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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Trennung, letzte Fassung
Eingestellt am 30. 12. 2001 13:27


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

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Die Trennung

Eine Geschichte von Stefan Seifert




Er war etwa fĂŒnf Jahre alt, als sie sich trennten. Es muß im Sommer gewesen sein. Sebastian spielte im Garten mit einem Ball. Nachdem er eine Weile still fĂŒr sich gespielt hatte, schoß er den Ball hoch in die Luft, so daß er in ein entferntes GebĂŒsch fiel. Sebastian wollte den Ball holen. Das war nur recht und billig, schließlich hatte er ihn leichtfertig dorthin befördert. Aber Er wollte nicht. Er fand das Ganze mit dem Ball dumm und wollte lieber etwas anderes tun. Da trennten sie sich. Sebastian holte den Ball. Danach stand er mit dem Ball in der Hand da und sah die eigensinnige Gestalt, die bis vor kurzem noch ein Teil von ihm gewesen war, den Gartenweg hinuntergehen. Dann war sie verschwunden.

Seitdem hatte Sebastian diesen angestrengten, bemĂŒhten Ausdruck im Gesicht. Als mĂŒĂŸte er etwas Fehlendes wettmachen. Es gab ein Photo, das nach seiner SchuleinfĂŒhrung bei einem Photographen gemacht worden war. Darauf saß Sebastian an einem Tisch vor einem Schreibheft, hielt einen FĂŒllfederhalter in der Hand und lĂ€chelte in die Kamera. Alles war nett und ordentlich, wie es sein sollte. Und alles war falsch. Das Bild war gestellt, in dem FĂŒllfederhalter war keine Tinte, in das Heft vor ihm wĂŒrde er nie etwas schreiben und das LĂ€cheln auf dem Gesicht war gezwungen. Man mußte nicht sehr genau hinsehen, um im Mundwinkel die Verzerrung zu bemerken. Den Punkt, an dem die ganze trĂŒgerische Pose wie mit unsichtbaren Seilen festgezurrt war und von dem aus sie mit gewaltiger innerer Anstrengung aufrecht erhalten wurde.

Sebastian mußte immerfort viel Kraft aufbringen. Denn seine eigentliche, natĂŒrliche Kraft war gegangen. Der andere hatte sie mitgenommen. Das durfte keiner merken. Es wĂ€re eine Katastrophe gewesen, ein EingestĂ€ndnis der eigenen Unvollkommenheit und Wertlosigkeit. Und so bemĂŒhte er sich unentwegt, genau dem Bild zu entsprechen, das man von ihm zu sehen erwartete. Wie eine mechanische Puppe, deren RĂ€derwerk mit Hilfe kleiner Motoren unter der OberflĂ€che schnurrte und raste, um nach außen den Eindruck zwanglosen Lebens zu erzeugen.

Man kann nicht sagen, daß Sebastian in seinem BemĂŒhen erfolglos war. Er galt als guter und strebsamer SchĂŒler und als ein Kind, das sich hoffnungsvoll entwickelte. Aber er wurde nie Klassenprimus, auch nicht zweiter oder dritter. Paßte er einmal nicht auf und ließ in seinen fortwĂ€hrenden Anstrengungen nach, konnte es passieren, daß er mit seinen Leistungen ins letzte Drittel der Klasse abrutschte. Er bemĂŒhte sich dann, den Anschein zu erwecken, als wĂ€re er eine Art verbummeltes Genie, zwar begabt, aber faul. Die Wahrheit war das allerdings nicht. Die hielt er Ă€ngstlich verborgen.

Bei seinem Streben, ein von natĂŒrlichen KrĂ€ften gespeistes Leben zu imitieren, unterliefen ihm zuweilen absurde und peinliche Fehler. Er vergaß zum Beispiel Namen und IdentitĂ€t von Personen, die ihm vertraut sein mĂŒĂŸten. Er siezte Familienangehörige oder sprach Schulkameraden mit falschem Vornamen an. Er verwechselte Termine und wollte am Sonntag in die Schule gehen. Das kam daher, daß er bei der rastlosen Organisation seines Lebens alles bis ins Kleinste berechnen mußte und Pannen, die es in jedem Leben gibt, an ganz lĂ€cherlichen oder banalen Stellen auftraten, an denen sie bei den anderen Menschen nicht vorzukommen pflegten. Es sei denn, es handelte sich um geistig verwirrte Personen. In Sebastians Fall erklĂ€rte man diese absonderlichen Fehlleistungen durch seine notorische Zerstreutheit. Statt dessen war er alles andere als zerstreut oder unaufmerksam. Vielmehr war er mit all seinen Sinnen und FĂ€higkeiten bemĂŒht, in jedem Augenblick die richtige Haltung einzunehmen, das Richtige zu sagen, zu tun und zu denken. Doch konnte er auch bei grĂ¶ĂŸter Aufmerksamkeit gelegentliche Ungereimtheiten nicht vermeiden.

