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Leselupe.de > Erzählungen
Die Taube
Eingestellt am 23. 07. 2015 20:21


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Hyazinthe
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Die Taube

Das Wohnhaus im Bauhausstil lag inmitten des Gartens in der Morgensonne. Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. An den Grashalmen des Rasens glitzerten Tautropfen. Der Himmel versprach einen Frühsommertag.
An einem der Fenster im Obergeschoss wurde soeben der Vorhang ein Stück zur Seite gezogen. Die Gestalt einer Frau erschien. Sie blickte hinab in den Garten.

Sybille hatte nicht mehr schlafen können. Barfuß war sie ans Fenster getreten. In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, dass sie früh am Morgen aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte. Welch eine Idylle, dachte sie, als sie auf den Garten hinabschaute. Durch den Vorhangspalt fiel ein Strahl der Morgensonne auf das Gesicht ihres Mannes, der unwillig brummte und sich auf die andere Seite drehte. Hoffentlich schlief er noch ein Weilchen. Sie mochte jetzt mit niemanden reden, auch mit ihm nicht. Was war nur los mit ihr? Diese innere Unruhe! Es war doch eigentlich alles in Ordnung.
Sybille blickte nachdenklich auf die Rabatten mit den blühenden Stauden. Plötzlich nahm sie eine Bewegung wahr. Eine Taube kam unter einem der Fliederbüsche hervor und trippelte zwischen den Grashalmen des Rasens umher, hier und da ein Samenkorn aufpickend. Einer ihrer Flügel schleifte mit breit gefächerten Schwingen auf dem Boden neben ihr her. Er schien ernsthaft verletzt zu sein.
„Wie spät ist es?“ Jörgs Stimme riss Sybille aus ihrer Betrachtung.
„Erst halb sechs. Schlaf ruhig noch weiter.“
Sie zog den Vorhang wieder zu, schlüpfte in ihren Morgenmantel, eilte die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, schob die Terrassentür zur Seite und ging nach draußen. Die Taube hatte sich auf dem Gras niedergekauert. Als Sybille sich ihr näherte, versuchte sie davonzuflattern, aber nach ein paar Flügelschlägen blieb sie erschöpft sitzen. Das arme Tier, dachte Sybille. Wahrscheinlich hatte die Taube sich bei einer Auseinandersetzung mit einer anderen verletzt. Oder sie war von einem Auto angefahren worden. Sicher würde sie sterben, wenn sie nicht mehr fliegen konnte. Sybille kniete sich neben dem Vogel nieder, der wieder versuchte aufzufliegen.
„Hab' keine Angst, du armes Ding“, flüsterte Sybille, „ich werde dir helfen.“
Immer noch barfuß, mit vom Tau nassen Füßen, lief sie zurück ins Haus und holte aus dem Hauswirtschaftsraum einen großen Pappkarton. Vorsichtig näherte sie sich dem Tier, das sich wieder unter dem Flieder versteckt hatte. Ohne Rücksicht auf ihren Morgenmantel kroch Sybille unter den Strauch und griff nach dem Vogel, der ihre Hand mit wütenden Schnabelhieben abwehrte. „Ruhig, ganz ruhig“, versuchte Sybille es zu besänftigen, „ich tue dir doch nichts. Nur keine Angst!“ Vorsichtig umfasste sie den Körper des Tieres, ohne den verletzen Flügel zu berühren, setzte es in den Karton auf die Holzwolle, klappte ihn zu, so dass der Vogel gefangen war, und trug ihn ins Haus.

