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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Todsünde
Eingestellt am 16. 01. 2002 20:16


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Heiner Bauer
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

Werke: 5
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Es war schier unfassbar!
Aber er hatte es getan! Ja, er hatte es tatsächlich getan!
Vielleicht war die sommerliche Schwüle Schuld daran gewesen. Vielleicht die Hitze, hier oben, auf dem Dachboden. Vielleicht das diffuse Licht, das aus den Ritzen quoll, zwischen den uralten Ziegeln hervor und aus dem kleinen Giebelfensterchen mit den Spinnenweben, in denen Dutzende grüner Kadaverchen von Königssöhnen baumelten: kleine Insekten mit filigranen dünnen Flügelchen.
Vielleicht war es aber der Geruch der getrockneten Minze gewesen, die in dünnen Bündeln von den zerlöcherten Holzbalken des alten Dachstuhles herabhing und leise im Windzug pendelte.
Vielleicht waren es die uralten und faulen grauen Dielen mit den Myriaden von Löcherchen vom Holzwurm. Vielleicht war es dieser Film von gestern. Aber er hatte plötzlich seinen Herzschlag fast schmerzhaft heftig gespürt. Im Hals gespürt und das Rauschen des Pulses gehabt, in den Ohren. Sein Leib war gespannt gewesen, wie ein guter Bogen unter der Hand des Schützen: zum Zerbersten gespannt.
Da hatte es ihn hier hinauf gezogen. Auf Zehenspitzen und mit verhaltenem Atem war er gegangen. Hier hinauf, wo nur Ruhe war und Schwüle.
Die Tür hatte er abgeschlossen, hinter sich und sich ängstlich umgesehen, ob auch wirklich keiner da wäre. Schamhaft hatte er sich umgesehen, ehe er sich vorn in die Hose fasste, wo es schmerzhaft drückte.
Sein Herz raste jetzt, es jagte.
Er sah sich noch einmal um, wie ein gequältes Tier, mit diesem leidenden Blick, halb fragend, halb flehend. Aber da waren nur die weiße Fläche der verschlossenen Tür und der leere Boden.
Jetzt nahm er den alten Lumpensack, der von einem der Holzbalken des Dachstuhls herabpendelte, vom rostigen Nagel. Er legte ihn auf die alte Truhe, den prallen weichen Lumpensack, der ein ganz klein wenig muffig roch, mit den Spinnenweben am groben Leinen und den anhaftenden Resten vertrockneter Lindenblüten.
Mit einer hastigen Bewegung war seine Hose unten und der blaue Jungenschlüpfer mit dem überdehnten Gummi.
Zuckend und bebend hob sich sein erigierender Penis, jetzt frei aller Hüllen, höher und höher hinauf, bis er stolz die schon beachtliche Größe und den rötlichen Flaum an der Wurzel bemerkte.
Er schwang sich hinauf auf die Truhe und den Lumpensack, der ein Loch hatte im Gewebe, genau in der Mitte. Gemacht von zwei feuchten zitternden Jungenfingern, und da hinein fuhr jetzt sein Glied.
Er klammerte sich an den alten muffigen Lumpensack, der die Röcke und Schürzen seiner längst toten Großmutter barg. Er klammerte sich an ihn, mit Händen und Armen und Oberschenkeln.
Dieser Lumpensack war jetzt eine Frau, mit kleinen harten Brüsten, die sich unter ihm wand und stöhnte, die sich ihm entgegenhob, japsend und keuchend und mit Fingernägeln, die nahe bei seinem Rückgrat in die Haut fuhren, tief hinein, wie in eine Beute.
Es war tatsächlich so, wie er es kannte, aus dutzenden heimlich gesehenen Filmen.
Sie klammerten sich aneinander! Ganz Haut an Haut! Sie war da, nicht geträumt! Nein, sie war da! Er konnte ihre Haut riechen und spüren und schmecken! Ihren Schoß liebkosen! Das erhitzte Spiel seiner Phantasie treiben, bis hinauf auf die Wellenkämme und bis hinab in die Täler.
Sie trieben beide hinaus, die Frau und er. Sie trieben hinaus, in die Uferlosigkeit dieses Abendlichts. Hinaus, in ein unbekanntes Meer mit fremden Strömungen und Lichtreflexen.
Er war jetzt kein Junge mehr! Er war ein Mann, und sie war seine Frau!
„Geliebte!“, sagte er.
„Geliebter!“, antwortete sie: „Lass dich treiben! Halt dich an mir fest!“
„Wir treiben hinaus!“, rief er ängstlich: „Ich habe ein wenig Furcht!“
„Hab gar keine Angst, Geliebter! Halt dich an mir fest! Ich bin deine Insel! Dein Rettungsboot! Und ich will dich tragen, hinaus in die Weiten des Abends und des Meeres! Schwimm auf mir! Treibe mit mir fort, hinaus, in das Licht!“
Da schwieg er. Und sie trieben hinaus, immer weiter hinaus, auf das Lichtmeer.
