Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95213
Momentan online:
622 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Verwechslung
Eingestellt am 07. 02. 2016 19:42


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
HeidrunzweiundreißigfĂŒnf
Hobbydichter
Registriert: Feb 2016

Werke: 1
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HeidrunzweiundreißigfĂŒnf eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die junge SekretĂ€rin hatte ihn distanziert freundlich in einen kleinen Raum begleitet. Torsten Wenke sah sich um, legte langsam seine Mappe auf einem Stuhl ab, setzte sich auf einen zweiten, strich sich mit gewohnter Geste nach links ĂŒber die kurzen, dunklen Haare, prĂŒfte mit beiden HĂ€nden den Sitz der dunkelblauen Krawatte. Er hatte sich sorgfĂ€ltig angezogen: Hellblaues Hemd, mittelgrauer Anzug von Boss, das Jackett mit einem Knopf geschlossen. Das wievielte BewerbungsgesprĂ€ch in diesem Monat war das hier? Er kam auf vier. Und es hatte wohl nicht an ihm und seiner Qualifikation gelegen, dass er wie immer abschlĂ€gige Bescheide hinnehmen musste.
So ging das nun schon seit Jahren und Wenke, gerade 50 geworden, war es leid, die AblehnungsgrĂŒnde fĂŒr wahr zu halten. GrĂŒbelnde NĂ€chte, endlose GesprĂ€che mit seiner Frau hatten keine Alternativen erkennen lassen. So hatte er nur Eines im Sinn: weitermachen, sich immer wieder in den Arsch treten, sich in immer grĂ¶ĂŸerer Entfernung von seiner DoppelhaushĂ€lfte in gehobener Wohnlage zu bewerben.
Aber jetzt hier, in diesem Moment, als man ihn, er schaute auf seine Rolex, bereits 35 Minuten warten ließ, fĂŒhlte er den Elan in seinem Körper immer mehr zusammenfallen, den er noch nach dem morgendlichen Joggen beim FrĂŒhstĂŒck mit seiner Frau als pulsierendes GlĂŒck in seinen Adern gepriesen hatte.
Was nĂŒtzte ihm das, wenn ganz oben auf seinen Bewerbungsunterlagen, gleich hinter dem Namen, das Verfallsdatum bekannt zu geben war: 22. 3. 1960. Sein Geburtsdatum. Er fĂŒhlte etwas Graues, Feuchtes von den FĂŒĂŸen aufsteigen, wusste, es war die Angst, die ihn jetzt bis ĂŒber den Kopf mit ihrem dunklen, muffig klammen Tuch ĂŒberziehen wĂŒrde, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Und das bedeutete: auf der Stelle alt sein, verbraucht, nutzlos, ĂŒberholt von den JĂŒngeren
arm und vergessen.
Wenke sprang heftig auf. Er stellte die Beine auseinander und federte seitlich wechselnd in die FĂŒĂŸe, um wieder Anschluss an sein morgendliches Lauferlebnis zu finden. In diesem Moment steckte die junge SekretĂ€rin den Kopf durch die TĂŒr: „Sie werden erwartet. Bitte gehen Sie hier den Flur entlang.“ Sie öffnete erst jetzt die TĂŒr ganz und wies unbeteiligt mit der Hand hinter sich: „Die letzte TĂŒr links.“ Sie ging mit klappernden AbsĂ€tzen voran, Wenke mit seiner eilig gegriffenen Mappe hinterher, bis sie in der zweiten TĂŒr verschwand, nachdem sie noch einmal mit einer Armbewegung und herabhĂ€ngender Hand in den neonbeleuchteten Gang gedeutet hatte.
Wenke holte tief Luft, atmete sie wieder aus. Aus dem angewiesenen Zimmer hörte er Stimmen. Ups, er spĂŒrte so etwas wie einen Salto im Herzen; das hörte sich nach mindestens drei Personen an. Er hatte sich auf den Personalleiter eingestellt, der auch mit ihm telefoniert hatte.
Klopfen, „Herein!“, Eintreten, nur nicht zu forsch, nicht zu devot, unbedingt auf gleiche Augenhöhe achten. Ein jĂŒngerer Mann erhob sich, dunkelblauer Pullover, Hemdkragen und Manschetten mit blau-weißen Streifen, geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig freundlich, ging Wenke entgegen, gab ihm, ohne ihn anzusehen die Hand: „Milram, wir haben vorgestern telefoniert.“ Wies auf einen leeren Stuhl, der den, es waren tatsĂ€chlich drei, Leuten gegenĂŒber stand, nahe der TĂŒr. Wenke schaute kurz auf den Stuhl, dann inszenierte er seinen offenen Blick auf die beiden anderen Anwesenden, neben einander auf einem schwarzen Ledersofa. Die Dame, sie mochte Ende 40 sein, klein, vollschlank, unauffĂ€llig elegantes KostĂŒm, schaute ihm mit freundlichem Interesse ins Gesicht und als Wenke grĂŒĂŸend seinen Kopf vor ihr neigte, streckte sie ihm die Hand entgegen. Dankbar nahm er sie an.

