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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Vögel
Eingestellt am 19. 03. 2006 11:26


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Mortimer
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Registriert: Jan 2003

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Vor 19 Monaten und 7 Tagen fing alles an. Horst, mein Arbeitskollege und Freund, rief mich eines Morgens an und begann - nach einer Entschuldigung für seine morgendliche Störung - zu erzählen: 'Sag mal, Willie, du hast doch sicherlich von dieser Vogelgrippe gehört?'.Überrascht von einem derart unappetitlichen Einstieg in unser Gespräch, antwortete ich mit einem zögerlichen 'Ja'. 'Du weisst sicherlich auch, dass jetzt bereits Hauskatzen infiziert wurden.' . Ich musste eingestehen, dass ich noch nicht auf dem neuesten Stand der Dinge war. 'Ich glaube, dass meine Katze Minka auch befallen ist.' , fügte er hinzu.
Stille.
'Wie, befallen?', hakte ich nach.
'Na befallen eben. Mit diesem Mördervirus. Ich habe in unserem Garten einen toten Spatzen gefunden und seitdem wirkt Minka total angeschlagen.'
Ein Gefühl der Beklemmung zog herauf wie eine dunkle Wolkenfront, die ein bevorstehendes Unwetter ankündigt.
'Wie äußert sich denn diese Angeschlagenheit', wollte ich wissen.
'Noch nicht so signifikant. Eher unterschwellig. Minka lässt sich nicht mehr so gern streicheln und sie hat 1/18 weniger Katzenfutter gefressen. Jetzt brauch ich deinen Rat: Meinst du ich soll Minka erschießen?'
Das letzte Wort seiner Frage hallte wie das Echo eines Peitschenhiebs in meinem Kopf nach. Aus dem geöffneten Fenster drang Vogelzwitscher herein. Ich empfand es in diesem Moment als zynisch.
'Du willst deine geliebte Minka über den Haufen ballern? Nur weil ein verdammter Spatz in deinem Garten lag, Minka keine Lust mehr auf Streicheleinheiten hat und sie nur noch 17/18 Portionen Katzenfutter verschlingt. Hast du getrunken?'
'Ja, aber nur 4 Gläser Wodka. Ich bin völlig runter mit den Nerven.'. Das Klicken eines Feuerzeugs ertönte aus dem anderen Ende der Leitung.
'Womit willst du sie eigentlich erschießen?'
'Ich habe meinen Sohn gebeten, mir ein Maschinengewehr von der Bundeswehr auszuleihen. Du weisst doch, dass er dort als Feldwebel arbeitet. Ich will einfach auf Nummer sicher gehen.'
'Du willst deine Katze Minka mit einem MG niedermähen? Sag mal Horst, sind bei dir die Sicherungen durchgebrannt?'
'Verstehe mich doch, Willie. Ich habe einfach Angst um meine Familie und um mich. Dieses Virus tötet dich bereits nach 5 Tagen. 100% letaler Verlauf. Kein Entrinnen, keine Hoffnung. Ein langsamer und vor allen Dingen schmerzhafter Tod. Was würdest du denn machen?'
Mein Eierkocher piepte. Ich schaltete das Gerät ab.
'Ich würde Minka erst mal zum Tierarzt bringen. Vielleicht ist es ja etwas ganz anderes.'
'Dort war ich bereits.'
Ich stutzte. 'Und?'
'Er sagte mir, dass sie keinerlei Anzeichen einer Grippe habe. Allerdings habe ich im Fernsehen gesehen, dass es auch möglich sein kann, dass sich das Virus weiterentwickelt. Quasi H6N2. Vielleicht ist dies ja bereits eine mutierte Form der Vogelgrippe. Eine, bei der es nicht so offensichtliche - leicht diagnostizierbare - Symptome gibt. Eine, die sich regelrecht versteckt. Heimtückisch. Lauernd.'
Während ich den Hörer zwischen Schulter und Ohr klemmte, begann ich mein hartgekochtes Ei nach einer kurzen Kaltwasserdusche von seiner Schale zu befreien.
'Horst, ich glaube, du reagierst etwas über. Kauf dir doch einfach Tamiflu und warte ab.'
'Tamiflu? Das kannst du vergessen, das ist überall ausverkauft. Und warten kommt für mich nicht in Frage, ich kann mit dieser Angst einfach nicht mehr leben.'
Ich streute etwas Salz auf mein Frühstücksei und biss hinein. Es schmeckte etwas eigenartig.
'Horst, wenn du bereits zum Äußersten entschlossen bist, warum rufst du mich dann an?'. fragte ich ihn.
'Ich wollte neben deinem freundschaftlichen Rat auch etwas anderes von dir: Könnte ich für ca. 4 Tage bei dir wohnen? Ich weiß, dass klingt jetzt alles etwas überfallartig, aber ich habe einen Entseuchungstrupp zu mir bestellt. Außerdem wollte ich nach Minkas Keulung etwas Abstand gewinnen.'
'Zum einen gibt es Keulungen nur bei Nutzvögeln und zum anderen wüsste ich nicht wo ich dich mit deiner Familie bei mir unterbringen sollte. Mein hypochondrischer Großvater kommt außerdem ab morgen zu Besuch.'. Ich legte das Ei beisteite und entschloss mich, eine Banane zu essen.
'Meine Familie habe ich bereits außer Landes gebracht, sodass es nur um einen Schlafplatz geht. Ich würde auch in der Hundehütte übernachten. Hauptsache erst mal weg von hier.'. Horst' Stimme nahm einen flehentlichen Tonfall an.
'Was heißt hier außer Landes?', bohrte ich nach.
'Ich habe sie zu einem entfernten Onkel von mir nach Australien geschickt. Meine Frau kann sich dort am Meer mit den Kindern entspannen. In der Gegend gibt es zudem jede Menge hochgiftiger Schlangen, die fast alle Vogelarten angreifen und fressen, sodass sie keine Gefahr mehr für meine Frau und meine Kinder darstellen. Außerdem ist das Meer von extrem toxischen Quallen bevölkert, die Wasservögel sofort paralysieren. Mithin kann meine Familie auch ungestört baden gehen.'
'Also gut. Du kannst solange im Kinderzimmer schlafen, wenns dir Recht ist.'
Ein Seufzer der Erleichterung erklang aus der Hörmuschel. 'Danke, Willie. Du bist ein echter Freund! Wann kann ich vorbeikommen?'
'Heute abend?', schlug ich vor. Von draußen hörte ich einen Hund bellen.
'Ok. Ich werde die Sache mit Minka erledigen und dann komme ich vorbei.'

