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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Verabschiedung
Eingestellt am 18. 10. 2018 21:00


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CPMan
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Registriert: Aug 2014

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„Warum sind Sie nicht Schriftsteller geworden?“, fragte Jonas.

Peter Schaller schaute von dem selbst gedichteten Text hoch, den er seinen SchĂŒlern gerade vorgelesen hatte. Jonas grinste hĂ€misch. Es war klar, dass er seinen Lehrer provozieren wollte. Aber Peter Schaller blieb ganz gelassen.

„Weißt du, Jonas“, begann er, „Lehrer sind eine ganz besondere Spezies, musst du wissen. Lehrer sind nĂ€mlich alle verhinderte Irgendwas. Da ist der Sportlehrer, der frĂŒher ein ausgezeichneter Schwimmer war, sich dann aber verliebt hat, dem Alkohol zugeneigt war oder einfach nur um fĂŒnf Uhr morgens keinen Sinn mehr darin sah, endlos lange Bahnen im Schwimmbad zu ziehen, nur um irgendwann mal bei Olympia schwimmen zu können. Da ist der Musiklehrer, der ursprĂŒnglich Konzertpianist hatte werden wollen, dem aber die Finger zu schnell oder zu langsam im VerhĂ€ltnis zum Takt des StĂŒckes gerieten. Da ist der Kunstlehrer, den die Berliner Akademie fĂŒr KĂŒnste dreimal wegen seiner nichtssagenden Aquarelle abgelehnt hat, oder der Philosophielehrer, der acht Jahre an seiner Doktorarbeit laboriert hat, bevor er entnervt aufgab; und da sind dann noch unzĂ€hlige Lehrer, die gar nicht richtig versucht haben, ihrer MittelmĂ€ĂŸigkeit zu entfliehen, zu denen, das muss ich zu meiner Schande gestehen, ich mich auch zĂ€hle. Dass Lehrer eigentlich gescheiterte Existenzen sind, bemerkt man daran, dass sie mit SchĂŒlern wie dir einen Raum teilen mĂŒssen. Das ist die Strafe, die sie tagtĂ€glich bezahlen. Selbst wenn sie versuchen, in das Reich des Sublimen, des Erhabenen zu entschwinden, werden sie tagtĂ€glich durch die BanalitĂ€t des Schulischen auf den Boden der Tatsachen geholt. Wenn du dich also durch deine Frage ĂŒber mein Geschreibsel lustig machen willst, dann lass mich dir sagen: Du bist ein Meister darin, offene TĂŒren einzurennen, mein pubertĂ€rer Eleve.“

Der SchĂŒler Jonas schaute ihn verdutzt an. Es war klar, dass er weder geistig noch rhetorisch dazu in der Lage war, hier einen Konter zu setzen, mit dem er die restlichen SchĂŒler auf seine Seite bringen konnte. Sein Schweigen war ein Sieg fĂŒr Schaller. Aber dieser Sieg, wie so viele Siege gegen die geistig hĂ€ufig unterlegenen SchĂŒler, fĂŒhlte sich schal an. Schaller hatte schon öfter auf solche Provokationen reagieren mĂŒssen, vor allem dann, wenn er zu einem Thema eins seiner eigenen Gedichte oder Prosatexte vortrug. Nicht zuletzt aus diesem Grund saß in der erfolgten Tirade gegen den SchĂŒler Jonas (oder vielmehr der Tirade gegen den Beruf und die Berufung des Lehrers) jedes Wort. Er hatte diesen Konter in anderen Situationen schon zum Besten geben dĂŒrfen.

„Aber weißt du, Jonas“, fuhr der Deutschlehrer Schaller fort, „ich habe nie verstanden, warum gewisse Personen den unbĂ€ndigen Drang verspĂŒren, sich ĂŒber das Geschriebene anderer Leute lustig zu machen. Ich habe nie verstanden, warum mein Bruder meiner Schwester das Tagebuch aus den HĂ€nden riss und mir ihre EintrĂ€ge mit einem ĂŒbertrieben sĂ€uselnden Ton vorlas, wĂ€hrend sie unter TrĂ€nen versuchte, ihr Tagebuch wieder zurĂŒck zu bekommen. Ich habe auch nie verstanden, warum meine MitschĂŒler lachten, als unser Deutschlehrer aus Manns Tod in Venedig vorlas. Wirklich nicht. FĂŒr mich ist das Wort, geschrieben oder gesprochen, der Wunsch nach Kommunikation, nach Austausch, ein Wunsch, den man niemandem leichtfertig abschlagen sollte. Wer schreibt, hat den Mut, sich verletzbar zu machen. Und, um es mit BĂŒchner zu sagen, Jonas: Ist es nicht ein elendes VergnĂŒgen, andere schlechter zu finden als sich? Wenn du mir also etwas mitzuteilen hast, lieber Jonas, können wir gerne nach der Stunde noch ĂŒber meinen Text oder deine Meinung dazu reden, einverstanden?“

Nun wirkte der SchĂŒler Jonas völlig ĂŒberfordert, beinahe eingeschĂŒchtert und gedemĂŒtigt. Er ließ den Kopf hĂ€ngen und wartete darauf, dass die Aufmerksamkeit auf ein anderes Sujet gelenkt wĂŒrde. Schaller dachte jedoch nicht dran, im Gegenteil, er ließ die peinlich berĂŒhrte Stimmung noch fĂŒr einen langen Moment in der Luft hĂ€ngen, bevor er wieder das Wort ergriff.

„Wir werden nach den Ferien in der Genieperiode weitermachen, besser bekannt auch als Sturm und Drang. Ihr habt zwar noch heute und morgen, aber ich möchte euch an dieser Stelle schon mal schöne Ferien wĂŒnschen. Kommt gesund und munter wieder.“

Einige, wenige SchĂŒler hauchten ein ‚Gleichfalls’, der Rest der SchĂŒler verstand das Gesagte lediglich als Signal zum Aufbruch. Hastig packten sie die Taschen, als ginge es bereits in die Ferien, als warte der Flieger gen SĂŒden vor dem Eingang, dabei war dies erst die zweite Stunde des Tages. Die einzige Entspannung die bevor stand, war die des sinnlosen Herumstehens auf dem schmucklosen Pausenhof.

Als der letzte SchĂŒler den Raum verlassen hatte, ging Peter Schaller gemessenen Schrittes zurĂŒck ins Lehrerzimmer. Er fand das kleine Lehrerzimmer noch relativ verwaist vor, lediglich die vier neuen Referendare und eine ausbildende Kollegin saßen am Katzentisch und schauten ihn verstohlen an.
„Guten Morgen“, sagte er höflich und ging an ihnen vorbei, ohne auf die gemurmelte Erwiderung zu warten. Er ging in das angrenzende, große Lehrerzimmer und blieb vor dem Vertretungsplan stehen. Er schaute nach, ob die von ihm angelegte Klausur mit den entsprechenden Aufsichten auch eingetragen war, fand den Eintrag, sah, dass er unvollstĂ€ndig war und machte auf dem Absatz kehrt um das BĂŒro des stellvertretenden Schulleiters und Stundenplanmachers aufzusuchen.