Sebastian wĂŒnschte sich oft, er wĂ€re ein anderer Mensch, an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit, damit dieser gewaltige Druck nicht mehr auf ihm lastete.

Als er etwa zehn Jahre alt war, las er „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Die LektĂŒre des Buches gewĂ€hrte ihm die zeitweilige ErfĂŒllung seines Wunsches auf nahezu perfekte Weise. Wann immer er es ermöglichen konnte, tauchte er in eine Welt ein, die von Möwengeschrei, Brandungsrauschen und Abenteuern erfĂŒllt war. Seine Sehnsucht danach kannte keine Grenzen. Manchmal saß er zu Hause am Fenster und sah vertrĂ€umt hinaus. Unter gewissen Blickwinkeln konnte er auf Grund von Fehlern und LuftblĂ€schen im Glas die optische Illusion von Meeresbuchten erzeugen. Er glaubte, wenn er an einem fernen, sĂŒdlichen Meeresstrand lebte, wĂŒrde er glĂŒcklich sein. Dann wĂŒrden sich alle seine TrĂ€ume erfĂŒllen.

Als er einmal in seine LektĂŒre vertieft im Garten saß, war der andere plötzlich wieder da. Sebastian hĂ€tte nicht sagen können, wann und wie er gekommen war. Es war ihm auch nicht wichtig. Er war nur froh, daß er mit jemandem ĂŒber Jim Hawkins und die Schatzinsel und die „Hispaniola“ reden konnte. Der andere war sehr interessiert und ließ sich von Sebastian alles ausfĂŒhrlich erklĂ€ren. Er war kleiner als Sebastian. Offenbar war er seit damals kaum gewachsen. Schließlich schlug er Sebastian vor, mit ihm zu kommen. Er wollte ihm zeigen, wo er jetzt lebte. Sebastian war einverstanden.

Sie gingen durch ein WĂ€ldchen, das hinter dem Haus war. Bald kamen sie zu einer großen Rotbuche, an deren Fuß sich ein kleiner Teich befand. Der Kleine schlĂ€ngelte sich zwischen den Wurzeln der Rotbuche hindurch und Sebastian hatte MĂŒhe, ihm zu folgen, da er grĂ¶ĂŸer und ungeschickter war. Der Kleine schob einen Stein beiseite und sie krochen in eine Höhle. Darin saß ein altes MĂ€nnlein in einem enganliegenden, braunen Gewand mit einer Kapuze. Es war nur wenig grĂ¶ĂŸer als Sebastians anderes Ich. Es mußte eine Art Liliputaner sein. Als der kleine Alte Sebastian erblickte, versteckte er sich scheu hinter einem Stein.

„Er muß sich erst an dich gewöhnen,“ flĂŒsterte Sebastians Begleiter. „Am besten, du blickst ihn nicht direkt an, sondern nur aus den Augenwinkeln. Er ist ein weiser Gnom und heißt Wufnik. Das ist nicht nur ein Name, sondern auch ein Ehrentitel. Er bezeichnet einen Gerechten. Die Zahl der Wufniks ist geheim und sie muß immer gleich bleiben. Alles, was ich weiß, hat er mir beigebracht. Wenn er mich alle Weisheit des Universums gelehrt hat, stirbt er und ich werde seinen Platz einnehmen Aber bis dahin werden sicher noch viele hundert Jahre vergehen. Mich nennt man in unserer Welt ĂŒbrigens Fetch.“

Der Wufnik war hinter einem Stein verschwunden. Sie folgten ihm und kamen in einen unterirdischen Gang. Er war sehr niedrig. Sebastian mußte sich bĂŒcken, um vorwĂ€rts zu kommen. Der Gang war durch ein warmes, indirektes Licht, das von den Steinen auszugehen schien, erleuchtet.

