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Leselupe.de > Erzählungen
Die Überlebende
Eingestellt am 07. 12. 2015 22:36


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CPMan
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Dorian, mein lahmes Reitpferd, lief an der Longe die Gangart Schritt, als ich, durch ein Geräusch aufmerksam geworden, zu dem Waldstück nicht unweit der Koppel hinüber sah. Aus dem niedrigen Dickicht sah ich die vier Reiter hervor preschen. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und ritten im Galopp auf mich zu. Aus der Ferne erkannte ich den Gelderländer, das Pferd von Hartmut, und den Holsteiner, der seiner Frau gehörte. Es schien, als veranstalteten die Reiter ein kleines Wettrennen bis zu meiner Koppel.
Ich sah, wie sich die Hufe der Pferde in den nicht sehr festen Boden schlugen. Ganze Erd- und Grasklumpen lösten sich und wurden durch die Luft geschleudert. Das Geräusch, das die Pferde durch das Schnauben ihrer Nüstern und das Aufschlagen ihrer Hufe erzeugten, drang zuerst gedämpft, schließlich immer lauter und plastischer an mein Ohr. Dorian hielt in seinem Pass inne, und schaute mich aufgrund der heranrasenden Reitergruppe etwas verwundert an. Ich hielt die Longe etwas lockerer in der ohnehin schon schlaffen Hand, und entschloss mich dazu, das Herannahen der Reiter abzuwarten.
Die Geschwindigkeit und die Eleganz der Pferde ließen mich für einen Moment inne halten. Doch ebenso nahm ich auch eine Bedrohlichkeit wahr, die der mit dieser Reiterhorde einhergehende Anblick von Kraft und Stärke mir vermittelte. Die sehnigen und muskulösen Glieder der Pferde, ihr im Sonnenlicht schimmerndes Fell, die kraftvollen Bewegungen und die Zielgerichtetheit ihres Galopps suggerierten einen unausweichlichen Zusammenprall. Wenn diese Pferde so weiter jagen, dachte ich, dann werden sie mich über den Haufen rennen. Im Grunde genommen besitzen diese vier Pferde genauso viel Zerstörungskraft wie ein tonnenschwerer Zug oder ein achträdriger Schwertransporter. Wenn die Trense und die Zügel nicht wären, dann wäre ich unweigerlich dem Tod geweiht.


Kurz vor dem Holzverschlag der Koppel kam Hartmut mit seinem Gelderländer zum Stehen. Er guckte sich verstohlen um, wandte sich dann wieder mir zu, und grinste. Er hatte seine Reiterfreunde um Haaresbreite geschlagen, und schien darauf sehr stolz. Die drei anderen Reiter, die ich nur vom Sehen her kannte, grüßten mich kurz, und ritten dann weiter.
„Hallo Beate“, sagte Hartmut.
„Hallo Hartmut“, erwiderte ich, und ging auf den Rand der Koppel zu.
Sein weißgraues Haar und sein sonnengegerbtes, leicht zerfurchtes Gesicht standen ihm.
„Wie macht sich Dorian?“
Ich warf einen kurzen Blick zu dem Pferd, und schaute dann Hartmut erneut ins Gesicht.
„Die Verletzung ist abgeklungen“, sagte ich, „aber es wird wohl noch einige Wochen dauern, bis man ihn wieder reiten kann.“
„ Okay“, sagte Hartmut.
Er zog an den Zügeln des Gelderländers, tätschelte ihm den Hals, und machte sich erneut bereit. Dann drehte er sich noch mal zu mir um.
„Ich dachte, du müsstest heute zum Arzt.“
Ich merkte, wie ich ein wenig steif wurde.
„Ja, muss ich auch. Ich bring Dorian gleich zurück und fahr los.“
Hartmut nickte noch mal und ritt davon.



Schon seit längerer Zeit war ein neues Gewebe in mir gewachsen, an Stellen, an denen das Wachstum von Gewebe eigentlich nicht vorgesehen war. Abnorme Zellen, so hatte es mir der Arzt bei der letzten Untersuchung erklärt, hatten sich vermehrt, waren in anderes Gewebe eingedrungen und hatten damit begonnen, dieses zu zerstören. Der Arzt hatte mir außerdem erklärt, dass buchstäblich jede Zellart des Körpers sich auf diese abnorme Art vermehren kann, und dass praktisch kein Körpergewebe vor diesem Befall gefeit ist. Dann hatte er plötzlich von Karzinomen gesprochen, und von vielen anderen Begriffen, die ich noch nie gehört hatte. Und als hätten diese Wörter einen Knoten in seiner Zunge gelöst, war der Arzt dann in einen Redefluss verfallen, der nur ihm etwas bedeuten konnte. Ich hatte still und stumm auf diesem Bürostuhl gesessen (der mir plötzlich so ungeeignet vorkam, um eine solch bösartige Botschaft auf ihm empfangen zu müssen) und begonnen, mir unsinnige Fragen zu stellen. Ich hatte mich gefragt, ob der Arzt wohl Kinder habe, und ob er ihnen, gesetzt den Fall, sie hätten Masern, auch so akribisch die Einzelheiten dieser Krankheit auflisten würde. Ich hatte mich gefragt, wo der Arzt wohl studiert haben mochte, und was ihn wohl dazu bewogen hatte, Arzt zu werden. In Gedanken hatte ich mir einen kleinen Werdegang dieses Arztes zurechtgelegt: Bestimmt, so meinte ich, hatte er sich in jungen Jahren unsterblich in diese Frau verliebt, die dann im zarten Alter von neunzehn Jahren an Leukämie erkrankt und schließlich gestorben war. Und am Tage ihres Todes hatte er sich geschworen, gegen diese irrsinnige Krankheit anzukämpfen, bis zu dem Tag, an dem er ein probates Mittel gegen die Metastasen, Tumoren und Karzinome gefunden hatte. Meine Phantasie ging so weit, dass ich den Text der Todesanzeige seiner Geliebten vor meinen Augen sah:


Ausgelitten hab ich nun, bin am frohen Ziele,
von den Leiden auszuruhen, die ich nicht mehr fühle.
Weinet nicht mehr, meine Lieben, meine Krankheit
war so schwer, ich wär noch gern’ bei euch
geblieben, doch für mich gab’s keine Heilung
mehr.