„Frau Dr. LĂŒderitz,“ sagte der Personalleiter, „Vorstandssprecherin unseres Hauses.“ Wenke verneigte sich noch einmal kurz, nein, er wollte auf keinen Fall beeindruckt wirken und wandte sich dem Herrn neben ihr zu. „Herr Dr. HammerschlĂ€gel, Leiter unserer Rechtsabteilung. Mit ihm hĂ€tten Sie es auch zu tun in Rechtsfragen bezĂŒglich unserer Werbemaßnahmen.“ Wenke neigte leicht den Kopf, „Guten Tag“, sah sich schon fast wie angenommen, aber Dr. HammerschlĂ€gel, graue, rechts gescheitelte Haare, Weste und Uhrkette, behielt seine HĂ€nde im Schoß, nickte nur sparsam und ließ die Augen hinter der randlosen Brille im Ungewissen hĂ€ngen.
Wenke setzte sich. Er registrierte, dass sein Magen flatterte und ihn das drĂ€ngende BedĂŒrfnis ĂŒberkam, aufzuspringen, loszulaufen, den Gang entlang nach draußen. Er sah sich mit dem Blick auf dem Boden geradewegs nach vorne rennen, was da fĂ€hrt, was da lĂ€uft, er wird es jetzt zu seinem Schicksal machen, nur nach vorne, blindlings, das Herz hochjagen bis zum Anschlag, die Lunge leerpumpen, bis sie zusammenfĂ€llt und seinen Körper auf den Asphalt schlagen lĂ€sst, wenn das nicht schon jemand vorher fĂŒr ihn erledigt hat. Er hört quietschende Bremsen, entsetzte Schreie. Etwas in ihm feixt: die Strapazen sind jetzt draußen. Er hat ihn abgegeben, diesen Torsten Wenke, der die erwarteten Nummern rauf und runter abgeliefert hat, aber es wollte sie einfach keiner mehr haben und jetzt ist da nur noch Erleichterung. Unendliche Erleichterung. - Er lĂ€sst sich Nacht werden. Nur noch ein Ton breitet sich in ihm aus: dick, brummdunkel, rufend woanders hin, als wĂ€rÂŽs dort ruhig und mutterschoß-sicher. Kurz wie ein Lidschlag sieht er sich in diese traumhaft schöne Nachgiebigkeit sinken, sein Schiff vom Anker los dahingleiten, die VertĂ€uung am Ufer aufgesprungen, die dicke Leine wickelt sich eilig vom Pfosten, gleitet immer schneller dem Schiff hinterher ins Wasser, schließlich ganz frei, zieht sie in gerader Linie mit seinem Schiff, verschwimmt in der Ferne.

