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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Verklemme
Eingestellt am 16. 11. 2000 19:55


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Es ist doch immer das gleiche: Gerade dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, dr√ľckt einem der Drang von innen in die Lenden. Da ist mann ebenso gen√∂tigt, wie frau. Da laufen beide mit aneinanderreibenden Oberschenkeln. Die Augen aufgerissen, ja, schreckgeweitet. Da bei√üen beiden knirschend die Z√§hne aufeinander, bis der Kiefer wehtut. Die Wege werden l√§nger statt k√ľrzer. Der Atem schrumpft auf ein Japsen zusammen, weil es innerlich so derma√üen voll wird, da√ü die Lungen keinen Platz mehr zu haben scheinen. Da dr√ľckt man die H√§nde tief in die Hosentaschen, damit hoffentlich niemand merkt, wie Sie den Daumenfingernagel in den Zeigefinger stemmt, um einen Punkt zu haben, der noch mehr schmerzt, als die Innereien; und Er, um quetschend Hand an sich zu legen - was hoffentlich niemand sieht, - damit der Harn nicht flie√üen kann. Man mag es kaum glauben, doch manchmal entspannt das ein wenig. Besonders qu√§lend zu erw√§hnen ist hier der sogenannte Tankstellen-Effekt. Hier handelt es sich um jenen schrecklichen Augenblick, nach manchmal Stunden der Unterdr√ľckung endlich ein Klosett gefunden zu haben, doch dann panisch festzustellen, da√ü die T√ľr verschlossen ist und man den Schl√ľssel erst noch von irgendjemandem irgendwo abholen mu√ü.
Und jedem von uns ist doch wohl das orgasmusartige Gef√ľhl bekannt, welches sich nach dem Finden des sehns√ľchtig gesuchten √Ėrtchens einstellt. Die Augenblicke danach, in denen die erlahmten K√∂rperfunktionen verschnaufen k√∂nnen und der wohlige Schwei√ü der Erleichterung aus den entkrampften Poren sickert.
Was die Chancen einer rechtzeitigen Erleichterung betrifft, so ist in diesem Punkt der Mann der Frau voraus. Hier ist das in erster Linie vom weiblichen Geschlecht so vehement beschimpfte PiS (Pinkeln im Stehen) im wahrsten Sinn des Wortes notd√ľrftig erlaubt und, mal anatomisch betrachtet, um einiges leichter ausf√ľhrbar und sogar von nicht von der Hand zu weisendem Vorteil. Der Urtrieb, im Stehen zu Pinkeln braucht nicht unterdr√ľckt zu werden. Und seien wie ehrlich: Um einen Urtrieb handelt es sich doch zweifelsohne. Welcher m√§nnliche H√∂hlenmensch h√§tte es damals schon bevorzugt, sich beim simplen Entledigen von purer Fl√ľssigkeit in die pr√§historischen Nesseln zu setzen? Doch mag mann dar√ľber denken, wie frau will.
Der Mann kann theoretisch √ľberall hinurinieren. Theoretisch. In der Stadt bieten sich hier so einige spezielle Ecken an. Seien es eng stehende Autos oder das in diesem Falle oft als Geb√ľsch bezeichnete Strauchwerk oder abgelegene H√§userecken, die man im √ľbrigen schon ger√ľchlich als beliebte Ent- bzw. Bew√§sserungsorte erkennen kann. Im Wald oder in Parkanlagen ist es noch einfacher. Hier sei die Rindenbeschaffenheit der verschiedenen Baumarten zu beachten: An Kastanien, Pappeln und Eichen ist es, wenn man nicht aufpa√üt, wegen ihres furchigen Stammes wahrscheinlich, da√ü man sich eine spritzwassernasse Hose holt. Zu empfehlen sind Birken und Buchen, da hier der Saft ungehindert entweichen kann. Auch Eiben sind ganz passabel, doch fallen hier unter geb√ľckten Umst√§nden leicht unangenehme Nadeln in den Nacken.
Im Winter ist dieser Vorgang allenfalls unangenehm. Unter dem Aspekt, da√ü sich lebende Objekte bei K√§lte zusammen- oder zumindest zur√ľckziehen, ist die gebr√§uchliche, m√§nnliche Geste, die niedrige Temperatur durch den geringen Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger anzuzeigen, durchaus zutreffend. Fingerspitzen, die √ľber l√§ngere Zeit Minusgraden ausgesetzt waren, lassen im Innern von wintergerecht verpackten Hosen akute Kry√§sthesie ausbrechen.
