drama ├╝ber einen sehbehinderten Busfahrer.

"Ich vermisse dich, Schnuckie!"

"Du wei├čt, was du zu tun hast ..."

Unterdessen erschien Mike regelm├Ą├čig mit dunklen Augenr├Ąndern zur Arbeit.

"Flucht deine Frau immer so laut beim Spielen?", fragte er mich g├Ąhnend.

"Ja. Die ganze Nacht durch."

"Genau! Dabei machte sie online immer einen fast lieblichen Eindruck."

"Tja, wenn einen die Realit├Ąt in den Hintern bei├čt ..."

"Wei├čt du, ich kann dir was borgen, wenn's am Geld f├╝r einen neuen Computer liegen sollte."

"Nicht n├Âtig. Trotzdem danke."

"Kann ich heute Abend bei dir schlafen?"

"Nein."

Mein Mitleid mit Mike hielt sich in Grenzen. Er hatte mein Rippchen damals verf├╝hrt, ihr stundenlang vom fantastischen Spiel Everquest erz├Ąhlt und sie schlie├člich ├╝berredet, einen Versuch zu wagen. Das hatte er nun davon. Von seinen Jammereien wollte ich nichts h├Âren. Mir ging es gut!

Erster Unmut keimte in mir auf als ich eines Morgens frisch geduscht vor dem Kleiderschrank stand und keine saubere Unterhose finden konnte. Ich war mit diesem Problem v├Âllig ├╝berfordert, da es sich mir in meinem Leben noch nie pr├Ąsentiert hatte. Saubere Unterhosen waren immer dagewesen. Nicht viel sp├Ąter gingen mir die Socken aus. Es folgten kurze Hosen und T-Shirts. Weil ich nicht nackt zur Arbeit gehen wollte, meldete ich mich krank und gr├╝belte ├╝ber Alternativen nach. Eine Waschmittelwerbung im Fernsehen brachte mich auf eine Idee. Irgendwo in unserer Wohnung musste sich eine Waschmaschine befinden.

"Wir haben keine Waschmaschine", kl├Ąrte mich mein Rippchen am Telefon auf. "Du musst in die Waschk├╝che gehen. Insgesamt gibt es vier in der Anlage. Such dir die sch├Ânste aus."

Ich bedankte mich f├╝r die Auskunft, streifte mir das Kleidchen ├╝ber, welches am wenigsten weiblich wirkte und fuhr ins n├Ąchste Kaufhaus, um mich dort komplett neu einzukleiden. Nach diesem teuren Unterfangen konnte ich mir keine Pizza zum Abendessen leisten. Hungrig schl├╝rfte ich eine T├╝tensuppe und ging mit knurrendem Magen zu Bett.

"This place stinks!", schimpfte Wulfg├Ąng am n├Ąchsten Morgen in Anspielung auf das verschmutzte Katzenklo und setzte mir einen dampfenden Haufen ans Fu├čende des Bettes.

"Bist du irre?!", schrie ich angewidert. "Ich rei├če mich seit fast einer Woche zusammen, weil wir kein Klopapier mehr haben und du schei├čt mir ins Bett?"

"This is only the beginning", prophezeite das Haustier k├╝hl. Dann h├╝pfte Wulfg├Ąng auf mein Kopfkissen, das sie mit ihren speziellen Dr├╝sen markierte. "The next load will go down right here!"

Es klopfte an der Haust├╝r. Warnend hielt ich Wulfg├Ąng einen Zeigefinger vor die frech grinsende Schnauze. "Zwinge mich nicht, dich einschl├Ąfern zu lassen!" Dann ├Âffnete ich die T├╝r. Unsere Nachbarin, die dicke Penny, hielt sich nicht mit ├╝berfl├╝ssigen Begr├╝├čungsfloskeln auf.

"Is your wife home?"

"She doesn't live here anymore", antwortete ich gereizt.

"What did you do to her?" Penny stemmte die F├Ąuste in ihre m├Ąchtigen H├╝ften. Ihr Blick verfinsterte sich. Ihre dunkle Hautfarbe wurde noch dunkler.

"Nothing", stammelte ich. "She's staying with my coworker."

Ich hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, da machte Penny auch schon kehrt und stampfte davon. In der Ferne h├Ârte ich eine Glocke in der Nachbarschaft und Pennys aufgeregte Stimme: "Folks, you're not gonna believe this!"

Es war h├Âchste Zeit, mein Rippchen wieder nach Hause zu bringen.

- Fortsetzung folgt -

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