Als dann der erklärende Monolog des Arztes seinem Ende entgegen ging, nahm ich von meiner Geschichte Abschied. Dieser Arzt, mit seinem nüchternen Blick und dem eintönigen Singsang seiner Fachsprache, konnte unmöglich jemals so etwas wie eine tiefgehende Leidenschaft empfunden haben. Im Grunde dachte er über mich wie ein Uhrmacher über eine kaputte Uhr. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht zu reparieren war.


Ich hatte wahnsinnige Angst vor den Antworten, aber meine unbefriedigte Ungewissheit veranlasste mich dann doch, Fragen zu stellen.
„Was ist ein Ovarialkarzinom“, fragte ich.
„Nun“, erwiderte der Arzt langsam, „es gibt verschiedene Arten von Karzinomen. Es gibt Karzinome mit hautähnlicher Struktur, die als squamös bezeichnet werden, und es gibt Karzinome, die in Drüsen bildendem Gewebe entstehen, sogenannte Adenokarzinome.“
„Und welche Sorte habe ich?“, fragte ich.
„Nun“, sagte der Arzt gedehnt, „Eierstöcke werden oft fälschlicherweise als Keimdrüsen bezeichnet, obwohl es sich bei diesen Organen nicht um Drüsen handelt. Deshalb haben sie kein Adenokarzinom, sondern ein sogenanntes squamöses Karzinom.“
„Im Eierstock?“, fragte ich leise.
„Ganz recht!“, erwiderte der Arzt, ebenso leise.


Seitdem ich weiß, dass ich Krebs habe, dusche ich oft bis zu drei Mal am Tag. Als wäre das heiße, an meinem alten Körper herunter fließende Wasser das Allheilmittel gegen die Metastasen im Innern meines Körpers. Dass diese sich davon unbeeindruckt zeigen, liegt auf der Hand. Aber das heiße Wasser, dessen dicke Tropfen prasselnd auf meiner Kopfhaut zerplatzen, verschafft mir durch die Intensität seiner Hitze zumindest für eine kurze Weile den Luxus der Gedankenlosigkeit. Wenn ich unter der Dusche stehe, dann fungiert die Nasszelle für den Moment nicht nur als Reinigungsapparat meines äußeren Schmutzes, sondern auch als Reinigungsapparat meines inneren Schmutzes. Ich schließe die Augen, konzentriere mich auf das Nichts, und spüre die Wärme, die durch mich hindurch fließt. Ich drehe den Heißwasserhahn weiter auf, warte, bis die Temperatur fast unerträglich wird und meine Haut erröten lässt. Dann drehe ich den Heißwasserhahn zu und überfalle mich selbst mit einer eiskalten Dusche.
Wenn ich mich danach abtrockne, schaue ich an mir herunter, an meinem alten, faltigen Körper, und realisiere, dass ich jetzt noch einen geringeren Bezug zu diesem Körper habe, als es in meinen jungen Jahren ohnehin schon der Fall war. Wenn man mir jemals so etwas wie Schönheit nachgesagt hat (und manche hatten die Verwegenheit gehabt, dies zu tun), dann war diese nun endgültig verschwunden. Und selbst zu der Zeit, als es diese Schönheit vielleicht noch gegeben hat, konnte ich schon nichts mit ihr anfangen. Besessen von der Angst, auf meinen Körper reduziert zu werden, verbarg ich ihn hinter meinem Intellekt, und zwang jeden, mit dem ich beruflich und privat verkehrte, nur mit diesem Intellekt Umgang zu pflegen. Ich versteckte die weiblichen Rundungen in weiten Kleidern oder in stramm geschnürten Oberteilen. Niemals wollte ich mich so lüsternen Blicken zum Fraß vorwerfen, wie Kolleginnen von mir es taten. War ich mir auch damals schon der Tatsache bewusst, dass ich ein gestörtes Verhältnis zu meinem Körper hatte, nämlich gar keins, so hat dieses gestörte Verhältnis jetzt, durch die Krankheit, noch monströsere Ausmaße angenommen. Denn ich kann mich nicht des Gefühls erwehren, dass dieser Körper, den ich jahrelang missachtet habe, nun gegen mich kämpft. Dass ein Teil von mir, der physische Teil von mir, um genau zu sein, plötzlich eine Racheaktion gestartet hat, die mir die jahrelange, sträfliche Vernachlässigung meiner körperlichen Bedürfnisse anlastet. Und dass diese Racheaktion letztendlich in meinen Tod münden wird. Und die Unausweichlichkeit dieser logischen Konsequenz macht mir zu schaffen. So sehr, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, wie ich das Resümee meines Lebens ziehe. Wie ich an die vielen Stationen meines Lebens denke, die mir damals nicht bewusst waren, und die heute, im Angesicht des Todes, plötzlich einen ganz anderen Charakter bekommen. Was vor zwanzig Jahren noch mein peinlich genauer und ebenso langweiliger Alltag war, ist erst jetzt wirklich zu meinem Leben geworden. Erst jetzt ergeben die Mosaiksteine meines Lebens ein Gesamtbild, ein Bild, das kurz vor der Fertigstellung steht. Und ich beschäftige mich, zuweilen auf nüchterne, zuweilen auf höchst theatralische Weise mit der Frage, ob mir dieses Bild gefällt. Gefällt mir, was ich bin? Nun, werden manche sagen, sterben wirst du sowieso, was bringt es dir also, ob du im Einklang oder im Streit mit dir selbst stirbst. Das Unausweichliche wird kommen. Nimm es, wie es ist.
Ich wünschte, ich könnte es. Aber wenn ich mich im Spiegel sehe, dann ist da nur grenzenlose Verbitterung. Und Neid. Ja, ich bin neidisch auf Jan, der gestorben ist, als sein Gesicht noch jung, rund und schön war.