„Was hast du denn da?“, fragte Jörg. Er war inzwischen aufgestanden und auf dem Weg ins Bad.
„Eine verletzte Taube. Sie saß auf unserem Rasen. Ich werde sie zum Tierarzt bringen.“ Jörg warf einen Blick in den Karton. „Ja, tatsächlich. Eine gewöhnliche Taube. Weißt du, wie man die Tauben nennt? 'Ratten der Lüfte'. Sind überall, machen nur Dreck und vermehren sich.“
Erstaunt sah Sybille ihren Mann an.
„Ich wusste gar nicht, dass du so herzlos sein kannst.“ Sie schüttelte den Kopf. „Jedenfalls gehe ich mit ihr zum Tierarzt. Man kann das Tier doch nicht einfach sich selbst überlassen, mit dem verletzten Flügel.“
„Du und dein weiches Herz“, sagte Jörg. Er zog Sybille kurz an sich. „Okay, mach nur, wenn du meinst.“ Damit verschwand er im Badezimmer.
Sybille trug den Karton in den Wirtschaftsraum und wusch sich im Gästebad die Hände und die Füße. Während sie in der Wohnküche das Frühstück vorbereitete, dachte sie über Jörgs Reaktion nach. Eigentlich war sie gar nicht typisch für ihn, diese Lieblosigkeit. Beim Frühstück musterte sie ihn. Liebte sie ihn eigentlich noch? Zehn Jahre waren sie jetzt verheiratet. Natürlich war die Zeit nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Besonders seit der Sache mit den Fehlgeburten. Wie weh es immer noch tat, wenn sie daran dachte. Das erste Kind hatte sie in der zwölften Schwangerschaftswoche verloren, das zweite erst im siebten Monat. Und dann, nachdem feststand, dass sie keine Kinder mehr bekommen konnte, diese zermürbenden Diskussionen darüber, ein Kind zu adoptieren. Jörg hatte keine Probleme damit, ein fremdes Kind als sein eigenes anzunehmen. Aber sie, Sybille, konnte einfach nicht vergessen, wie es sich angefühlt hatte, in das tote Gesichtchen ihres eigenen Kindes zu schauen. Nach sechs Monaten Schwangerschaft war es schon ein nahezu vollständiger Mensch gewesen. Wenn da nicht diese bösartige Infektion gewesen wäre, wäre es gesund zur Welt gekommen. Ein kleines Mädchen...

Sie blickte in das Gesicht ihres Mannes. Ob sie ihn noch liebte? Sie hatten alles gemeinsam durchgestanden. Das immerhin verband sie miteinander. Und eine große Vertrautheit.
„Möchtest du noch etwas Kaffee, Schatz?“
„Nein danke, Liebes. Ich muss los.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Lippen und strich ihr über den Rücken. „Und viel Glück mit der Taube!“ Er zog sein Jackett über, nahm die Aktentasche und den Autoschlüssel und verließ das Haus.

Während Sybille ihr Frühstück beendete, überlegte sie, zu welchen Tierarzt sie die Taube bringen konnte. Dr. Helmers fiel ihr ein. Er hatte damals geholfen, als Jenny, ihre Retrieverhündin, eingeschläfert werden musste. Sie hatte Lungenkrebs gehabt und am Ende nur noch gelitten. Bis dahin hatte Sybille nicht einmal gewusst, dass Hunde an Lungenkrebs erkranken konnten, wie Menschen. Nie würde sie den Tag vergessen, als Jörg den Hund in die Tierarztpraxis gebracht hatte. Sie war ihm dankbar dafür, dass er es übernommen hatte, das Tier zur Einschläferung zu bringen. Er hatte die Hündin genauso geliebt wie sie. Doch sie selber hatte es nicht fertiggebracht, bei der Einschläferung dabei zu sein. Monatelang hatten Jörg und sie um den Hund getrauert, wie um einen Menschen.

Sie holte den Karton aus dem Wirtschaftsraum und öffnete ihn. Die Taube saß in einer Ecke und sah sie mit ihren gelben Augen unverwandt an. Was für ein hübsches Tier, dachte Sybille. Behutsam fuhr sie mit zwei Fingern über den Rücken des Vogels. Dieses seidige Gefieder! Der Rücken schimmerte in feinen Schattierungen von Schiefergrau bis Blaugrau, das Brustgefieder zeigte ein mattes Weinrot. Auffallend war der weiße Streifen entlang der Flügel und ein großer weißer Fleck am Hals. Besonders hübsch fand Sybille die zarten grünlichen Streifen am Hals. Welche Art Taube mochte es wohl sein? Dr. Helmers würde es bestimmt wissen.

