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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Suppenesser
Eingestellt am 08. 02. 2002 12:09


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
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Die Suppenesser



Es war schon weit nach Mitternacht. Friedrich sp├Ąhte angestrengt aus dem Fenster der Stra├čenbahn. Vier Stationen, hatte der Mann in der Kneipe gesagt. Die Stra├čen waren leer und trostlos. Friedrich war der einzige Fahrgast.

Er war zu einer Fachtagung der Buchh├Ąndler in die Stadt gekommen. Eigentlich h├Ątte er heute wieder nach Hause fahren sollen. Aber dann war er mit einigen Kollegen, die er hier kennengelernt hatte, noch in eine Bar gegangen. Die Gro├čstadt lockte. Wann hat man als Provinzler schon mal so eine Gelegenheit.

Schlie├člich war er dann in dieser altert├╝mlichen Bierkneipe gelandet, wo die Kellnerinnen gekleidet waren wie vor hundert Jahren, mit langen R├Âcken und langen wei├čen Sch├╝rzen mit R├╝schen und gro├čen Schleifen. Einige der Tische standen auf Podesten, die von Holzgel├Ąndern eingefa├čt waren. Alles war alt und pittoresk und strahlte Tradition aus. Dort hatte Friedrich diesen Typ kennengelernt. Der Mann war offenbar Stammgast. Irgendwie pa├čte er in die Gastst├Ątte. Friedrich wurde bei seinem Anblick an eine Karikatur von George Grosz erinnert. Er war st├Ąmmig und untersetzt und sein Kopf war rund und kahl wie eine Billardkugel. Seine kleinen, hell bewimperten blauen Augen blinzelten durch eine Brille mit runden, schwarz umrandeten Gl├Ąsern, die fast wie ein Kneifer aussah. Seine Gesichtsfarbe war rosig und er l├Ąchelte fortw├Ąhrend am├╝siert mit einem kindlichen Schmollmund. Er lud Friedrich ein, mit ihm Bier zu trinken, das in diesem Lokal ganz vorz├╝glich war und aus einer besonderen Brauerei stammte. Sp├Ąter lud er Friedrich auch zum Essen ein. Friedrich a├č s├╝├čsaures Ragout nach Art des Hauses. Eine alte, ortstypische Spezialit├Ąt. Es schmeckte delikat. Das Fleisch war hell und sehr zart. Dazu gab es fingerdicken Spargel und Kartoffeln.

Friedrichs neuer Freund war ├╝berzeugter Vegetarier. Er hatte sich einen Krautsalat bestellt. Er war der Ansicht, da├č die Menschen den Tieren gegen├╝ber verbrecherisch handelten. Der Abend war schon fortgeschritten und Friedrich nicht unerheblich alkoholisiert. Darum h├Ârte er geduldig und verst├Ąndnisvoll den merkw├╝rdigen Theorien seines spendablen Zechgenossen zu.

ÔÇ×Nehmen Sie die Schweine,ÔÇť sagte der. ÔÇ×Das sind hochsensible, intelligente Wesen. Das Schwein k├Ânnte dem Menschen ein Freund und Gef├Ąhrte sein. Statt dessen werden diese bedauernswerten Kreaturen wie seelenloser Rohstoff behandelt. Ein millionenfaches Martyrium findet in den Schlachth├Âfen dieser Welt statt, tagein, tagaus. Wenn man das mit Hunden oder Katzen t├Ąte, ginge ein Aufschrei der Emp├Ârung durch die zivilisierte Menschheit. Aber mit den Schweinen hat niemand Erbarmen. Dabei stehen sie in der Rangordnung der Evolution ungleich h├Âher als Hunde oder Katzen. Man k├Ânnte sie den Delphinen gleichsetzen. In mancher Hinsicht, was zum Beispiel bestimmte Bereiche der Wahrnehmung und Sensibilit├Ąt betrifft, sind sie sogar den Menschen ├╝berlegen. Aber man tut so, als h├Ątten sie keine Seele. Ich frage Sie, k├Ânnten Sie nach bestem Wissen und Gewissen beschw├Âren, da├č ein Schwein keine Seele hat?ÔÇť

Je l├Ąnger Friedrich dem rosigen Kahlkopf zuh├Ârte, um so mehr mu├čte er ihm Recht geben. Die Menschen begingen wirklich ungeheuerliche Verbrechen an den Tieren. Die gesamte menschliche Zivilisation beruhte auf fabrikm├Ą├čig betriebenem Mord und mitleidloser Grausamkeit. Das wu├čte jeder, aber niemanden k├╝mmerte es.