Man fährt ungefähr zehn Kilometer aus der Stadt raus, größtenteils auf Landstrasse. Dann kommt man an einen eher unscheinbaren Traktorpfad, der aber direkt zu dem Gehöft führt, auf dem unter anderem auch mein Dorian untergebracht ist. Jetzt, im Sommer, stehe ich an manchen Tagen schon um 5Uhr30 auf, um zum Gehöft zu fahren. Spätestens gegen Sechs ist Farina, mein Ersatzpferd, dann gesattelt, und ich reite mit ihm los, bevor auch nur eine Menschenseele auf dem Gehöft aufkreuzen kann. Ich reite dann für eine halbe Stunde über die Felder und Wiesen, solange, bis ich an meinen Lieblingsplatz komme. Dort lass ich Farina meist für eine gewisse Zeit grasen, während ich meine mitgebrachte Decke über den vom Morgentau noch feuchten Rasen ausbreite, und das wärmende Leuchten der Sonne erwarte. Eine gute Situation um sich zu erinnern.


Jan war dreiundzwanzig, ich zweiundzwanzig. Jan studierte Politische Wissenschaften, ich war Studentin der Romanistik. Beide waren wir gefangen in unseren Leben, im Deutschland der Siebziger, in den mit hässlicher Tapete verkleideten Wohnzimmern unserer Eltern. Eltern, deren Vergangenheit für uns von Tag zu Tag obskurer wurde: Jans Vater hatte als regulärer Soldat in Frankreich und Russland gekämpft, mein Vater war in Deutschland geblieben, als verwaltender Beamter in einer mittleren Position, so hieß es zumindest, wenn mein Bruder oder ich zu fragen wagten. Jan und ich aßen am gleichen Tischmodell (Eiche rustikal), aber in verschiedenen Häusern das Frühstück, das Mittag- und das Abendessen, wir bewohnten dasselbe Viertel, nahmen jeden Morgen denselben Bus.
Es gehörte nicht viel Menschenkenntnis dazu, um zu erkennen, was Jan für einer war. Seine Art sich zu kleiden war ein geradezu ostentativer Versuch, sich im linken Spektrum zu verorten. Er trug oft zerschlissene Jeans, die unten relativ breit waren und sowohl im Sommer als auch im Winter lief er in einem grünen Parka herum, einem dünnen für den Sommer, und einem dicken, gefütterten für den Winter. Sein Verhalten ähnelte dem der Halbstarken, aber seine feinen Gesichtszüge, vor allem die schmale Nase und die mandelbraunen, wohlproportionierten Augen ließen erkennen, dass hinter dieser Attitüde auch eine Botschaft steckte, die das jeweilige Gegenüber zu einem alternativen Lebensstil aufforderte. Er war nicht besonders groß, was vielleicht der Grund für seine Schlagfertigkeit war. Er sah für damalige Verhältnisse recht gut aus, irgendwie männlich und verständnisvoll. Ach, ich weiß nicht, es fällt mir schwer, ihn akkurat zu beschreiben. Ich kannte ihn zu gut um mich nur, und dann auch noch objektiv, auf sein Äußeres beziehen zu können.
Wir sprachen lange nicht miteinander. Ein halbes Jahr oder so nahmen wir denselben Bus zur Universität, er war immer umgeben von zwei Gefährten, die, obwohl größer, wie seine Gefolgsmänner wirkten. Das Reden übernahm er, und so, wie die beiden anderen jungen Männer auf ihn reagierten, glaubte ich eine gewisse Hierarchie in ihrem Verhältnis zueinander ausmachen zu können, nach der Jan an oberster Stelle stand.
Obwohl er schon von Anfang an zu jenen Gesichtern zählte, die mir von den vielen jeden Tag wiederkehrenden Gesichtern schnell als auf irgendeine Weise markant erschienen, und deren Wiedererkennungswert für mich sehr groß war, fand ich ihn anfangs nicht wirklich anziehend. Interessant ja, aber nicht anziehend. Diese Anziehungskraft stellte sich bei mir erst ein, als ich dem Gesicht eine Stimme zuordnen konnte. So ist es meistens. Die meisten Menschen, selbst jene mit besonderem Aussehen, bekommen erst dann eine Persönlichkeit, wenn man die dazugehörige Stimme vernimmt.


Eines Morgens stieg ich in den Bus, und bemerkte beim Einsteigen in den Bus, dass ich meinen Studentenausweis und das dazugehörige Ticket zuhause vergessen hatte. Der Busfahrer, der mich seit fast zwei Jahren jeden Tag an dieser Haltestelle in den Bus steigen sah, weigerte sich, mich in den Bus zu lassen.
„Jeden Tag stehe ich doch hier, zur selben Uhrzeit! Gestern noch hatte ich das Ticket.“
„Das ist mir egal“, erwiderte der Busfahrer knapp und ohne mich anzusehen, „ohne gültigen Fahrausweis können Sie nicht zusteigen.“
Ich war baff.
„Sehen Sie mich doch an. Ich fahre jeden Tag mit diesem Bus!“
„Wie soll ich mich an jedes Gesicht erinnern, bitteschön? Ich gucke mir die Fahrausweise an, nicht die Gesichter.“
Ich war drauf und dran, wieder auszusteigen. Ich schaute zuvor jedoch einmal flehentlich in den Bus hinein, in der Hoffnung, dass irgendjemand mir zur Seite stehen würde. Aber ich blickte größtenteils nur in neugierige, aber so gut wie gar nicht in mitleidige oder gar couragierte Mienen. Ich hatte mich schon fast zum Gehen umgedreht, als Jan sich nach vorne drängelte und ohne Diskussion den Busfahrer beschimpfte.
„Was soll das denn, sie Korintenkacker. Sie lassen jetzt sofort diese Frau in den Bus, oder ich beschwere mich bei ihrem Vorgesetzten!“
Der Busfahrer reagierte gelassen.
„Tun sie, was sie nicht lassen können. Ich bleibe dabei: Ohne gültigen Fahrausweis kommt diese Frau nicht in den Bus!“
Jan erkannte sofort ‚das System’ im Busfahrer wieder, und setzte zu einer Tirade an, die nicht mehr den Busfahrer, sondern die politische Herrscherkaste zum Ziel hatte.
„Genau das ist es, was mit diesem Land nicht stimmt. Sie folgen den Buchstaben des Gesetzes und vergessen die Menschen dahinter. Ihr Pflichtbewusstsein ist genauso hirnrissig und genauso gefährlich wie das eines Lagerkommandanten.“
Der Busfahrer, ein schwerer, massiger Mann, erhob sich daraufhin.
„Jüngelchen, jetzt reicht es aber. Diese Frau hat ihren Fahrausweis vergessen, und wenn ich die jetzt reinlasse, dann kommt morgen jeder Penner dahergelaufen und sagt, er hat seinen Ausweis vergessen. Diese Frau steigt nicht zu, und damit basta!“
Jan beschimpfte den Busfahrer noch eine Weile, aber mit ein wenig Feingespür hätte er gemerkt, dass der Busfahrer seine Position nicht aufgeben würde, und dass seine Art mit dem Busfahrer zu reden nicht wirklich zu einer Deeskalation der Situation beitrug. Die ganze Chose endete damit, dass ich Jan um Geld für ein Ticket bat, Geld, das er mir bereitwillig lieh. Ich zahlte dem Busfahrer das Geld fürs Ticket und setzte mich hinten in den Bus. Als Jan an seiner Haltestelle ausstieg gab er mir einen Zettel mit seiner Adresse und Telefonnummer. Ich schuldete ihm ja Geld.


