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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Trepe
Eingestellt am 02. 05. 2002 12:23


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carola
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 3
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Die folgende Geschichte ist ein unbearbeiteter Entwurf

Und so kam der Tod jede Nacht zu mir. Immer wieder versuchte er, mich auf die gleiche Art zu locken. Es begann mit einer leisen, schwermĂŒtigen Musik, die mich unangenehm an Horrorfilme erinnerte und mir die Haare zu Berge stehen ließ. Instinktiv schreckte ich zurĂŒck und stemmte mich wie ein Esel, nur mit zwei FĂŒĂŸen, gegen ihren Sog. Ich wollte nicht, ich ahnte das Böse und roch den Verwesungsgestank. Aber es hörte nicht auf.
So stand ich dann vor der großen, breiten Wendeltreppe, die hinabfĂŒhrte. Eine Treppe wie aus einem hochherrschaftlichen Haus. Grau und seit ewigen Zeiten nicht betreten. Schnee fiel sacht auf sie herab und bildete einen dichten Teppich, der nicht betreten werden wollte. Nun war es still, totenstill. Ich fror und blieb unschlĂŒssig stehen. Meine Seele schrie auf: »Nein, tu es nicht!« Doch ich wollte ihm zeigen, dass ich keine Angst vor ihm hatte. Die nĂ€chtliche QuĂ€lerei musste ein Ende haben. Also beherzigte ich mich, nahm in Gedanken Abschied von der Welt und betrat die Treppe, in der Erwartung, gleich tot umzufallen. Nichts dergleichen geschah.
Schon nach kurzer Zeit endete die Treppe, und vor mir lag eine weite, weiße Schneelandschaft, grauer Himmel, kein LĂŒftchen wehte. In der Ferne erkannte ich kahle BĂ€ume und, wie es schien, einfach HolzhĂ€user, aus denen kein Rauch aufstieg. Ich ging durch den Schnee und hörte sein Knirschen unter meinen FĂŒĂŸen. Nun erkannte ich dunkle Gestalten, eingehĂŒllt in Lumpen, die reglos am Wegesrand standen. Wo ich nun schon einmal hier war, ging ich beherzt auf sie zu, und auch die Gestalten schienen sich zu bewegen. Eine alte Frau kam auf mich zu und blieb vor mir stehen.
Ich schaute in ihr Gesicht. Es kam mir bekannt vor. WehmĂŒtiger, sanfter Blick im runden Gesicht, wohl fĂŒnfzig Jahre alt. UnglĂ€ubig starrte ich sie an.
»Oma? Bist du meine Oma? Magdalene H.?«
Sie lÀchelte und wandte mir den Kopf zu. Da erkannte ich die schwere Eisenkette um ihren Hals, der blaurot angelaufen war.
»Ah! Marias Tochter besucht mich! Wie schön, es war so lange keiner mehr da, erzĂ€hl mir von ihr !«, und sie streckte die weißen, starren HĂ€nden nach mir aus.
Ich hielt den Atem an und spĂŒrte die EiseskĂ€lte ihrer Fingerspitzen.
»Hast du keine Angst vor mir?«, fragte sie immer noch lÀchelnd. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst, so dass die Haare nun wirr vom Kopf abstanden.
»Ich bin eine Mörderin«, sie kicherte leise in sich hinein, »weißt du? Ich habe mich selbst getötet!«
Wieder kicherte sie, nun schon herausfordernder, das Kinn erhoben und ein bösartiges Glitzern in den eben noch so sanften Augen. Ich musste schlucken und hÀtte vor Panik fast geschrien. Doch eine innere Stimme sagte mir:
»Mach dich gerade, MÀdchen! Sieh ihr in die Augen. Sie ist eine arme, alte Frau, die aus Verzweiflung aus dem Leben gegangen ist. Sie war zu stolz, um zu weinen.«
Die alte Frau, die meine Oma war, blinzelte mich immer noch bösartig an und tippte gegen meine Brust und Arme.
»Nein«, sagte ich, »nein, Oma, du bist keine Mörderin, du bist eine Verzweifelte, deren stumme Hilferufe niemand gehört hat. Dein Tod war völlig umsonst.«
Sie stierte mich an, und ihre HĂ€nde schlossen sich eisenhart um meine Oberarme.
»Was? Du wagst es? Du Wicht, du Missgeburt von Enkeltochter! Du wagst es, das Ansehen einer Toten mit FĂŒĂŸen zu treten?!«
»Ja, ich wage es, ich wage noch viel mehr, du hast das Leben deiner Kinder und Kindeskinder aus purem Egoismus zerstört. Deine Tochter humpelt noch heute mit gebrochenem Herzen durch die Welt, dein Àltester Sohn wollte nicht mehr leben und die anderen werden Zeit ihres Lebens nicht mehr froh! Hast du das gewollt? Ganz zu schweigen von deinem Mann, den du mit dir hinabgerissen hast, vor der Zeit. Du willst auch mein Leben zerstören. Aber das lasse ich nicht zu! Darum bin ich hierher gekommen, musste ich hierher kommen, wo sollte ich dich sonst treffen.
Und nun werde ich wieder gehen und dir vielleicht verzeihen. Aber nur, wenn du aufrichtig bereust und die TrĂ€nen weinst, die du bis jetzt die anderen hast weinen lassen, fĂŒr dich. Damit muss Schluss sein !«
Der Griff der alten Frau löste sich, ihr Blick wurde stumpf, in die Unendlichkeit gerichtet. Ich fĂŒhlte, dass ich dabei war zu verlieren, die Frau wĂŒrde mir unwiederbringlich entgleiten, wenn ich nicht augenblicklich etwas unternehmen wĂŒrde. Also fiel ich vor ihr auf die Knie, packte sie an Rock und Jacke und schrie mehr als dass ich sprach:
» Oma, verzeih mir! Ich bin ungerecht, aber was soll ich tun. Warum kommst du jede Nacht zu mir? Wie kann ich dir helfen? Oma, ich werde sterben, wir alle werden sterben, wenn du uns nicht unser Leben zurĂŒckgibst! Du hast es mit dir genommen. Du hattest deine GrĂŒnde. Dir hat keiner geholfen, du warst ganz allein. Ich kann es verstehen, ich verstehe es. Aber bitte, sei nicht so grausam zu den Lebenden. Sie sind nicht mehr dafĂŒr verantwortlich. Bestrafe sie nicht!
Gib uns unser Leben zurĂŒck! Ich bitte dich, im Namen deiner Kinder und aller, die daraus hervorgegangen sind. Ich habe einen kleinen Sohn, ich möchte, dass er glĂŒcklich wird. Bitte, nimm den Fluch von uns.
Oma, ich laß dich auch nicht allein, ich komme wieder, wenn die Zeit dafĂŒr reif ist. Ich werde mit dir reden, dir zuhören und alles verstehen. Wir werden unendliche Zeit haben. Aber nun laß mich gehen und sage mir zum Abschied, dass alles gut ist!«
Ich sah zu ihr herauf. TrĂ€nen fielen in den Schnee. Ihr eiskalter Mund kĂŒsste meine Stirn. Langsam drehte sie sich um und verschwand im Nebel, und ich wusste, es wĂŒrde keine Erlösung geben, sie war eine unerbittliche Frau.
Als ich erwachte, lag ich frierend in meinem Bett, die Zudecke lag auf dem Boden. Die Leiden der Toten wirken bis in die Ewigkeit.

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