Durch die Brandung hinaus und durch die Mole, immer weiter hinaus.
Sie aber war ganz nackt und feucht. Und sie trug ihn, dass er seine Furcht ganz verlor und nun ein Mann war, mit einer Frau. Ganz allein und sehr weit draußen, auf dem Meer.
Sein Becken tobte auf ihr, der Geliebten, auf und nieder, wie das Becken eines reifen Mannes auf einer Frau.
Sein Penis tobte in ihr, jetzt entblößt der schützenden Vorhaut. Die samtene Eichel rieb sich am spröden Gewebe des alten Leinensackes. Er aber spürte es nicht. Er sah nur das Licht und das Meer und die Frau unter sich, die ihn hielt und trug, durch die Brandung, immer weiter hinaus.
Dann spürte er etwas in sich, wie ein Ziehen oder einen leisen Strom, etwas Unbekanntes, von dem er noch nicht genau wusste, ob es gut sein würde oder schmerzhaft.
Er bewegte sich jetzt wild, auf der Truhe, unter der pendelnden Minze, in der schwülen Luft, und eine einsame Schmeißfliege summte unter dem alten Dachstuhl.
Er hörte die Fliege nicht, nicht das Knarren und Ächzen der alten morschen Truhe unter sich.
Er hörte allein die Brandung und den Schrei der Geliebten.
Da schloss er die Augen. Und etwas schoss aus ihm heraus, als würde es abgepresst von einer Riesenfaust. Etwas heißes schoss aus ihm hinaus. Dann lag er still und starr, wie in zu heißes Wasser geworfen. Regungslos für Sekunden. Er lag da, ganz still. Und das Meer war mit einem Male fort, und die Frau war fort!
Er lag da, mit wunden Knien, auf dem alten muffigen Lumpensack. Wenn er sich bewegte, knarrte der morsche Deckel der Truhe bedrohlich und laut.
Gellend schoss die Scham über das, was er getan hatte, in seinen Kopf. Ängstlich bemerkte er jetzt wieder das helle Geviert des Bodenfensters über seinem Kopf. Da wusste er ganz heiß vor Schreck und mit rasendem Herzen: Sünde war dies gewesen! Todsünde! Und Gott hatte zugesehn!
Wie ein Klotz fiel er herab von der Stätte seiner Frevel. Er sank vor der alten Truhe auf die Knie, etwas Warmes und Klebriges an Bauch und den Oberschenkeln. Dann kniete er vor der alten Truhe und dem geschändeten Lumpensack, den er nun nicht mehr ansehn konnte, ganz bekümmert vor Scham und Schuld! Ach, er wollte sterben!
Eine große Taubheit stieg in seinen Körper über das namenlos Schreckliche, was er begangen hatte. Ein abscheulicher Aussatz, den nur er sehen könnte, würde seine Augen, sein Gesicht, seine Hände entstellen!
Nie könnte er zurückkehren, zu den Seinigen, die es auf sich genommen hatten, ihn aufzuziehn! Nie wieder konnte er seine Hand, seine besudelte Hand, jemandem reichen! Sein Sperma würde daran haften und alle anderen besudeln!
Ja, selbst sein Blick würde seine Gier verraten, seine Unzucht, seine Sünde wie einen Pfeil abschießen, in die Augen der anderen!
Und die große Taubheit stieg und stieg bis in seinen Kopf, bis er in einen schwarzen Abgrund stürzte, als er begriff: er war ein Schänder!
Eine Pest war er! Eine gierige gefräßige Pest, mit einem blutigen Dolch in der Mitte des Körpers, der den Frauen zwischen die Beine fahren würde!
Und irgendwann würde er schamlos jede begehren, im Geiste die Schande mit ihr begehen, da oben, in dieser schwülen Bodenkammer, hingekauert mit wunden Knien auf diese alte Truhe und über den Lumpensack, den die Zange seiner Schenkel festhielt wie ein Reittier vor dem Galopp.
Nein! Er war jetzt Aussatz! Ein Sünder im Pfuhl seiner Schande! Und Gott wusste alles, denn Gott hatte zugesehn! Ja, Gott forderte jetzt sein erbärmliches Sünderleben, das spürte er genau!
Denn die Pforten der Hölle hatte er aufgestoßen mit seinem lüsternen Glied. Und die Teufel waren herausgeritten, jeder ein fettes breitarschiges Weib zwischen den Schenkeln, das nichts anderes war, als die eigene alte Mutter! Und sie tanzten und jauchzten rund um ihn her. Aber er war jetzt Aussatz, auf den die Leute mit Fingern zeigen würden, weil ja auf seiner Stirn das Schandmal war, das Mal der Schande! Und Gott hatte zugesehn!
Da rannte er polternd die Bodentreppe hinunter, über den Hof und durch den Garten, in dem die Hühner auseinander stoben. Über die Kuppe des Hügels rannte er und dann hinab, dem Walde zu.
Der Himmel war rot vom Blut. Ein feines Schreien lag über dem sündigen Land, ein Singen, wie von tausend Sägen!
