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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Tauschbörse
Eingestellt am 25. 05. 2015 19:17


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Claudia Rainbow
Autorenanwärter
Registriert: Jan 2015

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Die Tore öffneten heute früh. Der Samstag war der umsatzstärkste Tag der Woche, da lohnte es sich eher als gewohnt aus den warmen Federn zu springen. Die Idee zu meiner Tauschbörse war mir im letzten Jahr gekommen. Mein damaliger Arbeitgeber hatte mich auf die Strasse gesetzt. Ich hatte mir wirklich nichts Gravierendes zu Schulden kommen lassen, aber der Chef hatte mich schon länger auf dem Kieker gehabt und mich bei der erstbesten Gelegenheit, die sich ihm bot, fristlos entlassen. Es war ein Auslaufmodell gewesen, das ich mir mit nach Hause genommen hatte. Es stand schon Monate herum, ohne dass einer auf die Idee gekommen wäre es zu erwerben. Aber als ich den Kühlschrank bereits zu Hause stehen hatte, ordentlich mit Bier gefüllt, fiel dem Chef sein Fehlen auf. Er verdächtigte sofort mich, weiss der Geier warum. Gut, im Endeffekt hatte er ja recht behalten. Trotzdem war ich sauer gewesen, dass er die Schuld, ohne zu zögern, sofort mir in die Schuhe geschoben hatte.

Im Nachhinein betrachtet allerdings, war es ein Wink des Himmels gewesen. Die Stelle hatte nicht viel getaugt und ich hatte krank gefeiert, wann immer es mir möglich gewesen war. Mein Bewährungshelfer hatte sich nicht gross dazu geäussert und heute war er einer meiner treuesten Kunden. Wenngleich er sich jeweils in den hintersten Ecken der Halle seinen Geschäften widmete. So genau sah dort keiner hin und mir reichte es, in dieser Grauzone eine exorbitant hohe Standmiete eintreiben zu können.

Ich setzte mich auf mein Fahrrad und reihte mich in den Verkehr ein. Die Strasse, an der ich wohnte, war stark befahren. Das hatte mich nie gestört. Wenn es nachts ruhiger wurde, kam es sogar vor, dass ich erwachte und das Brummen des Verkehrs vermisste. Der Strassenlärm hatte mich seit frühester Kindheit in den Schlaf begleitet. Keine Mutter, die ein Schlaflied summte, kein Vater, der eine lustige Geschichte erzählte, stattdessen der Ton einer stinkenden Schlange aus Metall, die sich surrend, quietschend, tutend und scheppernd durch die Strasse wand. Beleuchtet von der blinkenden Reklametafel auf der anderen Strassenseite, deren Schein auch in mein Zimmer gelangte, wenn die dichten Vorhänge ganz zugezogen waren. Ich wischte die Erinnerungen daran mit einer hastigen Handbewegung weg und trat schneller in die Pedale. Ich musste mich beeilen.

Quietschende Bremsen, ein lauter Knall.

Ich liess mein Rad stehen, wie immer ohne es abzuschliessen. Der alte Drahtesel würde keinen dazu verleiten ihn mitzunehmen. Ich betrat die Halle und registrierte mit Genugtuung, dass bereits geschäftiges Treiben herrschte. Skrupel konnte ich mir nicht leisten. Jeder musste schliesslich schauen, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Und wenn die armseligen Kreaturen, die sich ganz hinten zwischen den Tischen drängten, es hier nicht kriegten, dann holten sie es sich eben woanders. So aber hatten wir beide was davon.