„Das ist eine Ringeltaube. Sehr weit verbreitet,.Es gibt sie überall hier bei uns.“ Als sie mit ihm telefoniert hatte, war Dr. Helmers gleich bereit gewesen, sich das Tier anzusehen.
„Sie hat einen gebrochenen Flügel. Wahrscheinlich ist sie gegen einen Zaun oder einen Draht geflogen. Ich kann den Knochen richten und bandagieren. Allerdings braucht das Tier anschließend Pflege, bis die Bandage wieder entfernt werden kann. Das dauert mindestens zwei Wochen. Und die Behandlung kostet natürlich einiges. Wollen Sie das übernehmen? Wo es doch nur eine gewöhnliche Taube ist?“
„Natürlich“, antwortete Sybille. „Wie können sie doch nicht einfach sterben lassen, oder?“
Sie lud das vom Arzt versorgte Tier wieder in ihren Kofferraum. „Du siehst lächerlich aus mit diesem Verband, weißt du das?“, sagte sie zu dem Vogel. „Jetzt fahren wir erst einmal zur Tierhandlung und besorgen dir Futter und was du sonst noch brauchst.“ Vorsichtig strich sie über das Gefieder der Taube. „Wir bekommen dich schon wieder gesund, keine Sorge.“

Zu Hause breitete sie die Dinge, die sie in der Tierhandlung erstanden hatte, auf dem Küchentisch aus. Da war zunächst der Drahtkäfig, der genug Platz bot für einen Vogel dieser Größe. Schließlich konnte die Taube ja nicht die ganze Zeit in dem Pappkarton zubringen. Dann ein Napf für das Futter und ein Schälchen für das Wasser. Dazu ein Dreiwochenvorrat an Vogelfutter. Sybille legte den Käfig mit Zeitungspapier und Vogelstreu aus und setzte die Taube hinein. Dann füllte sie den Futternapf mit den Körnern und das Schälchen mit frischen Wasser.
„So, nun kannst du in Ruhe gesund werden, meine Schöne“, sagte sie.

Sie ging ins Wohnzimmer und begann, die Blumen, die sie auf dem Nachhauseweg in dem Blumenshop im Einkaufscenter gekauft hatte, zu sortieren und in verschiedene Glasbehälter zu füllen. Sie kaufte nie fertige Sträuße; schließlich war sie gelernte Floristin und hatte selbst genügend Ideen, die Gestecke zu gestalten. Früher einmal hatte sie davon geträumt, einen eigenen kleinen Blumenladen zu eröffnen, aber Jörg hatte gemeint, dass die viele Arbeit und der Aufwand sich nicht lohnten. Außerdem verdiente er mit seinem Gehalt als leitender Angestellter in der großen Elektronikfirma mehr als genug, so dass sie es nicht nötig hatte zu arbeiten, hatte er argumentiert. Sie hatte gelächelt über seine altmodische Vorstellung von Familie, aber im Grunde war sie einverstanden gewesen. Sie hatte ja damit gerechnet, bald eine kleine Schar von Kindern versorgen zu müssen. Ein Gedanke keimte in ihr auf. Eigentlich hätte sie große Lust, wieder zu arbeiten. Sollte sie mit Jörg darüber reden? Sie schob den Gedanken beiseite. Später vielleicht...

Dieses Mal hatte sie Lilien, weiße Buschröschen und Schleierkraut gekauft, mit Farnen und Gräsern als Füllung. Sie runzelte die Stirn, als sie an ihr Streitgespräch mit der Verkäuferin dachte.
„Das wird bestimmt eines schönes Grabgebinde“, hatte die Verkäuferin gesagt.
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Na, weil Lilien doch allgemein als Totenblumen gelten. Wissen Sie das nicht?“
„Unsinn! Das Weiß der Lilien steht für Reinheit und Unschuld.“
Ärgerlich hatte sie die Blumen an sich genommen, bezahlt und war gegangen.
Sie verteilte die fertigen Blumenarrangement in dem Wohnbereich des Hauses. Sie sah sich um. Es war so still. Als ob etwas fehlte... Einem plötzlichen Impuls folgend nahm sie die Sträuße aus den Vasen, ging in die Küche und warf sie mit einer heftigen Bewegung in den Mülleimer. Totenblumen!

