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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Wasserfee
Eingestellt am 16. 06. 2005 16:14


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Die Wasserfee


Es regnet. Im Zimmer ist es dunkel wie an einem Wintermorgen, dabei steht Juni auf dem Kalenderblatt. Sie schaut auf den Wecker, der sie mahnt, aufzustehen. Unwillig schiebt sie ihn ein StĂŒck weiter, sodass sein Ziffernblatt nun das fleißige Lieschen anstarrt. Sie zieht die Bettdecke halb ĂŒber ihren Kopf.
Der Regen pocht auf das Fensterblech, als wollte er nicht zulassen, dass sie weiterschlĂ€ft. „Ist ja gut, hast gewonnen“ murrt sie in Richtung Fenster. Das Bett knarrt, als sie sich heraushebt.

Im Bad holt sie sich feuchte FĂŒĂŸe, als sie in eine PfĂŒtze tritt – der Traps am Waschbecken ist undicht.
Als sie in den Spiegel sieht, Ă€rgert sie sich ĂŒber die Neonlampe, deren Licht ihr Gesicht so unbarmherzig erfasst. TrĂ€nensĂ€cke hĂ€ngen unter ihren Augen. Ihre Hand greift zum Lichtschalter.

Dabei fÀllt ihr Blick auf das mit Muscheln verzierte KÀstchen. Sie hat es von der Ostsee mitgebracht. Es ist lange her. Die Muscheln sind bereits angegraut vom Staub, der im Bad ohne Fenster tÀglich mehr zu werden scheint.

Sie liebt es doch eigentlich, das Wasser, das Meer; liebt es, wenn ihre FĂŒĂŸe im feuchten Sand Spuren hinterlassen, den Geruch, die Weite und sogar die SalzrĂ€nder an den Schuhen vom Lecken der Wellen daran.
Sie betĂ€tigt den Schalter, steht im Dunkeln, drĂŒckt erneut. Das Licht flackert auf, erlischt, wirft sich auf ihr Gesicht. Dann steht sie wieder im Dunkeln, das KĂ€stchen in der Hand. Die Neonröhre glimmt nach, als wĂ€re sie bereit, sofort wieder zu leuchten.
Durch die LĂŒftungsanlage hört sie den Regen rauschen. Die Finger tasten ĂŒber die Muscheln.

Das Glimmen hat aufgehört. Ihre Finger bewegen sich noch immer auf den Muscheln und es ist ihr, als wĂŒrden auch sie rauschen, als wĂŒrde sie das Meer wieder hören und sie hört ein Summen und sie folgt diesem Summen.

Sie zieht sich an und verlĂ€sst die Wohnung. Sie nimmt das KĂ€stchen mit und hĂ€lt es wie etwas sehr Wertvolles dicht vor ihrem Körper. Sie hat keinen Schirm dabei. Ihre FĂŒĂŸe treten in dicke PfĂŒtzen – sie achtet nicht darauf.
Die harten Regentropfen hĂ€mmern auf ihren Kopf, doch es schmerzt nicht. Es ist vielmehr, als wĂŒrde er durchflutet; als wĂŒrden ihr Kopf und ihre Gedanken vom Staub befreit.
Sie ist nass bis auf die Haut. In der Hand, dicht vor ihrem Körper, hÀlt sie noch immer das KÀstchen mit den Muscheln, die nun feucht glÀnzen.

Sie geht weiter. Wasser tropft ihr von den schulterlangen Haaren, von dem KÀstchen; verfÀngt sich in ihren Wimpern, trÀnkt die nasse Kleidung und lÀsst sie schwer werden.
Menschen hasten an ihr vorbei, unter Schirmen versteckt. Nur eine alte Frau, die sich mit einer Regenhaube schĂŒtzt, bleibt stehen und schĂŒttelt den Kopf: „MĂ€dchen, du holst dir eine ErkĂ€ltung!“ Doch sie ist schon vorbei.

Da reißt der Himmel auf. Die Muscheln funkeln in der Sonne wie kleine Diamanten.

Nein, sie ist nicht krank und sie wird nicht krank.

__________________
Astrid

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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Doch Astrid, sie ist krank und zwar sehr.

Sie leidet unter der gefĂ€hrlichen Meeres-Klischee-Sentimentitis. Diese bösartige Erkrankung, die zum grĂ¶ĂŸten Teil Frauen im Alter von 16 bis 56 befĂ€llt, fĂŒhrt zu einem unkontrollierten Muschelsammeltrieb (die hĂ€ufig in kleinen GlĂ€schen mit Sand und Perlen auf diversen hĂ€uslichen Ablagen zu finden sind) und geht nicht selten einher mit rhythmischem Ohren-Rauschen und Gischt in den Fingerknochen.

MÀnner sind in der Regel dagegen immun, wenn auch hier und da Abwehrreaktionen wie z. B. Schaumbildung im Mund/Rachenraum auftreten können.

*schÀumend*

Henry

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