Ein Schmerz durchzuckte mein Bein. Ich war mitten in einen der Tische gelaufen. Ich rieb mir den pochenden Oberschenkel. Mein Blick fiel auf die Ware. Gläser zu Türmen gestapelt. Ich musterte die Gläser und fragte mich, was der Händler sich für sie wohl für Tauschgegenstände erhoffte. In meiner Tauschbörse floss, von der Standmiete abgesehen, kein Geld. Na ja, zumindest im offiziellen Teil nicht. Schliesslich bestand meine Geschäftsidee darin, Menschen ihre Waren tauschen zu lassen. Ein jeder hatte doch irgendwas zu Hause stehen, was er nicht mehr brauchte und wonach ein anderer vielleicht schon länger suchte. Und so häuften sich in meiner Tauschbörse die unterschiedlichsten Dinge. Manchmal staunte ich nicht schlecht, wie rasch manche Dinge, die direkt aus dem Müll zu kommen schienen, einen neuen Besitzer fanden und was dafür wiederum Neues auf den Tischen der Tauschhändler landete. Die Gläser schienen alte Einmachgläser zu sein, solche wie sie meine Oma früher verwendet hatte, um Kompott einzumachen. Sie waren, von ihren farbigen Deckeln abgesehen, nichts besonderes, nur ganz gewöhnliche Gläser. Der Händler schien meinen Blick deuten zu können. Er meinte zu mir: "Sie fragen sich bestimmt, wer Interesse an diesen Gläsern haben könnte, nicht wahr?" Ich fühlte mich ertappt. "Ja, das frage ich mich tatsächlich", sagte ich, "Werden denn diese Gläser überhaupt noch von jemandem gebraucht?" Er musterte mich schweigend, räusperte sich dann und erwiderte: "Das sind nicht nur leere Gläser, sie sind mit Leben gefüllt." Ich bückte mich stirnrunzelnd über seinen Tisch und betrachtete die Gläser näher. Also ich sah da beim besten Willen nichts Lebendiges drin. "Sie erlauben sich einen Scherz mit mir, nicht wahr?", sagte ich mit einem gekünstelten Lächeln auf den Lippen. "Nein", erwiderte er ernst, "In den Gläsern ist Lebenszeit". "Wie meinen Sie das?", fragte ich ihn und dachte bei mir, dass dieser Mann wohl einen an der Klatsche hatte. "Wie ich es sage", antwortete der Mann ruhig, "Wenn Sie zusätzliche Lebenszeit haben wollen, nehmen Sie eines der Gläser, öffnen es, halten Ihre Nase rein und atmen ganz tief ein." Der Typ war komplett durch den Wind, dachte ich mir, spielte sein Spiel aber mit. "Ist ja interessant. Und was kriegen Sie dafür?", fragte ich ihn belustigt. "Ihr Versprechen", erwiderte er. "Was soll ich Ihnen denn versprechen?", fragte ich ihn und obwohl ich laut hatte loslachen wollen, tat ich es nicht, denn ich spürte, dass es ihm durchaus ernst damit war. "Versprechen Sie mir", sagte er mit ruhiger Stimme, "dass Sie jeden zusätzlichen Tag an Lebenszeit nutzen werden um Gutes zu tun. Machen Sie etwas aus Ihrem Leben."

Ich versuchte vergebens das Glas, das sich mir ganz plötzlich über Mund und Nase legte, beiseite zu schieben und konnte nicht anders als seinen Inhalt tief einzuatmen. "Er atmet wieder", hörte ich aus weiter Ferne eine Stimme. Ich öffnete die Augen und blinzelte verwirrt in die Sonne. "Wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus", sagte dieselbe Stimme zu ihm. "Sie hatten einen Schutzengel." Die Augen fielen mir zu und ich sah den alten Mann in der Ferne lächeln. "Versprochen", flüsterte ich matt. "Versprochen".

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rothsten
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Hallo Claudia,

vom Voll-Asi-Saulus direkt zu einem Lasterlos-Paulus. Ein Lebenswandel, der durch ein einziges tiefgreifendes Erlebnis ausgelöst wird. Hier bleibst Du sehr bibelnah und übersetzt es in ein heutiges Bild. Neu ist die Idee allerdings nicht gerade ...

Es ist natürlich nicht verboten, bekannte Geschichten neu aufzulegen. Ich wünschte mir dann aber immer eine eigene Note, eine überraschende Wendung, irgendwas, was den Text neu und einzigartig macht. Das fehlt mir hier. Nur die Übersetzung ins 21. Jahrhundert ist mir dann doch zu dünn.

Gut hingegen finde ich die Darstellung des Paulus. Du gibst ihm doch einige Eigenschaften, die ihn mehrdimensional machen.

Vielleicht lässt Du Deine Phantasie nochmal über das Bisherige fliegen.

lg







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