Um 19:47 Uhr ertönte die Klingel. Als ich die Tür öffnete, stand Horst vor mir. Er trug einen Mundschutz, wie ich ihn zuvor lediglich bei Ärzten im Operationssaal gesehen hatte.In der Hand hielt er einen dunklen Lederkoffer, der anscheinend seine Wechselgarderobe für die kommenden 4 Tage enthielt. Seine Halbglatze war leicht gerötet und seine Brille machte den Eindruck, als habe er sie nach dem Auftstehen nicht mehr zurecht gerückt. Seine buschigen Augenbrauen zuckten nervös, als ich ihm die Hand ausstreckte. Er ergiff sie und begrüßte mich. Ich bat ihn, herein zu kommen.
'Wozu dieser Mundschutz?', fragte ich meinen Gast.
'Ansteckung erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Wie bei einer richtigen Grippe. Reine Vorsichtsmaßnahme.', erwiderte Horst während er seinen Koffer im Flur abstellte.
'Was ist mit Minka?', wollte ich wissen. Ein Gefühl des Unbehagens durchströmte meinen Körper. Ich hatte Angst vor seiner Antwort, denn Minka war mir aufgrund meiner zahlreichen Besuche bei Horst regelrecht ans Herz gewachsen.
Horst schluckte. 'Sie ist von uns gegangen.'
Das Unbehagen verwandelte sich in Trauer.
'Per MG?', wollte ich wissen.
'Ich habe sie vorsichtshalber nach dem Beschuss mit dem MG in die Luft gesprengt.'
Ich riss meine Augen auf. 'Du hast was?'
'Sie in die Luft gesprengt. Mein Sohn hat mir noch eine Handgranate mitgebracht. Ich wollte jegliches Restrisiko eliminieren!', gab Horst zurück während er eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche hervorholte. 'Darf ich?', fragte Horst. 'In der Küche.', gab ich zurück. Wir setzten uns an den Esstisch und ich zog einen Aschenbecher aus einer Schublade hervor. Ich reichte ihn meinem Kollegen.
'Willie, du glaubst gar nicht wie weh mir Minkas Keulung getan hat. Ich habe aus Trauer fast die gesamte Flasche Wodka leergesoffen. Es ist alles so furchtbar.'. Er vergrub seinen Kopf in seinen Händen. Jetzt bemerkte ich seine - aufgrund des geruchsarnen Wodkas - dezente Alkoholfahne. Ich entschied mich, sein Verhalten nicht zu kommentieren. 'Möchtest du etwas essen?', fragte ich meinen Kollegen.
'Nein Danke, ich habe gerade im Imbiss nebenan ein paar Chicken Wings gefuttert. Irre lecker, die Teile.'
'Vielleicht etwas trinken?'
'Hast du Eierlikör? Hab nen totalen Japp drauf. Kann den ekligen Wodka nicht mehr sehen.'
Horst schob seinen Mundschutz hoch und steckte sich eine Zigarette an. 'Mein Arzt meinte, ich würd mir noch ne Zirrhose ansaufen, wenn ich bei jedem Frust zur Pulle greife. Aber was soll's.Man kann sich ja nicht wegen jeder Kleinigkeit verrückt machen.'
Ich pflichtete ihm bei während ich in meiner Hausbar nach einem passenden Likör suchte. Die Flasche war schnell gefunden. Ich öffnete sie und goss uns beiden ein Gläschen ein. Horst leerte sein Glas in einem Zug. 'Was dagegen, wenn ich bei dir einen kiffe? Mein Sohn hat mir ein bisschen Gras mitgebracht damit ich die Sache mit Minka besser durchstehe.'
Ich stand auf und öffnete das Küchenfenster. 'Nur zu. Mi casa es su casa!.'. Horst kramte einen Beutel Gras aus seiner Brusttasche und begann sich einen Joint zu drehen.
'Sag mal, Willie, hast du denn gar keine Angst vor dieser verdammten Seuche?'
Mittlerweile fiel mir die Antwort nicht mehr so leicht wie noch vor einigen Stunden. Ich musste mir eingestehen, dass auch ich bereits ein mulmiges Gefühl bekommen hatte. 'Seit unserem Gespräch hat sich mein Unbehagen etwas vergrößert.', gab ich zu.
Horst goss sich etwas Likör nach. Anschließend befeuchtete er sein Blättchen mit der Zunge und rollte das Gras - von dem Blättchen umhüllt - zu einer Haschzigarette zusammen. Er steckte sie mit der Glut der noch brennenden Zigarette an. 'Bin übrigens mit der Karre meines Sohnes da. Ich hab ihm erlaubt, als Dank für seine Unterstützung mit meinem Merci rumzukurven.' Horst zeigte aus dem Fenster auf einen grünlich schimmernden VW Golf. Ich tippte auf ein Baujahr kurz nach Kriegsende.
'Hat noch nicht mal n Kat, die olle Schlurre. In der Fahrerkabine räuchert es wie in einem Fabrikschlot. Muss ständig mit offenem Fenster fahren, sonst fetzt es mir die Lunge aus dem Leib. Weiß gar nicht, wie mein Sohn das aushält.'. Horst nahm einen tiefen Zug von seinem Joint.
'Mein Großvater kommt morgen. Du solltest ihm nicht unbedingt von deinen Befürchtungen hinsichtlich der Vogelgrippe erzählen. Er regt sich immer unheimlich schnell auf und im Gegensatz dazu genauso unheimlich langsam wieder ab. Es wäre demnach auch besser, wenn du ab diesem Zeitpunkt deinen Mundschutz abnehmen könntest.'
Horst nahm einen Schluck vom Likör. 'No Problemo!'