Er blieb sitzen. „Schade“, dachte er. - Der Personalleiter legte ein Bein quer ĂŒber den Oberschenkel des anderen, wippte mit dem frei schwebenden Fuß, hielt Wenkes Bewerbungsmappe aufgeschlagen in den HĂ€nden und kam gleich zur Sache: „Herr Wenke, wir fanden Ihre Arbeitsproben interessant, vor allem, wie Sie dann in Ihrer eigenen Agentur in den neuen BundeslĂ€ndern werblich vorgegangen sind. Aber bedauerlicherweise haben Sie 2002 Konkurs anmelden mĂŒssen. Unsere Frage dazu: woran lag es?“
Wenke, gut vorsortiert im Kopf, was diese Situation von ihm verlangte, womit er punkten konnte, sprach kenntnisreich ĂŒber den allgemeinen SĂ€ttigungspunkt beim Aufbau Ost um das
Jahr 2000. Dass eben doch die westliche Eroberung der MĂ€rkte Anfang der Neunziger mit ungeheuren, ja unrealistischen Erwartungen verbunden gewesen sei. So habe man z.B. GeschĂ€fts- und BĂŒrohĂ€user in einem Maße hochgezogen, wie sie gemessen an der real existierenden Kaufkraft der ostdeutschen Bevölkerung gar nicht vermietet werden konnten und heute noch leer stehen und von öffentlichen Geldern erhalten werden wĂŒrden. Abschreibungsobjekte eben. So sei auch seine Agentur ein Opfer der historischen Entwicklung geworden. Wenke ließ kurz seine HĂ€nde auffliegen, um deutlich zu machen, wie schwer auch ihm das Schicksal mitgespielt hatte. Was Wenke nicht sagte: dass auch er großkotzig in Leipzigs teuerster Straße seine SelbstĂ€ndigkeit mit imponierenden Glasfronten und EdelstahlsĂ€ulen begonnen hatte; nicht mit zwei, sondern mit acht voll bezahlten Mitarbeitern, bezahlt unter anderem von staatlichen Subventionen, die ihm ein
Freund im Ministerium vermittelt hatte. DafĂŒr hatte er den Absprung aus einem siebenjĂ€hrigen AngestelltenverhĂ€ltnis in einer kleinen Werbeagentur riskiert. Und dafĂŒr hatte er nach der zerplatzten BĂ€ume–in–den–Himmel-Wachstums-Blase bis heute schwer bĂŒĂŸen mĂŒssen. Als freier Mitarbeiter lief er sich die Hacken ab fĂŒr einen neuen Auftrag. Wenn seine Frau Bettina nicht die ganze Zeit als Lehrerin gearbeitet hĂ€tte, wĂ€ren die Raten fĂŒr ihr Haus lĂ€ngst nicht mehr zu bezahlen gewesen.
Das alles sagte Wenke nicht, fĂŒrchtete aber in einer Schicht seines Bewusstseins, dass es ihm die Vorstandssprecherin Frau Dr. LĂŒderitz von der Stirn ablesen wĂŒrde. Immerhin hatte sein Exkurs in Sachen „Wirtschaftstragödie Neue BundeslĂ€nder“ die Oberkörper seiner Zuhörer nach vorne gezogen, als Herr Milram ĂŒbergangslos auf Wenkes eigentliches Desaster zu sprechen kam: „Sie haben ja ein hervorragendes Zeugnis von Ihrer Werbeagentur, bei der Sie sieben Jahre lang zunĂ€chst als Texter und spĂ€ter als Artdirektor tĂ€tig waren. FĂŒr unsere Stelle eines Werbeleiters, verlangen wir natĂŒrlich auch lupenreine AusbildungsabschlĂŒsse. Die Auflistung Ihrer Ausbildungen hat unseren Vorstand noch nicht ĂŒberzeugt; wo sind die AbschlĂŒsse und die entsprechenden Zertifikate?“ Der Personalleiter schlug die Seite auf, an die er einen gelben post-it-Zettel gefĂŒgt und an der Wenke nun inzwischen jahrelang gefeilt hatte. Da war 1977, also mit 17 Jahren, von „mittlerer Reife“ die Rede, einem einjĂ€hrigen Auslandspraktikum bei einer deutschen Zeitung. Das einzige, was daran stimmte: Sein Vater hatte ihm ein teuer bezahltes Zeugnis von eben dieser Zeitung verschafft. Die Wahrheit war, dass er mit 15 Jahren stĂ€ndiges Mitglied der Frankfurter Hausbesetzerszene geworden war, immer seltener in die
Schule ging und sie schließlich, gemeinsam mit Hunderten von Gleichgesinnten, im Rausch der Freiheit, von Sex und Drogen vollends verschlief. Das Zeugnis der „Mittleren Reife“ erwirkte Wenkes vorrausschauender Vater „mit seiner Schleimer-MentalitĂ€t“, wie der Sohn damals zu texten beliebte.