„Hallo Georg!“, grĂŒĂŸte er den zwölf Jahre jĂŒngeren Kollegen und A15er (plus Zulage) und klopfte dabei an die offene TĂŒr. „Hast du kurz Zeit?“
Georg Weber fixierte fĂŒr ein paar Sekunden noch den Bildschirm vor ihm, tippte etwas in die Tastatur und schaute dann hoch zu Peter Schaller.
„Klar. Was gibt es denn?“
Sein aufgewecktes, fast jugendliches Gesicht gab Georg Weber etwas sehr Dynamisches. Viele Eltern und neue Kollegen hielten ihn fĂŒr Mitte Dreißig und waren dann bass erstaunt, wenn sie erfuhren, dass er der stellvertretende Schulleiter war. Und auch wenn er tatsĂ€chlich schon ĂŒber Vierzig war, hatte er innerhalb von zehn Jahren zwei Besoldungsgruppen hinter sich gelassen. Peter Schaller in ĂŒber zwanzig nur eine.
„Es geht um die Grundkursklausur in der Q1. Ich hatte die Schreiber in Bio, Informatik und Kunst zusammengelegt und in die Aula gepackt. Auf dem Vertretungsplan taucht aber nur die Informatikklausur auf. Ich fĂŒrchte, dass die Bio- und Kunstschreiber nicht wissen, wo sie hinmĂŒssen.“
„Stehen denn die RĂ€ume nicht auf dem Klausurplan?“, erwiderte Georg Weber forsch.
„Eben nicht!“
„Hmm, warte mal, ich hab da eine Idee.“
Georg Weber wandte sich wieder dem Computer zu und öffnete zwei, drei Fenster des relevanten Softwareprogramms. Er machte ein paar Eingaben, runzelte die Stirn, tippte erneut etwas ein und drĂŒckte die Return-Taste. Ein stolzes LĂ€cheln huschte ĂŒber sein Gesicht.
„Komm mal rum“, forderte er Peter Schaller auf. Dieser tat wie ihm geheißen.
„Wenn du die Klausuren anlegst, gibst du einfach hier in der zweiten Betreffzeile nochmal die drei FĂ€chernamen ein, dann tauchen die auch auf dem Vertretungsplan auf.“
Peter Schaller schaute sich den Vorgang, den Georg Weber gerade abgeschlossen hatte, aus der NĂ€he an und war zufrieden mit dem Ergebnis.
„Danke dir, Georg. WĂ€re ich nicht drauf gekommen!“
„Kein Ding!“

ZurĂŒck auf dem Flur, musste er sich bereits einen Weg durch eine kleine Menschenmenge bahnen. Die SchĂŒler waren zwar angehalten, in der großen Pause den Schulhof aufzusuchen, aber eine betrĂ€chtliche Menge nutzte diese Zeit, um die Lehrer mit nur scheinbar oder wirklich wichtigen Dingen zu belĂ€stigen: Themen fĂŒr Facharbeiten, Freistellungen vom Unterricht, nachgereichte Hausaufgaben, korrigierte Klassenarbeiten und Klausuren, Notenfeilschereien, MobbingvorwĂŒrfe und vieles mehr. Peter Schaller jedoch hatte GlĂŒck. Auf dem Weg in sein BĂŒro sprach ihn nur ein Kollege an: Harald Mertig.

„Du kommst doch nachher, Peter?“
„Harald, mein Freund und Kupferstecher“, sagte Peter Schaller in jovialem Tonfall, „um nichts in der Welt ließe ich mir deine Verabschiedung entgehen.“

Harald Mertig, den viele SchĂŒler aufgrund seines fĂŒlligen Gesichtes und des markanten SchnĂ€uzers nur Mr. Pringles nannten, hatte es geschafft. Sein Soll war erfĂŒllt, er hatte vierzig Jahre abgeleistet, keine Altersteilzeit beantragt und war weder physisch noch psychisch das Wrack, als das viele Kollegen vor ihm schon in den Ruhestand gesunken waren. Harald und Peter gaben sich kurz die Hand und gingen dann ihrer Wege.

Als Peter sein BĂŒro aufgeschlossen hatte, machte er die TĂŒr hinter sich zu. Er hatte keine regulĂ€re Sprechstunde und so konnte er sich guten Gewissens verschanzen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und holte aus der untersten Schublade seinen in eine Thermoskanne abgefĂŒllten Chevailler Acacia hervor, einen französischen Whiskey aus dem Pays d’Othe. Er schĂŒttete sich einen Fingerbreit Whiskey in einen Pappbecher und stĂŒrzte den Alkohol schnell hinunter. Vor mehr als zwanzig Jahren, als Peter Schaller in dieser Schule angefangen hatte, waren die Ă€lteren, fast ausschließlich mĂ€nnlichen Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß-Kollegen weniger verstohlen mit diesem Laster umgegangen. Auf Konferenzen knallten die Sektkorken, auf den Tischen stand das Bier, und der gute Whiskey war zwar im Fach verschlossen, wurde aber in der Öffentlichkeit des Lehrerzimmers getrunken. Doch nun waren diese alten Kollegen nur noch Gespenster, Tote, ĂŒber die man sich unglaublich anmutende Geschichten erzĂ€hlte und deren tradierte Altherrenwitze wie aus einer anderen Zeit gefallen schienen. Peter Schaller weinte dieser Zeit keine TrĂ€ne nach, er wunderte sich lediglich, dass sich diese ZustĂ€nde innerhalb von relativ kurzer Zeit in ihr Gegenteil verkehrt hatten: jetzt stellten Frauen das Gros des Kollegiums, waren Alkohol und Zigaretten geĂ€chtet wie nie und musste böser Humor sich der political correctness unterordnen.

Es klopfte an der TĂŒr. Einen Moment lang ĂŒberlegte Schaller, sich tot zu stellen und die Geduld und Beharrlichkeit des Klopfenden auszusitzen. Doch nach dem dritten Klopfer gab er auf. Er wischte sich mit dem Ärmel ĂŒber den Mund, als könne er damit den Geruch von Alkohol in seinem Rachen vertreiben, erhob sich zĂŒgig und öffnete die TĂŒr. Es war Georg Weber.
„Entschuldige, Peter“, sagte er, „aber wir haben Not am Mann. Frau Göpels Tochter hat sich in der KiTa am Arm verletzt und sie muss jetzt ins Krankenhaus fahren. Könntest du die ISK Klasse fĂŒr sie ĂŒbernehmen?“
Peter Schaller stöhnte.
„Welche denn?“, fragte er leicht entnervt.
„ISK 2“.
„Sind das die Lieben oder die Bösen?“
Georg Weber tat sein Möglichstes nicht allzu pikiert zu schauen. Aber auch er wusste, dass es eine ISK Klasse mit handzahmen FlĂŒchtlingskindern und eine mit ziemlich renitenten Analphabeten gab.
„Na, egal“, sagte Schaller, „ich werd’s schon rausfinden. Wo sind die denn?“
„Raum 112“, erwiderte Weber.
„Gut, ich geh sofort hoch, ich muss gerade noch bei einem SchĂŒler eine KursĂ€nderung eintragen.“
„Ich danke dir, Peter“.
„Kein Ding“, sagte Schaller ironisch. Er ließ die BĂŒrotĂŒr offen, ging zum Computer und schloss lediglich die Fenster seines Browsers.