Mein Großvater Erich kam 2 Stunden später als angekündigt. Er begründete diesen Umstand mit einer Rast bei einer leichtbekleideten Dame, die in einem am Straßenrand geparkten Wohnmobil ihre männliche Kundschaft beglückte. Es hatte sich seitdem Tod meiner Oma beruhigenderweise nichts Wesentliches geändert. Sein schulterlanges grauweißes Haar war zu einem Lagerfeldzopf gebunden und seine faltige Haut war solariumgebräunt. Seine goldene Halskette mit dem Jesuskreuz baumelte leger über seinem bunt karierten Hemd. Sein Atem roch nach Bier.
'Opa, hast du wieder am Steuer getrunken?', entfuhr es mir zur Begrüßung.
'Ne davor!', gab er flapsig zurück und warf seine Schimanski-Windjacke lässig auf die Ablage meiner Garderobe. Plötzlich hielt er inne. Sein Blick fiel auf den Mundschutz meines Freundes Horst, den dieser entgegen meiner Instruktionen auf einem Beistelltischen im Flur hatte liegen lassen. 'Bist du jetzt Hobby-Chirurg geworden?'
Ich suchte krampfhaft nach einer passenden Antwort, doch es fiel mir nichts Besseres ein als: 'Ein Freund von mir arbeitet als Arzt. Er wohnt zur Zeit bei mir.'
Die Kinnlade meines Großvaters senkte sich herab wie ein Schleusentor. Sein Blick schien mich zu durchdringen. 'Freund? Bist du jetzt zum anderen Ufer gewechselt?'
Ich spürte einen Schwall Hitze, der meine Stirn wie eine Herdplatte erwärmte. 'Nein, nein. Mein Freund ist nur mein Freund und nicht meine Freundin, wenn du verstehst was ich meine.', stammelte ich. 'Ich dachte schon. Wär ja auch nicht so tragisch gewesen, aber doch unerwartet.'. Er lächelte und knuffte mich in dabei in die Seite.
'Warum wohnt der denn bei dir, hat ihn seine Frau vor die Tür gesetzt?', legte mein Opa den Finger in die Wunde. Meine Kreativität verebbte. Ich entschied mich wenigstens hinsichtlich der Beweggründe meines Kollegen die Wahrheit zu sagen.'Er glaubt, seine Katze habe die Vogelgrippe. Er hat deswegen kurzfristig sein Haus verlassen.'.
'Vogelgrippe?'. Die Miene meines Großvaters verdunkelte sich.
'Alles nur Mutmaßungen, Opa. Kein Grund zur Panik.', gab ich zurück.
'Hast du Lack gesoffen, mein Junge? Du lässt hier einen vogelpestverseuchten Kumpel hausen. Denkst du denn gar nicht daran, dass dieser Kerl uns infizieren könnte?'
Mein Großvater marschierte in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank und zog ein Bier heraus. Er öffnete es mit seinem Feuerzeug und nahm einen kräftigen Schluck.
'Es besteht gar keine Gefahr. Die Katze ist bereits tot. Mein Freund hat sie vorsichtshalber einschläfern lassen.', versuchte ich meinen Opa mit der Softvariante des tatsächlichen Geschehens zu beruhigen. Erich runzelte die Stirn. 'Den knöpf ich mir vor, wenn der seinen Hintern hier herein bewegt, da kannst du sicher sein.'. Spätestens jetzt bereute ich meine Entscheidung, meinen Urlaub mit Horst und Erich zu verbringen.