So kam eins zum anderen. Sein verstohlenes Interesse an mir traf auf ebenso verstohlenes Interesse meinerseits, Telefonanrufe, zufällige und absichtliche Treffen setzten ein, wir etablierten langsam einen immer vertrauter werdenden Umgang miteinander, und während Jan mich politisch formte, zeigte er sich im Gegenzug interessiert an den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die mit meinem Studium der Romanistik einhergingen. Ich erzählte ihm bei einem Abendessen in seiner Wohngemeinschaft von meinem Wunsch, Lehrerin zu werden, und er erzählte von seinem Hass auf die deutsche Hochschulpolitik, auf Vietnam, auf die Pressekonzentration, auf Axel Springer und auf die Notstandsgesetze. Er wollte zwei, drei, viele Vietnams schaffen und ein deutscher Che Guevara werden. Sein Aktionismus, dass merkte ich sofort, war meist stärker als sein Verstand und wurzelte, so meinte ich, zu einem nicht geringen Teil in der Unzufriedenheit mit seinem eigenen Leben. In Jan erkannte ich das Dilemma unserer Generation, mein Dilemma. Wir hatten Eltern, die aktiver oder passiver Teil einer Gesellschaft gewesen waren, der man in aller Welt teuflische Dinge zuschrieb. Wir hatten Eltern, die Paul Celans Todesfuge ermöglicht hatten, ein Gedicht, das mir wirkliche Angst machte. Wir hatten Eltern, die uns gegenüber ein grausames Schweigen exerzierten, das wir nur mit markerschütternden Schreien zu bekämpfen wussten. Wir hatten Eltern, die wir lieben wollten aber nicht konnten, weil sie noch im Korsett einer nationalsozialistischen Ideologie steckten. Wir hatten Eltern, die wir umerziehen mussten, um ein freiheitlich demokratischer Staat zu werden.
Jan sah die Lösung dieses Dilemmas in einer totalen Abkehr von seinen Eltern, seiner Elterngeneration. An die Stelle der seiner Meinung nach noch immer totalitären und autoritären Herrschaft sollte ein aus Kommunen bestehender Staat entstehen, also ein Staat aus kleinsten Verwaltungseinheiten, die sich den gängigen Vorstellungen von Moral und Leistung widersetzen sollten.
„Wir müssen wegkommen von einem Staat, in dem die herrschende Elite die Gesellschaft als eine grobe, dumpfe und graue Masse wahrnimmt. Wir müssen uns endlich von der Idee verabschieden, dass ein aus sechzig Millionen Menschen bestehender Staat zentral verwaltet werden kann. Wir brauchen Gemeinschaften, in denen jeder Mensch einen Namen hat, in denen jeder bereit ist, für den anderen Verantwortung zu übernehmen. Wir brauchen Menschen, keine Gesellschaften!“.
Ich hörte mir an, was er zu sagen hatte, und auch wenn ich oberflächlich kühl blieb, musste ich mir doch von Tag zu Tag mehr eingestehen, dass ich seinem Feuer erlegen war. Die Fiebrigkeit, mit der er gedanklich den Staat umwandelte, besaß eine ungeheure Energie, die auf mich abstrahlte. Jan, wie soll ich es sagen: Er brannte. Seine politische Ansicht war nicht nur hohle Phrasendrescherei, mit der so manch anderer den Mädchen imponieren wollte, es war eine gelebte Überzeugung.


Irgendwann wollte ich Jan dann küssen. Die bisherigen Treffen waren alle ohne jeglichen Körperkontakt abgelaufen, und ich begann mich zu fragen, ob Jan mich vielleicht gar nicht wollte. Ich verbrachte ganze Nachmittage damit, ihm zuzuschauen, wie er gestikulierte, wie sein klarer Blick mich betörte, und wie seine Gestik und Mimik, quasi jedes seiner Worte einen unwiderstehlichen Reiz auf mich ausübten. Alles was Jan tat, sagte oder dachte, war für mich nun von einer knisternden Erotik, von einer sinnlichen Elektrizität, die sich hemmungslos entladen wollte.


Sein erster Kuss klebt heute noch an meinen Lippen. Wenn ich die Augen schließe und das Grasen des Pferdes überhöre, wenn ich den Wind nur spüre und seinen Ton ausschalte, wenn ich den Krebs für ein paar Sekunden vergessen lerne, dann spüre ich wieder, wie der Saft seiner Lippen sachte durch meinen Mund rauscht, wie der Geschmack seines Körpers wie Honig in mich hineintropft und wie mein ganzer Körper nur von einem einzigen wohligen Wort erfüllt ist: Jan. Jan!