„Schau mal, Jörg, die Taube hat noch nichts gefressen. Sie sitzt nur da und rührt sich nicht.“
Sybille begrüßte ihren Mann mit einem Kuss, umschlang seine Taille und führte ihn zu der Ecke in der Küche, wo sie den Käfig platziert hatte.
Jörg besah sich das Tier.
„Nun, sie ist eben krank und wird keinen Appetit haben. Du musst Geduld haben, Liebes.“
Er lockerte seine Krawatte und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen.
„Ich geh nach dem Match noch in die Sauna, Sybille. Frank hat mich überredet mitzukommen. Es kann also etwas später werden heute Abend.“ Im Tennisdress und mit der Sporttasche in der Hand kam er wieder zum Vorschein. “Es macht dir doch nichts aus, oder, Liebling?“
„Nein, nein, geh nur. Ich werde mir einen Film im Fernsehen anschauen. Außerdem muss ich ja auf meine Taube aufpassen.“

„Jetzt sind es schon drei Tage, und sie hat immer noch nichts gefressen, Jörg. Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen. Ich gehe heute noch einmal zu Dr. Helmers mit ihr. Vielleicht kann er ihr etwas geben, dass sie wieder anfängt zu fressen.“

„Eine Taube ist nun mal ein Wildvogel. Sie ist es gewöhnt, draußen zu sein. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass sie nicht frisst. Da können wir nichts machen. Trinkt sie denn wenigstens das Wasser?“
„Ja, einmal habe ich sie am Wassernapf gesehen. Aber ob sie wirklich etwas getrunken hat, weiß ich nicht.“
„Nun, dann können wir nur hoffen, dass sie sich bald dazu entschließt zu fressen und zu trinken. Sonst überlebt sie nicht mehr lange.“

Am Nachmittag nach ihrem neuerlichen Besuch bei Dr. Helmers fuhr Sybille in den Baumarkt und kaufte vier angespitzte Kanthölzer von jeweils einem Meter Länge und einen Holzstab von zwei Metern. Dazu ein fünf mal fünf Meter großes Vogelnetz sowie zwanzig Zeltheringe. Mit einem Vorschlaghammer und einem Zollstock aus Jörgs kleiner Werkstatt ging sie in den Garten. In der Nähe des großen Flieders, der seinen Schatten am Nachmittag, wenn es heiß wurde, auf den Rasen warf, maß sie ein Viereck von drei mal drei Metern ab, an dessen Ecken sie die Holzleisten einrammte. Sie brauchte dazu mehrere Schläge mit dem schweren Hammer. Danach schlug sie das Zweimeterholz genau in die Mitte des Vierecks ein. Sie musste sich die Trittleiter aus dem Wirtschaftsraum holen, damit sie von oben auf das Holzstück einschlagen konnte. Sodann breitete sie das grüne Vogelnetz über das Mittelholz und die Eckpfosten aus, was einige Mühe bereitete. Als Letztes zog sie das Netz an allen vier Seiten straff und befestigte die Netzenden mit den Heringen im Boden. Fertig war die Vogelvoliere.
Schweißgebadet, schmutzig, aber stolz betrachtete sie ihr Werk. Es sah in dieser Umgebung zwar aus wie ein Fremdkörper, aber das war ihr egal. Wenn die Taube es gewöhnt war, draußen zu sein, dann hatte sie jetzt die Möglichkeit dazu. Sie musste gesund werden. Sybille würde alles tun, das Tier am Leben zu erhalten. Aus einem Grund, über den sie noch nicht weiter nachgedacht hatte, war es ihr ungeheuer wichtig, den Vogel zu retten.
Sybille schleppte den Käfig mit der Taube in den Garten, zog einen Teil des Netzes zur Seite, nahm die völlig apathische Taube in die Hände und setze sie in die Voliere auf das frische Gras. Dann nahm sie ein Handvoll von dem Vogelfutter und verstreute die Körner durch das Netz auf den Rasen im Inneren der Voliere. „Sicher bist du es nicht gewöhnt, aus einem Napf zu fressen“, sagte sie zu dem Vogel. „Hier ist es jetzt fast wie früher für dich. Zwar kannst du nicht weglaufen, aber sonst ist doch alles so wie du es kennst. Jetzt kannst du gesund werden, oder?“ Sie stellte die Schale mit dem Wasser unter das Netz und schloss den Eingang sorgfältig mit einem der Zeltheringe.