Als er die Internationale Sprachklasse betrat, war Frau Göpel schon weg. Die dreizehn SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, die aufgeregt durcheinander liefen, schauten ihn verdutzt an. Schaller ging auf den Jungen zu, den er noch vom letzten Vertretungsunterricht in der Klasse als ‚AnfĂŒhrer’ in Erinnerung hatte, und sagte laut und deutlich zu ihm, er möge sich bitte hinsetzen. Diese persönliche Ansprache funktionierte in seiner Erfahrung besser als eine Ansprache an die ganze Gruppe. Der Junge fĂŒgte sich der Anweisung, und sein Gehorsam infizierte den Rest der Klasse. Langsam, aber ohne Umwege, kehrten sie zu ihren PlĂ€tzen zurĂŒck und setzten sich hin. Da saßen sie nun: vier KopftuchmĂ€dchen, zwei dunkelhaarige RumĂ€ninnen, und sieben Jungs mit schwarzen Haaren und vier HerkunftslĂ€ndern: Syrien, Irak, Kosovo und Sri Lanka. Das hatte Schaller beim letzten Mal erfragen können und das waren auch die einzigen Fragen, die die SchĂŒler in ganzen SĂ€tzen beantworten konnten. Nicht jedoch, weil sie deren Grammatik durchdrungen, sondern weil sie es auswendig gelernt hatten.

Schaller zwang sich zur Ruhe. Er stellte sich breitbeinig in den Mittelgang, verschrĂ€nkte die Arme vor der Brust und rĂŒhrte sich nicht. Sein Blick war frei geradeaus, wie er es beim Wehrdienst vorgemacht bekommen hatte. Als totale Ruhe im Raum herrschte, begrĂŒĂŸte er die Kinder.
„Guten Morgen, Herr Schaller“, grĂŒĂŸten sie zurĂŒck.
Peter Schaller nahm das auf dem Pult liegende Deutschbuch und blÀtterte darin, bis er einen passenden Text gefunden hatte.
„Wir schreiben ein Diktat“, sagte er mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit, die einen glauben machen konnte, er habe diese Stunde von langer Hand geplant.
„Ich werde zuerst den gesamten Text vorlesen, dann Satz fĂŒr Satz in angemessenem Tempo. Wenn ihr nicht mitkommt, macht ihr einfach beim nĂ€chsten Satz weiter. Verstanden?“
Zwei SchĂŒler nickten.
Peter Schaller begann den Text zu lesen. Es war ein recht simpler Text, Basisvokabular, um den Ablauf eines Morgens zu beschreiben: aufstehen, ZĂ€hne putzen, duschen, essen, frĂŒhstĂŒcken, anziehen, das Auto aus der Garage holen. Die KopftuchmĂ€dchen schrieben fleißig mit, aber der Junge aus Sri Lanka konnte nicht einmal den Stift richtig halten, er grinste nur unverschĂ€mt. Die beiden RumĂ€ninnen reihten nur einzelne Wörter aneinander, hauptsĂ€chlich Personalpronomen: Ich, Er, Sie, Du, Es. Gelegentlich erkannten sie ein Wort wieder und schrieben es im Infinitiv hin, ein konjugiertes Verb wollte ihnen nicht gelingen. Der Junge aus dem Irak beugte seinen Kopf tief ĂŒber das Blatt, als Peter Schaller an seinem Tisch vorbeikam. Der Syrer schrieb bis auf einen Fehler alles richtig hin.
Als Peter Schaller das Diktat beendet hatte, las er den gesamten Text ein zweites Mal vor. Beim Vorlesen des Textes entstand bereits eine Unruhe, dessen Herd er beim Kosovaren vermutete. Er ging auf dessen Tisch zu und schlug mit der flachen Hand darauf. Er schaute dem kosovarischen Jungen tief in die Augen und sagte dann, durch die ZĂ€hne gepresst: „Aufpassen!“

Mit MĂŒh und Not schaffte Schaller es, die Konzentration fĂŒr den Rest der Stunde hoch zu halten. Als die Glocke zur Pause ertönte, entwich sowohl aus Schallers als auch der Kinder Körper schlagartig die gesamte Anspannung. Das Werk war vollbracht. Er hatte seine AutoritĂ€t bewahrt. Aber auch hier kam keine Form des Stolzes auf. Warum nicht? Weil er keinen der SchĂŒler zum Umdenken bewegt hatte. Sie reagierten nur auf HĂ€rte und Unnachgiebigkeit. Mit eiserner Strenge konnte man sie dazu bewegen, eine gewisse Form der Disziplin zu wahren, da sie diesen Unterrichtsstil aus ihren HerkunftslĂ€ndern gewohnt waren. Aber, so hatte Frau Göpel in einer Lehrerkonferenz erklĂ€rt, das eigentliche Ziel sei es ja nicht, die allzu autokratische Bildungskultur ihrer HeimatlĂ€nder nachzuahmen, sondern ihnen den demokratischen Erziehungsstil angedeihen zu lassen, was ungleich schwerer, und vor allem zeitaufwĂ€ndiger war. In einer Einzelstunde, noch dazu in einer Vertretung, konnte man dies nicht bewerkstelligen, und so wĂ€hlte Schaller jedes Mal den Weg des geringsten Widerstands: HĂ€rte.

Schaller verließ den Raum grußlos, und begegnete auf dem Flur der Ablöse fĂŒr die Folgestunde.
„Und, wie sind die Kinder drauf?“, fragt Frau DrĂ€ger gut gelaunt.
In zehn Minuten vom Linksliberalen zum AfD-WÀhler, wollte Schaller bemerken, aber er kannte Frau DrÀger als relativ humorlose Kollegin, bar jeder Selbstironie, und so sagte er, dass alles in Ordnung gewesen wÀre.

Die sechste und letzte Stunde des Tages verschwendete Peter Schaller wieder vor seinem Computer hinter verschlossenen TĂŒren in seinem BĂŒro. Er musste die Zeit bis zum Schulschluss ĂŒberbrĂŒcken um dann die Verabschiedung seines Kollegen Harald Mertig gebĂŒhrend begehen zu können. Der Nachmittagsunterricht war fĂŒr diesen Tag abgesagt, alle Kollegen waren dazu angehalten, ins Landheim nach Bahrnau zu fahren, einer im LĂ€ndlichen gelegenen Herberge, die der Schule gehörte. Schaller wartete nach dem letzten Klingeln noch weitere zwanzig Minuten im BĂŒro, um nicht noch auf Kollegen zu treffen, die ohne fahrbaren Untersatz gekommen und auf die Hilfe motorisierter Lehrer angewiesen waren. Als die GerĂ€usche im Flur und die GerĂ€usche startender Motoren draußen erstarben, nahm Schaller die Jacke vom Stuhl und ging gemĂ€chlich nach draußen. Sein schwarzer Mercedes 200D stand verloren auf dem Lehrerparkplatz und absorbierte die Hitze des SpĂ€tsommers. Schaller machte fĂŒr ein paar Minuten alle TĂŒren auf und ließ die angenehmere Außenluft einmal durch das Innere des Wagens zirkulieren. Dann stieg er ein und fuhr los.