Das Meer ist im dringenden Falle ein f√ľr beide Geschlechtern gleicherma√üen g√ľnstiger Ort. Das Schwimmbad auch, wenn es nur darum geht, sich zu erleichtern und die Schenkelgegend kurzzeitig sanft zu erw√§rmen. Hygienisch betrachtet ist eine Badeanstalt nat√ľrlich fragw√ľrdig. Im h√§uslichen Badewannenbad ist die erl√∂ste Notdurft, wenn auch nicht direkt Geschmackssache, so doch aber immerhin eigene Entscheidung.
Aber auch beim Mann gibt es hier gewisse ... Entladungshemmungen. Nat√ľrlich ist dies nicht immer und auch nicht bei jedem der Fall. Sicherlich gibt es M√§nner, die ungeniert, wo es sie gerade √ľberkommt, in der Gegend rumstrullern. Da kommt ihnen im √ľberf√ľllten Fu√üballstadion auch mal ein einfacher Plastikbecher recht.
Doch gibt es im m√§nnlichen Organismus ein bis dato noch nicht vollkommen erforschtes Organ, (Oder sollte ich sagen: eine Kontraktion?) welche in der Regel nur bei besonders, nun ja, zur√ľckhaltenden Menschen mit besonders ausgepr√§gter und ausgedehnter Schamgrenze in Erscheinung, oder sollte ich sagen: eben nicht in Erscheinung? - tritt. Ich nenne es hier einfach mal: Die Verklemme.
Es gibt Beobachtungen m√§nnlicher Exemplare der menschlichen Gattung, bei denen dieses Ph√§nomen der Verklemme regelm√§√üig auch oder gerade unter gr√∂√ütem Druck auftaucht. Dabei komme ich nicht umhin, zuzugeben, da√ü die Verklemme sehr viel mit Phantasie zu tun hat - inbesondere um jene Phantasie, etwas zu sehen, was √ľberhaupt nicht da ist - und mit der ungeheuren Kraft des Willens, den diese Phantasie hervorruft, n√§mlich etwas nicht wollen zu wollen und damit nicht zu k√∂nnen.
Man stelle sich einen dringend gen√∂tigten Mann vor. In der Stadt, wo das Leben wuselt und strudelt. Wo Mann zwar nach allen Seiten hin verdeckt sein k√∂nnte und auch w√§re, w√§re da nicht das genaue Wissen, da√ü sich hinter dem betonenden Gro√üstadtmantel Hunderte und Tausende Augenpaare jener Menschen verbergen, die gucken - ja, glotzen w√ľrden, wenn sie k√∂nnten. Da kann eine Ecke noch so gesch√ľtzt sein, es ist doch alles voll mit verdeckten, nicht minder gaffenden Augenpaaren und Mann f√ľhlt sich unertr√§glich beobachtet und sei es nur von einem l√§chelnden Plakatgesicht, das f√ľr Mineralwasser wirbt.
Wohin also? In Gesch√§ften m√ľ√üte man ja nach der Toilette fragen und ob das dann erlaubt oder gern gesehen wird, das ist die Frage, dessen Antwort trotz der Notdurft umgangen wird. So schlimm ist es ja noch nicht. Ist es nie. Oh ja, die Verklemme hindert lange.
Und selbst öffentliche Toiletten sind nicht perfekt, denn sie könnten besetzt sein. Pissoirs sind vielleicht ein Optimum, wenn es darum geht, im Stehen zu Pinkeln, aber die Verklemme läßt keinen Tropfen durch, wenn nebenan jemand steht, den es eigentlich einen Scheißdreck interessiert, der aber immerhin - siehe oben - gucken könnte. - Ja, sie werden lachen, aber es gibt den Typ Mann, dem die Verklemme das Wasserlassen verkneift, wenn in einer öffentliche Toilette kein Bottich frei ist.
Was tun, wenn keine solche Möglichkeit vorhanden ist? In den Supermarkt um die Ecke geht man nicht. Das gehört sich einfach nicht. Man geht in einem Supermarkt nunmal nicht auf die Toilette. So!
Aber wo sonst? - Hinterm Busch? Klar, theoretisch ginge das. Aber, wie bereits des √∂fteren erw√§hnt: Siehe oben. Au√üer das eigene abgeschirmte, geshelterte WC hat die Stadt √ľberall ihre Augenblicke.
Bei Nacht sind die Chancen gr√∂√üer. Beliebt sind dann gegebenenfalls Hausm√ľllanlagen. Allerdings nur unbeleuchtete. Auch sind Gef√§lle hier sehr kritisch. Die Spuren flie√üen sturzbachartig in die Au√üenwelt und es soll Verklemmen geben, die den Saft, auch wenn er schon l√§ufig ist, doch noch einmal festhalten, was als besonders schwierig gilt.