Um 19:16 Uhr betrat Horst mein Haus. Ich hatte ihm - zur Vermeidung ständiger Terminabsprachen zwischen uns - einen eigenen Schlüssel ausgehändigt. Als die Tür ins Schloss fiel, stand auch schon mein Großvater im Flur. 'Sie sind also der Arzt mit der Vogelgrippe!', begrüßte ihn mein Opa. Horst schaute mich hilfesuchend an. Da ich hinter meinem Großvater stand, konnte ich Horst durch Kopfnicken signalisieren, dass er diese Frage - jedenfalls in Bezug auf seine Profession - unbedingt bejahen sollte.
'Darf ich mich vorstellen. Prof. Dr. Horst Paranolke, Neurochirurg und Chefarzt an der medizinischen Hochschule Hannover.'. Ich hatte vergessen, dass Bescheidenheit noch nie zu den Charaktervorzügen meines Freundes zählte. Mein Opa nickte anerkennend. Akademische Titel schienen das Einzige zu sein, vor dem mein Großvater noch einen - wenngleich gezügelten - Respekt besaß. Die beiden Männer gaben sich die Hand. 'Ich habe allerdings nicht die Vogelgrippe. Lediglich meine Katze war möglicherweise befallen. Sie ist allerdings von mir erschossen worden.'. Bingo. Ich bemerkte, wie meine innerliche Heizspirale wieder ihre Arbeit aufnahm. Erschossen statt eingeschläfert. Ich konnte nur hoffen, dass diese kleine Differenz meinem westernbesessenen Großvater nicht sonderlich auffiel. 'Saubere Arbeit! Was weg muss, muss weg!', gab mein alter Herr zurück. Horst lächelte. Für meinen Geschmack allerdings eine Spur zu kumpelhaft. Es schien sich etwas zusammenzubrauen.
'Kennen sie sich mit dieser verfluchten Vogelseuche aus?', fragte mein Großvater. Horst setzte eine hochschullehrerhafte Miene auf. 'Es ist zwar nicht mein Spezialgebiet, so aber doch eine - nennen wir es mal - wissenschaftliche Passion.'. Mein Großvater fuhr sich durchs Haar. 'Dann können sie mir doch sicherlich erklären, auf was man jetzt als Verbraucher so alles achten muss?'
'Aber sicher. '. Horst zog eine Zigarette hervor. 'Sie gestatten?'. Mein Einverständnis war anscheinend nicht mehr erforderlich. Es war der Allmacht meines Großvaters gewichen. Erich nickte. Horst zündete sich den Glimmstengel an und marschierte in die Küche. Wenigstens ein Funken Höflichkeit mir gegenüber. Mein Opa folgte dem selbsternannten Neurochirurgen. 'Also, sie dürfen kein Geflügel mehr essen, keinen Kontakt mehr mit Vögeln aufnehmen.', begann Horst seine Kenntnisse vorzutragen.'Auch Haustiere wie Hunde, Katzen, Meerschweinchen oder auch Nutztiere wie Kühe und Schweine sind in höchstem Maße gefährdet und müssen bei dem geringsten Verdacht gekeult werden.'. Keulen schien mittlerweile zu seinem Lieblingsbegriff avanciert zu sein. 'Dies muss effektiv und infektionsminimierend geschehen. Am besten also unter dem Einsatz explosiver Stoffe.'. Die Augen meines Opas begannen sich zu weiten. 'Wir müssen uns agressiv gegen die Bedrohung aus der Luft zur Wehr setzen! Es ist vergleichbar mit dem Szenario, das Hitchkock in seinem Klassiker 'Die Vögel' vorgezeichnet hat.'. Zur Untermalung seiner Aussage schlug Horst mit der Faust auf den Esstisch. Mein Großvater war sichtlich beeindruckt. 'Wissen sie was, Herr Professor.' . 'Nennen sie mich Horst.', warf mein Kollege jovial lächelnd ein.'Also, ich könnte sie dabei unterstützen. Wir könnten das Haus in einem ersten Schritt von Geflügelprodukten säubern und es dann in einem zweiten Schritt gegen die von ihnen angesprochene Bedrohung absichern. Was halten sie davon?', schlug mein Opa vor. Horst blickte zu mir herüber. Zwar teilte ich, die - etwas pansich wirkenden - Ansichten meines Kollegen nicht im gleichen Maße wie er, so willigte ich schließlich doch durch ein Nicken in den Vorschlag meines Großvaters ein. Der Hausfrieden war mir in diesem Moment wichtiger.

