Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92220
Momentan online:
524 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erotische Geschichten
Die Welt ist aus Glas
Eingestellt am 04. 06. 2004 22:22


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Cirias
Häufig gelesener Autor
Registriert: May 2004

Werke: 49
Kommentare: 113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Cirias eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

DIE WELT IST AUS GLAS


Das Taxi wartet. Ich schaue noch einmal zurück. Lya schläft. Für einen Augenblick wünsche ich mir, alles wäre anders. So, als wäre nichts geschehen. So, als wäre Lya noch bei mir wie in all den Jahren vor dem Unfall. Ich gehe leise hinab. Die Tür lasse ich angelehnt. Ich steige in das Taxi. Ich nenne dem Fahrer eine Adresse am anderen Ende der Stadt. Er schaut mich an. Auf der Armatur ist ein Bild befestigt. Man sieht eine Frau und zwei Kinder, vielleicht seine Familie.
Es ist Nacht. Die Straßen sind leer. Lichter fliehen über den Asphalt. Meine Lider flackern. Ich kann alles sehen, aber nichts ist wirklich nah. Mit den Händen berühre ich die Scheiben. Sie sind kalt. Ich höre die verzerrten Stimmen aus dem Sprechfunk, dazwischen Musik. Meine Augen sind ins Leere gerichtet. Der Wagen fährt über holprigen Asphalt. Ich hatte die Fahrt länger in Erinnerung. Dort, der große Platz, die lange Allee. Von hier aus sind es noch zwei, drei Straßenecken.

„Der Hinterhof da?“

Der Fahrer klingt müde. Ich nicke. Langsam steige ich aus. Warum bin ich hier. Was mache ich hier. Jedes Mal frage ich mich das und doch legt sich ein fiebriges Pochen über mein Herz, ich fühle meinen Körper weich und durchlässig werden bei dem Gedanken an Alicia. Das blasse Licht der Laternen schimmert auf den Hauswänden. Auf dem Glas der Fenster spiegelt es die Dunkelheit. Ich klopfe an die Tür. Ein Hund schlägt an. Mir ist kalt. Ich klopfe wieder.

Ich schlafe nie. Niemals? Nie.
Ich glaube ihr. Es ist Nacht und ich weiß, sie wird da sein. Sie ist immer da. Ich warte.

Jemand schlurft über den Hausflur. Der alte Mann öffnet die Tür. Er blickt mich aus schlafmüden Augen an. Ich gehe an ihm vorüber. Er wird auf der Bank in der Küche warten müssen. Er klagt nie. Ich schließe die Tür und warte.

„Ja, Vater. Einmal noch, Vater. Du weißt doch...“
Ich höre Alicia sprechen. Gleich wird sie hier sein. Dann werde ich an nichts mehr denken. An nichts, an das man sich erinnern könnte.
Ich ziehe mich aus. Nackt und zitternd stehe ich in dem finsteren Raum. Ich lehne meinen Kopf an die Fensterscheibe. Es ist schon fast Morgen. Sie wird es spüren. Mit jedem Mal komme ich später zu ihr. Es sind immer nur ein paar Minuten in all diesen Jahren seit dem Unfall meiner Frau gewesen. Aber sie entfernen uns jedes Mal mehr von der Nacht.

Alicia ist da. Man hört nie, wenn sie kommt. Ich nehme ihre schlanke, feingliedrige Hand und lege sie an meine Lippen. Meine Zungenspitze tastet über jeden ihrer Finger.
„Sag es mir“, bittet ihre Stimme.
Ihr Atem riecht nach Vanille.
„Das Stahlgerüst der Eisenbahnbrücke über dem schmalen Flussbett. Die schwarzen, in den Fluss geneigten Schatten der Bäume. Der Nebel. Die gesenkten Köpfe der Reiher am Flussufer. Der nahe Morgen. Die Stimmen des Lichts.“
„Es ist mehr als sonst.“
Alicias Stimme ist weit fort, nicht hier, irgendwo dort draußen in den Baumkronen. Sie wartet auf die Dunkelheit.