Oder setzen wir unseren genötigten Mann mitten auf ein riesengroßes, kurzgemähtes Feld. Nach allen Seiten ist alles in alle Entfernungen und zu aller Welt hin offen und frei. Alles ist leer. Leere Nacht. Leerer als leer.
Ich versichere Ihnen: Es wird nichts passieren. Denn so leer kann ein gro√ües Feld gar nicht sein, da√ü Mann sich nicht beobachtet f√ľhlt. Schlimmstenfalls ist Vollmond. Der grinst von oben herab mit seiner fetten, bleichen Fleckvisage. Schaut als gewaltige, geschlechtslose N√∂tigung auf die minimale M√§nnlichkeit, an der Mann da mit so viel Wertsch√§tzung h√§ngt und gar nicht so genau wei√üt, ob sie an ihm oder er an ihr befestigt ist. Die Augen der ganzen Welt schmerzen auf der m√§nnlichen Mitte. Glauben sie ihm nie der Ausrede, es sei nicht schicklich, in der √Ėffentlichkeit zu pinkeln. Das w√ľrde man nicht machen. Und deshalb w√ľrde man sich verstecken. Alles Ausrede. Alles gelogen.
Sich zu verpissen hat in immer auch etwas mit Alleinsein und Einsamkeit zu tun. Dorthin geht selbst der Kaiser allein, so hei√üt es doch. Und jeder Umstand der diesem eingefleischten Brauch entgegentritt, ist f√ľr unseren Verklemmenbesitzer ein Martyrium. Und nat√ľrlich nicht nur hier. Der m√§nnliche Intimbereich ist ein Tabu, √ľber das man selbst nicht einmal nachdenkt. Er ist ein pers√∂nliches Heiligtum und dar√ľber zu reden ist ein Sakrileg. Pinkeln allerdings dementsprechend als Sakrament zu bezeichnen, verkneife ich mir, jedoch hege ich die Vermutung, da√ü es m√§nnliche Gesch√∂pfe gibt, die ihren besten Freund durchaus als Reliquie anerkennen w√ľrden. Man k√∂nnte diese beh√ľtete Zone auch "Schwarzes Loch" nennen. Man sieht zwar nicht, wie es die fremden Blicke auf sich zieht, doch man glaubt es. Und niemand soll wissen, was dahintersteckt. Es ist das letzte Geheimnis des Verklemmenbesitzers. Es ist unanst√§ndig, daran zu denken. Der dringend gen√∂tigte Mann ist wie jener kleine Junge, der beim Hosenkauf bei C&A den Vorhang der Umkleidekabine so geschlossen h√§lt, da√ü m√∂glichst nicht einmal Luft hindurchkommt. Man k√∂nnte ja was weggucken. Ist sowieso erst so wenig.
Es ist die unsichtbar bare, m√§nnliche Mitte. Die Verklemme der Verklemmten. Taube N√ľsse, die unter den Blicken von Augen, die es zwar nicht gibt, die es aber geben k√∂nnte - das alleine z√§hlt - schwer und schwerer, gro√ü und gr√∂√üer, h√§√ülich und h√§√ülicher werden. Die Verklemme verwandelt sich in einen schwellk√∂rpereigenen Hypochonder, der sich mehr einbildet als notwendig, der sich schwerwiegendere Verh√§ngnisse einbildet, als die Anatomie √ľberhaupt zul√§√üt.
Die Ungezwungenheit der Tiere, ihre mentalen Begierden und Notd√ľrftigkeiten freien, entw√§ssernden Lauf zu lassen, ist ausgestorben. Ausgutemanieriert. Die Verklemme hat den Drang abgeschn√ľrt, unterdr√ľckt, zur√ľckgeschoben, - ja, kastriert.
"Verpiß dich!" hat inzwischen anderweitig an Bedeutung gewonnen.
Lassen sie es sich gesagt sein. So cool sich die M√§nner l√§ssig und angeblich durch und durch m√§nnlich verpissen, ob nun in den Ecken der Stadt, oder auf freiem Feld: Es sind immer Augen da. Auch wenn man sie nicht sieht. Mann sp√ľrt sie. Lassen Sie es sich gesagt sein: Die Verklemme klemmt. Und es wird immer M√§nner geben, die den Mechanismus niemals finden werden.

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Ariel Frey
Guest
Registriert: Not Yet

Herrlich!

Treffliche Vergleiche, originelle Beispiele, herrliche Wortspiele. Obwohl ich mit Sie und Er anfangs Sinnverstehungsprobleme hatte. Fraulich! Ich wusste gar nicht, dass es solche kleinen Probleme auch bei Männern gibt, oder hauptsächlich bei Männern? So guckt man also hin, tss tss tss! Da lernt frau richtig was, sehr schön.

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