Hoch und rot war der Himmel jetzt, über dem Feld, das er hinabhetzte, das Kribbeln des Grauens im Nacken, dass seine Haut sich kräuselte und Schauer um Schauer ihm den Nacken hinablief.
Ganz oben, am Himmel, fast im Zenit, da, wo das Blut zusammenlief, tauchte plötzlich ein feuriger Kopf durch die blutroten Wolken auf ihn herab. Und eine schrille Weiberstimme rief mit kreischendem Echo laut irgendwelche Namen der Schande. Der Wald, der schützende Wald, den er jetzt endlich, unten im Tal, erreicht hatte, mit einem Schrei, der bot keinen Schutz, denn er brannte.
Alles Holz mied ihn tatsächlich, und es raunte halblaut Namen der Schande und allerlei Flüche!
Hoch oben aber, über alledem, da bog das glutrote fürchterliche Weib, dessen Haar Flammen waren, die Kronen kreischend auseinander. Und da wusste er, ihr Auge war überall!
Sie kreischte lauter als tausend Sägen, und sie lachte ein schrilles Lachen.
Ihr Gesicht war eine Fratze, heller, als die Glut im Ofen, und ihre Augen waren riesige rotglühende Eisen! Sie hätte nach ihm greifen können, jederzeit, um ihn hinaufzuheben, in das Feuer und das Blut und das namenlose Grauen. Denn er war klein und hilflos, und Gott hatte ihn vollkommen verlassen! Aber sie tat es nicht! Und sie sah ihn nur an aus den Augen von rotglühendem Eisen, und sie lachte ihr schrill – kreischendes Lachen, dass die eiskalten Schauer ihm bis unter die Haare griffen. Sie lachte ihr schrilles Lachen, härter als tausend Felsen, während er unter einer dürren Fichte kauerte, hilflos, wie ein Stück Wild nach der Hatz.
Das rote Weib aber war noch da, als es schon Nacht wurde!
Ihr Glutgesicht kreiste am Himmel, größer, als der Mond, der nur eine dürre fahle Spange war, in ihrem Flammenhaar. Und ihr Lachen schoss ihm immer noch ins Mark wie das Kreischen des Jüngsten Gerichtes.
Er lag zitternd, das Gesicht im Altlaub vergraben, um zu sterben. Und das riesige rote Weib schritt über das Feld, zerstampfte den Raps und lachte sein schrilles Lachen, das der Wahnsinn war und die Stimme der Hölle selbst. Laut genug, Felsen zu sprengen, Holz zu entflammen und kleinen sündigen Menschen den Geist zu schmelzen!

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axel
Häufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 14
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Hallo Heiner.
Zu Beginn hat dein Text mir gut gefallen.
Die Vorbereitung der „Tat“ und auch den Akt an sich hast du sehr schön und gut nachvollziehbar beschrieben.
Die Desillusionierung direkt anschließend; Geräusche und anderes aus der realen Umgebung wieder wahrnehmen können, das passt auch noch gut, von mir aus auch plötzlich einsetzende Schuldgefühle.
Allerdings finde ich, dass du es anschließend mit diesen Schuldgefühlen doch ein ganzes Stück weit übertrieben hast. Wenn der arme Kerl eine strenge religiöse Erziehung genießen durfte, hat er mit solchen Gefühlen vielleicht etwas mehr zu kämpfen als andere, aber sooo schlimmm, so langatmig und so extrem?
Du könntest diese religiös motivierten Schuldgefühle ein bisschen relativieren, in dem du sie nur in seiner Erinnerung stattfinden lässt („die Mutter, der Pfarrer, der/die ... , hat doch immer gesagt, dass ...“), aber dein Protagonist sollte vielleicht irgend wann Zweifel entwickeln („War das wirklich so schlimm, was ich da getan habe?“).
Dass er sich stattdessen sogar bis zur Todessehnsucht in seine Gefühle hinein steigert, erscheint mir (wie auch der Weg dorthin) reichlich pathetisch, übertrieben und auch unglaubwürdig.
Wenn du ihn länger leiden lassen möchtest, dann gäbe es doch andere Möglichkeiten: Vielleicht ist sein Schniedel durch die heftigen Reibungen in den alten Stoffen wundgescheuert? Dann verspürt er Schmerzen, hat vielleicht Angst, dass das nicht mehr weggeht, oder dass seiner Mutter dies irgend wann auffallen könnte, ...
Vielleicht denkt er auch an seine Großmutter, deren alte Kleider er ja schließlich benutzt hat, und meint nun, seine Spuren verwischen zu müssen?
Solche praktischen und unmittelbaren Gedanken /Gefühle passen doch vielleicht besser zu einem gerade mal Teenager als all die wirklich sehr pathetischen Gedankengänge, die du ihm ins Hirn legst. Meinst du nicht?
Und das Ende? Da musst du dir wirklich etwas anderes einfallen lassen.
Schöne Grüße,
axel

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