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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Wegschwimmer
Eingestellt am 30. 05. 2001 19:22


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Karl Reichert
BlĂŒmchendichter
Registriert: Dec 2000

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Die *Wegschwimmer

*wegschwimmen bedeutete im Friedrichhof-Jargon: Nicht-bei-der-Sache-sein!


Greiner hat den Fraß der Hauseigenen Kantine schon seit Jahren satt und erlaubt sich in den letzten Wochen immer öfters „Mittag auf Französisch“. Kann er sich erlauben, er ist doch Gruppenleiter fĂŒr schwierige FĂ€lle bei der BEWAG, (Berliner Strommonopolist) Innere Revision, Abteilung: Task-Force. Er liebt nun mal die französische Lebensart. Warum also nicht bei der Arbeit? Sein einziger Luxus ĂŒbrigens, ansonsten ist Meister Schmalhans angesagt: die Kredite, die Kinder, der neue Wagen und der anstehende Urlaub auf Lanzerote sind Dinge, die wohl abgewogen sein wollen. So spaziert er die wenigen Schritte zum Bistro „Eifelturm“, ein lĂ€cherlicher Name, rĂŒber, und geht seiner frankophilen Neigung, der Über-eine-halbe-Stunde-Zeit, eben seinem Mittag auf Französisch, nach. Wer jetzt aber denkt, es wĂ€re eines der schönen Provinzbistros, mit leicht angeschmuddeltem Charme, der vergisst, dass die Zentrale der Bewag direkt in der neuen Stadtmitte, am Marlene-Dieterich-Platz, angesiedelt ist. Dort hat sich die Ex- und Hopp-MentalitĂ€t der amerikanischen Kulturbanausen breit gemacht. Fette Cinemax-Kinos, pampige Beagle- und Fastfood-Buden, eingerahmt vom glasdurchfluteten Sonycenter und dem ewig sich drehenden Stern – erstickender Einheitsbrei und moderne UrbanitĂ€t geben sich die Hand. Auch das neue „Eifelturm“ erinnert an einen Schnell-Imbiss: Funktional und hell, dafĂŒr aber mit rupf-frischen Salaten, und, was ihm besonders am Herzen liegt, es ist ein Steh-Bistro, da er doch den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt.
Auf den knackigen Salat bestellt er sich noch einen großen Milchkaffee und ein Glas frischgepressten Orangensaft, nimmt sich den „Spitzel“, wie er despektierlich von Intellektuellen hier genannt wird, vom Nebentisch, und stellt sich wieder an den Platz an der Sonne zurĂŒck, um die aktuellen Schlagzeilen zu ĂŒberfliegen. Der Tagesspiegel ist ein liberales BlĂ€ttchen, Ă€ußerst seriös und solide, kurz: der ĂŒbliche WeichspĂŒlgang fĂŒr Leute, die wenigstens zweimal im Jahr ins Theater oder Musical gehen und dem Hang zum gelesenen Zweitbuch frönen. Beim Kulturteil angelangt – er ĂŒberfliegt den politischen, weil Zeitungen nicht so aktuell, wie die Tagesthemen sind – fĂ€llt sein Blick auf ein halbseitiges Foto von nackten, dichtgedrĂ€ngten Leibern. Greiner hat sofort eine Erektion, nicht der Nackten wegen, sondern weil er seit Wochen, ja vielleicht sogar schon Monaten, auf eine rational nicht nachvollziehbare Art und Weise, elektrisiert, neugierig ist.
Es ist ein schlechtgerastertes Schwarz-Weiß Foto, eine Momentaufnahme vom „Friedrichshof“, einer Kommune des Wiener AktionskĂŒnstlers und Gurus, Otto MĂŒhl, der die Bewegung, im Burgenland, in Österreich, ins Leben gerufen hatte.
Er saugt den Text förmlich in sich auf: Das Leben folgte dem radikalen Geist des Wiener Aktionismus – eine Lebensweise, die sich von allen gesellschaftlichen und religiösen Konventionen lossagte. Das Fundament, auf dem die Kommune sich grĂŒndete, waren die Ideale der freien Liebe, das Prinzip des kollektiven Eigentums und der gemeinsamen Kindererziehung. Auch optisch wollten sie sich vom KleinbĂŒrger genauso wie vom Hippie abgrenzen: Sie trugen die Haare Streichholzkurz und kleideten sich extrem unauffĂ€llig. Besonders stolz war die Kommune auf die „Selbstanalyse“, angelehnt an die Urschreitherapie von Janov, eine Therapieform mit schwach tiefenpsychologischer Methodik. Sie sah vor, dass die Kommunarden mittels kĂŒnstlerischer Selbstdarstellung zu einer Persönlichkeit reifen, die vollkommen autonom ist. Die Selbstanalyse sah fĂŒr Außenstehende eher albern aus: Menschen, die meisten nackt, tanzten wirr durch den Raum, schnitten Grimassen und ĂŒbten sich in orgiastischem Geschrei. Man sah Frauen, die sich lustvoll StrĂ€ucher in den Hintern schieben und MĂ€nner, die mit dem Schnuller im Mund vor einem Regal posieren, auf dem ein Dildo steht. Verspielte Kinder, als halbreife Persönlichkeiten, die sich noch nicht gefunden haben, deren Entdeckungsreise aber lustvoll verlĂ€uft. Die Haltung beim Chill-Out signalisiert: Inszenieren tun wir uns selbst. Manche von ihnen agierten dabei so ekstatisch, als stĂŒnden sie kurz vor einer Teufelsaustreibung.
