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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Traumfrau
Eingestellt am 13. 12. 2003 13:45


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Tapir
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Wo fr├╝her bayrische Z├Âllner die unerlaubte Einfuhr ├Âsterreichischen Stroh-Rums kontrollierten, mahnten jetzt Schilder, die Geschwindigkeit bis auf Sechzig zu reduzieren. Damals mu├čte man noch seinen Pa├č vorzeigen, dachte er, w├Ąhrend er die ehemalige Zollstation Kiefersfelden passierte.
Seit dem Brenner hatte er wieder diese Unruhe gesp├╝rt. Wie immer, wenn er von einem Urlaub aus dem S├╝den nach Hause fuhr. Sollte er bei ihr vorbeifahren? Der Ort, in dem sie wohnte, lag verf├╝hrerisch nahe neben der Autobahn. Keine zwanzig Kilometer Umweg.
Siebzehn Jahre war das jetzt her. Er hatte sich diesen Urlaub damals eigentlich gar nicht leisten k├Ânnen. Nach dem abgebrochenem Studium und den Aushilfsjobs, mit denen er sich einige Monate ├╝ber Wasser halten konnte, hatte er die Ausbildung zum B├╝rokaufmann angefangen. Aber sein letzter richtiger Urlaub lag damals auch schon ein paar Jahre zur├╝ck. Und deswegen hatte er auch sofort zugesagt, als Matthias und Tom ihm angeboten hatten, mit nach Italien zu fahren. Den zweiw├Âchigen Zelturlaub und die Fahrt zu dritt im Kleinwagen hatte sein Budget gerade noch verkraften k├Ânnen.
Er konnte sich noch genau an die erste Begegnung erinnern. Das riesige amerikanische Wohnmobil hatte eines Morgens neben ihrem Zelt gestanden und beim Aufstehen hatten sie gesehen, wie ihre neuen Nachbarn bereits am Fr├╝hst├╝ckstisch sa├čen. Von ihr sah er erst nur die langen blondgelockten und mit Str├Ąhnchen durchsetzten Haare. Genau die Sorte, bei der man unbedingt einen Blick auf das Gesicht werfen will, um zu sehen, ob es das Versprechen auch einh├Ąlt.
Wie sie jetzt wohl aussehen mochte? Siebzehn Jahre ver├Ąndern viel. Ob sie schon graue Str├Ąhnen in den blonden Haaren hatte? F├╝r ihn war sie immer noch die Frau von achtundzwanzig. Dabei war sie jetzt f├╝nfundvierzig. Wie alt w├Ąre ihm vor siebzehn Jahren eine F├╝nfundvierzigj├Ąhrige vorgekommen?
Als er sie damals - auf dem Weg zu den Sanit├Ąrgeb├Ąuden - das erste Mal richtig gesehen hatte, war es ihm vorgekommen, als habe irgendetwas auf einen Knopf in seinem Inneren gedr├╝ckt und seine K├Ârpertemperatur von einer auf die andere Sekunde um mindestens zwei Grad ansteigen lassen. Die hellblauen Augen und der Mund, um den st├Ąndig ein L├Ącheln zu spielen schien, strahlten eine Gelassenheit und Nat├╝rlichkeit aus, wie sie wohl nur bei Menschen zu finden ist, denen alles gelingt. Ihr K├Ârper ├╝bte eine solche Anziehungskraft auf ihn aus, da├č er kaum hinsehen konnte, ohne zu bef├╝rchten, das Verlangen, diesen K├Ârper zu ber├╝hren, st├╝nde ihm ins Gesicht geschrieben. Wie aber einem kleinen Jungen, der sich an der Schaufensterscheibe eines Luxuswagenh├Ąndlers die Nase plattdr├╝ckt, oder einem Teenager, der stumm und aus der Distanz – ohne sich l├Ącherlich machen zu wollen – von einer Schauspielerin, einer Titelsch├Ânheit oder Sportlerin schw├Ąrmt, so erschien sie ihm auch wie aus einer anderen, zwar existenten aber ihm nicht zug├Ąnglichen Welt. Und so ├╝berraschte es ihn umso mehr, da├č sie auf dem R├╝ckweg kopfnickend gr├╝├čte und l├Ąchelnd „Hallo“ sagte, bevor sie wieder in Richtung Wohnmobil verschwand.
