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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Waschküche
Eingestellt am 25. 03. 2001 15:50


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Eve
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Die Waschküche


Ihre Hand stockte, was war das für ein Geräusch? Es klang, als ob die schwere Stahltür ins Schloss gefallen wäre ... Britt drehte sich zur Seite, um den Eingang zur Waschküche besser sehen zu können. Alles blieb still. Aber sie hatte das Geräusch deutlich die laufenden Waschmaschinen übertönen hören - oder doch nicht? Sie wartete ein paar Sekunden, als nichts weiter geschah, wandte sie sich wieder ihrem Wäschekorb zu und stopfte die Stücke schnell in die Maschine.
"Geh' so spät besser nicht mehr in den Keller", Mikes Worte tauchten in ihrem Kopf auf. Er hatte ja recht, aber wenn sie die Wäsche heute nicht mehr gemacht hätte, dann könnte sie morgen nicht ihre Lieblingshose tragen, und morgen war schließlich ein wichtiger Tag, morgen musste sie unbedingt gut aussehen! Da war es wieder, das Geräusch von eben. Ein heller, massiver Schlag, die Stahltür war ins Schloss gefallen. Britt hielt den Atem an.
"Oh Gott, und Mike ist nicht da, niemand wird mich vermissen, niemand wird mich suchen ..."
Panik breitete sich in ihr aus, ihr Magen fühlte sich plötzlich flau an. Sonst war sie nicht so schreckhaft, stand eher mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen. Sie sollte einfach mal nach vorne gehen und nachsehen ... Verdammt, warum hatte sie ausgerechnet heute die Nachrichten sehen müssen? Sonst legte sie keinen Wert darauf, zu hören, was in der Welt so vor sich ging, aber heute hatte sie den Fernseher angeschaltet, pünktlich zu den 20-Uhr-Nachrichten. Die Worte des Sprechers hallten in ihrem Kopf nach, jetzt, wo das Adrenalin durch ihre Adern peitschte.
"Der Sexualstraftäter Michael Hallmann, der einige Wochen lang die Bevölkerung von Baden-Württemberg in Atem gehalten hat, ist heute Nachmittag aus dem Gefängnis geflohen. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung wurde er zuletzt im Rhein-Neckar-Kreis gesehen."
Ihre Gedanken rasten, er würde die Großstädte meiden, würde sich einen kleinen Ort suchen, ein etwas am Rande gelegenes Häuschen ... SIE wohnte in genau so einer Kleinstadt, am Ortsausgang. Etwas knirschte, als ob ein Schuh leise auf einen Kieselstein träte. Wenn doch bloß diese blöde Waschmaschine endlich ruhig wäre, so konnte sie immer nur Geräusche erahnen, und in ihrem Kopf verwandelten sie sich zu äußerster Gewissheit: dort draußen in dem dunklen Gang quer durch die Tiefgarage stand jemand. Jemand, der nur darauf wartete, dass sie aus der Waschküche herauskam, den Überraschungsmoment nutzte, und über sie herfiel. Sie kannte die Zeitungsberichte über diese perversen Schweine, die wehrlosen Frauen auflauerten, sie mit dem Messer bedrohten und sie dann vergewaltigten.

Oh Gott, was sollte sie tun? Besonders stark war sie nicht, sie fühlte sich jetzt, allein bei der Vorstellung, schon merkwürdig schwach in den Knien. Die Angst trieb kalten Schweiß auf ihre Handflächen, die sie geistesabwesend an der Hose abwischte. Die Hose - sie trug nur ihre Feierabend-Jogginghose, ein leichtes für ihn, sie ihr vom Leib zu reißen, und mit den Hausschlappen zutreten zu wollen, konnte sie sich gleich schenken. Sie lauschte wieder in den Gang hinein, der in einer Biegung nach links verschwand. Einen Schatten konnte sie nicht ausmachen, aber er war bestimmt vorsichtig und geübt darin, sich zu verstecken, bis der richtige Moment kam. War das nicht ein leises Atemgeräusch, stockend, erregt? Britt war sich sicher, wenn sie sich auch nur einen Schritt aus der Waschküche hinauswagte, würde er zuschlagen. Und wenn sie einfach hier drin bliebe? Sei nicht blöd, meldete sich ihr Verstand, dann kommt er eben rein, was macht das für einen Unterschied? Wer geht auch abends um neun noch Wäsche waschen, blöde Kuh, blöde Kuh ...

Ein Stock, irgendetwas, mit dem sie sich verteidigen konnte? Fieberhaft suchte sie den Raum ab, aber außer ihrem Korb und einem Päckchen Waschpulver gab es nichts, das sie hätte in die Hand nehmen und ihrem Angreifer entgegenschleudern können. Mist, verdammter Mist! Sie könnte so schön auf ihrer Couch sitzen und lesen - aber es war jetzt müßig, zu überlegen, was hätte sein können, wenn ... Na klasse, sie fühlte, wie sich die Augenmuskeln schmerzhaft zusammenzogen und sich ein paar heiße Tränen sammelten. Bloß nicht ausflippen jetzt! Selbst ist die Frau, war doch so? Und da kam ihr der rettende Gedanke: das Waschpulver!