Keine vierzig Minuten spĂ€ter fuhr er durch die breite Einfahrt des HerbergsgelĂ€ndes. Vor dem Eingang des HauptgebĂ€udes standen schon etliche Kollegen, darunter auch einige PensionĂ€re und deren Gattinnen. Der alte Schulleiter war ebenfalls da und unterhielt sich angeregt mit Georg Weber und einem pensionierten Sportlehrer. Die Referendare standen am Grill und bereiteten das Fleisch und die Salate vor. Um die aufgestellten Stehtische herum wuselten ein paar OberstufenschĂŒler, die sich freiwillig zum Kellnern bereit erklĂ€rt hatten. Schaller parkte seinen Wagen, holte aus dem Kofferraum das in Altpapier eingewickelte Buchgeschenk fĂŒr seinen Kollegen Harald Mertig und gesellte sich dann zu der Gruppe mĂŒĂŸig herum stehender Lehrkörper.

Er war durch die vielen vorhergehenden Feste bereits geĂŒbt darin, an jedem Stehtisch ein lockeres GesprĂ€ch mit aktuellen, alten und angehenden Kolleginnen und Kollegen zu initiieren. Zu einem großen Teil bestanden diese GesprĂ€che aber aus Automatismen: mit alten Kollegen sprach er ĂŒber Familie und Gesundheit, mit aktuellen Kollegen ĂŒber gemeinsame SchĂŒler und Erfahrungen, mit angehenden Kollegen ĂŒber grundsĂ€tzliche Philosophien der pĂ€dagogischen Arbeit. Die GesprĂ€che waren oft die gleichen, nur die Kollegen Ă€nderten sich. Bei aller Freundschaftlichkeit waren diese GesprĂ€che auch Kalkulation: die alten Kollegen verfĂŒgten teilweise ĂŒber Kontakte zu Entscheidern, die in der Bezirksregierung saßen, mit den aktuellen Kollegen musste man ein Auskommen finden, da im Konfliktfall ihre Sympathie wichtig war und die neuen Kollegen konnten einem kĂŒnftig die ein oder andere Arbeit abnehmen. Nur fĂŒr eine Handvoll Kollegen empfand Schaller so etwas wie echte, tiefgrĂŒndige Sympathie. Nur hier fand ein Austausch statt, den Schaller als belebend, humorvoll und tiefgrĂŒndig empfand. Einer dieser Kollegen war Harald Mertig.

„Und, Harald, bereit fĂŒr die Abschiedszeremonie?“, fragte Schaller ihn in leicht Ă€tzendem Tonfall.
Harald lĂ€chelte milde. „Die meinen’s ja nur gut“, gab er sich nachsichtig.

Über den Flurfunk war kolportiert worden, dass die Deutsch-Fachschaft einen klassischen deutschen Schlager eigens fĂŒr ihn umgedichtet hatte. Schaller stellte sich auf einen jener FremdschĂ€m-Momente ein, der fĂŒr die Verabschiedungen am Leonhard-Euler Gymnasium so kennzeichnend war. Dabei war den Kollegen kein Vorwurf zu machen, denn Verabschiedungen erfolgten immer zum denkbar ungĂŒnstigsten Zeitpunkt: entweder am Ende eines Schuljahres oder Schulhalbjahres oder zumindest kurz vor den Ferien, also zu einer Zeit, in der den Kollegen der Schulstress schon in den Knochen steckte und sie erschöpft die Tage bis zum Beginn der Ferien zĂ€hlten. In diesem Zeitfenster dann noch einen fulminanten Abschied mit grandiosen Laudatoren, einem unterhaltsamen Programm und standing ovations zu erwarten, dafĂŒr war die personelle Fluktuation im Schulbetrieb doch zu groß. Harald Mertig konnte dankbar sein, dass er an diesem Tag der Einzige war, der verabschiedet wurde. Auf dem vorhergehenden Fest vor den Sommerferien waren drei Kolleginnen in den Ruhestand getreten, und bei der Letzten, Frau Lehweiß, konnte die Kollegin von GlĂŒck sagen, dass keiner nach dem eineinhalbstĂŒndigem Verabschiedungszeremoniell seinen GefĂŒhlen freien Lauf gelassen und ‚Hau endlich ab!’ geschrien hatte.

„Wie geht’s dann ĂŒbermorgen bei dir weiter?“, fragte Schaller seinen Kollegen und Freund.
„Erstmal auspennen und dann sehen wir weiter. Am Samstag geht’s mit dem Boot los!“

Harald Mertig hatte in den letzten zwei Jahren seinen BootsfĂŒhrerschein gemacht und sein großer Traum, den Rhein und die Ruhr rauf und runter zu schippern, sollte nun in ErfĂŒllung gehen. Fast jede Pension begann so. Erst fĂŒhlte sich alles wie Urlaub und Ferien an, dann aber, wenn die Schule wieder ohne einen losging, tat sich den PensionĂ€ren die endlos scheinende Zeit wie ein schwarzes Loch auf, das einen Sog entwickelte, der so manch gestandenem VeterinĂ€r das FĂŒrchten lehrte. Jetzt kommt nur noch der Tod, dachten sie dann, und dieser Gedanke wandelte sich nicht selten zur selbsterfĂŒllenden Prophezeiung. Harald Mertig jedoch schien optimistischer.

Als Schaller sein GesprĂ€ch mit Mertig fortfĂŒhren wollte, ertönte plötzlich eine Trompete aus dem Hintergrund. Schlagartig drehten die Kollegen ihren Kopf zur Quelle des GerĂ€usches: auf der Mitte des Hofes, rechts von der BierbĂ€nken und Tischen, stand stolz und dickbĂ€uchig der Musiklehrer Kutz in seiner abgewetzten Jeans samt HolzfĂ€llerhemd und HosentrĂ€ger und blies eine Fanfare. Hinter ihm aufgereiht standen fĂŒnf weitere Kollegen, zwei junge, drei alte, die PartyhĂŒte aus Pappe auf ihrem Kopf und Blasinstrumente aus Plastik in ihrer Hand trugen. Die Reihe setzte sich gemĂ€chlich in Gang und versuchte im Gleichschritt den Kopf des Platzes zu erreichen. Als sie dort angekommen war, stellten sich die Kollegen nebeneinander auf und der Musiklehrer Kutz holte eine Schriftrolle hervor, die er ĂŒbertrieben theatralisch aufrollte. Verstohlen und verschmitzt schaute er nach links und rechts, fuhr sich mit seiner massigen Pranke durch das halblange, lĂ€ngst ergraute, leicht fettige Haar und hob zum Sprechen an, noch bevor sich alle ihm zugewandt hatten und still geworden waren.
„Hört, hört, liebe Leute, ich bringe euch frohe Kunde, so seid nun einmal still in der Runde. Unser Freund und Kollege Harald Mertig, hat, wie der Trapper Toni einst sagte, endlich fertig. Er wird, nach ĂŒber vierzig Jahren, mit seinem Boot von dannen fahren. Wird er auch von uns scheiden, so können wir ihn doch gut leiden. Weitere Worte mache ich nicht viel, lieber Harald, ich wĂŒnsche dir stets eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“

WĂ€hrend einige Kollegen lachten, unter anderem auch Harald Mertig, musste Schaller hier bereits das erste Mal mit den Augen rollen. Er nahm sich zu diesen AnlĂ€ssen zwar immer wieder vor, die positive und freundlich gesonnene Stimmung zu absorbieren, merkte aber dann schnell, dass es wider seine Natur war. Vielleicht war es auch ErnĂŒchterung darĂŒber, dass sich in der Darbietung seiner Kollegen die eigene MittelmĂ€ĂŸigkeit spiegelte.

