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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Tanne
Eingestellt am 20. 12. 2006 19:40


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Rakun
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Die Tanne

ÔÇťHilfe!ÔÇŁ, wollte sie schreien, als fremde M├Ąnner auf sie zukamen. Warum musste sie alles stumm erleiden? Mit letzter Kraft wehrte sie sich. Erfolglos, sie verlor den Boden unter den F├╝├čen. Endg├╝ltig. Schmerz und Verzweiflung gleichzeitig. Erdmutter Demeter nahm sich ihrer Wehrlosigkeit an, befahl eine befreiende Ohnmacht. So sp├╝rte sie nicht, wie man sie verschn├╝rte, in Netze verpackte, auf den Tieflader hievte.

Farbenpr├Ąchtiger Schein aus dem Gro├čstadtlichtermeer reflektierte Gleichg├╝ltigkeit und Egoismus, lie├č nichts ahnen von Dankbarkeit f├╝r das Jahr, das sich zu Ende neigte. Schnee lag in der Luft. Er beschw├Ârt Erinnerungen herauf, weckt versch├╝ttetes Verlangen. Wir geh├Âren zusammen! Einmal im Jahr! Meteorologen wetteifern, die ersehnte wei├če Pracht zuerst zu verk├╝nden. Schnee deckt trauernde Seelen zu, d├Ąmpft eigensinniges Voran- kommen. Schnee als erf├╝llte Prognose f├╝r kommerzielle Superlative. Schnee h├╝llt alles in nat├╝rliche Stille, verschluckt ├╝berfl├╝ssige Ger├Ąusche. Er verleiht das Gef├╝hl, das verloren gegangen ist, erschwert Betriebsamkeit, t├╝rmt sich auf zu un├╝berwindlichen Mauern, zwingt den Menschen zur Bed├Ąchtigkeit. Er st├╝rzt Berge hinunter, ergie├čt sich als Tod bringende Lawinen ins Tal. Mit seinem Schmelzen schenkt er erwachendem Leben eine neue Chance.

Die applaudierende Menschenmenge hatte sich an diesem Abend versammelt, schaute and├Ąchtig nach oben, bestaunte die riesige Tanne. Von weit her hatte man sie geholt. Ihrer Heimat beraubt, abgeschlagen stand sie aufrecht und stolz als pomp├Âser Weihnachtsbaum mitten auf dem gro├čen Platz.
Festlich geschm├╝ckt, festgezurrt an Stahlseilen verankert. Sie konnte die Bewunderung nicht verstehen, wartete entwurzelt auf ihr Schicksal.
Die Waldg├Âttin erh├Ârte ihr Flehen, r├Ąchte das menschliche Vergehen, erlaubte der Tanne ins Unermessliche zu wachsen, bis in die verborgensten Tiefen des Universums. Dort fand sie Halt. Die Herrscher des Himmels schickten starken Wind. Die Engelsspitze st├╝rzte zu Boden und zerbrach. W├╝tend sch├╝ttelte die Tanne nutzlosen Weihnachtsschmuck ab.
Die schwer beladenen Wolken wurden nach unten gedr├╝ckt, bis an die Spitze eines blinkenden Warnlichtes f├╝r Flugzeuge. Legten sich sanft um das rote Leuchtsignal, verh├╝llten es, gaben es nicht mehr frei. Es wurde unsichtbar.

Mitleid und Erbarmen fielen pl├Âtzlich in unz├Ąhligen kalten Winterkristallen auf die Erde, kokettierten mit dem Lichtschein, tanzten auf gr├╝nen Nadeln. Verwandelten die Tanne mit einer undurchdringbaren Schneeschicht in einen ├╝berdimensionalen wei├čen Kegel. Bedrohlichkeit breitete sich aus. Vereinzelte Schneeflocken trafen warme Lippen, schl├╝pften in offene M├╝nder, vermischten sich mit dem Lied: Stille Nacht, heilige Nacht. Ein pl├Âtzlicher Sog riss die Tanne aus ihren Verankerungen. Senkrecht schoss sie in den Himmel, warf den sch├╝tzenden Schneemantel ab und begrub die Menschenmenge unter ihrer wei├čen, kalten, nassen Last.

__________________
JO

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