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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Toten
Eingestellt am 18. 04. 2001 18:16


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Die Toten

Wawa sa├č auf dem hohen Krankenhausbett ihrer Mutter und pickte z├Âgernd an den Trauben die sie ihr mitgebracht hatten. Sie beobachtete das ernste Gesicht ihre Urgro├čmutter und versuchte das Gespr├Ąch zu begreifen. Ihre Mutter sprach russisch, damit die anderen Frauen im Zimmer nichts verstehen konnten und sah Wawa dabei immer wieder mit einem verzweifelt-feuchten Blick an. Wawa mochten diesen Blick nicht. Er bedeutete eigentlich immer, dass ihre Mutter getrunken hatte ÔÇô nur heute konnte sie nichts riechen. Traurig und verlegen strich sie mit dem Finger Figuren in die Bettdecke. Ihre Mutter war operiert worden, sie w├╝rde nie einen Bruder oder eine Schwester bekommen. Wawa hatte sich seit einem Jahr darauf gefreut, sie wollte nicht mehr alleine sein. Ihre Mutter hatte es ihr ganz fest versprochen. Es w├Ąre ein Negerkind gewesen, ein kleiner Neger mit dem sie sp├Ąter h├Ątte zusammen in die Schule gehen k├Ânnte. Ihre Urgro├čmutter schien es allerdings nicht so schlimm zu finden. Die klugen Augen, die schon alle Farbe verloren hatten, waren auf das Kind gerichtet als sie zu Wawas Mutter sagte,
ÔÇ×du h├Ąttest nie ein Kind haben d├╝rfen, es war eine S├╝nde von dirÔÇť
├ängstlich beobachtete Wawa wie ihre Mutter den Kopf weit zur├╝ckwarf und die Decke anlachte. Sie lachte als w├Ąre etwas sehr komisches passiert, allein Wawa verstand nicht was es gewesen sein k├Ânnte.
Schlie├člich schlug ihre Mutter die Bettdecke zur├╝ck und zog ihren gr├╝nen Bademantel ├╝ber. Sie zog sich ihre Stra├čenschuhe mit den hellen Kreppsohlen m├╝hsam ├╝ber die geschwollenen F├╝├če, nahm Wawas Hand und sagte sie w├Ąren gleich wieder da. Sie gingen ├╝ber den gl├Ąnzenden Linoleumboden des Krankenhausflurs. Die Kreppsohlen ihrer Mutter quietschten bei jedem Schritt. Wawa lie├č sich widerwillig hinterher ziehen, sie wollte nicht durch das Krankenhaus gef├╝hrt werde. W├Ąhrend sie auf den Lift warteten, gesellten sich noch mehr Patienten zu ihnen. Ein alter Mann der schrecklich hustete und einen Verband um den Hals trug sowie zwei Damen in sehr eleganten Morgenr├Âcken die leise miteinender sprachen. Wawa sch├Ąmte sich f├╝r den alten Bademantel ihrer Mutter. Eine Tasche war ausgerissen, zwei P├Ąckchen Zigaretten ragten heraus. Das kam von den Schnapsflaschen die sie sonst immer in die Taschen stopfte. Als schlie├člich der Aufzug kam, war Wawa erleichtert. Sie war sicher, die beiden Damen sprachen ├╝ber sie, ├╝ber das arme Kind. Alle sprachen sie immer ├╝ber das arme Kind wenn sie mit ihrer Mutter unterwegs war. Wawa hasste es, sie hasste die Leute die das taten, sie hasste ihre Mutter und sich selber. Ihre Mutter dr├╝ckte den Knopf zum Kellergeschoss, als sie dort ankamen war au├čer ihnen keiner mehr im Aufzug. Der Gang auf den sie traten, war nicht so hell beleuchtet wie in den oberen Stockwerken und von einem tiefen, gleichm├Ą├čigen Dr├Âhnen erf├╝llt. Ihre Mutter meinte das k├Ąme von der Heizung, daher war es wahrscheinlich auch so warm hier. Wawa dr├Ąngte sich an ihre Mutter als sie den d├Ąmmrigen Flur immer weiter gingen. Ab und zu kamen sie an breiten, grauen Metallt├╝ren vorbei. Ihre Mutter lie├č ihre Hand los, und ging etwas schneller auf die letzte T├╝r zu, und ├Âffnete sie mit einem einladenden L├Ącheln ├╝ber die Schulter. Der Raum war erst finster aber als sie den Lichtschalter gefunden hatte, gingen ├╝berall Neonr├Âhren an. Wawa musste in der pl├Âtzlichen Helligkeit blinzeln. Der Raum war gro├č und im Gegensatz zum Flur sehr kalt. F├╝nf Betten standen an der linken Wand. Die Betten waren ganz mit Laken bedeckt unter denen sich K├Ârper abzeichneten. Wawa blieb in der T├╝r stehen, w├Ąhrend ihre Mutter hineinstolzierte, als sei es ihr Schlafzimmer.
ÔÇ× Schau, das habe ich entdeckt. Hier bringen sie die Toten hin.ÔÇť
Sie klopfte l├Ąssig mit der Hand auf einen der K├Ârper,
ÔÇ×ich zeige dir jetzt eine Leiche, du hast ja noch nie eine gesehen. Es ist wirklich nicht schlimm!ÔÇť
Wawa r├╝hrte sich nicht von der Stelle. Ihre Mutter kam schlie├člich zu ihr, nahm ihre Hand und f├╝hrte sie liebevoll zu dem ersten Bett. Langsam zog sie das Laken am Fu├čende zur├╝ck. Wei├če F├╝├če mit dicken gelben Hornh├Ąuten kamen zum Vorschein. Sie nahm einen Fu├č und sch├╝ttelte ihn leicht,
ÔÇ×siehst Du, es passiert wirklich nichts. Tote tun einem nichts.ÔÇť
Sie begann wieder leise zu lachen, als sie wiederholte,
ÔÇ×Tote tun dir bestimmt nichtsÔÇť.
Wawa hatte Angst, ihr war alles unheimlich. Das st├Ąndige Dr├Âhnen, das viel schlimmer war als Stille. Ein Gef├╝hl als w├╝rde jemand ihr die Ohren zuhalten. Sie sah immer wieder zur T├╝r, ob da nicht jemand stand. Schlie├člich tat sie ihrer Mutter den Gefallen und ber├╝hrte den Toten mit dem Finger am Kn├Âchel. Ihre Mutter dr├╝ckte sie kurz an sich, sie war zufrieden mit ihr. Dann schlug sie den oberen Teil des Bettlakens zur├╝ck. Wawa sah ein gelbes Gesicht mit grauen Bartstoppeln. Der Mund war stark eingefallen und um Kopf und Kinn war eine Bandage. Obwohl seine Augen geschlossen waren, schien er sie mit traurigem Blick anzusehen. Das lag sicher an den Augenbrauen, die leidvoll emporgezogen waren. Wawa hatte genug, sie wich auf den Flur zur├╝ck und bat ihre Mutter flehentlich zu kommen. Ihre Mutter sah sie verst├Ąndnislos und entt├Ąuscht an,
ÔÇ×ich hatte mich so darauf gefreut dir das alles zu zeigen, du bist doch meine Tochter. Au├čer mir wei├č keiner wo die Leichen sind. Ich dachte das w├╝rde dich interessieren.ÔÇť
Mit einem Ruck zog sie das ganze Laken zur├╝ck,
ÔÇ×dann schau dir jedenfalls an wie ein nackter Mann aussieht. Du hast mich doch vor zwei Wochen gefragt wie M├Ąnner aussehen wenn sie nichts anhaben. Komm her und schau es dir an.ÔÇť
Wawa kam mit widerwilliger Neugier n├Ąher. Sie sah haarige, faltige, dunkle Haut die oben zwischen den Schenkeln hing und einen kleinen Fleischwulst wo sie keinen hatte. Jedenfalls wusste sie jetzt wie M├Ąnner ohne etwas an aussehen.
Sp├Ąter, als sie wieder im Lift standen, versuchte ihre Mutter sie zu umarmen, aber Wawa wollte nicht. Sie wollte nichts davon h├Âren als sie ihr sagte,
ÔÇ×du bist doch jetzt der einzige Mensch den ich liebe, du bist f├╝r mich das wichtigste auf der Welt, vor allem jetzt wo ich keine anderen Kinder mehr bekommen kann.ÔÇť
Wawa w├╝nschte sich nur, dass ihre Urgro├čmutter nie sterben m├Âge.