Als Sybille ihrem Mann die Voliere zeigte, stieß er einen Seufzer aus.„Oh Gott, damit hast du natürlich die ganze schöne Optik des Gartens zerstört, Liebling. Aber okay, wenn es denn hilft.“
„Dr. Helmers sagte, sie braucht die Freiheit, um gesund zu werden. Ich will, dass sie wieder fliegen kann, auch wenn es nur eine gewöhnliche Taube ist. Verstehst du das?“
„Ja, natürlich, mein Schatz. Wenn dir so viel daran liegt.“
„Ja, es liegt mir viel daran, Jörg. Irgendwie ist es sehr wichtig für mich, dass die Taube gesund wird. Ich weiß nicht warum, aber es ist so."

Sybille hatte den Esstisch im Wohnzimmer festlich gedeckt. Mit viel Mühe hatte sie das Lieblingsgericht ihres Mannes zubereitet und dazu eine besonders gute Flasche Wein bereitgestellt. Sie fand, es gab etwas zu feiern.

Nachdem Dr. Helmers der Taube die Bandage abgenommen und Sybille sie wieder in die Voliere gesetzt hatte, war sie hin und her geflattert, wie, um den geheilten Flügel auszuprobieren. Dann hatte der Vogel am Wassernapf getrunken und eifrig die Körner, die Sybille wie immer auf das schon sehr mitgenommene Gras unter der Voliere ausgestreut hatte, aufgepickt. Er war geheilt.

Sybille fühlte sich glücklich wie seit Jahren nicht mehr. Es war nicht nur die Gesundung des Vogels, die sie in diese Stimmung versetzte. Sie hatte einen Entschluss gefasst.

„Ich möchte dir etwas sagen, Jörg. Etwas, das unser Leben verändern wird.“
„Mach es nicht so spannend. Ich habe schon erwartet, dass es einen besonderen Anlass für dieses Festessen gibt. Heraus damit, Liebling. Ich bin auf alles gefasst.“
Sybille wurde plötzlich sehr ernst.
„Du erinnerst dich doch, damals, nach der zweiten Fehlgeburt, als der Arzt mir gesagt hat, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann.“
„Ja, natürlich, Sybille. Als ob ich das vergessen könnte!“
„Ja, und wie er uns vorgeschlagen hat, eventuell eine Adoption in Erwägung zu ziehen?“
„Ich weiß. Aber du sagtest, das sei doch niemals dasselbe. Ein eigenes Kind sei nun mal das, was du dir wünschtest.“
„Ja. Aber nun habe ich mich doch dazu entschlossen. Wenn du immer noch dafür bist, möchte ich jetzt ein Kind adoptieren. Oder mehrere. Was sagst du?“
Eine kleine Pause entstand. Jörg blickte sie unverwandt an. Seine Gesicht war ernst.
„Bist du sicher? Wieso hast du deine Meinung geändert?“
„Ich weiß nicht, warum. Aber ich bin mir ganz sicher. Ich möchte jetzt ein Kind.“ Sie stand auf und trat auf ihn zu."Und ich werde wieder arbeiten gehen. Vielleicht finde ich eine Stelle als Floristin. Ich brauche eine Aufgabe." Jörg nahm sie in die Arme. Lange hielten sie sich umschlungen.
„Und jetzt gehen wir in den Garten und lassen die Taube frei. Sie ist gesund und kann wieder fliegen, wohin sie will.“