Die Hausbesetzerszene mit unĂŒbersichtlich vielen revolutionĂ€ren Zellen, in jedem Fall gegen das Establishment, logierte unter anderem im Frankfurter Westend, in der Kettenhofstraße, heruntergekommener Prachtbau aus GrĂŒnderzeiten, und der junge Torsten, auf der Oberlippe spross gerade der erste Flaum, flatterte zwischen Spontis und Anarchos, zwischen Maoisten, Hippies und RAF-Gruppen , sich niederlassend, wo es gerade am aufgeregtesten war. FĂŒr die unterschiedlichen GrĂŒnde des Protests hatte sich Torsten wenig interessiert. FĂŒr ihn war es der Einzug ins Wunderland: keine Eltern, keine Lehrer, die an einem herummĂ€kelten, nicht einer von diesen ekelhaften Weckern, die einen mitten aus dem Tiefschlaf rissen, wenn man die Nacht mit was Besserem als Schlafen verbracht hatte. Alle halfen sich, alle nahmen sich, was da war, kein Bitte, kein Danke, wenn dir nicht danach zumute war. Was fĂŒr ein Tag, als er zum ersten Mal nackt mit stolz aufgerecktem Pimmel durch die Zimmer gelatscht war 
und niemand fiel in Ohnmacht. Er riskierte oft sein Leben, Bettlaken mit verschmierten Kampfparolen zwischen zwei Fenstern an der Außenfront zu montieren: „ Wir bleiben drin!“ „Sieg im Volkskrieg!“ „Wir wollen alles!“ „Der Kampf geht weiter“ „Amis raus!“ und natĂŒrlich rote Fahnen, wo man sie nur auftreiben konnte, immer gab es etwas, das man da noch reinmalen konnte, das Anarcho-A oder den RAF-Stern, egal, immer gab es etwas, gegen das man gemeinsam kĂ€mpfen, von einem Rausch in den nĂ€chsten fallen konnte. Und man war nie allein, nicht wie bei seinen Eltern, wo man einen Zettel vorfand, wenn man nach Hause kam, aber niemand war da.

Wenke war irritiert: Warum ĂŒberfiel ihn dieses Desaster seiner Jugend ausgerechnet jetzt? Er hatte es doch so lange, so erfolgreich verdrĂ€ngt und nun tanzte ihm das im unpassendsten Augenblick vor der Nase herum: die Verwahrlosung der Kleidung, die verfilzten langen Haare, die völlig verdreckten HĂ€user. Um ein Studium der revolutionĂ€ren Texte war es ihm nie gegangen, eher um die Frage, wie er die Ekstase seiner Körperzellen am Vibrieren halten konnte. Die Wahnsinnserfahrungen mit Sex in den wechselnden Kommunen, da war so ein ganz neues, entgrenztes FĂŒhlen gewesen, so eine aufschĂ€umende Ahnung, was Leben sein konnte. Darum ging es. Das war die revolutionĂ€re Praxis! Torsten Wenke richtete sich mit einem Ruck auf; schlug die Beine ĂŒbereinander. Verdammt noch mal Mensch, jetzt reiß dich zusammen! Aber irgendwas hinderte ihn, in das PersonalbĂŒro zurĂŒckzukehren. Es war der verĂ€nderte Blick, mit dem er da plötzlich hingeguckt hatte. War das vielleicht alles doch nicht so eine Katastrophe gewesen damals? – Jedenfalls war er so erwachsen geworden
und nichts dabei fĂŒr den Lebenslauf, den ein deutsches Unternehmen im Jahre 2010 mit einer Festanstellung hĂ€tte honorieren können.