Sie drehte sich um, versuchte mit fliegenden Fingern die Kunststoffverpackung aufzureißen - Fehlanzeige. Wo war denn bloß diese Einkerbung, damit man das Plastik leicht auseinanderziehen konnte? Ihre verschwitzten Finger rutschten immer wieder von der Falzkante ab, die Tränen rannen jetzt doch ihre Wangen hinunter und sie fühlte, wie der riesige Kloß in ihrem Bauch sich in einem lauten, verzweifelten Schluchzen lösen wollte. Endlich gab die Verpackung nach, das Plastik riss über die ganze Seite bis zum Boden ein, weil sie so heftig daran gezerrt hatte. Weißes Pulver ergoss sich auf die Waschmaschine, rutschte weiter auf den Boden. Aber der Rest in der Packung reichte aus; sie fuhr mit beiden Händen hinein, das feine Pulver setzte sich unangenehm unter ihre Fingernägel, aber das bemerkte sie nicht. Dort, wo sie sich vorhin beim Kartoffelschälen geschnitten hatte, brannte das Waschpulver höllisch in der Wunde, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was sie im Gang erwartete. Die Angst fing schon langsam an, ihren plötzlich aufgetauchten Mut der Verzweiflung zu zersetzen - jetzt oder nie! Sie hob die Hände, die sich um das Bisschen Waschpulver schlossen, über die rechte Schulter. Mit ihrer einzigen Waffe im Anschlag setzte Britt langsam den ersten Fuß vor den anderen. Wieviel Zeit war vergangen, seit sie den Keller betreten hatten? Sie konnte es nicht sagen, es schienen Stunden zu sein. In Wirklichkeit waren es fünf Minuten, fünf Minuten, die sie fast an die Grenzen ihres Verstandes gebracht hatten.

Der Gang näherte sich, die Angst in ihrem Bauch schien zu brennen, sie innerlich aufzulösen. Aber jetzt zu zögern würde ihr die so wichtige Überraschungssekunde wieder nehmen. Bereit, dem perversen Schwein das beißende Waschpulver in die Augen - hoffentlich zielte sie auch richtig - zu schleudern, machte sie einen schnellen Schritt um die Kurve, hinein in den Gang, in dem der Killer lauerte. Der Schritt und das Ausholen waren eins, das weiße Pulver flog in einer schönen Linie den Gang hinunter, landete dann in einem großen Streukreis auf dem Boden. Es war niemand da. Britt spürte weder die Erleichterung, nicht in Michael Hallmanns Gesicht blicken zu müssen, noch die Angst, die wie aus einem prall gefüllten Luftballon, den man plötzlich öffnete, aus ihr entwich. Sie rannte wie von Furien gejagt den dunklen Gang entlang, riss die Tür zum Treppenhaus auf und schlug sie mit Wucht hinter sich wieder zu. Abschließen! Mit zitternden Fingern klaubte sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche, fast wäre er heruntergefallen. Das Herz schlug bis in ihren Kopf, sie hörte nichts außer dem lauten Wummern in ihrem Brustkorb. Endlich hatte sie den Schlüssel im Schloss, drehte ihn um, einmal, zweimal. Die Beine drohten ihr wegzuknicken, aber eine Pause gab es für sie erst in ihrer eigenen, sicheren Wohnung, oben, im letzten Stockwerk.

Sie fühlte sich ein bisschen albern, als sie die Schuhkommode vor die Wohnungstür schob, aber sicher war sicher. Dann drehte sie auch den Schlüssel zur Wohnzimmertür um, erst danach ließ sie sich auf die Couch fallen. Als ihr Puls wieder normal war, der kalte Schweiß in ihren Handflächen getrocknet, konnte sie fast ein bisschen über sich selbst lachen. Das kam davon, wenn man eine zu große Phantasie hatte. Wenn sie das Augenpaar im Dunkel der Tiefgarage bemerkt hätte, als sie den Gang entlang gerannt war, wäre ihr das Lachen im Halse stecken geblieben. Hallmann konnte selbst nicht sagen, warum er im letzten Moment gezögert und sich in den Schatten zurückgezogen hatte.


Eve

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flammarion
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gut

geschriebene geschichte. sehr überzeugend, viele schöne details. liest sich prima. und keiner ahnt den schluß. aber ich weiß, warum hallmann zögerte: wenn eine frau so rennt, dann ist schon jemand hinter ihr her. dem in die arme zu laufen wäre doch blöd. und eine frau zu zweit zu vergewaltigen - mit einem fremden zusammen - wäre noch blöder. also gab es für mich sogar noch was zum schmunzeln. danke. lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Eve
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Das mit dem Schluss war mir gar nicht so bewusst ;-), den letzten Satz hab ich erst noch hinzugefügt, als ich die Geschichte hier auf der Leselupe eingetragen habe. Freut mich, dass sie Dir gefällt.

Liebe Grüße zurück

Eve

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Ralph Ronneberger
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Hallo Eve,

der Schluß ist ok. Ich habe schon befürchtet, der Kerl hätte sich zu guter Letzt irgendwo im Wohnzimmer eingenistet. Aber dann.... großes Aufatmen. Aufatmen auch deshalb, weil mir die hier auf der Lupe so häufig zelebrierten Abschlacht-Details erspart blieben. Die Geschichte ist auch so ausgesprochen spannend. Und, daß sie gut geschrieben ist, das sagte flammarion bereits. Kompliment.

Gruß Ralph
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Eve
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Hallo Ralph,

danke!
Sehe ich auch so, es muss nicht immer bis ins Letzte gehen oder grausam werden. Oft ist das subtile, unterschwellige viel intensiver und spannender.

Gruß Eve

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Ralph Ronneberger
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genau!!
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