Er fuhr jetzt langsamer, kaum schneller als hundertzehn. Ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten. Das gab ihm mehr Zeit zum ├ťberlegen. Noch knapp drei├čig Kilometer bis zur Ausfahrt. Sollte er oder sollte er nicht? Er sp├╝rte, wie die Unruhe immer st├Ąrker wurde. Das ging ihm jedes Mal so auf dieser Strecke. Seit Jahren schon.
Sie waren ins Gespr├Ąch gekommen damals. Zuerst belanglose, nette Plaudereien ├╝ber das Wetter, den Strand, das Surfen. Wie sehr sie um ihre Wirkung wu├čte, war un├╝bersehbar. Aber sie spielte nicht damit. Beim Grillen am Lagerfeuer wurde aus dem Gespr├Ąch in gro├čer Runde immer mehr ein Zwiegespr├Ąch. Er erfuhr, da├č sie aus einer Hoteliersfamilie stammte. Genau wie ihr Freund, der nun kurz vor der ├ťbernahme des elterlichen Hotels stand und mit dessen Renovierung besch├Ąftigt war. Sie hatte mehrere Jahre in verschiedenen L├Ąndern gearbeitet und war danach ein halbes Jahr durch Asien gereist. Und w├╝rde nun nach diesem Urlaub in der Toskana heiraten und mit ihrem Freund das Hotel nahe der ├Âsterreichischen Grenze f├╝hren.
Er hatte ihr von seinen geplatzten Musikertr├Ąumen erz├Ąhlt. Von der Schauspieltruppe, der er mit zweien seiner Freunde angeh├Ârte. Und der Wohngemeinschaft, in der er seit drei Jahren lebte. Ihr oft fragender, erstaunter Blick und das gelegentliche Kopfsch├╝tteln verrieten ihm, da├č sein Leben ihr mindestens ebenso fremd und exotisch erschien wie ihm das ihrige. Erst als es hell wurde, l├Âschten sie das Feuer. Eine kurze, freundschaftliche Umarmung, bei der er ihren Duft so intensiv wahrnahm, da├č er fast glaubte, davon ohnm├Ąchtig zu werden. Dann Gute-Nacht W├╝nsche. Und als er sich in seinen Schlafsack zw├Ąngte, erschrak er fast, als ihm bewu├čt wurde, wie sehr er sich in sie verliebt hatte – eben so aussichtslos wie unaufhaltsam.
Noch zwanzig Kilometer. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Er schaltete die Scheibenwischer ein. Aus dem Cassettenrecorder kam die Musik, die er ihr schon vor Jahren zusammengestellt und zugeschickt hatte. Mit ihrem Lied: Peter Gabriel und Kate Bush. „Don┬┤t give up“. Wieder und wieder konnte er dieses Lied h├Âren – untrennbar mit ihr verbunden - und sich an der Euphorie und Traurigkeit berauschen, die es bei ihm ausl├Âste. Er war sich immer noch nicht im Klaren dar├╝ber, ob es damals – vor siebzehn Jahren – Gl├╝ck oder Ungl├╝ck war, sie getroffen zu haben.
Nach jenem Abend waren nur wenige Tage bis zur Abreise verblieben. Zwischen Surfen, Schwimmen und abendlichem Beisammensitzen war die Zeit wie im Fluge vergangen. Die N├Ąhe und Vertrautheit jenes Abends stellte sich zwar nicht mehr ein, trotzdem geno├č er jede Sekunde mit ihr. Den Gedanken, da├č sie das Gleiche f├╝r ihn empfinden k├Ânnte, verwarf er. Bei jeder anderen Frau w├Ąre er sich sicher gewesen, h├Ątte die Signale wahrgenommen und zumindest einen Versuch gewagt. Aber dann sah er das riesige Wohnmobil und dachte an das frisch renovierte Hotel und den Freund, der auf die vorausgeplante, gemeinsame Zukunft wartete. An dieses ganze andere Leben. Und gab sich keine Chance.