Die Seite! Die wohlgefeilte Seite mit dem kleinen, gelben Zettel! Man erwartete eine Antwort. Wie lange hatte er nichts gesagt? Wenke spĂŒrte plötzlich etwas aus den alten Zeiten wiederkehren. Einen scharfen Luftzug um die Brust, einen Wind um den Kopf. Wovor fĂŒrchtete er sich eigentlich? Was gab es zu verlieren? Und wenn er noch so gigantische Phantasieleistungen erbringen wĂŒrde: er hatte keine Abschlusszertifikate. Dreißig, vierzig Mal hatte er jetzt diesen Höllenritt mitgemacht und eben war damit Schluss. Na und? Dann gaben sie eben ihr Haus auf! Und wenn ihm das seine Frau nicht verzeihen könnte? Dann Scheiß drauf, aber so wollte er nicht mehr weitermachen. So wĂŒrdelos sich verkrĂŒmmen. So abhĂ€ngig zusammenzucken bei jeder Geste dieser Marionetten. Dieses ganze, verzweifelte Theater. Plötzlich fragte er sich fassungslos, wovor er denn um Himmels Willen so eine furchtbare Angst gehabt hatte diese letzten Jahre! Es war ihm plötzlich so leid! Er war sich plötzlich so sicher, dass es auch fĂŒr ihn ein Leben geben musste, das stimmte! Wo nichts zu feilen und zu schönen war! Und wenn es irgendwo ein Zimmer war mit Klo auf dem Flur und er konnte Kreatives Schreiben mit TĂŒrkenjungs machen und er war sich jetzt so sicher , dass ihm noch viel einfiel, wenn er es erst gewagt 
 wenn er sich endlich getraut
 wenn er die Entscheidung Bettina definitiv mitgeteilt haben wĂŒrde, es an sich herankommen zu lassen, sein Leben, sein ganz eigenes, von ihm gefĂŒhrtes Leben. –