Aber Jan war eben auch politisch. Während ich mich damit begnügt hätte, in einem mir kalt und gefühllos erscheinenden Staat eine Insel für uns zwei zu schaffen, wollte Jan diesen kalten und gefühllosen Staat in die Knie zwingen. Alles, was ich wollte, war eine Wohnung, einen Beruf (vielleicht an der Universität), Kinder und fortwährende Zweisamkeit. Alles, was Jan wollte, war die Elterngeneration zu zwingen, ihre Kinder für die Taten der Vergangenheit um Vergebung zu bitten und die Verantwortung von nun an vertrauensvoll in ihre Hände zu geben. Er wollte von seinem Vater hören: „Sohn, ich habe gesündigt, gegen Gott, gegen die Menschlichkeit, gegen dich, und ich verdiene deine Verachtung, aber ich bitte dich dennoch um Vergebung. Ich vertraue dir die Zukunft unseres Landes an, in der Hoffnung, dass ihr zu einem besseren Ergebnis kommen möget als wir. Wir haben versagt“. Doch wer einmal den strengen Vater Jans erlebt hatte, wie er in der Manier eines preußischen Offiziers über Frau und Kinder bestimmte (oder, im Fall von Jan, zu bestimmen versuchte), der wusste, dass Jans Vater solche Worte niemals über seine Lippen bringen würde. Ich glaube, Jans Vater sah es so: Sein Sohn klagte ihn für sein Verhalten während des Dritten Reiches an, aber er tat dies aus der Position des Nicht-dabei-Gewesenen. Jans Vater war überzeugt davon, dass nicht er, sondern die Zeit, in die er hineingeboren worden war, Schuld an Hitler trug. Er hatte nicht anders handeln können, denn ihm waren Werte wie Disziplin, Gehorsam und Patriotismus eingebläut worden, Werte die ihm stets mehr bedeutet hatten als die Hinterfragung oder Diskussion dieser Werte. Jans Vater war kein schlechter Mensch, auch wenn er für Hitler getötet hatte, er war schlimmstenfalls ein schwacher Mensch, und selbst diese Schwäche wird in einem so repressiven System wie dem Dritten Reich wenn nicht entschuldbar, so doch erklärbar. Vielleicht hatte Jans Vater wirkliche Gewissensbisse, aber was hätte es genutzt, diese seinem Sohn einzugestehen? Es hätte den Verlust seiner Autorität bedeutet, den Verlust seiner Achtung vor sich selbst. Jans Vater und Jan selbst steckten in diesem Dilemma fest. Jan war dazu erzogen worden, den Faschismus abgrundtief zu hassen, und Jans Vater war dazu erzogen worden, den Faschismus zu lieben. Wie sollten sie da einen Weg zueinander finden?


Also trennten sich ihre Wege. Jans Vater blieb mit seiner Frau in dem kleinen Backsteinhaus mit dem gepflegten Vorgarten am Rande der Stadt und Jan zog in eine kleine WG im Zentrum der Stadt, in der zwei Gesinnungsgenossen mit ihm die Revolution am Reißbrett planten. In der Wohnung waren haufenweise linkslastige Bücher aufgestapelt, Bücher über die Tupamaros in Uruguay, Artikel über die Sandinisten in Nicaragua und Fotos und Plakate von Ernesto Guevara. Als dann die APO sich mehr und mehr gegen die große Koalition unter Kiesinger auflehnte, sahen Jan und seine Mitbewohner ihre geistigen Ziele in den Taten der Außerparlamentarischen Opposition verwirklicht und schlossen sich dieser an. Keine Woche verging, in der Jan nicht an Spaßguerilla-Aktionen oder Sit-Ins teilnahm, keine Woche, in der Jan nicht irgendein Plakat malte oder Pamphlet schrieb, die den hemmungslos um sich greifenden Kapitalismus und dessen Protagonisten aufs Schärfste angriff.
Jan war in dieser Zeit sehr glücklich. Er fühlte sich als Teil einer Bewegung, die die Zukunft Deutschlands mitgestaltete.
„Wir bewegen etwas in den Köpfen“, sagte er, „auch wenn wir keine wirkliche Macht haben!“
„Und was bewegt ihr?“, fragte ich.
„Die Leute denken um. Siehst du, jeder Polizist, der einem von uns die Fresse einschlägt, jede Demonstration, die gewaltsam aufgelöst wird, ist eine Bankrotterklärung des Staates! Wenn sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als mit Gewalt, dann haben sie schon verloren.“
„Und weiter?“, fragte ich.
„Wie, und weiter?“, erwiderte er.
„Wenn Kiesinger zurücktritt, wenn er sagt, ja, ich war ein böser Nazi, wenn die gesamte Regierung euch die Macht überlässt, wenn ihr die Regierung seid, was macht ihr dann?“
Jan hörte meine schon oft geäußerte Vermutung, dass die APO und der SDS kein wirkliches politisches Konzept hatten, und nur Randale um der Randale willen machten, aus diesem Satz heraus. Er wusste, dass ich, auch wegen ihm, mit der APO und dem SDS sympathisierte, aber dass ich die rhetorische Großspurigkeit der Anführer nicht mochte. Denn sollte einer von ihnen wirklich an die Macht kommen, stünde er ohne wirkliches Konzept da.
„Dann machen wir Anarchie!“, sagte Jan mit kindlichem Stolz und grinste.


Der Konflikt mit der Elterngeneration spitzte sich im Laufe der Zeit immer mehr zu. Es gab noch genügend Menschen, auch junge Menschen, die diesem Konflikt eher gleichgültig gegenüberstanden oder ihn stillschweigend an sich vorüber ziehen ließen, aber es gab auch Menschen wie Jan. Jans Engagement in dieser Sache nahm immer breitere Formen an. Er begann so etwas wie eine politische Karriere im Studentenbund und in der APO, und mit dem ihm eigenen Ehrgeiz arbeitete er sich in der Hierarchie des SDS hoch, bis er der Stellvertreter von Gregor Holmsten, dem Chef des SDS an unserer Uni war. Manchmal fuhren sie mit einem gemieteten Bus in die große Stadt und nahmen dort an Demonstrationen gegen den Arbeitgeberpräsident, gegen den Springer Verlag oder gegen Kiesinger teil. Wenn Jan von diesen Unternehmungen zurückkam, dann war er immer sehr aufgekratzt.
„Du solltest einmal mitkommen nach Berlin“, sagte er, „dann würdest du sehen, dass es eine wirkliche politische Bewegung in diesem Land gibt!“
Ich nickte nur.
„Wirklich“, fuhr er fort, „in Berlin triffst du Leute, die Visionen haben, die etwas tun wollen!“
„Was wollen sie tun?“, fragte ich. „Putschen?“
Er lächelte. Es war ein Lächeln, das zu sagen schien: „Du verstehst nicht!“. Ich glaube Jan war sich der Tatsache bewusst, dass die APO und der SDS nicht regierungsfähig waren, und dass ihre Rolle nur darin bestehen konnte, die gegenwärtige Regierung zum Umdenken zu bewegen. Im Grunde bestand die Rolle der außerparlamentarischen Opposition darin, die aktuelle Regierung der Vätergeneration gründlich zu entnazifizieren. Und keiner von uns, auch Jan nicht, ahnte, dass dieser Prozess der Entnazifizierung von Kiesinger und Co. manche junge Männer das Leben kosten würde. Bis zum 2. Juni 1967 waren die Aktionen von APO und SDS neben allem ernst gemeinten Protest oft auch ein riesiger Spaß gewesen.