ÔÇ×Das ist nicht christlich,ÔÇť sagte Friedrichs neuer Freund d├╝ster. ÔÇ×Ein Schwein hat eine Seele, ebenso wie ein Mensch. Christus ist auch f├╝r die Tiere am Kreuz gestorben. Solange das die Menschen nicht erkannt und bereut haben, k├Ânnen sie nicht erl├Âst werden. Ein Fluch lastet auf ihnen und auf ihren Werken. Was sie auch ersinnen und unternehmen, es wird ihnen kein Gl├╝ck bringen und sich letztlich gegen sie wenden.ÔÇť

Er bestellte noch zwei weitere halbe Liter. Friedrich protestierte. Er mu├čte sich noch ein Quartier f├╝r die Nacht besorgen. Ein preiswertes Hotelzimmer oder eine Pension.

ÔÇ×Das ist kein Problem,ÔÇť sagte der Tierfreund. ÔÇ×Ich habe hier eine Bude in der N├Ąhe, da k├Ânnen Sie ├╝bernachten. Ich selber schlafe bei einer Freundin. Bei meinem Bratkartoffelverh├Ąltnis.ÔÇť

Er hatte ihm dann einen Schl├╝ssel f├╝r die Wohnung gegeben und ihm erkl├Ąrt, wie er dorthin gelangte.

ÔÇ×Sie fahren vier Stationen mit der Stra├čenbahn. Dann gehen Sie in Fahrtrichtung weiter, bis Sie zu einem gro├čen, alten Fabrikgeb├Ąude kommen. Sie k├Ânnen es nicht verfehlen. An der Frontseite ist eine Leuchtreklame. Sie stellt eine Familie dar, die um einen Tisch herum sitzt und Suppe l├Âffelt. In der Fabrik wird Suppenkonzentrat hergestellt. Dort biegen Sie von der Hauptstra├če ab und gehen die Stra├če hinunter. Es sind alles uralte H├Ąuser, irgendwann werden sie wohl demn├Ąchst abgerissen. Sie gehen in das Haus gleich hinter der Suppenfabrik. Dort befindet sich die Wohnung im obersten Stock. Machen Sie es sich bequem. Fr├╝h k├Ânnen Sie sich einen Kaffee kochen. In der K├╝che finden Sie alles, was Sie brauchen. Wenn Sie gehen, legen Sie den Schl├╝ssel auf den Tisch und schlagen einfach die T├╝r hinter sich zu.ÔÇť

Jetzt war Friedrich hundem├╝de und wollte nur schlafen.

ÔÇ×Vierte Station,ÔÇť murmelte er, stand auf, stellte sich an die T├╝r und dr├╝ckte den Knopf an der Haltestange. Die Bahn hielt, die T├╝r ├Âffnete sich und Friedrich stieg aus. Es war dunkel und menschenleer. Die Bahn fuhr schnell weiter, als wollte sie sich hier nicht l├Ąnger aufhalten. Friedrich ging in gleicher Richtung die Stra├če entlang. Bald erblickte er die Leuchtreklame. Sie war wirklich nicht zu verfehlen. Au├čer vereinzelten Stra├čenlaternen gab es sonst kein Licht hier. Die Reklame bedeckte die ganze der Hauptstra├če zugewandte Schmalseite eines gro├čen Geb├Ąudes. Auf ihr war eine Familie dargestellt, Vater, Mutter, ein Junge und ein M├Ądchen, das als solches an einem Paar Z├Âpfen erkenntlich war. Sie sa├čen an einem Tisch und hatten alle einen Teller vor sich. Sie hielten gro├če L├Âffel in den H├Ąnden, die sie ununterbrochen vom Teller zum Mund bewegten. Ebenso regelm├Ą├čig baute sich darunter eine Leuchtschrift auf, die lautete:

