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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Tote am Strand
Eingestellt am 14. 07. 2019 11:44


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Benni
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2013

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Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den FrĂŒhstĂŒcksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt ĂŒber die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, wĂ€hrend ihr TrĂ€nen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem Ă€lteren PĂ€rchen, das mich freundlich anlĂ€chelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, wĂ€hrend mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurĂŒck.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu ĂŒberprĂŒfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. TatsĂ€chlich ĂŒberschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der KĂŒste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklĂ€rten GrĂŒnden ĂŒber Bord gegangen sei. Die KĂŒstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch TrÀnen in den Augen.
„Sie mĂŒssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hĂ€tten kaum Hunger und wĂŒrden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wĂŒnsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrĂŒckte Stimmung auf den Magen schlĂ€gt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wĂ€re Journalist und hĂ€tte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen mĂŒsse. Aber sein Scheißauto wĂŒrde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklĂ€rt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hĂ€tte und er jetzt dringend zum Fundort mĂŒsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lĂ€chelt hĂ€misch. Er wĂ€re sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hĂ€tte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
'Ein Paparazzo', denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber ĂŒberrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den SĂŒden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. WĂ€hrend wir nĂ€her kommen, brechen alle GesprĂ€che abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hĂ€lt plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht ĂŒber Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurĂŒckgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fĂ€ngt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlĂ€gt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut FĂ€hrte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Touristen.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmĂ€ĂŸig an den Strand und umspĂŒlen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fĂ€llt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnĂŒgt glucksend in die Kamera lĂ€chelt.

Version vom 14. 07. 2019 11:44

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fion
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Registriert: Mar 2012

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Hi Benni,

diese/deine Geschichte ist toll, wenn auch traurig - und - ich habe sie gerne gelesen!

Zuerst dachte ich natĂŒrlich, dies wĂ€re ein Kurzkrimi, aber da habe ich mich schön von dir in die Irre fĂŒhren lassen (grins).

Auch wenn ich eben "Traurig" geschrieben habe, wÀre nachdenklich doch der passendere Ausdruck - und wahrscheinlich auch der bessere.
Wie sich die Gruppe der Schaulustigen auflöst, weil ihnen die Tote keine Quote bringt. Leider wahr.

Jetzt mal ein paar Gedanken, die mir beim Lesen durch den Kopf gegangen sind:

- scheinbar auf Malta ertrunken -
nicht auf, sondern vor Malta.

- Du hast vier Zeilen ĂŒber dein FrĂŒhstĂŒck geschrieben.
Schreib doch einfach:
Obwohl ich sie persönlich gar nicht kenne, ist mir doch der Appetit vergangen und ich gehe zu meinem Mietwagen, mit dem ich die Insel erkunden will.
Neben meinem Auto steht ein Wagen mit geöffneter Motorhaube, und ĂŒber den Motor gebeugt, ein wild fluchender Mann.
Als ich einsteige, wirbelt er herum und lÀuft sofort zu mir.

Je kĂŒrzer und knackiger der Text, desto besser.

- Scheißauto ist kein passender Ausdruck fĂŒr deine Kurzgeschichte - passt gar nicht in deine Sprache. Kommt sonst auch nicht vor.

- unter Deck besserer Ausdruck, als Schiffsrumpf.

- drei Mal hast du das Wort - scheinbar - geschrieben.
Scheinbar ist immer so schwammig. Bin darĂŒber nur gestolpert.

- Ein großes Badetuch (BadetĂŒcher sind immer groß) aufgewölbt im Kies...
Ich verstehe ja, welches Bild du beim Leser erzeugen möchtest, aber aufgewölbt bringe ich eher mit Papierkanten oder Metall nach einer Explosion in Verbindung. Schreib doch einfach, dass jemand ein Badetuch ĂŒber die im Sand liegende Person...

- angstschreiende Augen. Weit aufgerissen, reicht doch.

Liebe GrĂŒĂŸe, mach weiter und ich bin auf mehr von dir gespannt.















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Benni
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@fion

Vielen Dank fĂŒr Lob und Kritik; andere Perspektiven sind ja doch immer wieder hilfreich, um den eigenen Text zu verstehen.

Zu den einzelnen Punkten:

- „Vor Malta“, klar.

- FrĂŒhstĂŒck: Ich denke, ich wollte den Übergang zum Auto etwas „sanfter“ gestalten, aber tatsĂ€chlich trĂ€gt meine Brötchenwahl nicht sehr viel zur Geschichte bei (Ich hatte sie eigentlich als Urlaubsbericht auf Facebook gepostet, in dem Kontext schien es mir richtig, dem Text dadurch eine persönliche Note zu geben).

- Scheißauto: Hier ist wieder interessant, wie der Text auf den Leser wirkt, ich hĂ€tte gedacht, dass der Ausdruck zu dem Paparazzo ganz gut passen wĂŒrde.

- „Unter Deck“, ich weiß noch, nach dem Begriff hatte ich beim Schreiben im Kopf gesucht, aber ihn nicht gefunden :-)

- Aufgewölbtes Badetuch: Ich dachte es trÀgt zur Dramaturgie bei, an der Stelle nicht von der Leiche zu reden, aber da ja eh klar ist, was sich unter dem Tuch befindet, hÀtte man es auch tun können.

Nochmals danke, gerade die Kleinigkeiten helfen, den eigenen Stil zu verbessern.

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fion
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2012

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Hi Benni,

ganz gerne geschehen.

Ich weiß, wie sehr man feedback braucht.

Und das mit dem Scheißauto, wĂ€re fĂŒr den Paparazzo ganz ok, aber in deiner Sprache passt es nicht - finde ich.

Bis dann

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