Am 2. Juni kam der Schah von Persien nach Deutschland. Ich war über die Bedeutung seiner Person nicht ganz im Bilde, Jan aber erklärte mir immer wieder, dass der Schah von Persien mit Hilfe des amerikanischen CIA eine diktatorische Politik betrieb, die dem iranischen Volk das Blut aussaugte. Er war also nicht nur ein Feind der Demokratie, er war auch ein Verbündeter des heuchlerischen amerikanischen Geheimdienstes, also Teil einer Weltverschwörung, die gegen Frieden und für den Krieg in Vietnam war. Und die deutsche Regierung holte für diesen Mann den roten Teppich hervor, rollte ihn vor der Deutschen Oper aus und empfing ihn mit allen militärischen Ehren. Es war klar, dass Jan nach Berlin musste, um gegen diesen Mann zu protestieren.
Ich blieb zuhause. Ich ahnte nämlich, dass es Ärger geben würde. Jan und seine Freunde hatten den ganzen Tag damit zugebracht, Farbbeutel und Mehltüten anzufertigen. Darüber hinaus hatte Jan seit zwei Tagen in seiner Küche eine Palette überreifer Tomaten stehen, die für den Schah bestimmt waren. Die kindliche Freude, mit der er und seine Freunde zu Werke gingen, war entlarvend. Denn hinter all der politischen Agitation, die sie ernsthaft betrieben, erkannte ich hinter Jans Überzeugung auch den kleinen Jungen, der er noch immer war. Das Schmeißen von Farbbeuteln auf bedeutende Staatsmänner und Politiker war doch im Grunde genommen nichts anderes als ein vorpubertärer Bandenkrieg in einem Vorstadtrevier. Jan muss in seinem jugendlichen Leichtsinn geglaubt haben, es ginge immer noch um ein verlorenes Murmelspiel oder um eine Balgerei im Kindergarten. Er wollte nicht sehen, dass der Staat gegen ihn und seine Partisanen eine Polizeimacht auffuhr, die die meiste Zeit mit losem Halfter herumlief und auf linksgerichtete Studenten wie ihn mit einer Cowboy-Mentalität reagierte.


Nachdem sie abgefahren waren, ging ich in die Universitätsbibliothek. Ich hatte mir vorgenommen, bis in die späten Abendstunden drei Tragödien von Jean Racine zu lesen: Phädra, Berenike und Brittanicus. Und mit derselben Konsequenz, mit der in diesen drei Tragödien das blutige Schicksal seinen Lauf nimmt, bahnte sich zur gleichen Zeit auch in Berlin eine Tragödie an, die in der Geschichtsschreibung den Wendepunkt der studentischen Revolte markieren sollte. An jenem Tag, als ich mich den Studien der klassischen Doktrin hingab, bekamen der SDS und die APO ihren ersten Märtyrer: Benno Ohnesorg. An diesem Abend begann eine bis dato unblutige Auseinandersetzung blutig zu werden. Und jene Studenten, die an diesem Abend Blut geleckt hatten, sollten sich bald zur Roten Armee Fraktion formieren.
Was war passiert? Das war passiert:
Der Bundeskanzler und der Schah fuhren vor. Kaum waren sie ausgestiegen, begannen mehrere Tausend Demonstranten die einfachen Parolen zu skandieren, die ihrer Meinung das kritische Anliegen kurz und knapp zur Sprache brachten. Sie riefen „Schah, Schah, Scharlatan“, „SA-SS-Schah“ und „Mo, Mo, Mossadegh“ (der vom Schah gestürzte ehemalige Regierungschef) und warfen die Farbbeutel. Der Schah und seine Frau zeigten sich allerdings wenig beeindruckt von den Demonstranten, was vor allem daran lag, dass sie die Demonstranten gar nicht sahen. Vor ihnen, direkt hinter der Absperrung, waren nämlich die so genannten Jubelperser postiert, also die bezahlten Anhänger des Schahs, die mit Plakaten, Fahnen und Schildern den Schah und seine Frau willkommen hießen. Dieser vom iranischen Staat bestellte Fanclub wurde dazu noch von einer Hundertschaft deutscher Polizisten gesichert und protegiert. Die eigentlichen Demonstranten, unter ihnen auch Jan und seine Freunde, waren durch die Absperrung so sehr von dem eigentlichen Geschehen ausgeschlossen, dass sie in einen leeren Raum hinein protestierten. Ihre Kritik verhallte ungehört in der dunklen Nacht, die sich wie eine schalldichte Mauer schützend um den Schah schloss.
Dann verschwanden der Schah, seine Frau und der Bundeskanzler im Innern der Oper. Die knapp sechzig Sekunden Demonstration, für die Jan und seine Freunde eigens angereist waren, gingen ungenutzt zuende. Der Pulk der Demonstranten wartete auf die Freigabe der Straße durch die Polizei, um sich auf dem Heimweg machen zu können. Hinter den Demonstranten befand sich ein hoher Bauzaun und nach vorne lief man direkt den Jubelpersern in die Arme. Aus Gemeinheit, ich will es Gemeinheit nennen, ließen die Polizisten die Demonstranten vorerst aber nicht abziehen. An beiden Enden der ‚Wurst’ (so beschrieb der Polizeichef später in Interviews die Schlange aus Demonstranten) standen Polizisten und hinderten die Demonstranten am Weggehen.
Danach begannen die Jubelperser plötzlich auf die Demonstranten einzuschlagen. Sie benutzten die Schilder und Plakate nun als Waffen und prügelten, unter den wohlwollenden Augen der deutschen Polizisten, einige der Demonstranten. Manche der Jubelperser hatten auch Schlagringe und Eisenstangen dabei. Die aus diesen Schlägen resultierenden Platzwunden führten zu einer Panik unter den Demonstranten, doch die Polizei ließ dennoch niemanden aus dem Kessel heraus. Jan und seine Freunde waren eingepfercht zwischen jungen Männern und Frauen ihres Alters, und auch sie wurden zunehmend unruhig.
Schließlich ließen die Polizisten die Jubelperser ungeschoren davonkommen. Sie leiteten sie zu einer nahe gelegenen U-Bahn Station, von der aus die Jubelperser dann in ihre Quartiere und Hotels zurückfuhren. Der Platz, den die Jubelperser zuvor ausgefüllt hatten, wurde rasch mit gewaltbereiten deutschen Polizisten angefüllt. Diese Polizisten begannen dann ihrerseits auf die Demonstranten einzuschlagen. Einer von Jans Freunden bekam einen Schlagstock auf den Kopf und sah innerhalb von Sekunden das eigene Blut über die Handinnenfläche rinnen.
Zum Schluss trieben die deutschen Polizisten die Demonstranten vom Zentrum her auseinander. Der Polizeipräsident Erich Duensing sprach später von der Leberwurst-Methode: Man drückt in der Mitte, damit die Wurst (der Demonstranten) an den Enden platzt.
Nun, die Wurst platzte. Die Demonstranten, die vorher einen geschlossenen Kreis gebildet hatten, flohen in alle Richtungen. Wie bei einer Treibjagd folgten die Polizisten den Demonstranten dann bis in Häusereingänge und Nebenstraßen. Manche Demonstranten rannten in Hinterhöfe, aus denen es keinen Ausweg gab. Manche Demonstranten rannten in Sackgassen hinein.
So auch Benno Ohnesorg. Er rannte in einen Häuserinnenhof in der Krummen Straße, ungefähr dreihundert Meter von der Oper entfernt (so weit waren die Polizisten ihm hinterher gejagt), um einem Mann zu helfen, der dort schon von Polizisten verprügelt wurde. Ein anderer Demonstrant warf einen Taschenschirm auf den Polizisten, der den am Boden liegenden Mann gerade verprügelte. Als der Beamte den Schirm nahm und damit drohte, löste sich Ohnesorg etwas aus der Gruppe und trat einen Schritt auf diesen Polizisten zu. In diesem Moment kam von hinten her ein Schuss, der ihn in den Kopf trat. Benno Ohnesorg war sofort tot.