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Ciconia
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Hallo Hyazinthe,

eine Geschichte wie aus einer anderen Zeit, in der der alleinige Ernährer

quote:
als leitender Angestellter in der großen Elektronikfirma
morgens das Haus verlässt und abends vom Frauchen wieder in Empfang genommen wird.
quote:
Sybille nahm ihrem Mann die Aktentasche und das Jackett ab
Der Mann selbst bleibt völlig konturlos. Man hat sich
quote:
Besonders seit der Sache (!) mit den Fehlgeburten
etwas auseinandergelebt. Dann will Frauchen ein Kind adoptieren, wohl weil die Aufzucht der Taube so gut geklappt hat, und der Mann ist sofort einverstanden.
Das Paar lebt übrigens in einer Schöner-Wohnen-Idylle mit „geräumigem Wohnzimmer“, „moderner Wohnküche“ und „gepflegtem Rasen“.

Das sind mir zu viele Klischees.

Wenn Du nur mal die ersten zwei Absätze unter die Lupe nimmst, wirst Du auch merken, welche Anhäufung von (meistens überflüssigen) Adjektiven sie enthalten. Für die Handlung selbst sind die meisten entbehrlich.
quote:
Das elegante weiße Wohnhaus im klassischen Bauhausstil lag inmitten des geometrisch angelegten Gartens ruhig in der frühen Morgensonne. Lebhaftes Vogelgezwitscher erfüllte die noch kühle, frische Luft. Wie Diamanten glitzerten die Tautropfen an den Grashalmen des gepflegten Rasens. Der wolkenlose Himmel versprach einen ungetrübten Frühsommertag.
An einem der großen rechteckigen Fenster im Obergeschoss wurde soeben der schwere Brokatvorhang ein Stück zur Seite gezogen. Die schmale Gestalt einer Frau erschien. Sie blickte unverwandt hinab in den Garten.
In einigen Fällen trägt doch schon das verwendete Verb die Aussage, z. B.
quote:
trippelte mit kleinen Schritten
Heißt „trippeln“ nicht schon „mit kleinen Schritten gehen“?

Nicht böse sein, aber ich kann mit dieser Geschichte überhaupt nichts anfangen. Sie klingt mit zu sehr wie ein Lore-Roman aus den Fünfzigerjahren.

Gruß Ciconia

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Hyazinthe
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Liebe ciconia, liebe molly, liebe Ji Rina!

Danke, dass ihr euch mit meiner Erzählung beschäftigt habt.

Ich weiß, wenn ein Schreiber seinen Text erklären muss, ist er misslungen. Insofern muss ich meine kleine Erzählung als misslungen betrachten. Denn eure Kommentare deuten darauf hin, dass ihr nur die oberste Ebene der Geschichte erkennen konntet.
Eigentlich ist es eine metaphorische Erzählung von dem Gefangensein im goldenen Käfig: Das schöne Haus, der Wohlstand, das hohe Einkommen des Ehemannes, das Designer-Interieur, all dies soll nur zeigen, dass die junge Frau trotz dieser wunderbaren Umgebung unfähig ist, mit ihrer Trauer über die ungeborenen Kinder fertig zu werden. Als Methapher dafür dient die Taube. Sie ist ebenso verletzt (hier körperlich), kann nicht mehr fliegen (so wie Sybille sich unfähig fühlt, aktiv zu werden), kann nicht gesund werden im Käfig (so wie Sybille sich in ihrem schönen Zuhause nicht glücklich fühlt). Hinweise auf diese Stagnation und Trauer meine ich gegeben zu haben (der Hund, der eingeschläfert werden musste, die 'Totenblumen', die Leere, die Unruhe...) . Mit der Taube pflegt Sybille symbolisch sich selber gesund. Deshalb ist die Genesung des Vogels so wichtig für sie, selbst wenn sie dadurch ihr schönes Zuhause (Morgenmantel, Rasen) beschädigt.
Der Ehemann spielt bei diesem Prozess nur eine Nebenrolle; Sybille kann sich nur selber aus dieser emotionalen Gefangenschaft befreien. Deshalb ist der Entschluss, wieder zu arbeiten, und die Bereitschaft, ein fremdes Kind als ihr eigenes zu akzeptieren, so wichtig.