Bereits am Abend begannen Horst und Erich jegliche Geflügelprodukte aus meinem Kühlschrank und aus meiner Kühltruhe auszusortieren. 4 Brathähnchen, 5 Packungen Putenbrustfilet und 2 Packungen Eier landeten auf dem Müll. Der Eifer, den die beiden dabei an den Tag legten, ließen mich immer mehr daran zweifeln, dass es sich bei der Vogelgrippe nur um eine für den Menschen - bis auf wenige Ausnahmen - momentan nicht so gefährlichen Virus handelte. Im Anschluss an die 'ornithologische Säuberung' - wie es mein Großvater bezeichnete - wurden im gesamten Haus Schießscharten angelegt. Horst erklärte mir, dass damit ein eventueller Angriff aus der Luft abgewehrt werden könne. Mein Großvater steuerte als passionierter Jäger mehrere Jagdgewehre zur Luftabwehr bei. Am nächsten Tag bauten die beiden meinen Keller als 'Anti-Birds-Bunker' aus. Die Fenster wurden zusätzlich mit Fliegengittern versehen, um selbst Kolibris keine Einflugschneise zu bieten. Erich hatte mittlerweile 10 Schutzanzüge und Atemschutzmasken besorgt, die in Reih und Glied an einem eigens dafür montierten Kleiderständer ihren Platz gefunden hatten. Horst kümmerte sich am nächsten Tag um die Verpflegung im Keller, wobei mir auffiel, dass die alkoholischen Getränke bei weitem überwiegten. Ich fragte mich, ob der Vollrausch das Infektionsrisiko minimieren sollte. Jeden Abend saßen wir zusammen in meinem Wohnzimmer und besprachen die bisher erzielten Fortschritte. Allmählich wurde mir - nicht zuletzt unter dem regelmäßigen gedankenfördernden Genuss von Sambuca, Wodka, Whiskey und Bier - klar, dass die von mir bisher unterschätzte Gefahr der Vogelgrippe eine real existierende Bedrohung der Menschheit darstellt. Ich schämte mich, daran je gezweifelt zu haben. Dieser Wendepunkt meiner Einstellung wurde insbesondere dadurch manifestiert, dass ich seit diesem Zeitpunkt bis zur körperlichen Erschöpfung am Ausbau des Kellers mitarbeitete. Obwohl draußen Temperaturen um die 10 Grad Minus herrschten, schuftete ich mit freiem Oberkörper. Der Schweiß rann mir in Sturzbächen herunter und meine Haaren waren oft so nass, dass ich froh war, dass der kalte Wind für etwas Abkühlung sorgte. Am fünften Tag war mein Haus vogelgrippesicher. Die Investition von knapp 10.000 € hatte sich gelohnt.