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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Verwirrung

Hi Kyra,

deine Geschichte hat mich spontan an einen ├Ąhnlichen "Ausflug" in einem Krankenhaus erinnert; unter solchen Umst├Ąnden Tote zu sehen, ist absto├čend, weil sie hier wie Ausschuss rumliegen, den die "Fabrik" Krankenhaus produziert hat.
Allerdings hat deine Geschichte zwei Stellen, an denen man h├Ąngen bleibt, an denen zumindest ich erst h├Ąngen geblieben bin: Jedes Mal, wenn die Mutter zu Wawa spricht, ist nicht klar, wer spricht, man meint also, Wawa h├Ątte nie Kinder bekommen sollen, und Wawa k├Ânne jetzt keine mehr bekommen. Das lie├če sich allerdings mit einem minimalen Eingriff ├Ąndern: "...die klugen Augen waren auf Wawa gerichtet, als sie ZUR MUTTER sagte..." und "...sie wolte nichts davon h├Âren, als IHRE MUTTER ihr sagte..." Die dann auftretenden Wiederholungen kannst du sicher selbst leicht korrigieren.
Trotzdem ist es DEIN Text, und nur DU entscheidest, ob, und wenn, was ge├Ąndert werden soll. Kann ja schlie├člich auch sein, dass ich etwas schwer von Begriff bin...
Gr├╝├če, Rainer
__________________
die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
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Danke Rainer

Hallo rainer,

danke, ich bin immer dankbar wenn man mich auf solche Fehler aufmerksam macht

Kyra

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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
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vorhin vergessen...

Hi Kyra,

nichts desto trotz, und das habe ich vorhin gar nicht geschrieben (Schande!), finde ich deine Geschichte interessant und glaubwürdig! Hast du etwas Ähnliches einmal erlebt?
Gr├╝├če, Rainer
__________________
die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
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Hallo Rainer

Du fragst :
deine Geschichte interessant und glaubwürdig! Hast du etwas Ähnliches einmal erlebt?

ich habe das genau so erlebt. Die anderen Geschichten um das Kind kannst Du weiter hinten im Forum lesen unter "Kind", "Nagelschere" "Notdurft" "Der letzte Blick"

Viele Gr├╝├če

Kyra

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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
Kommentare: 50
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Kyra, ich finde ja insgesamt, dass du wahrhaftig ├╝ber ein sehr sensibles Sprachgef├╝hl verf├╝gst, aber deine Wawa-Geschichten sind wirklich un├╝bertroffen!

Begeistert und ber├╝hrt - Kira

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