Nach etwa einer Viertelstunde, so schien es Sebastian, gelangten sie in eine riesige Höhle. Sie war hell erleuchtet, obwohl man keine Lichtquelle erkennen konnte. Ein Fluß schlĂ€ngelte sich durch ein anmutiges Tal. Zu den beiden Seiten des Flusses waren die HĂ€user einer kleinen Stadt gelegen. Eine sanfte Brise brachte den Duft von BlĂŒten aus den zahlreichen GĂ€rten an den HĂ€ngen herĂŒber. Ein großer blauer Schmetterling setzte sich auf Sebastians Schulter.

„Hier ist es immer Sommer,“ sagte Fetch. „Niemand muß hier frieren oder sich plagen. Wir bekommen die Energie von den Steinen. In den Steinen ist alle Kraft der Welt. Von ihnen geht sie ĂŒber auf die Pflanzen und die anderen Lebewesen.“

Er zeigte Sebastian einen funkelnden Kristall, den er bei sich trug. „Siehst du diesen schönen Stein? Ist er nicht vollkommen? In ihm wohnt mehr Energie, als du in deinem Leben je verbrauchen kannst.“

Sebastian nahm den Stein in die Hand und spĂŒrte, wie eine wohltuende Kraft in ihn hinĂŒberströmte und ihn erfĂŒllte. Alles Schwere fiel von ihm ab, alles wurde leicht und einfach. Er hatte das GefĂŒhl, daß es nichts gab, was er nicht vollbringen konnte.

„Der Stein ist wunderbar,“ sagte er.

„Du kannst ihn behalten,“ sagte Fetch. „Ich schenke ihn dir zur BegrĂŒĂŸung in unserem Reich.“

Sebastian war dankbar und glĂŒcklich. Mit einem Mal schien sich sein ganzes mĂŒhseliges Dasein zum Guten zu wenden. Was eben noch unmöglich erschien, war plötzlich ganz einfach. Er lachte fröhlich.

Als sie hinab ins Tal gingen, trafen sie die ersten Bewohner des Reiches. Sie waren kleiner als Sebastian und in farbenfrohe, luftige GewĂ€nder gekleidet. Sie grĂŒĂŸten ehrerbietig den Wufnik, dann wandten sie sich scheu, aber neugierig, Sebastian zu.

„Wen hast du denn da mitgebracht, Fetch?“ fragten sie verwundert. „Ist er nicht schon ein wenig zu groß?“

„Nein, nein,“ lachte Fetch. „Das ist Sebastian, ich kenne ihn sehr gut. Er paßt wunderbar hierher. Seht nur den glĂŒcklichen Ausdruck in seinem Gesicht. Es war allerdings höchste Zeit. Er wĂ€re dort nicht froh geworden.“

„Was meint der ehrwĂŒrdige Wufnik?“ fragten die kleinen Leute.

Der Wufnik wiegte bedenklich den Kopf.

„Wenn er bleibt, ist es gut,“ sagte er. „Aber wenn er wieder zurĂŒckgeht, wird es schwer fĂŒr ihn sein.“

Mit dieser Antwort gaben sich alle zufrieden. Sebastian und Fetch gingen zu einem kunstvoll geschmiedeten Tor, hinter dem sich ein großer Garten befand. Sie traten ein und mehrere Hunde liefen ihnen entgegen und sprangen verspielt um sie herum. Kieswege fĂŒhrten zwischen Wiesen, Blumen und BĂŒschen hindurch zu einem schönen großen Haus mit einer breiten Terrasse. Springbrunnen plĂ€tscherten. Auf einer großen Wiese vor der Terrasse feierten Kinder und kleine Erwachsene eine Art Karneval. Sie trugen bunte KostĂŒme und veranstalteten Spiele, bei denen es Preise zu gewinnen gab. Sebastian und Fetch wurden mit freudigen Rufen begrĂŒĂŸt. Sie konnten sich jeder in einem Fundus ein prĂ€chtiges KostĂŒm aussuchen und beteiligten sich an dem ausgelassenen Treiben.

Sebastian war lange nicht so glĂŒcklich gewesen. Unter den Kindern war ein MĂ€dchen mit großen dunklen Augen und kastanienbraunem Haar, das ihm besonders gefiel. Ihr Name war Echo. Sie schien ihn auch zu mögen und so blieben sie beisammen und hielten sich an den HĂ€nden. Die Zeit verging wie im Flug. Abends wurde es dunkel, wie auf der ErdoberflĂ€che auch. Sie zĂŒndeten Laternen an und spielten weiter.