Er sollte nicht das einzige Opfer an diesem Abend bleiben. Auch Jan sollte diese Nacht nicht überleben, doch sein Opfer war von einer banaleren Sorte und hatte mit der eigentlichen Demonstration nichts zu tun. Während Benno Ohnesorg aus politischen Gründen starb ohne wirklich politisch zu sein, starb Jan auf gänzlich unpolitische Art und Weise, obwohl ihn die Politik doch durch und durch erfüllte.


Jan starb auf dem Heimweg. Bei einem Verkehrsunfall. Er und seine Freunde fuhren mit ein paar Prellungen und der einen oder anderen Platzwunde noch am selben Abend nach Hause. Jan hatte auf dem Beifahrersitz gesessen und war bei dem Aufprall mit dem LKW aus dem Fahrzeug geschleudert worden. Im Polizeibericht hieß es, dass er sich nicht angeschnallt hatte. Der Fahrer war auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, Jan war noch in der Notaufnahme gestorben und Gregor, der dritte Mann, hinten im Auto, ist seit jenem Unfall querschnittsgelähmt.
Als ich den Anruf aus dem Krankenhaus bekam, war ich erst der Überzeugung gewesen, dass dies alles bei der Demonstration passiert war. Noch auf meinem Weg zum Krankenhaus dachte ich, dass es sich um eine große Verschwörung handelte. Der Staat, so verstand ich, wollte den Mord an Jan vertuschen und erfand die haarsträubende Geschichte von einem Autounfall. Erst als Gregor, der einzige Überlebende des Unfalls, einen Tag später bezeugte, dass Kiesinger nicht direkt am Tod von Jan schuld war, konnte ich mich wirklich mit dem Ableben von Jan befassen. Jan war also tot, und er war nicht für die Revolution gestorben. Nein, er war gestorben, weil ein 58-jähriger Fernfahrer am Steuer eingenickt war und einem anderen Verkehrsteilnehmer aus Unachtsamkeit die Vorfahrt genommen hatte. Jan war tot, aber sein Tod wurde nicht wie der Tod von Benno Ohnesorg auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen bekannt gegeben, sondern nur in den Todesanzeigen des kleinen Blattes unserer Vorstadt. Jans Tod stand nicht für eine größere Sache, für eine größere Idee, sondern nur für die Heimtücke des stetig zunehmenden Verkehrsaufkommens. Jans Tod war so bedeutungsarm wie das Wort Demokratie.

Gerne möchte ich glauben, dass es für all das einen Grund gibt. Ich möchte glauben, dass Benno Ohnesorg nicht umsonst gestorben ist, ich möchte glauben, dass ich Jan nicht ohne Grund verloren habe, und ich möchte glauben, dass es einen Grund dafür gibt, dass ich seit nunmehr vierzig Jahren jeden Morgen mit der Erinnerung an Jans junges Gesicht aufwache und jeden Abend damit einschlafe. Ich möchte glauben, dass ich ohne Hass und Verbitterung und Bedauern und dem Gefühl verpasster und vertaner Chancen in den mir nun sicher scheinenden Tod gehen kann. Ich möchte glauben, dass ich geliebt und gelebt habe, und dass ich, wenn die Zeit kommt, bereit sein werde.