Dann der letzte Tag. Ihre Abreise hatten sie f├╝r den Abend geplant. Mit dem n├Ąherkommenden Abschied waren sein ├ärger und seine Unruhe gewachsen. Irgendetwas mu├čte er ihr sagen, die Begegnung mit ihr durfte nicht einfach so in einem Fotoalbum verschwinden. Aber wie und was?Ein letztes Mal an den Strand, bevor die Zelte abgebaut und alles in den Kleinwagen verstaut wurde. Und noch mal duschen, um sich das Salz vom K├Ârper abzuwaschen. Auf dem einfach ausgestatteten Campingplatz gab es keine getrennten Bereiche f├╝r M├Ąnner und Frauen, so da├č sie Kabine an Kabine duschten. Sie stand schon unter der Dusche, w├Ąhrend er noch damit besch├Ąftigt war, die Temperatur einzustellen. Aber seine Dusche blieb entweder kalt oder das Wasser kam kochend hei├č aus dem Duschkopf, was er mit h├Ârbarem ├ärger begleitete. Was los sei, hatte sie gerufen. Und er hatte geantwortet, da├č er die Temperatur nicht eingestellt bek├Ąme. Dann solle er doch zu ihr ┬┤r├╝berkommen, hatte sie gesagt. Erst hatte er seinen Ohren nicht trauen wollen und dann - w├Ąhrend ihm das Blut in den Kopf scho├č - ├╝berlegt, wie sie das gemeint haben k├Ânne. Und sich die Peinlichkeit vorgestellt, wenn er es ernst, sie es aber scherzhaft gemeint h├Ątte. Drei, vier Sekunden stand er unschl├╝ssig in der Kabine und schaute auf die verkalkten Armaturen. Dann hatte er gelacht. Und weiter so lange an den Reglern herumprobiert, bis er eine vertr├Ągliche Einstellung gefunden hatte.
Eine Stunde sp├Ąter dann die Abfahrt. Matthias und Tom sa├čen schon im Auto - ungeduldig. Sie stand mit ihrer Schwester, dem Schwager und den Nichten zur Verabschiedung daneben. Eine letzte, fl├╝chtige Umarmung, bei der sie ihm „das mit der Dusche habe ich ├╝brigens ernst gemeint“ ins Ohr fl├╝sterte, sich aus seiner Umarmung l├Âste und v├Âllig konsterniert stehen lie├č.
Bis zum Gotthard wurde er nicht m├╝de, den beiden anderen wieder und wieder zu erkl├Ąren, mit welch lebens- und liebesunf├Ąhigem Idioten sie es hier zu tun h├Ątten. ├ärgerte sich nicht nur ├╝ber die verpasste Gelegenheit, sondern dar├╝ber, das Eindeutige nicht gesehen und keinen Mut gehabt zu haben. Wurde erst in der Schweiz ruhiger und sa├č dann die letzten paar hundert Kilometer nur noch stumm in Fasssungslosigkeit versunken auf der R├╝ckbank, sich langsam damit abfindend, das Geschehene weder r├╝ckg├Ąngig machen zu k├Ânnen noch eine zweite Chance zu bekommen.
Noch zehn Kilometer. Vielleicht w├Ąre es damals wirklich besser gewesen, die Sache auf sich beruhen zu lassen, dachte er, w├Ąhrend er die Cassette aus dem Autoradio herausnahm und umdrehte. Es einfach als einen netten Urlaubsflirt zu nehmen. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Aber als er damals wieder zu Hause angekommen war und nach ein paar Tagen den Zettel mit ihrer Telefonnummer zwischen ein paar Tausend Lire-Scheinen gefunden hatte, hatte er der Versuchung nicht standhalten k├Ânnen. Erst hatte er nur ein paarmal die Vorwahl gew├Ąhlt, dann abgebrochen, sich schlie├člich zu den ersten Ziffern der Rufnummer vorgetastet, wieder eingeh├Ąngt, aber irgendwann doch durchgew├Ąhlt und das Freizeichen abgewartet. Nach dem vierten Klingeln hatte sie abgehoben.