Nach der VerkĂŒndung gesellten sich noch einige Kollegen zu der Gruppe und stellten sich in der Formation eines Chors auf. Zwei junge Mathematiklehrer, Gerner und Lehmann, taten dies so eilfertig und mit einer exzessiven Mimik, die allen Anwesenden vermitteln sollte, dass die beiden eine ironische Distanz zum eigenen Handeln besaßen. Eine Ă€ltere, rothaarige Kollegin, Frau Rademacher, die vor allem die mĂ€nnlichen SchĂŒler nur ‚die Hexe’ nannten, reihte sich ohne jegliche AllĂŒren ein und holte nebst Lesebrille ein Blatt mit Noten aus ihrer Handtasche. Einer weiteren Kollegin, Frau Schulze, die aufgrund ihres massigen Gewichts den ganzen Tag nur Ă€ngstlich durch die Flure und Klassen des Leonhard-Eulers-Gymnasiums huschte, sah man an, dass sie lieber woanders wĂ€re, und ein ebenso beleibter Kollege, den Schaller noch nicht mit Namen kannte, versuchte, ebenso erfolglos, mit seiner Masse in der anderen zu verschwinden.

Musiklehrer Kutz gab den Dirigenten und stellte sich vor dem Lehrerchor hin. Er zĂ€hlte an und dann begannen zwölf Kolleginnen und Kollegen ein Lied zu intonieren, das der Melodie eines Gassenhauers von Udo JĂŒrgens Ă€hnlich war, aber einen, auf den Kollegen Mertig gemĂŒnzten Text enthielt. Die Reime und SprĂŒche in diesem Lied waren dem Einfallsreichtum der vorhergehenden VerkĂŒndungsszene in nichts ĂŒberlegen und von den Tönen der Melodie wurde auch nur jeder dritte annĂ€hernd getroffen. Schaller versuchte, seinen Blick auf den Boden zu wenden, um nicht laut lachen oder weinen zu mĂŒssen. Er konnte sich mit MĂŒhe bis zum Schluss des Liedes beherrschen und hatte sich dann sogar so weit wieder im Griff, dass er den Menschen um ihn herum wieder in die Augen schauen konnte.

Nachdem diese musikalische Tortur beendet war und der Chor den Platz verlassen hatte, trat der Schulleiter, Herr Diedrichs, aus der Menge der Umstehenden hervor und stellte sich, mit einer Kladde bestĂŒckt, ungefĂ€hr dahin, wo Musiklehrer Kutz kurz zuvor noch gestanden hatte. Reinhold Diedrichs, inthronisiert von seinem VorgĂ€nger und Parteifreund Manfred Siemer, war erst seit drei Jahren Schulleiter und selbst einmal SchĂŒler des Leonhard-Euler-Gymnasiums gewesen. Diese quasi inzestuöse Regelung der Nachfolge war Schaller sauer aufgestoßen, allerdings hatte sich der einzige externe Bewerber in einer Vorstellungsrunde im Rahmen einer Lehrerkonferenz so schwach prĂ€sentiert, dass Schaller die Schule hinsichtlich ihrer kĂŒnftigen FĂŒhrung zwischen Skylla und Charybdis wĂ€hnte. Reinhold Diedrichs war auf den ersten Blick ein gemĂŒtlicher, umgĂ€nglicher und fairer Schulleiter, doch was er wirklich taugte, ließ sich noch nicht sagen.

„Mein lieber Harald“, begann der neue Schulleiter und erhob sein Bierglas.

Was folgte, war eine weder sehr persönliche, noch allzu distanzierte Eulogie auf den scheidenden Kollegen unter Zuhilfenahme der Personalakte und anderer Paraphernalien. Die aus der Akte entnommenen Daten dienten dem Lobredner als Trittsteine, die ihm ĂŒber das seichte GewĂ€sser seines munter dahin plĂ€tschernden Monologs auf die andere Seite helfen sollten, auf der ĂŒbrigens auch das GrillbĂŒffet mit den Referendaren stand. Ein Trittstein war die Beurteilung des ehemaligen Schulleiters, der Mertigs Beförderung zum Oberstudienrat ermöglicht, ein anderer Trittstein war der Sonderurlaub, den er fĂŒr seine VermĂ€hlung zugestanden bekommen hatte und ein weiterer Trittstein der Bericht eines OberstufenschĂŒlers ĂŒber eine Studienfahrt nach Weimar im Jahre 1992. Der letzte Trittstein schließlich war ein Versuch des Schulleiters, sich selbst mit seiner ganzen LeibesfĂŒlle aufs Korn zu nehmen, offensichtlich, um nahbarer und menschlicher zu wirken.

„Lieber Harald“, sagte er, „uns allen ist nicht verborgen geblieben, dass so mancher SchĂŒler dir den Kosenamen Mr. Pringles gibt, der natĂŒrlich vor allem auf deinen wundervollen Schnauzbart abzielt. Das rundliche Gesicht ist natĂŒrlich ebenso Teil dieser Physiognomie, aber lass dir gesagt sein, dass beide Elemente eine, wie ich finde, wundervolle Einheit bilden. Und neben mir, lieber Harald, gehst du doch immer noch als dĂŒnner Hering durch. Ich wĂŒnsche dir also im Namen des Kollegiums und der Mitglieder der Schulleitung einen schönen Start in die Pension und einen weiterhin gesunden Appetit.“

Unter dem teils verhaltenen, teils lauten Beifall, unter dem GelĂ€chter und GelĂ€chel der versammelten Kollegen, machte sich der Schulleiter, mit einem von der SekretĂ€rin gereichten Blumenstrauß und Geschenk auf dem Weg zum scheidenden Kollegen. Die Art, wie beide sich umarmten, ließ Schaller an die aufblasbaren Sumoringer-AnzĂŒge denken, die er mal auf einem Abischerz gesehen hatte. In den Gesichtern der umstehenden Leute konnte er Ă€hnliche Gedanken ablesen, aber jeder unterdrĂŒckte den Impuls, dieses Schauspiel zu kommentieren. Als der Schulleiter sich aus der Umklammerung löste, war es an Harald Mertig, sich mittig hinzustellen und ein paar warme Worte zu verlieren.

„Tja“, begann Harald Mertig, und seufzte in der ihm eigenen Art. „Nu iss er da, der Tag X.“

Wie Harald da so stand, so unprĂ€tentiös wie unvorbereitet, hĂ€tte Schaller ihn gerne direkt in den Arm genommen. So manch scheidender Kollege vor ihm hatte diesen letzten Auftritt fĂŒr ein Abrechnung mit der Schulleitung, der Bildungspolitik oder unliebsamen Kollegen genutzt, manche hatten auch in einer ellenlangen Suada mit Intellekt zu glĂ€nzen versucht oder vermocht und wiederum andere hatten sich dieser Abschiedszeremonie ohne AnkĂŒndigung komplett entzogen. Harald aber stand einfach nur da, echt und ehrlich, und sprach wie er immer sprach: vom Herzen.