Am 6. Tag trat allerdings ein Problem auf, mit dem keiner gerechnet hatte. Ich erwachte an diesem Morgen mit einem dumpfen Gefühl im Kopf. Mein gesamter Körper fühlte sich kraftlos an. Meine Nase war völlig verschnupft und ich musste unentwegt nießen. Als ich mich dann im Badezimmer nach geeigneten Medikamenten umsah, fuhr ich plötzlich zusammen. Im Badezimmerspiegel tauchten zwei Männer in Schutzanzügen auf. Es waren Erich und Horst. In diesem Augenblick fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Als ich halbnackt im Haus gearbeitet hatte, musste es ein Spatz oder ein ähnlich unauffälliger Vogel geschafft haben, mich mit der unheilvollen Seuche zu infizieren. Es konnte keine andere Erklärung geben. Das rhytmische Schnaufen der Atemschutzmasken und der traurige Blick der beiden Männer waren beinahe schmerzvoller als die Erkenntnis, bald sterben zu müssen. Doch es lag nichts Vorwurfsvolles in ihrem Blick. Sie wussten, dass ich bei dem Versuch uns 3 vor diesem Horrorvirus zu bewahren, selbst - und vor allen Dingen schuldlos - Opfer dieser heimtückischen Pest geworden bin. Sie wussten, dass ich diesen Preis freiwillig gezahlt habe.Und ich wusste, dass es an mir lag, dieser ausweglosen Situation ein letztes Maß an Würde zu verleihen: Ich musste mein Haus verlassen.