ÔÇ×Uns schmecktÔÇśs. Hmmm ... Eine gute Suppe von Schmacki.ÔÇť

Friedrich ging auf das Geb├Ąude zu. Es war eine d├╝stere, uralte Fabrik, ein Ziegelbau, der noch aus den Zeiten Adolph Menzels zu stammen schien. Durch ein verschmutztes, mit Spinnweben bedecktes Fenster an der L├Ąngsseite konnte man im Inneren gro├če metallene Kessel erblicken, in denen etwas summte. Rohre und metallene Laufschienen, von denen Ketten herabhingen, durchzogen die Produktionshalle. Dar├╝ber w├Âlbte sich ein Dach, das aus verrosteten eisernen Streben und ru├čigem Glas bestand. Am Tag fiel von dort wahrscheinlich tr├╝bes Licht herein. Jetzt war alles dunkel und nur wenige rot oder gelb glimmende L├Ąmpchen zeigten an, da├č die Fabrikanlage in Betrieb war. Friedrich konnte sich nur mit Schaudern vorstellen, da├č hier Lebensmittel hergestellt wurden.

Die Suppenfabrik stand an der Einm├╝ndung einer Stra├če, die von der Hauptstra├če wegf├╝hrte. Die Stra├če war d├╝ster, nur wenige Laternen brannten. Die H├Ąuser sahen heruntergekommen und verlassen aus. Viele Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Es schien hier kaum noch jemand zu wohnen.

Friedrich war sehr m├╝de. Er suchte nur einen Platz zum Schlafen. In welcher Umgebung der sich befand, war ihm mittlerweile egal. Er ging zu dem ersten Haus hinter der Suppenfabrik, wie es der George-Grosz-Typ beschrieben hatte. Die Haust├╝r war offen. Friedrich trat ein und suchte im Dunkeln einen Lichtschalter. Er fand ihn schlie├člich und dr├╝ckte auf einen altmodischen Knopf. Was er sah, war nicht sehr ermutigend. Alles war schmutzig, morsch und kaputt. Auf dem Fu├čboden lagen Bretter, darunter klafften L├Âcher. Die Treppe, die nach oben f├╝hrte, bestand aus alten, durchgetretenen Holzstiegen, das Treppengel├Ąnder war teilweise zerbrochen. Resigniert, aber zielstrebig stieg Friedrich hinauf. Jede Stufe knarrte und quietschte anders. Egal, nur endlich schlafen.

Schlie├člich erreichte er das oberste Stockwerk. Drei Wohnungst├╝ren befanden sich hier. Friedrich wandte sich der mittleren zu, die ein Schild mit dem Namen trug, der ihm genannt worden war, und steckte den Schl├╝ssel ins Schlo├č. Doch die T├╝r lie├č sich nicht ├Âffnen.

Das Licht ging aus und Friedrich suchte den Knopf f├╝r die Treppenbeleuchtung. Er schaltete sie wieder ein und versuchte erneut, in aller Ruhe und mit Gef├╝hl, die T├╝r aufzuschlie├čen. Es ging nicht. Vielleicht hatte der Mann in der Kneipe ihm den falschen Schl├╝ssel gegeben. Friedrich f├╝hlte Wut und ├ärger in sich aufsteigen. Da hatte er sich etwas Sch├Ânes eingebrockt. Mitten in der Nacht war er allein in einer gottverlassenen Gegend in einer fremden Gro├čstadt. H├Ątte er nur nicht diesem Riesenbaby vertraut. Der Mann war offensichtlich ein unzurechnungsf├Ąhiger Spinner. Wie sollte er jetzt wieder von hier wegkommen. Au├čerdem war er todm├╝de.

Friedrich f├╝hlte Panik in sich aufsteigen. Er k├Ąmpfte das Gef├╝hl nieder. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren. Er ging die Treppe wieder hinunter. Der n├Ąchste Treppenabsatz sah ├Ąhnlich aus wie der obere. Eine der Wohnungst├╝ren war angelehnt. Wahrscheinlich waren etliche Wohnungen in dem Haus unbewohnt. Friedrich ├Âffnete die T├╝r und sah hinein. Die Wohnung war tats├Ąchlich leer. Nur noch Schutt und Tapetenreste befanden sich darin. Friedrich ging hinein und zog die T├╝r hinter sich zu. Wenigstens ein Dach ├╝ber dem Kopf, dachte er. Er hatte keine Lust, jetzt wie ein Somnambuler drau├čen in der Nacht herumzulaufen. Er ging in eines der Zimmer, breitete seinen Mantel auf dem Boden aus und legte sich seine Tasche als Kopfkissen zurecht. Nicht gerade der Gipfel der Bequemlichkeit, aber es w├╝rde schon gehen.

Er wollte die Augen schlie├čen und sich trotz des harten Bodens, den er durch den d├╝nnen Mantel hindurch sp├╝rte, dem Schlaf hingeben, als er Musik, ged├Ąmpfte Stimmen und Gel├Ąchter h├Ârte. Friedrich stand wieder auf und ging an eines der Fenster, aus dessen Richtung die Ger├Ąusche kamen. Er blickte hinaus. Von hier aus sah man in die H├Âfe hinter den H├Ąusern. In einem war eine fr├Âhliche Gesellschaft versammelt.

Es waren meist j├╝ngere Leute, die allesamt einen etwas bohemehaften Eindruck machten. Einer, mit einem auff├Ąllig leuchtenden roten Tuch um den Hals, spielte Gitarre und sang dazu. Die anderen sangen verhalten mit oder unterhielten sich. Ein Grill gl├╝hte noch und einige bunte Lampen erhellten die Szene. Friedrich beneidete diese Menschen, die hier offenbar ein ungezwungenes Leben f├╝hrten. Am liebsten h├Ątte er sich zu ihnen gesetzt. Sie h├Ątten sicher nichts dagegen gehabt. Aber dazu war es zu sp├Ąt. Friedrich zog sich seufzend wieder auf sein hartes Lager zur├╝ck. Binnen kurzem war er eingeschlafen.

Er schlief unruhig. Die harte Unterlage dr├╝ckte auf seine Schultern und H├╝ftknochen. Dann wurde er durch L├Ąrm geweckt. Schritte polterten auf der Treppe. Es h├Ârte sich an, als ob mehrere Personen etwas Schweres die Stufen hinunter zerrten. Friedrich schlug die Augen auf. Das Poltern entfernte sich. Die Zimmerdecke und die Wand ├╝ber ihm waren jetzt von hellem, unruhigem Licht beschienen. Es fiel durch ein Fenster, das dem Fabrikgel├Ąnde zugewandt war. Mit schmerzenden Gliedern erhob sich Friedrich und ging zu dem Fenster, um zu sehen, was dort los war.

Die Suppenfabrik war aus ihrem Dornr├Âschenschlaf erwacht. Lieferwagen und LKWs fuhren hinein und hinaus. Die Fabrikhalle war jetzt hell erleuchtet. Die Produktionsanlagen summten, brummten, zischten und schnauften. Durch die schmutzig-tr├╝ben Oberlichter sah Friedrich eine Laufschiene. Rollen liefen auf ihr entlang, an denen, von Ketten gehalten, gro├če K├Ârper hingen. Sie wanderten durch die ganze Halle zu einem brodelnden Kessel, in dem sie untertauchten. Es mu├čten wohl frisch geschlachtete Schweine sein, die abgebr├╝ht wurden. Wahrscheinlich war gerade eine gr├Â├čere Lieferung gekommen.

Aber irgendwie sahen die K├Ârper nicht aus wie Schweine. Sie waren zu l├Ąnglich. Lange Gliedma├čen baumelten lose herab. Stetig und unaufhaltsam bewegte sich die Reihe vorw├Ąrts. Ein K├Ârper nach dem anderen erschien in Friedrichs Blickfeld, zog vor├╝ber und wurde in den dampfenden Kessel getaucht. An einem war, selbst durch das schmutzige, halbblinde Glas hindurch, ein auff├Ąllig leuchtendes rotes Tuch erkennbar.

Im ersten fahlen Morgenlicht schlich sich Friedrich aus dem Haus. Er wechselte auf die andere Stra├čenseite, um nicht unmittelbar an der Fabrik vorbeigehen zu m├╝ssen. Als er die Hauptstra├če erreichte, sah er noch einmal hin├╝ber. Die Fabrik summte monoton vor sich hin und stie├č ab und zu eine Dampfwolke aus. Die Leuchtreklame war immer noch in Betrieb. Unerm├╝dlich hoben die Suppenesser ihre riesigen L├Âffel vom Teller zum Mund, vom Teller zum Mund.

ÔÇ×Uns - schmecktÔÇÖs. ÔÇô Hmmm ... ÔÇô Eine ÔÇô gute - Suppe ÔÇô von ÔÇô Schmacki.ÔÇť

In der Ferne sah Friedrich eine Stra├čenbahn auftauchen. Er begann, in Richtung der Haltestelle zu laufen. Die Stra├čenbahn kam n├Ąher. Friedrich rannte, als liefe er um sein Leben.

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Stefan Seifert

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