Wenke blinzelte seine Peiniger an, wollte sich gerade zwingen, weiter mitzuspielen, da platzte ihm der Raum in eine weiß gleißende Helligkeit auseinander. Aufgeregt erkannte er sofort die Situation wieder, diesen Megamoment in seinem Leben. Es war der Sommer 1981 und er sah sich zwischen den MĂ€nnern und Frauen seiner Kommune liegen, sah die weißen Körper, die Schönheit der ineinander fließenden Linien, die auf- und absteigenden HĂŒgel von Hintern und BrĂŒsten, roch den Schweiß der verklebten Haare auf den zerwĂŒhlten Laken ihres Matratzenlagers. Die MorgendĂ€mmerung war blass in die Fenster gefallen. Eine erste Amsel hatte geflötet. Wenke war zurĂŒck in diesem Moment unendlicher Seligkeit des jungen Torsten, damals aus seinem Bauch aufsteigend und ihn ganz und gar ĂŒberflutend und den Raum hochfahrend in eben diese Helligkeit. Er sah sich seine von getrocknetem Sperma und Speichel glĂ€nzenden HĂ€nde wieder und wieder vor das Gesicht halten und wie es in seinem Kopf textete: „BrĂŒder! Schwestern! Ich bin am Ziel unserer Revolution. Die Grenzen sind gesprengt. Das Bewusstsein hat sich ĂŒber alle gesellschaftlichen und privaten Grenzen erhoben. Ich bin frei! Es ist also möglich, absolut frei zu sein! Es ist keine Utopie! Wenn ich es erfahren kann, dann könnt Ihr es auch. Ich könnte jetzt sterben. Alles ist erreicht. Aber ich werde diese Erfahrung zum Flaggschiff unserer Revolution machen: Schlaft mit einander, wo immer Ihr Euch trefft! Unsere Orgasmen werden uns befreien von den ZwĂ€ngen des SpĂ€tkapitalismus. Sex in jeder Form und mit allem was lebt, wird uns aus den Krallen der gesellschaftlichen Tabus befreien. Die Entfremdung von der Natur des Menschen wird sich in Nichts auflösen mit der Explosion unserer Körperzellen in eine nie gekannte Freiheit hinein! Gewalt, Kriege und MachtkĂ€mpfe gehören der Vergangenheit an, denn sie sind die instrumentalisierten Frustrationen unserer Lust.
Und in der Gewissheit, sich gerade im Epizentrum der Wahrheit zu befinden, sah er den jungen Torsten sich aufrichten zwischen den Schlafenden, die Finger seiner HĂ€nde aneinander vor die Brust legen, wie in unbewusster Erinnerung an eine Geste großer Wichtigkeit aus Kleinkindtagen, und sich schwören, diesen Moment niemals wieder zu vergessen. Ihm war klar, dass das hier gerade Sprengkraft fĂŒr Tausende von talentlosen Augenblicken in der Zukunft in sich barg. Alle
Entscheidungen sollten deshalb ab sofort immer ein Mehr an Freiheit bringen, abgetrotzt dieser Megasonne, die ihn an diesem Sommermorgen 1981 aufgerissen hatte und die er jetzt feierlich in seinen Schwanz, seine Brust und seinen Kopf einspeicherte. – Und wenn er sein ganzes Leben einen Erfahrungssplitter nach dem anderen zusammentragen musste, irgendwann musste die Freiheit ĂŒber alle Kleinlichkeiten siegen. DafĂŒr wollte er kĂ€mpfen. DafĂŒr wollte er leben. Das schwor er sich damals.
Torsten Wenke, schockartig raus aus der Helligkeit, zurĂŒck in seiner Rolle als Bewerber bei den beiden Figuren auf dem Sofa, zurĂŒck bei diesem Menschen, o Scheiße: noch immer dieses post-it an der Stelle seiner unaussprechlichen Biografie! Auch wenn sie ihn jetzt anstarrten, mit hochgezogenen Brauen, als wĂ€re der Zeitpunkt einer ErklĂ€rung gerade unzumutbar ĂŒberschritten, er hatte keine Wahl: von einer tausendstel Sekunde auf die andere war alles Schönreden, Ausweichen, Umtexten vorbei. Er war ergriffen. Er war ĂŒberwĂ€ltigt. Ihm kamen die TrĂ€nen. Sein Leben war zurĂŒck. Es war doch nicht alles peinlich gewesen. Er war doch nicht nur von Ideologien verfĂŒhrt in die Irre gelaufen. Das war er gewesen, er Torsten, er ganz allein. Diese Erfahrung, erst jetzt hatte sie sich ihm als das offenbart, was sie schon damals war: der Ausdruck grenzenloser Liebe. Das Vertrauen, das sich jede MĂŒhe lohnt, diesem Weg zu folgen. Als hĂ€tte er diesen Schatz die ganzen Jahre versteckt, um ihn vor seinem Zynismus zu schĂŒtzen. Den Text konnte er vergessen; ja, der war peinlich. Er hatte eben keinen besseren gehabt, aber die Erfahrung, Wenke konnte sich gar nicht einkriegen vor Freude, die war seine, ganz allein seine gewesen.
Er spĂŒrte sein Herz jagen, hin und her, rauf und runter. Wo war er gewesen die ganzen Jahre? Wie konnte er dieses sein Versprechen so komplett vergessen? Was hatte ihn zu so einem Kriechtier werden lassen? – Die Bilder aus 29 Jahren stĂŒrmten aufeinander getĂŒrmt, ineinander geschachtelt heran. Ohne Übergang war er in einem Moment, wo es so richtig weh- getan hatte: Poona 1982. Schweißtreibende Erfahrungen in Selbsterfahrungsgruppen lagen hinter ihm. Meine GĂŒte, mit welchen Erwartungen er sich da reingestĂŒrzt hatte. Er war doch jetzt an der Quelle der großen, sexuellen Revolution! Aber dann ließ er sich in der Gruppe einschĂŒchtern, wenn es um Durchsetzung ging. „Da kommt unser TrĂ€umer,“ war noch das Beste, was er zu hören bekam. Wenke sah den jungen Torsten im Durchsetzungsgerangel immer wieder auf dem RĂŒcken landen, und als ob ihm das sein Trainingspartner austreiben wollte, sein ewiges „Ja toll“, quetschte er ihm in einer GruppenĂŒbung den Brustkorb so zusammen, dass
 Wenke spĂŒrte ihn sofort wieder, diesen Schmerz, der ihn augenblicklich hatte aufschreien lassen und dann nichts mehr ging, weil das Atmen tierische Stiche auf der linken Seite auslöste.