Horst erklärte sich bereit, mich zu einem Notar zu begleiten, um ihm mein Haus zu übereignen. Was sollte ich noch mit dem schnöden Mammon, wenn das Ende bevorsteht? Auf dem Weg zu dem Juristen habe ich Tränen der Rührung geweint, weil Horst - als mein einziger und wahrer Freund - die schwere Bürde meiner - zum Glück bereits abgezahlten - Villa zu schultern bereit war. Mein restliches Geld sollte Erich bekommen, auch wenn ihm nicht mehr ganz so viel Zeit blieb, es auszugeben. Jedenfalls mehr als mir.

Mittlerweile lebe ich in einem Obdachlosenheim in der Nähe meiner ehemaligen Arbeitsstätte. Ich bin jetzt seit 19 Monaten mit Vogelgrippe infiziert. Obgleich die fühlbaren Symptome nach etwa einer Wochen abgeklungen sind, weiß ich, dass ich jederzeit sterben kann. Ich habe es lediglich der Gnade Gottes zu verdanken, dass ich noch fähig bin, diese Zeilen zu schreiben. Ich möchte mich hiermit besonders bei Erich und Horst bedanken, die beide zur Zeit eine verdiente Auszeit auf Hawaii nehmen. Ihr habt mir gezeigt, dass meine bisherige Sorglosigkeit lediglich auf mangelnder Fachkenntnis beruhte. Ihr habt mich ebenfalls gelehrt, was es heißt, echte Freunde zu haben. Obwohl diese Erfahrung eigentlich unbezahlbar ist, hoffe ich, dass ich euch durch die Übereignung meines - für mich mittlerweile bedeutungslosen - Vermögens ein kleines Dankeschön bereiten konnte.
Danke Euer Willie!



















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Minotaurus
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Registriert: Not Yet

Hallo Mortimer,
ich kann jetzt erst schreiben, weil ich - vor Lachkrämpfen geschüttelt - das nicht eher geschafft habe.
Ich habe schon viele Beiträge zu diesem Thema gelesen, aber Deine Story stellt alles bisher dagewesene in den Schatten!
Deshalb Bestnote von mir, ohne wenn und aber.
satirische Grüße vom Minotaurus.

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Mortimer
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Registriert: Jan 2003

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Moin Minotaurus,
vielen Dank für die Blumen! Habe zwar immer noch die Befürchtung, die Überschüttung dieses (ja nicht gerade lustigen) Themas mit schwarzem Humor wird einigen zarter besaiteten Seelen aufs Gemüt schlagen, so habe ich doch in dir einen - wenngleich einzigen - Sympathisanten gefunden.
Gruß Mortimer

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Marius Speermann
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Registriert: Jul 2005

Werke: 51
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Die Geschichte ist über weite Strecken ganz gut, aber das Ende, dieses Ende zerstört irgendwie die ganze Geschichte.

Marius
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor für Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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Mortimer
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 17
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Moin Marius,
dank dir für deinen Beitrag! Aber nu mal Butter bei die Fische: Was stört dich denn konkret am Ende meiner Story?
Gruß Mortimer

__________________
Nur Versager brechen die Gesetze, die Schlauen nutzen sie. Und die wahren Könner machen sie.

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Hallo Mortimer,

ich würde genau diesen Halbsatz streichen :

quote:
wenngleich ihr diese Besuche mit weiteren Vermögensübereignungen verbunden habt

Da kippt das Ganze nämlich, denn der Prot gibt damit zu erkennen, dass er weiß, was gespielt wird.

Gruß,
Gabi

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