Da trat eine Zwergin zu Sebastian und fragte ihn nach seiner Mutter. Sebastian erschrak. An seine Mutter hatte er gar nicht mehr gedacht. Sie wußte nicht, wo er war und wĂŒrde sich Sorgen machen. Er mĂŒĂŸte schon lĂ€ngst zu Hause sein. Er verabschiedete sich hastig von seinen neuen Freunden und seinen Gastgebern. Echo blickte ihn traurig an.

„Wirst du wiederkommen?“ fragte sie.

„Aber natĂŒrlich,“ rief Sebastian. „Gleich morgen frĂŒh komme ich wieder her. Es sind doch Ferien und wir haben keine Schule.“

Auch Fetch schien besorgt.

„Merk dir den Weg gut,“ sagte er. „Paß auf deinen Stein auf. Und vor allem, sage nicht, wo du gewesen bist. ErzĂ€hle niemandem von uns. Das muß unser Geheimnis bleiben.“

Alle begleiteten Sebastian ein StĂŒck auf dem Gartenweg. An dem kunstvoll geschmiedeten Tor drehte er sich noch einmal um, streichelte die Hunde und winkte den zurĂŒckbleibenden Freunden zu. Dann ging er den Weg hinauf, der ihn zu dem Gang fĂŒhrte, durch den er gekommen war. Er schlĂŒpfte in den Gang hinein und eilte darin leicht gebeugt und mit eingezogenem Kopf vorwĂ€rts. Schließlich kam er zu der Höhle am Eingang. Er schob einen Stein beiseite und kroch hinaus.

Draußen war es kalt und dunkel. Man konnte nicht die Hand vor Augen sehen. Sebastian tastete sich zwischen den Wurzeln des riesigen Baumes hindurch. Plötzlich glitt er aus und fiel in das kalte Wasser des Teiches. Verzweifelt versuchte er, wieder herauszukommen. Seine HĂ€nde glitten an dem glitschigen Uferbewuchs ab. Schließlich schaffte er es doch und zog sich an GrasbĂŒscheln heraus. Er zitterte vor KĂ€lte und Schrecken.

Seine Mutter riß entsetzt die Augen auf, als sie ihn sah. Sebastian versuchte, eine ErklĂ€rung zu stammeln, doch sie hörte gar nicht zu. Sie zog Sebastian aus, duschte ihn warm ab und steckte ihn ins Bett. Dort blieb er die nĂ€chsten Tage. Er bekam Fieber und phantasierte. Der Hausarzt, Dr. Feingold, kam, hörte Sebastian ab und empfahl Wadenwickel, um das Fieber zu lindern. Sebastian glĂŒhte förmlich und sprach wirr und erregt von Zwergen und Höhlen und einem Echo.

Eines Morgens wachte er auf und das Fieber war gegangen. Sebastian wollte aufstehen, aber er war noch zu schwach. Seine Mutter kam ins Zimmer und zog die VorhÀnge beiseite, um das Tageslicht hereinzulassen.

„Wie schön, daß es dir wieder besser geht,“ sagte sie. „Du hast mir ganz schön Angst gemacht. Du hörtest nicht auf, von Zwergen und Gnomen zu phantasieren. In irgendwelche Höhlen wolltest du gehen. Es war richtig unheimlich. Jetzt werde ich dir erst einmal eine Haferflockensuppe kochen. Du mußt wieder KrĂ€fte sammeln und auf die Beine kommen.“

„Wo ist mein Stein?“ rief Sebastian plötzlich. „Hast du meinen Stein aufgehoben? Er muß in meiner Hosentasche gewesen sein.“

„In deiner Hose war kein Stein,“ sagte Sebastians Mutter. „Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe auch nicht darauf geachtet. Ich hatte andere Sorgen, als du hier abends völlig durchnĂ€ĂŸt aufgekreuzt bist. Deine Sachen sind gewaschen und gebĂŒgelt, wie sich das gehört. Wenn du wieder gesund bist, kannst du noch genug Steine sammeln."

SpĂ€ter ging Sebastian noch einmal zu der Rotbuche, aber von einem Eingang zu einer Höhle konnte er nichts entdecken. Sein Leben nahm wieder seinen gewohnten Lauf. Es war so, wie es zuvor gewesen war. Er mußte gute Miene zum bösen Spiel machen.

Die Zeit verging. Sebastian absolvierte die Schule mit ausreichendem Erfolg und begann eine Laufbahn in der Versicherungsbranche. Er heiratete und hatte zwei Kinder. Bald bezog er mit seiner Familie ein nicht eben großes, aber finanzierbares Haus in einem Vorort. Jeden Morgen fuhr er mit der Stadtbahn zu seiner Arbeitsstelle und am spĂ€ten Nachmittag wieder zurĂŒck. Sein Haar wurde allmĂ€hlich schĂŒtter und begann, an den SchlĂ€fen zu ergrauen. Ein resignierter Ausdruck grub sich in seine GesichtszĂŒge ein. Er schien seinen Platz im Leben gefunden zu haben.

Eines Nachmittags wollte er sich wie gewohnt am Kiosk eine Zeitung kaufen, um sie wĂ€hrend der Heimfahrt in der Bahn zu lesen. Da sah er in der Auslage ein Taschenbuch. Es war „Die Schatzinsel“ von Stevenson. Irgend etwas VerschĂŒttetes, Vergessenes regte sich in seinem Inneren. Er gab der Regung nach und kaufte das Buch.

Sein Zug kam und er stieg ein, in den gleichen Wagen, in den er immer stieg. Es war ziemlich voll, aber er fand einen Platz am Fenster. Ihm gegenĂŒber saß eine Frau mit einer Zeitung. Sie hielt die Zeitung so, daß sie enorm viel Platz damit beanspruchte. Jedesmal, wenn sie umblĂ€tterte, vollfĂŒhrte sie eine ruckartige, gewalttĂ€tige Bewegung, die von einem bösartig knatternden GerĂ€usch des Papiers begleitet wurde. Immer dann sah Sebastian ihr Gesicht. Sie war in mittlerem Alter, hatte sehr kurze Haare und trug eine große Brille. Ihr Blick war wĂŒtend und von kaum verhohlenem Haß erfĂŒllt. Sebastian versuchte, ihr zuzulĂ€cheln. Nicht weil sie ihm sympathisch war, sondern wie ein Komplize. Um zu zeigen, daß er sie verstand und durchschaute. Ja, man war wĂŒtend, man war enttĂ€uscht, aber man ließ sich doch nicht so gehen. Er selber hatte sich da besser im Griff.

Dann zog Sebastian das Buch, das er gekauft hatte, aus der Tasche. Es war gut, daß er nicht seinerseits eine Zeitung entfaltete, denn dann hĂ€tte es Platzprobleme mit der wĂŒtenden Dame vis-Ă -vis gegeben. Er hielt das Buch in seinem Schoß, schlug es auf und begann zu lesen. Der alte Zauber wirkte immer noch. Er vergaß seine Umgebung. Plötzlich war er wieder Jim Hawkins und lauschte im Gasthof seiner Mutter den Reden des geheimnisvollen fremden KapitĂ€ns.

Als er einmal aufsah, war er fast alleine im Abteil. Auch die aggressiv zeitunglesende Dame war gegangen. DafĂŒr saß jemand neben ihm. Es war der Kleine, wie hieß er doch? Fetch. Er war kaum gewachsen, aber er wirkte irgendwie reifer im Gesicht.

„Ich konnte damals nicht kommen,“ sagte Sebastian nach einem Augenblick des Schweigens. „Ich war krank geworden. Danach habe ich den Weg nicht mehr gefunden.“

„Ich weiß,“ erwiderte der Kleine. „Aber das macht nichts. Du kannst ja immer noch kommen.“

„Das geht nun nicht mehr,“ sagte Sebastian unglĂ€ubig lĂ€chelnd. „Ich bin jetzt viel zu groß. Ich bin ein erwachsener Mann, habe einen Beruf und eine Familie. Ihr wĂŒrdet mich gar nicht haben wollen.“

„Was bist du fĂŒr ein Dummkopf,“ sagte der Kleine kopfschĂŒttelnd. „Wir warten doch alle auf dich. Wer einmal bei uns war, der gehört zu uns.“

„Und Echo?“ fragte Sebastian leise. „Denkt sie noch an mich?“

„Sie hat mich geschickt,“ antwortete Fetch. „Sie hat mir aufgetragen, dich zu holen.“

Dann schwiegen sie beide.


Drei Wochen spĂ€ter wurde Sebastians Leiche in einem stillgelegten Bergwerk gefunden. Der Stollen war schon lange verschlossen. Sebastian mußte sich gewaltsam Zutritt verschafft haben. Sein plötzliches Verschwinden und sein Tod waren fĂŒr seine Angehörigen und Kollegen so bestĂŒrzend wie rĂ€tselhaft. GerĂŒchte ĂŒber ein Verbrechen wurden laut. Die Polizei schloß allerdings einen gewaltsamen Tod aus. Sebastian war in den Schacht eingedrungen und hatte sich in dem Labyrinth der Stollen und GĂ€nge verirrt. Das Motiv seines Handelns war unklar. Vielleicht hatte er nach einem vermeintlichen Schatz gesucht, vielleicht sich in einem Zustand geistiger Verwirrung befunden. Allerdings hatte er am Tag seines Verschwindens auf seine Familie und seine Kollegen einen völlig normalen und ausgeglichenen Eindruck gemacht.

Er war an Auszehrung und Erschöpfung gestorben. Die ihn fanden, stellten erstaunt fest, daß der Tote lĂ€chelte. Seine rechte Hand hielt etwas fest umschlossen. Als man sie gewaltsam öffnete, fand man darin einen gewöhnlichen Kieselstein.

__________________
Stefan Seifert

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anemone
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schizo

Sebastian scheint in dieser Geschichte eine gespaltene Persönlichkeit zu sein. Einmal der Mensch der er ist, und zum anderen der, der er sein will und als dieser? verstehe!

Spielen ist das dem Menschen innewohnende Prinzip.
(Edmund Burke)

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Stefan Seifert
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gespaltene Persönlichkeit

Hallo Anemone,
Sebastian ist fĂŒr mich keine gespaltene Persönlichkeit. Vielmehr hat er frĂŒh in seinem Leben einen Verlust erlitten. Vielleicht erleiden wir alle einen solchen Verlust. Er trennt uns von den Wurzeln unseres Seins, von der Natur. Es ist der Preis der Zivilisation.
Das Besondere an Sebastian ist, daß er diesen Verlust spĂŒrt und als solchen empfindet. Er versucht, ihn durch Anpassung zu ĂŒberwinden, so wie das wohl jeder versucht. Doch seine Phantasie macht ihm einen Strich durch die Rechnung und der Akt der Sebstdressur mißlingt.
Das ist eine mögliche Interpretetation der Geschichte. Doch man kann sie natĂŒrlich auch anders sehen. Das steht jedem frei und ist völlig legitim.
Mit besten GrĂŒĂŸen


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Stefan Seifert

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anemone
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Hallo Stefan,

da fehlt mir immer noch der Durchblick.

Es steht dort: Sebastian WOLLTE DEN BALL HOLEN. Das war nur recht und billig, schließlich hatte er ihn leichtfertig dorthin befördert. ABER ER WOLLTE NICHT. Er fand das Ganze mit dem Ball dumm und wollte lieber etwas anderes tun. DA TRENNTEN SIE SICH. SEBASTIAN HOLTE DEN BALL.

Der Ball und Bastian trennten sich, oder gibt es noch eine dritte Person? Das kann ich aus dem Text nicht klar erkennen.

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Stefan Seifert
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Nur eine Metapher

Das Er in "Aber Er wollte nicht" ist ĂŒbrigens original kursiv geschrieben, um anzuzeigen, daß es sich um eine fiktionale Person, einen Teil von Sebastian, handelt, der sich dann von ihm loslöst. Das ist eine literarische Erfindung, um zu zeigen, daß Sebastian einen Teil von sich aufgibt, indem er sich anpaßt und brav den Ball holt.
Man kann die Geschichte natĂŒrlich auch so interpretieren, daß Sebastian unter einer Persönlichkeitsspaltung leidet, aber diese Auffassung wĂ€re mir zu buchstĂ€blich. Dem widersprĂ€che auch, daß Sebastian nie in die Gestalt des anderen schlĂŒpft, wie das bei einer multiplen Persönlichkeit der Fall wĂ€re.
SelbstverstĂ€ndlich ist das alles nur eine Art Gleichnis. Es soll ausdrĂŒcken, daß Trauer und Verlust unter der OberflĂ€che eines "normalen" und angepaßten Lebens stecken können. Und es stellt sich die Frage, ob sich die MĂŒhsal der Anpassung und Selbstverleugnung (Selbstabspaltung) lohnt und ob es Alternativen gibt.
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Stefan Seifert

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anemone
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zumindest

hast du mich mit deiner Geschichte zum Nachdenken gebracht.

Nicht alles, was glĂŒcklich macht, ist gesund.
aber alles, was unglĂŒcklich macht, ist ungesund.
(Gerd Uhlenbruck)

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