Rippe gebrochen, hieß es. Und da lag er denn im Schlafraum, kĂ€mpfte um den kleinstmöglichen Atemzug. Wenke fĂŒhlte Erbarmen mit diesem Torsten. Wie er da lag und hatte Zeit zum Denken und mit jeder Stunde bekam seine Wunderland-Welt mehr Risse. Als Retterin in großer Not war sie damals an sein Bett gekommen. Bettina, weizenfeldblond, mehr als der StĂŒtzverband um den Brustkorb hatten ihre HĂ€nde gut getan, auch sie in Zweifeln angekommen, was sie hier eigentlich tat, in dieser albernen, roten Anstaltskleidung, bei diesen peinlichen Anbetungsritualen fĂŒr einen Mann, der gleichzeitig die Freiheit des Individuums proklamierte. Ja, Wenke wurde ĂŒbel, da war sie wieder, diese entsetzliche Scham! DarĂŒber, dass Torsten all die tollen Parolen fĂŒr sein Leben gehalten hatte und als er sie zusammen mit Bettina entzaubert hatte, niemand dahinter vorfand. Es gab ihn nicht, er war nicht; davon hatte ihn Bettina ĂŒberzeugt. Es war der schwĂ€rzeste Moment in seinem Leben und der bestand nur noch aus Scham. Wenke brach der Schweiß aus. Sein Unterkiefer begann zu zittern. „Herr Wenke, ist Ihnen nicht gut?“ hörte er weit weg rufen. Sein Atem begann zu hecheln. Er musste das jetzt hier durchstehen. Der Schwur! Sie hatten sich gegenseitig geschworen
Wenke wurde schwindelig, er spĂŒrte sich zusammensinken, gleichzeitig schrie eine Frauenstimme: „Herr Wenke! Wir mĂŒssen ihn auf den Boden legen! Die Beine hoch; rĂŒckt mal den Stuhl ran!“ Jemand lockerte seine Krawatte, öffnete sein Hemd, seinen GĂŒrtel. Ruckartig sog er wieder Luft in die Lungen, ließ sie schlaff wieder gehen. Er musste das jetzt hier durchstehen. Der Schwur. Dieser zweite
Schwur. Der war es gewesen! Mit dem hatte er sich in diese Hölle manövriert. Jemand wischte ihm mit einem Lappen kĂŒhl und nass ĂŒber das Gesicht. Wenke begann zu weinen. Er sah sich mit Bettina zusammensitzen. Es sollte die Generalabrechnung mit ihrer beider NaivitĂ€t sein. Bettina hatte ihr Studium hingeworfen gehabt, ein Jahr gejobbt, um nach Poona fahren zu können und in ihrer EnttĂ€uschung, dass es hier genau so viel zu beanstanden gab, wie woanders auch, in ihrer Wut ĂŒber sich selbst, ihre Kariere so vernachlĂ€ssigt zu haben, schwor sie sich, nie wieder auf ihre romantischen GefĂŒhle zu hören. Von jetzt an wollte sie ihr Leben an rationalen und sozialvertrĂ€glichen Werten ausrichten. Schluss mit dem Glauben an eine bessere Welt. Das waren nur neue LĂŒgen.