Ich weiß nicht, ob ihr meine Intention nachvollziehen könnt. Für ein Feedback wäre ich sehr dankbar.
Vielleicht hat ja außer euch dreien der eine oder andere Leser noch Lust auf einen Kommentar.

Gruß, Hyazinthe

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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe,

Deine Intention ist deutlich, daran habe ich keine Zweifel. Aber als metaphorische Erzählung, wirkt diese Geschichte (mit deiner Intention) ein wenig holperig, weil zu den gegebenen Elementen weitere fehlen. Mit der Beschreibung des Hauses, des Lebenstils, der Fehlgeburten, des unverständnisses des Mannes, etc…etc… baust du eine grosse (sehr reale) Kulisse auf. Die Elemente die dann folgen: Die Heilung einer Taube und somit das wiedergefundene Glück/oder die neu erreichte Balance der Protagonistin – wirkt die Clue der Geschichte (wenn ich mich mal so ausdrücken darf) dann ein wenig an den Haaren herbeigezogen.
Okay, da kommt das metaphorische ins Spiel, aber beide Dinge stehen für mich in dieser Geschichte nicht in Balance, sondern bilden einen ungemütlichen Kontrast und geben ein etwas unrealistisches Gesamtbild ab. Kann eine erwachsene Frau durch die Heilung einer Taube wieder zu sich finden? Kann es sie dazu bringen, sich wieder ein Kind zu wünschen? Wieder zu arbeiten? Ihr Leben neu in Angriff zu nehmen?

Deine Idee liesse sich vielleicht besser verarbeiten, wenn dein Prota ein Kind wäre: Das Kind ist verstört, es hat kaum Freunde, ist kontaktarm, misstrauisch, (die Eltern: Du kannst nichts, du bist nichts und du wirst nichts). Das Kind findet die verletzte Taube, traut sich zunächst nichts zu und beachtet sie nicht. Macht dann aber doch einen zaghaften Versuch, kümmert sich um sie und peppelt sie wieder auf. Ein innerer Wandel findet im Kind statt.

Nur so gedacht…(Und nur meine Meinung).

Mit einem Gruss aus dem frittierten Spanien,
Ji

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Der Leser hat´s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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Hi, ich beschränke mich auf den ersten Satz:

quote:
Das elegante weiße Wohnhaus im klassischen Bauhausstil lag inmitten des geometrisch angelegten Gartens ruhig in der frühen Morgensonne.
Das Wohnhaus stand. So es noch steht, dann steht es inmitten des Gartens. Eine Person kann ruhig liegen, ein Hund kann es auch, selbst ein Garten ist zuweilen ruhig gelegen. Das Haus steht. Nicht ruhig, nicht laut, nicht zappelig. Und wenn es zappelt, dann liegt es an einem Erdbeben, was unvermutet vorbeischaut.

Ich streiche alle Adjektive: Das Wohnhaus im Bauhausstil stand inmitten des Gartens. Das mit der frühen Morgensonne braucht es auch nicht, erklärt sich später von selbst... Nur: musst du das alles erklären?

Langweiliges Leben, langweilige Geschichte. Wer will soetwas lesen? Selbst wenn wir alle solche Seifenoperleben kennen, mir sind die Konflikte, die du da hineinschreiben willst, viel zu unreflektiert.

Ich würde alle Adjektive streichen und dann die Personen statt den goldenen Käfig ausleuchten...

Grüße von wipfel

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Hyazinthe
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Hallo Wipfel!

Ich bin deinem Rat gefolgt und habe alle Adjektive (bis auf einige wenige, die zum Verständnis notwendig sind), gestrichen und versuche nun, die Charaktere der Eheleute näher auszuarbeiten. Das erste Drittel habe ich fertig; später werde ich den Resr überarbeiten. Mal sehen, ob die Geschichte am Ende besser ist.
Jedenfalls Danke fürs Kommentieren. Wäre schön, wenn du zum Schluss die Veränderungen beurteilen würdest.

Gruß, Hyazinthe
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