„Erstmal möchte ich mich bei den Kollegen bedanken, die so toll gesungen haben. Der Udo JĂŒrgens ist ja schon auch ein toller SĂ€nger, so watt kann man gar nich verhunzen. Ich möchte mich aber auch bei allen Anwesenden heute bedanken, ich war immer gerne Lehrer und ich war immer gerne am Leonhard-Euler. Vierzig Jahre sind ne lange Zeit und klar hab ich mal dran gedacht, mich versetzen zu lassen, nochmal watt anderes zu machen, Fachleiter werden zum Beispiel. Aber irgendwie, irgendwie war ich immer zu faul, zu gemĂŒtlich, wahrscheinlich weil et mir ja eigentlich gut ging hier. So, ich möchte jetzt auch gar nich mehr lange reden, denn ich hab Hunger, aber eins möchte ich doch noch sagen, watt vielleicht wie ein Appell rĂŒber kommt aber gar nich unbedingt so gemeint ist. Wir sind ja mittlerweile eine, hier, wie sacht man datt jetzt, ne Brennpunktschule. Und die SchĂŒlerschaft hat sich wirklich sehr gewandelt in den letzten Jahren. FrĂŒher waren dat die Arbeiterkinder, dann kamen die Gastarbeiterkinder und jetzt sind datt fast nur noch deren Kinder, also mit Migrationshintergrund, wie ett jetzt so schön heißt. Aber die Arbeit ist eigentlich doch dieselbe geblieben. Wir sind ein Gymnasium, ja, aber eins im Norden der Stadt und datt heißt datt wir nicht nur Lehrer fĂŒr die Kinder sind, sondern bisschen auch sowat wie Eltern. Und datt, finde ich, sollten wir nicht vergessen. Am Leonhard-Euler waren immer Kollegen, die die SchĂŒler in den Blick genommen haben, die den SchĂŒlern ne Chance geben wollten, und dat wĂŒnsche ich mir von ganzem Herzen, datt dat bitte so bleibt. Tja, dat wart eigentlich schon. Danke nochmal und guten Hunger!“

Der Applaus, den Harald Mertig fĂŒr diese improvisierte Rede bekam, war, wie Harald selbst, aufrichtig und echt. Auch Peter Schaller, der viele Jahre mit Harald Seite an Seite gearbeitet hatte, war gerĂŒhrt und auch ein wenig betroffen vom Weggang eines geschĂ€tzten Kollegen. Harald war einer der letzten Granden, dank des an Schulen grassierenden Schweinezyklus’ wurde in den vier letzten und fĂŒnf kommenden Jahren das komplette Kollegium einmal ausgetauscht. JĂŒngere rĂŒckten nach, mit neuen Ideen und vor Energie strotzend, die ergrauten Frontalunterrichtler dankten ab. Peter Schaller hing diesbezĂŒglich in der Mitte, er war mit seinen zweiundfĂŒnfzig Jahren weder richtig jung noch richtig alt. Aber nun, als er den Blick in die Runde warf und sich ausschließlich von Zwanzig- bis DreißigjĂ€hrigen oder Sechzig- bis SiebzigjĂ€hrigen umgeben sah, fĂŒhlte er sich wie ein waidwunder Soldat im Niemandsland, irgendwo zwischen Kampf und Aufgabe.

Der Nachmittag klang gemĂŒtlich aus. Schaller blieb noch insgesamt zwei Stunden, unterhielt sich mit Harald, schwatzte mit Frau Rademacher und scherzte mit Herrn Diedrichs. Zwischendurch kam einer der neuen Referendare fast schon demĂŒtig auf ihn zu und fragte, ob er nach den Ferien bei ihm im Englischunterricht in der Q1 hospitieren und vielleicht auch unterrichten könne. Schaller sagte sofort zu, nicht nur, weil er gerade neben dem Schulleiter stand, aber auch. Der Referendar, der sich als Niklas Wagner vorstellte, war ĂŒberdurchschnittlich groß, blass und hager. Sein blondes Haar fiel ihm in dĂŒnnen StrĂ€hnen ins Gesicht, seine Ohren waren leicht ĂŒberdimensional, seine blauen Augen durchdringend und der Mund eher schmal. Er wirkte wie ein ausgewachsener Michel aus Lönneberga, der Schalk saß ihm immer noch im Nacken, aber er konnte ihn kontrollieren. Schaller war sich unschlĂŒssig darĂŒber, ob dieser Niklas vor einer Klasse bestehen könne. Aber er hatte auch schon Referendare erlebt, die rum liefen wie Falschgeld, kaum Körperspannung besaßen, jedoch, sobald sie einen Klassenraum betraten, einen unsichtbaren Schalter umlegten, und plötzlich eine Begeisterung und Dynamik ausstrahlten, die auf die SchĂŒler ĂŒbersprangen. Vielleicht war dieser Niklas so ein Kandidat. Es blieb abzuwarten.

Gegen sechs Uhr abends fuhr Schaller nach Hause. Der Verkehr auf der Autobahn floss zĂ€h dahin, aber Schaller hatte es nicht eilig. In Gedanken hing er dem Nachmittag nach, dem Abschied eines geschĂ€tzten Kollegen. Seine Stimmung war zunĂ€chst nostalgisch-melancholisch, doch mit jedem gefahrenen Kilometer fĂŒhlte Schaller eine Verzweiflung in sich aufsteigen. Frei nach der amerikanischen Dichterin Anne Sexton, der zufolge ein Schmerz wie eine Seuche erforscht werden mĂŒsse, versuchte Schaller den Grund seines plötzlichen TrĂŒbsals zu eruieren. Was bekĂŒmmerte ihn?

Aber dann, plötzlich, kam die Erleuchtung. Als er die Ausfahrt nach Hause nahm, wusste er, dass ihm durch die Art und Weise, wie Harald sich und wie man Harald verabschiedet hatte, etwas klar geworden war. Wenn man ihn, Oberstudienrat Schaller, in dreizehn Jahren genauso verabschiedete, wĂŒrde er, im Gegensatz zu Harald Mertig, sein Leben als gescheitert und unerfĂŒllt betrachten. Und momentan sah es so aus, dass es genauso kommen wĂŒrde.

Aber wie sollte er dieses drohende Schicksal abwenden?




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aligaga
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@Ali teilt die Elogen seines Vorredners nicht.

Der Text krĂ€nkelt von Anbeginn daran, das ein offenbar mit sich und seinem erlernten Beruf ZerrĂŒtteter den Schölern weismachen möchte, dass nicht nur er als ĂŒber 50jĂ€hriger ausgebrannt und deprimiert sei, sondern dass es jeder von Anfang an wĂ€re, der den Leerberuf ergriffe – wörtlich heißt’s:

quote:
Lehrer sind nÀmlich alle verhinderte Irgendwas.
Was fĂŒr ein Schmarren!

Wer sich fĂŒr ein Studium des Leeramtes entscheidet, weiß genau, was er will – ebengerade nicht versuchen, sich als kleiner Schreiberling durch sein Dasein zu hungern, nicht zu wĂ€hnen, mit Leistungssport irgendwelcher Art ließe sich zuverlĂ€ssig Geld verdienen, mit ein bisschen Klaviergeklimper oder Geigenkratzen schaffte man es in ein Sinfonieorchester oder gar zum Weltstar, oder mit ein paar naiven Aquarellen zum gefeierten Kunstmaler.

NatĂŒrlich gibt’s auch immer wieder welche, die mit ihrer Dissertation, gleich auf welchem Gebiet, nicht fertig werden. Aus denen aber den modernen, deutschen Leerer rekrutieren zu wollen, ist mehr als daneben.