Wenke begann zu frieren, klapperte mit den ZĂ€hnen. „Eine Decke! Wir brauchen eine Decke fĂŒr ihn,“ hörte er eine MĂ€nnerstimme. Etwas ZĂ€rtliches, ihm selbst Zugewandtes breitete sich in Wenke aus. Er war noch nicht fertig mit der Abrechnung von damals, aber er wusste schon jetzt: er wĂŒrde sie gut ausgehen lassen fĂŒr den jungen Torsten. Sie hatten da nur etwas verwechselt in ihrem Eifer. Jemand hob seinen Kopf an und flĂ¶ĂŸte ihm ein paar Schlucke Wasser ein. Eine Decke wurde ĂŒber ihn hingebreitet. – ZurĂŒck in Poona sah er Torsten mit einem Bogen Papier in der Hand. Er sitzt zu Gericht ĂŒber sich. Mit steiler Falte zwischen den Augen. Er hat sein ganzes bisheriges Leben zu einer einzigen Flucht zurechtgerĂŒckt, liest Bettina vor, was er von sich hĂ€lt, unter anderem: Ausweichen vor jeder Art von Herausforderung, konfliktscheu, faul, ideologieanfĂ€llig, unfĂ€hig, sich durchzusetzen. Erwartungsvoll schaut er zu hinĂŒber. Sie lĂ€chelt. Ja und? Soll das so bleiben? Und er: natĂŒrlich nicht. Damit ist jetzt Schluss, ein fĂŒr alle mal. Und Wenke sah ihn vor Bettina schwören, dass er mit aller Kraft das VersĂ€umte nachholen und sich in seiner Kariere nicht mehr von romantischen HöhenflĂŒgen beeinflussen lassen wĂŒrde.

Wenke, quer in diesem fremden PersonalbĂŒro auf dem Boden liegend, warm zugedeckt, mit offenem Hemdkragen, wurde sich seiner Lage bewusst
und musste innerlich grinsen: Die Dinge hatten sich doch in seinem Sinne entwickelt! Er ging doch jetzt mit einer wunderbaren Biografie nach Hause! Wo er vorhin noch nichts als Peinlichkeiten gesehen hatte, strahlte ihn jetzt dieser 20jĂ€hrige Torsten an, der an die Liebe glaubte. Du Simpel, dachte er zĂ€rtlich, was hast du dir alles einreden lassen. Und verzieh sich seinen zweiten Schwur als die einzige wirkliche JugendsĂŒnde. Da gab`s nun auch nichts mehr zu schĂ€men. Jemand kam zu ihm: „Na? Was haben wir denn?“ Wenke öffnete die Augen. Man hatte einen Arzt gerufen. Als er sich ĂŒber ihn neigte, sah Wenke hinter ihm in drei blasse Gesichter. Der Arzt fĂŒhlte seinen Puls, fragte:
“Schmerzen?“ Und als Wenke verneinte: „Ein kleiner SchwĂ€cheanfall. In ein paar Minuten können sie langsam aufstehen.“


Version vom 07. 02. 2016 19:42

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rumpelsstilzchen
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Sep 2003

Werke: 30
Kommentare: 966
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rumpelsstilzchen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo HeidrunzweiundreißigfĂŒnf, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Griff nach dem Ratzefriemel
und radierte sich zu GummikrĂŒmel
Rumpelsstilzchen, Redakteur in Reserve

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung