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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Wahl
Eingestellt am 01. 12. 2014 20:42


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Mitschie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2014

Werke: 7
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Da sitzen wir, jeweils zu zehner Gruppen aneinander gereiht und warten. Wir alle sehen gleich aus, schwarze Kugeln, die in kleinen EinmachglĂ€sern sitzen. Tausende Geschöpfe warten nun bereits eine Ewigkeit. Heute ist die grosse Wahl, eine entscheidende Wahl, denn sie bestimmt unseren Aufenthalt in den kommenden Jahrzehnten. Vor uns ist am Ende des Raumes eine weisse Leinwand aufgespannt, das Licht geht aus und der Lehrfilm beginnt. Ein Film ĂŒber die Regularien der heutigen Wahl. Aufmerksam folgen wir den Bildern und den grossen Buchstaben, die zusammengefĂŒgt uns ihren Sinn offenbaren. Dann geht das Licht wieder an, denn der Film ist zu Ende. Eine kurze Pause, es werden ErdnĂŒsse und Limonade gereicht. Dann betritt die Wahlkommission den Veranstaltungsraum und alle anwesenden schwarzen Kugeln richten ihren Blick auf sie. Die Kommission besteht aus 3 Mitgliedern, deren Gesicht noch nie eine Seele zuvor gesehen hat, dies liegt daran, dass sie eigentlich ĂŒberhaupt kein Gesicht haben. Man erkennt nur Andeutungen, Skizzen eines Lebewesens, das Gesehene lĂ€sst sich aber unmöglich zu einem Ganzen vereinen. Nur Schemenhaft sieht man die drei, es gibt auch Tage, da sind sie ĂŒberhaupt nicht zu erkennen. Wir wissen nicht, ob wir bereits zuvor eine Wahl treffen mussten, man erzĂ€hlt sich, dass wir nach jedem gelebten Dasein komplett gelöscht werden und in der Folge neu programmiert werden mĂŒssen. Es soll auch Kollegen geben, die nicht mehr hergestellt werden konnten, sozusagen an der Existenz verschlissen und aufgebraucht wurden. Aber das sind nur GerĂŒchte, den Beweis hierfĂŒr konnte bisher noch niemand liefern. Die verschiedenen GefĂ€sse werden hereingebracht und zwischen uns und der Kommission aufgestellt. Jetzt haben wir die Wahl zwischen 4 GefĂ€ssen, wenn wir uns entschieden haben, dies geschieht durch einen Druck auf einen Knopf, 4 Knöpfe die sich durch ihre Farbe unterscheiden und einem jeweiligen GefĂ€ss zugeordnet sind, so ist unsere Wahl unwiderruflich, fixiert und endlich. Die Entscheidung erlangt RechtsgĂŒltigkeit. Entscheidet man sich fĂŒr das erste GefĂ€ss, so ist der grĂŒne Knopf zu drĂŒcken. Es wird als das sicherste GefĂ€ss beschrieben, mit einer erstaunlichen durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren. Allerdings sehr eintönige und langweilige Jahre, die jeglicher Abwechslung entbehren, ein kleines Haus in der Vorstadt und einen Schrebergarten fĂŒr das Wochenende. Das 2. GefĂ€ss, mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 65 Jahren ist schon lebendiger, bietet mehr Facetten, sogar eine Weltreise ist möglich. Allerdings wird dessen Tod als sehr unangenehm beschrieben, oft qualvoll und schmerzlich. DrĂŒcke ich den orangenen Knopf, so entscheide ich mich fĂŒr das dritte GefĂ€ss, ein GefĂ€ss, dass viele Entbehrungen bedeutet, Krieg, Armut und Hunger, aber auch im Falle des Überlebens Weisheit. Eigentlich eine HĂŒlle fĂŒr Asketen und Weltverbesserer, fĂŒr Seelen mit Idealen aber leicht masochistischer Ader. Gelb fĂŒr das 4. GefĂ€ss, das ungewisse GefĂ€ss, zu dem es nur ungenaue Angaben der durchschnittlichen Lebenserwartung gibt, es wird von Spannen zwischen 20 und 70 Jahren berichtet. Dies liegt daran, dass es keine einheitlichen Abtretungsdaten gibt. Dieses GefĂ€ss ist fĂŒr die Unruhigen, Getriebenen unter uns. Es ist das GefĂ€ss der KĂŒnstler, der Kreativen, aber auch der Gefallenen, SĂŒchtigen und LebensunfĂ€higen, aber fĂŒr die Wenigen, die es ĂŒberleben eine Erkenntnis ĂŒber die Welt, die nur sehr wenigen Menschen zuteil wird.
Die Wahl beginnt und man spĂŒrt förmlich die Aufregung der Teilnehmer. Ich hingegen bleibe ruhig, denn ich habe meine Entscheidung lĂ€ngst getroffen, ich wĂ€hle GefĂ€ss Nummer 4, da treffe ich eine wirklich gute Wahl, denn alles andere wĂŒrde mich zu Tode langweilen.

__________________
M.F.

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