Wer schon mal mit gut ausgebildeten Volksschulleerern, Gymnasialleeren, oder Hochschulleerern zu tun hatte, weiß, dass die, wofern sie gesund bleiben und ĂŒber ein einigermaßen robustes NervenkostĂŒm verfĂŒgen, keinesfalls zum Selbstzweifel neigen, sondern ihre FĂ€cher sehr, sehr selbstbewusst vertreten und weniger an den Schölern selbst, sondern an der KultusbĂŒrokratie und den Elternschaften leiden.

Gewiss, ein Teil der im Vergleich zu Schriftstellern, Sportlern, Musikern oder Kunstmalern blendend verdienenden und spĂ€ter mit dicken Pensionen ausgestatteten Beamten arbeitet trotz der vielen Freizeiten, die Leerer genießen, schon im mittleren Alter auf die FrĂŒhpensionierung hin, wissend, dass danach eine paradiesische Restlaufzeit winkt.

Ein Schwimmer, der’s bei Olympia zur Goldmedaille gebracht hat, bekommt derzeit sage und schreibe 800.- Euro monatlich von der Sporthilfe. FĂŒr die Medaille selber streicht er ein paar Tausend Euro PrĂ€mie ein; am Ende seiner Laufbahn, meist schon vor dem 30ten Lebensjahr, steht er vor dem Nichts, hat in der Regel kein Abitur und keine Ausbildung. Manche sterben frĂŒh an den Nebenwirkungen der jahrelang eingenommenen „NahrungsergĂ€nzungsmittel“ oder man begegnet ihnen im „DschungelkĂ€mp“. In aller Regel arbeiten sie spĂ€ter als Bademeister oder als Jugendtrainer.

@Ali versucht sich vorzustellen, alle doitschen Deutschleerer wĂŒrden die armen Schöler mit selbst verfasster LĂŒhrik quĂ€len und ihnen dann, wenn sie natĂŒrlicherweis‘ ĂŒber solchen Krampf lachen, öffentliche VortrĂ€ge darĂŒber halten, wie furchtbar schwer es doch sei fĂŒr Versager wie sie, den Leerer zu mimen.

Sorry, das hier ist kein PĂ€dagoge, sondern ein armer Tropf, vor dem man Schulkinder schĂŒtzen sollte, vor allem dann, wenn sie anteilig MigrationshintergrĂŒnde haben und kaum Deutsch können. Auch denen sollte man nicht vorjammern, fĂŒr wie verpfuscht man sein Leben und das der Kollegen hielte, sondern sie motivieren, inspirieren und unterstĂŒtzen. DafĂŒr kriegt man vergleichsweise viel Geld und eine stattliche Beihilfe zur Krankenkasse.

Ali stellt sich vor, wie ein „Roman“ wohl aussehen könnte, in dem diese Person die Hauptfigur und alle anderen PĂ€dagogen Ă€hnlich wehleidig in den Klassenzimmern herumhĂ€ngen, in den SchĂŒlern den Feind erblickend. Wenn da nicht bald eine Tinker Bell kĂ€me und dem lahmenden PĂ€dagogen Beine machte, wird’s garantiert nix!

Heiter

aligaga


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Willibald
???
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ErzÀhltechnik:

Habe mit Interesse den Hinweis auf die zwei Lehrer im geplanten Werk (eine Art Roman) gelesen. Vermutlich unterschiedliche Typen und ihre Perspektiven auf den Lehrerberuf sind wohl auch unterschiedlich.

Ein gewisses Problem der"Verabschiedung" - teilweise Übereinstimmung mit aligaga - ist die Perspketive. Der heterodiegetische (Er-) ErzĂ€hler liefert sehr oft die interne Fokalisation der Figur.

quote:
Gegen sechs Uhr abends fuhr Schaller nach Hause. Der Verkehr auf der Autobahn floss zĂ€h dahin, aber Schaller hatte es nicht eilig. In Gedanken hing er dem Nachmittag nach, dem Abschied eines geschĂ€tzten Kollegen. Seine Stimmung war zunĂ€chst nostalgisch-melancholisch, doch mit jedem gefahrenen Kilometer fĂŒhlte Schaller eine Verzweiflung in sich aufsteigen. Frei nach der amerikanischen Dichterin Anne Sexton, der zufolge ein Schmerz wie eine Seuche erforscht werden mĂŒsse, versuchte Schaller den Grund seines plötzlichen TrĂŒbsals zu eruieren. Was bekĂŒmmerte ihn?

Aber dann, plötzlich, kam die Erleuchtung. Als er die Ausfahrt nach Hause nahm, wusste er, dass ihm durch die Art und Weise, wie Harald sich und wie man Harald verabschiedet hatte, etwas klar geworden war. Wenn man ihn, Oberstudienrat Schaller, in dreizehn Jahren genauso verabschiedete, wĂŒrde er, im Gegensatz zu Harald Mertig, sein Leben als gescheitert und unerfĂŒllt betrachten. Und momentan sah es so aus, dass es genauso kommen wĂŒrde.

Aber wie sollte er dieses drohende Schicksal abwenden?


Das fĂŒhrt dazu, die eher neutral formulierten Passagen als verbindlich zu lesen und nicht als orientiert an der Einstellung des Lehrerakteurs.

quote:
Nachdem diese musikalische Tortur beendet war und der Chor den Platz verlassen hatte, trat der Schulleiter, Herr Diedrichs, aus der Menge der Umstehenden hervor und stellte sich, mit einer Kladde bestĂŒckt, ungefĂ€hr dahin, wo Musiklehrer Kutz kurz zuvor noch gestanden hatte. Reinhold Diedrichs, inthronisiert von seinem VorgĂ€nger und Parteifreund Manfred Siemer, war erst seit drei Jahren Schulleiter und selbst einmal SchĂŒler des Leonhard-Euler-Gymnasiums gewesen. Diese quasi inzestuöse Regelung der Nachfolge war Schaller sauer aufgestoßen, allerdings hatte sich der einzige externe Bewerber in einer Vorstellungsrunde im Rahmen einer Lehrerkonferenz so schwach prĂ€sentiert, dass Schaller die Schule hinsichtlich ihrer kĂŒnftigen FĂŒhrung zwischen Skylla und Charybdis wĂ€hnte. Reinhold Diedrichs war auf den ersten Blick ein gemĂŒtlicher, umgĂ€nglicher und fairer Schulleiter, doch was er wirklich taugte, ließ sich noch nicht sagen.

Dann aber ist tatsĂ€chlich dieser gewisse Überdruss an Beruf und Kollegen und SchĂŒlern samt Klage ĂŒber eigene und fremde Durchschnittlichkeit eher bedenklich, fast schon abstoßend. Ein SolitĂ€r, der sich beklagt, gut. Ein ErzĂ€hler, der sich auch beklagt, nun ja: SolitĂ€r in splendid isolation und in Gemeinschaft mit seiner SolitĂ€rfigur.

Denke daher. man könnte sehr viel stÀrker mit der Darstellung mentaler Prozesse in Erlebter Rede, erlebter Wahrnehmung un Àhnlichem arbeiten.