Aber ich glaube nicht dran. Ich glaube nicht, dass ich dem Leben sanft entschlafen werde, weil ich ihm nicht sanft entschlafen will. Ich will mich winden und wenden, ich will mich wie ein Pferd im zu engen Stall aufbäumen und ich will schreien und krakeelen, dass die ganze Welt erzittert. Ich will Gott verfluchen für die Qualen, die er mir angetan hat, ich will den Schwestern und Ärzten ihren besorgten Blick aus den Augen kratzen und ihnen den alltäglichen Umgang mit dem Tod noch ein bisschen schwerer machen. Jan zuliebe werde ich mich wehren. Aufbegehren will ich gegen diese Macht, die so klamm und heimlich daherkommt und mir nach dem Leben trachtet. So lange ich noch die Kraft besitze, um auf mich aufmerksam zu machen, will ich den rebellischen Geist, der nach Jans Tod in mich gefahren ist, am Leben erhalten. Ich will nicht wie diese Heuchler im Sterbehospiz sanft und klaglos dahinscheiden, ich will nicht mit vermeintlicher Größe dem Tod gemach ins Auge schauen und ihn gelassen ertragen, nein, ich will anschreien gegen die Ungerechtigkeit, die mir im Leben widerfahren ist, ich will anschreien gegen den Tod, der mir Jan wegnahm, als ich ihn am meisten liebte. Ich will den Tod verfluchen, weil er mich dazu verdammt hat, ein Leben lang in der Vergangenheit zu leben.
Ach, Jan, du warst so jung, du warst so jung und stark, warum musste ich alleine alt werden? Warum bist du nicht mit mir gealtert? Warum bist du für immer so unendlich schön geblieben, warum konnte die Zeit dir nichts anhaben, während sie mich aufgefressen hat?


Die Sonne geht unter. Ich brauche immer eine knappe halbe Stunde um zum Gehöft von Hartmut und seiner Frau zurück zu reiten. Eine weitere Viertelstunde benötige ich jeweils für das Striegeln des Pferdes und das Ausmisten des Stalles. Manchmal nach einem Ausritt gehe ich noch mit Hartmut, seiner Frau und manchmal auch ein paar anderen Leuten auf ein Bier in die nahe gelegene Kneipe. Heute abend aber versagt mir der Mut dazu. Irgendwann in diesen Tagen werde ich ihnen von meiner Krankheit erzählen müssen, denn wenn ich überhaupt etwas wie Freunde habe, dann kommen Hartmut und seine Frau dieser Bezeichnung noch am nächsten. Und dennoch graut mir vor dem Moment, wo ich ihnen im Stillen, bei einem Glas Wein, von meinem Krebs erzählen muss. Ich habe absolut keine Lust auf diese peinliche Konversation, bei der ich versuchen werde, die Bösartigkeit meiner Krankheit mit einem lauen Witz zu überspielen und bei der Hartmut und Anja nur betreten auf den Boden und dann in mein Gesicht schauen werden. Ich will einfach nicht, dass sie mich mit Samthandschuhen anfassen. Ich will nicht, dass sie mir vom Zeitpunkt meines Geständnisses an nur noch mit einem mitleidigen und einem mitfühlenden Blick begegnen. Ich will nicht, dass der Krebs die Entspanntheit unserer Zusammenkünfte zerstört und mir den Genuss der relativen Sorglosigkeit verleidet. Alles was ich will, ist die mir verbliebene Zeit weiterhin so zu gestalten, wie ich die Zeit vor der Diagnose gestaltet habe. Ich will mich nicht jeden Morgen daran erinnern, dass ich Krebs habe und noch weniger will ich meinen Körper jeden Abend zu Bette schleppen müssen, in der Gewissheit, dass dieser Körper mir bald den Dienst versagt. Ich wünschte, ich könnte dieses Wissen um meine Krankheit vergessen lernen und dann plötzlich und unerwartet dahin scheiden. Wenn ich doch nur einen Weg wüsste, wie man die Zeit zurückdreht. Dann würde ich nicht mehr zum Arzt gehen. Ich würde mir nicht anhören, an welchen Stellen im meinem Körper tödliches Gewebe heranwächst und ich würde mir nicht die verschiedenen, grauenhaften Arten der Therapie erklären lassen von einem Doktor, der mich wie ein Versuchskaninchen und nicht wie einen Patienten behandelt. Wenn es einen Weg für mich gäbe, zu sterben ohne zu wissen, dass ich sterbe, dann würde ich diesen Weg sofort gehen. Denn Fakt ist: Glücklich sind diejenigen, die unerwartet und ohne Vorwarnung veratmen. Denn sie haben nie die quälende und zermürbende Angst gefühlt, die nun mein täglich Brot ist.


Ach Jan, wie glücklich du dich schätzen kannst. Als du starbst, warst du jung und schön und männlich. Du warst ein junger Gott. Und als du starbst, wusstest du nicht, wie dir geschah.
Ich aber bin nun alt und hässlich. Ich bin ausgebrannt und ausgelaugt. Ich bin ein alter Mensch. Und seit einiger Zeit weiß ich, dass ich bald sterben werde.

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CPMan
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Liebe JiRina,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Gerne erläutere ich einige deiner Fragen.

Die Reiter: In manchen Geschichten versteige ich mich gelegentlich zu symbolischer Überhöhung. Die Ich-Erzählerin, Beate, erlebt hier ihr persönliches Ende, überspitzt formuliert ihre eigene Apokalypse, daher die vier apokalyptischen Reiter, die vom drohenden Tod künden. In DER WEG INS LICHT tauchen sie übrigens auch auf, dort allerdings ohne ihre Pferde :-)

Die Geschichte sollte in den Zyklus aus Geschichten passen, in denen es um den Menschen in der Masse geht (wie in Chicago Blues, Zone A, Sektor Z und auch Vélodrome d'hiver). Leider geriet mir beim Schreiben die Demonstration immer weiter in den Hintergrund und ich fokussierte mich nolens volens auf Beates Empfinden.

Die Idee einer alten Frau oder eines alten Mannes, der die Liebe seines Lebens in jungen Jahren verloren hat, faszinierte mich. In dieser Geschichte wird Beate älter und kranker, aber Jan bleibt in ihrer Erinnerung immer jung und kräftig und faltenfrei. Durch Jans abruptes Ende wird die Liebesgeschichte hier also die einer alten Frau zu einem jungen Mann, das birgt ebenfalls die Gefahr, dass Jan von Beate überhöht wird, weil er auf dem Zenit ihrer Liebe plötzlich starb, nicht mit ihr alt wurde und auch nie einen gelegentlich zermürbenden Alltag mit ihr teilen musste.

Durch diese verschiedenen Ideen ist mir tatsächlich das eigentliche Ziel, d.h. das Verhalten des Menschen in der Masse, abhanden gekommen, daher empfinde ich deine Frage nach der Botschaft als berechtigte Kritik/ Anmerkung.

Liebe Grüße,

CPMan

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