Greiner schießt Schweiß aus den Achselhöhlen, befleckt das frische, blĂŒtenweiße Hemd. Buchstaben purzeln und springen durcheinander. Atemlos starrt er wieder auf das Bild, sucht ganz instinktiv nach dem Flash-Back, nach einer Antwort auf seine Erregtheit und krallt sich am scheinbar Realen, an den abgebildeten Personen fest. Dieses sanfte, milde LĂ€cheln kennt er doch? Wie lange ist das her? -– Ist das nicht Rudolf? Ein hypnotisierendes LĂ€cheln umhĂŒllt und umschmeichelt Greiners Sinne und lockt ihn immer tiefer in den nimmersatten Schlund der Vergangenheit.
Ja, das Leben war einfach und direkt, und die Tage schienen endlos und prall. Im Epizentrum des Selbst erstrahlte naive Selbstverliebtheit. Die eigene Melodie, der Urgrund der Welt, war die Tat. Alles erschien leicht und unbeschwert, voller Poesie. Greiner hatte seine heutige Frau, Iris, kennengelernt, eine strahlende, pflippige, Henna-Haarige, die auf Castaneda, Pejote, ein indianischer Giftpilz, und auf heißem Sex stand. Warum also arbeiten? Maloche war lĂ€stig, musste nicht sein. Doch ab und an ließ es sich nicht vermeiden. Man wollte ja nicht darben.
Mittagspause: Seit Sechs Uhr FrĂŒh waren sie zu Gange und erst die HĂ€lfe rum. Der tote Punkt schlĂ€gt erbarmungslos zu. Aber es war auch ein eintrĂ€gliches Unterfangen, sie wurden schwarz bezahlt, dass hieß: Keine Abgaben, Brutto fĂŒr Netto. Greiner hatte sofort zugeschlagen, den Job als Fahrer ohne mit der Wimper zu zucken angenommen, da ihm Jean-Marie, der den Beifahrer machte, gleich auf Anhieb symphatisch war.
Ihr Brötchengeber war die AA0/A0, die Aktion-Analyse-Aufbauorganisation, Ultras, die sektiererische Friedrichshof-Kommune in Berlin. Diese Organisation hatte die Aufgabe, ĂŒber Secondhand-LĂ€den und eben jenem EntrĂŒmpelungsunternehmen, wo Greiner und Jean-Marie Canto seit dem frĂŒhen Morgen schufteten, die finanzielle Grundlage , die UnabhĂ€ngigkeit, zu sichern.
Konkret: Sie mussten innerhalb von 14 Tagen die Keller der HĂ€user in der Steinmetzstraße 12 und 13 in Schöneberg, Besenrein, d. h. staubfrei hinterlassen. Und wer schon einmal professionell entrĂŒmpelt hat, weiß, was das heißt: Bauschutt, alte ElektrogerĂ€te, Teppiche, Eisenrohre, vergammelter Stragula, Kohlenbruch, Balken und Bretter, SĂ€ckeweise und lose verstreute Klamotten mussten zuerst StĂŒck fĂŒr StĂŒck von Hand und wenn dann Platz genug war, ĂŒber ein paar Bretter, die man ĂŒber die Stufen legte, per Schubkarre, nach oben befördert werden. Eine Arbeit, die nicht nur Geschick, man denke nur ans Gleichgewichthalten, sondern Schnellkraft und unglaubliche Ausdauer erforderte.
Ein Scheißjob, aber mit Anspruch, da sie auf der ersten Fuhre, die zur MĂŒllkippe in Wannsee gebracht werden sollte, saßen, in der einen Hand eine Wurststulle, in der anderen ein kĂŒhles Flaschenbier, und ĂŒber den Existenzialismus diskutierten. Jean-Marie sprach zwar nur radebrechend Deutsch und er war auch kein Franzose, wie sich schon bald rausstellte, sondern Algerier, der einige Jahre in Paris gelebt hatte. Zudem war er ein ausgewiesener Franzosenhasser, nicht nur wegen des Algerienkrieges, nein, ganz profan, weil er das Französische einfach fĂŒr kĂŒnstlich und unecht hielt. Seine Leidenschaft aber galt dem Existenzialismus, natĂŒrlich der Camus‘schen Spielart, Sartre hingegen war ein ParvenĂŒ.
Und wie es der Teufel so will, fuhr genau in diesem Moment des hitzigen Disputes, Rudolf, Ihr Boss, ein langes, hageres Elend, mit kahl rasiertem SchĂ€del, und von Geburt an Choleriker, vor. Er plusterte sich auf und fluchte: „Immer diese kleinkarierte, kleinbĂŒrgerliche Wegschwimmerei!“ Lies die Arme aber wieder resignierend fallen, er erkannte wohl die Sinnlosigkeit seines Unterfangens, rollte krĂ€ftig die Augen, drehte sich zum Auto hin, stieg ein, schlug die TĂŒr krachend zu und brauste davon.

„Entschuldigung, kann ich kassieren, gleich ist Schichtwechsel?“ Dringt es an Greiners Ohr. Pupillen schlagen Kapriolen. Er schreckt auf, zerrt die Brieftasche umstĂ€ndlich aus dem Jackett, zieht 20 DM, sagt tonlos und wie nebenbei: „Stimmt so!“ VerlĂ€sst sichtlich irritiert das Bistro.































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