Sie hatte gar nicht ├╝berrascht gewirkt, sich ├╝ber seinen Anruf gefreut. ├ťber eine Stunde hatten sie sich unterhalten. ├ťber den Urlaub, den letzten Tag und wie ihr Leben weitergegangen war. Er hatte ihr irgendwann gesagt, da├č er sie gerne wiedersehen w├╝rde. Und sie hatte ganz gelassen geantwortet: Am kommenden Wochenende w├╝rde es nicht gehen, daf├╝r aber am n├Ąchsten. Sie w├╝rde sich erkundigen, welche Fl├╝ge gehen und sich wieder bei ihm melden.
Er wu├čte nicht mehr, was ihn damals mehr beeindruckt hatte. Die Tatsache, da├č sie ├╝berhaupt oder da├č sie mit dem Flugzeug kam. In seiner Vorstellung existierten nur Mitfahrzentralen oder verbilligte Bahnticktes. Noch Minuten nachdem sie aufgelegt hatte, stand er sprachlos neben dem Telefon mit dem H├Ârer in der Hand und realisierte erst langsam, da├č sie tats├Ąchlich einen Linienflug buchen w├╝rde - so wie er eine Busfahrkarte kaufte - um ihn in seinem sechzehn Quadratmeter gro├čen WG-Zimmer zu besuchen.
Noch ein Kilometer bis zur n├Ąchsten Ausfahrt. Jetzt mu├čte er sich entscheiden. Der Regen hatte inzwischen wieder nachgelassen. Er kannte den Weg von der Autobahn aus ├╝ber die Landstra├če, war ihn schon oft um diese Zeit gefahren.
Ein paar Tage nach dem Anruf, an einem regnerischen und grauen Sonntagnachmittag, hatte sie tats├Ąchlich dagesessen: in dem Zimmer mit der Matratze auf dem Fu├čboden, der Schallplattensammlung und dem ausrangierten Kleiderschrank seiner Eltern. Seine Befangenheit hatte sie ihm an dem Freitagabend, an dem er sie vom Flughafen abholte, innerhalb von Minuten genommen – mit der Selbstverst├Ąndlichkeit, mit der sie ihn schon von weitem angestrahlt, sp├Ąter umarmt und auf den Mund gek├╝├čt hatte. Es hatte gar keiner Erkl├Ąrungen bedurft. Sie waren erst essen gegangen und jene Vertrautheit, die wie aus dem Nichts gekommen war, blieb auch, als sie - anstatt tanzen zu gehen - gleich nach dem Essen zu ihm nach Hause fuhren. Sie blieb, als er die T├╝re hinter ihnen abgeschlossen hatte, sie langsam auszog, ihren K├Ârper an seinem sp├╝rte und ihren Duft und ihre Ber├╝hrungen wahrnahm wie etwas, auf da├č er schon seit langer Zeit gewartet hatte. Es war alles perfekt, ihre Bewegungen wie in hundert Jahren aufeinander eingespielt, blindes Verst├Ąndnis ohne Fragen, ein Sog aus purer Lust, Bewegung, Hitze und Schwei├č, der sie beide gleicherma├čen erfasst hatte und nur zum Essen und den wenigen notwendigen Stunden Schlaf zwischendurch voneinander ablie├č. Aber jetzt sa├č sie da - zwei Stunden bevor sie sich auf den Weg zum Flughafen machen mu├čten – m├╝de, ├╝bern├Ąchtigt, ├╝berdreht und erz├Ąhlte ├╝ber ihr Leben, ihre Familie, die beiden Schwestern, das Skifahren im Winter, das Segeln im Sommer und er sah ihre leuchtenden Augen dabei, sp├╝rte etwas Schweres, erst kaum wahrnehmbar, dann immer deutlicher. Erst dachte er, es w├Ąre nur der bevorstehende Abschied. Aber es war etwas anderes.
Mit dem Auto seines Freundes brachte er sie zum Flughafen. Lange standen sie vor dem Gate, umarmten sich, versprachen sich, da├č dies nicht das letzte Mal gewesen sein sollte. Dann wurde der Flug aufgerufen und sie mu├čte gehen. Ihr Duft umgab ihn noch Stunden sp├Ąter. Und damit jenes Gef├╝hl zwischen Euphorie und Aussichtsloigkeit, das ihn zugleich unendlich erf├╝llte und unsagbar traurig machte.
Dann kam die Ausfahrt. Er bog ab, fuhr unter der Autobahn durch und hatte nur noch f├╝nf Kilometer Landstrasse vor sich. Er fuhr so langsam, da├č ihn mehrere Fahrzeuge auf der kurvigen Strecke durch den Wald ├╝berholten.
Ein paar Wochen sp├Ąter war sie wiedergekommen. Wieder mit dem Flugzeug. Ihrem Freund hatte sie alles erz├Ąhlt. Und ihn gebeten, ihr Zeit zu lassen. Er hatte das respektiert. Und die Renovierung weiter vorangetrieben, als sei nichts passiert.
Danach war sie noch drei Mal gekommen. Bis sie sich entschieden hatte. Nicht gegen ihn. Aber f├╝r ihr Leben. Er hatte damit gerechnet. Sogar Verst├Ąndnis gehabt. Und sich machtlos gef├╝hlt, irgend etwas dagegen zu tun.
Nur die Gedanken an sie war er nie wieder losgeworden. Trotz der vielen Frauen, die er nach ihr gehabt hatte. Mit denen er es nie l├Ąnger als ein paar Monate ausgehalten hatte, weil die Erinnerung an jene Selbstverst├Ąndlichkeit im Handeln und F├╝hlen, an zwei K├Ârper, die einander gesucht und gefunden hatten, ohne Abwarten, ohne Ausprobieren, ohne Kompromisse, Fragen oder Diskussionen einfach zu stark war. Er hatte etwas gefunden, von dem es einfacher gewesen w├Ąre, zu glauben, da├č es nur in der Vorstellung existierte.
Hin und wieder hatten sie telefonierten in den folgenden Jahren. Ein halbes Jahr nach ihrem letzten Besuch hatte sie geheiratet. Zwei Jahre sp├Ąter das erste Kind bekommen, weitere zwei Jahre darauf das zweite.
Jetzt hatte er den kleinen Ort erreicht, in dem das Hotel un├╝bersehbar den Mittelpunkt des Dorfplatzes bildete. Er hielt an, stieg aus dem Auto aus und roch den Duft der noch vom Regen nassen Strasse. Er ging ├╝ber den Platz auf den erleuchteten Eingang zu und blieb davor stehen. Von drinnen h├Ârte er durch halbge├Âffnete Fenster Stimmen, meinte sogar einmal, ihr Lachen herauszuh├Âren. Er z├╝ndete sich eine Zigarette an und ging unschl├╝ssig ein paar Schritte auf und ab. Was w├Ąre, wenn er jetzt einfach hineingehen w├╝rde? Wahrscheinlich w├╝rde sie ihn mit der gleichen Selbstverst├Ąndlichkeit begr├╝├čen wie damals. Ohne eine Spur der Irritation. Fragen, ob er etwas essen wolle oder ein Zimmer f├╝r die Nacht. So, wie sie ihn unter ihre Dusche gebeten oder einen Linienflug gebucht hatte. Und so, wie sie sich letztlich f├╝r das andere Leben entschieden hatte. Pl├Âtzlich kam ihm alles fremd vor. Was mache ich hier eigentlich, fragte er sich, so unmittelbar an der Grenze zu einem anderen Leben, das eigentlich noch nie wirklich etwas mit seinem zu tun gehabt hatte. Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, warf sie auf den Boden und trat sie aus. Dann setzte er sich in seinen Wagen und fuhr zur├╝ck. Zur├╝ck in sein Leben - wie all die Jahre zuvor auf der R├╝ckfahrt aus dem S├╝den.

┬ę by Stefan Schrahe

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