Marginal:

Bei Keinverlag ausgebessert, hier aber:

zu denen, dass >das muss ich zu meiner Schande gestehen, ich mich auch zÀhle
schwarzes Loch auf, dass > das einen Sog entwickelte,

FĂŒr Sprachtifosi: Die Konjunktion "dass" hat sich wahrscheinlich wirklich aus dem Demonstrativpronomen "das" entwickelt. Von daher gesehen ist ein Schwanken zwischen den beiden Formen in der Sprachgruppe sehr verstĂ€ndlich.

Dann:
vom Herzen > von Herzen
Und: Eventuell doppelter Akkusativ bei "lehren"

Beste GrĂŒĂŸe

ww

p.s.
Die sprechweise von Harald ist schön, besonders die doppelbödige und gar nicht arrogante Formulierung, dass man einen SÀnger wie Udo J. "gar nicht verhunzen" könne.


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Willibald
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Salute, CPMan!

Die Perspektivenfrage ist so reizvoll wie auch manchmal komplex.
Gerade bei Werturteilen im vorliegenden Text ist es oft so, dass man eher dazu neigt, die Wertungsbasis im prÀteritumsetzenden ErzÀhler anzusetzen und nicht (nur) in seiner Aktantenfigur.

quote:
WĂ€hrend einige Kollegen lachten, unter anderem auch Harald Mertig, musste Schaller hier bereits das erste Mal mit den Augen rollen. Er nahm sich zu diesen AnlĂ€ssen zwar immer wieder vor, die positive und freundlich gesonnene Stimmung zu absorbieren, merkte aber dann schnell, dass es wider seine Natur war. Vielleicht war es auch ErnĂŒchterung darĂŒber, dass sich in der Darbietung seiner Kollegen die eigene MittelmĂ€ĂŸigkeit spiegelte.

Nach der VerkĂŒndung gesellten sich noch einige Kollegen zu der Gruppe und stellten sich in der Formation eines Chors auf. Zwei junge Mathematiklehrer, Gerner und Lehmann, taten dies so eilfertig und mit einer exzessiven Mimik, die allen Anwesenden vermitteln sollte, dass die beiden eine ironische Distanz zum eigenen Handeln besaßen. Eine Ă€ltere, rothaarige Kollegin, Frau Rademacher, die vor allem die mĂ€nnlichen SchĂŒler nur ‚die Hexe’ nannten, reihte sich ohne jegliche AllĂŒren ein und holte nebst Lesebrille ein Blatt mit Noten aus ihrer Handtasche. Einer weiteren Kollegin, Frau Schulze, die aufgrund ihres massigen Gewichts den ganzen Tag nur Ă€ngstlich durch die Flure und Klassen des Leonhard-Eulers-Gymnasiums huschte, sah man an, dass sie lieber woanders wĂ€re, und ein ebenso beleibter Kollege, den Schaller noch nicht mit Namen kannte, versuchte, ebenso erfolglos, mit seiner Masse in der anderen zu verschwinden.

Die "Vielleicht-Formulierung" scheint keine Reflexion der Figur zu sein. Sie mag zwar ĂŒber ihre eigenen BeweggrĂŒnde und Motivationen nachsinnen und dabei unsicher sein. Aber hier setzt man doch eher eine Reflexion des ErzĂ€hlers an. Er ist vorsichtig bei der Betrachtung mentaler Prozesse seiner Figur und signalisiert in der Andeutung der Ungewissheit seine Sorgfalt in der Charakterisierung seiner Figur. Vor allem, da Schaller bei sich selbst ja doch recht eindeutig - sogar in öffentlicher Rede - MittelmĂ€ĂŸigkeit und einen gewissen Selbstekel thematisiert und eingesteht:

quote:
Da ist der Kunstlehrer, den die Berliner Akademie fĂŒr KĂŒnste dreimal wegen seiner nichtssagenden Aquarelle abgelehnt hat, oder der Philosophielehrer, der acht Jahre an seiner Doktorarbeit laboriert hat, bevor er entnervt aufgab; und da sind dann noch unzĂ€hlige Lehrer, die gar nicht richtig versucht haben, ihrer MittelmĂ€ĂŸigkeit zu entfliehen, zu denen, das muss ich zu meiner Schande gestehen, ich mich auch zĂ€hle.

Auch die Hinweise auf die SubalternitÀt der Referendare und die Beleibtheit sind so formuliert, dass man zumindest interpoliert, hier gebe es keine Diskrepanz zwischen ErzÀhler- und Akteurbewusstein samt Wahrnehmungs- und Wertungsweise.

So - ich kĂŒrze ab - entsteht dann der Eindruck, hier spreche nicht nur ein egomanes, leicht verzweifeltes, narzissenhaftes Ich und so werde die gewisse Nichtverbindlichkeit und Wirklichkeitsverzerrung seiner Aussagen spĂŒrbar gemacht ... Mit anderen Worten: Vielleicht ist deiktischer Standort und ("moralischer") Standpunkt bei ErzĂ€hler und Figur nahezu deckungsgleich?
Diesem Problem ist der Text ĂŒber das Klassentreffen nach zehn Jahren ausgewichen, indem ein prĂ€sentisch agierender Ich-ErzĂ€hler, eher eine Reflektorfigur installiert wurde.

Dass hier in der "Verabschiedung" - meiner Meinung nach - ein sehr guter, interessanter ErzÀhltext vorliegt, muss ich nicht betonen.

greetse von Herzen (nicht "vom")

ww
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Arno Abendschön
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Binsenbrecher,

in der Tat scheint mir dieses Detail zu Beginn ungewöhnlich, gemessen am Schulalltag. Wir könnten nun einmal ĂŒberlegen, wie es die Figur Schaller charakterisiert: Ist es a) ein Indiz fĂŒr Egozentrik des Lehrers oder b) ein Zeichen von souverĂ€nem Selbstbewusstsein? Ich will das nicht abschließend beurteilen, nur so viel: Der anschließenden Verteidigungsrede des Lehrers könnte man Argumente fĂŒr beides entnehmen. Auf diese Weise wird die Figur des Lehrers jedenfalls interessant. Die ErzĂ€hlung ist ja wohl nicht als Gebrauchsanleitung fĂŒr gute Didaktik gedacht.

Mir fĂ€llt noch ein, ich selbst hatte vor Jahrzehnten einen Maler als Kunsterzieher am Gymnasium. Er hatte keine Scheu, eigene Werke in der Schule zu prĂ€sentieren, ĂŒbertrieb es damit aber auch nicht. Ein großformatiges, farbenprĂ€chtiges informelles Bild von ihm prangte innerhalb des SchulgebĂ€udes an leicht zugĂ€nglicher Stelle. Es gefiel mir sehr gut, viel mehr als sein Unterricht. Auf diese Weise gewann ich ein insgesamt positiveres Bild vom Lehrer. Vielleicht sind Schallers Texte auch ĂŒberzeugender als sein Unterricht? Die Eingangsfrage des SchĂŒlers könnte man evtl. so verstehen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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aligaga
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Gegen Kunstlehrer, die ihre Werke da und dort an die Wand hÀngen, ist nichts einzuwenden. Die Schöler können hingucken oder es sein lassen.

Penetrant wird's aber, wenn ein desperater Typ wie der uns vorgestellte "Schaller" seine Schutzbefohlenen mit seinen "Werken" direkt traktiert. Das ist gezielte Körperverletzung.

Wie bereits gesagt: Typen wie der uns vorgestellte haben im Schulbetrieb nichts verloren.

Heiter

aligaga

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