„Ja. Ich bin spät.“
„Ja, du bist spät.“

Alicia zieht sich aus. Das Nachtlicht schimmert über dem Profil ihrer hohen Brüste. Sie dreht sich um. Ihre Schulterblätter treten ganz leicht aus der sanften Linie ihres Rückens, als sie zu gehen beginnt. Ihr schwereloser Gang atmet Bögen in ihre Haut, fließende Linien, die ihren schlanken Körper umhüllen, sie unwirklich werden lassen. In der Mitte des Zimmers steht der Glashafen, ein riesiger Sarg aus Glas, der wie ein überdimensionales Aquarium aus den Tiefen des Zimmers aufscheint. Ich höre, wie ihre nackte Haut über das Glas streicht.
„Komm, schlaf mit mir.“
Alicias Stimme hatte diesen weichen Unterton, der meinen Körper vibrieren und sie zu einem Teil der Nacht werden ließ.

Wir liegen nebeneinander. Das Glas umschließt uns. Alles andere wird fremd und fern. Wir sind wie Fische in unsichtbarem Wasser, gefangen in einer gläsernen Stille. Ihr stiller knabenhafter Körper spiegelt sich in den hohen Glaswänden. Sie legt ihre kleinen Hände auf mein Gesicht.
„Es ist Nacht“, flüstert sie. „Bitte lass unsere Nächte nie vergehen. Oft und öfter und immer“, flüstert Alicias Stimme.
Sie beugt sich über mich. Ihr langes schwarzes Haar gleitet über meinen Brustkorb, meinen Bauch, meine Lenden. Sie legt ihre Lippen über mein Geschlecht. Sie setzt sich auf mich. Während sie sich langsam, wie zum Rhythmus einer unbekannten Melodie auf mir bewegt, beugt sie ihren Körper zurück. Die Rippenbögen treten aus ihrer Haut. Mit meinen Händen streichle ich ihre festen Brüste, fasse sie an den Hüften, blind vor Erregung lasse ich meinen Atem schwer und schwerer werden, Alicia umschließt mich wie ein Geheimnis, der Duft ihrer Haut macht mich rasend, ich setze mich auf, presse sie an mich, spüre wie sie in mich gleitet, wie etwas das mich fand, wie etwas das mehr wusste als ich je wissen konnte. Es ist , als wären wir ganz von Eis umschlossen. Unsere Körper sind nur noch Schatten. Aber wir leben, können alles sehen und hören, und so glauben wir, die Welt, so wie wir sie sehen, sei eine Illusion. Sie führt meine Hände an das Glas. Alles scheint durchsichtig und hell. Wir tasten uns am Glas entlang. Aber wir werden nie mehr sehen als das Glas erlaubt. Wir tasten und tasten, alles ist durchlässig, scheint erreichbar und nah mit jeder unserer Bewegungen aufeinander, aber der Himmel ist immer nur der tiefere Grund zwischen Eis und Wasser, Wasser und Eis. Ich sterbe in ihren Armen, während sie triumphierend lächelt.

„ Fühl nur, wie durchlässig es ist. Aber das ist es nicht. Manchmal träume ich von Scherben.“
Sie presst meine Hände an das Glas.
„Jede Minute und jede Stunde. Versuch es. Versuch nur, es zu brechen.“
Sie schlägt mit meinen Fäusten an das Glas, bis es schmerzt. Von den Glaswänden fallen hohe vibrierende Töne.
„Schlag mich“, bittet sie, „schlag mich, damit ich mich spüre.“
Ich hole mit der flachen Hand aus und schlage sie ins Gesicht. Einmal, zweimal, bis ihre Lippe aufplatzt und Blut aus ihren Mundwinkeln rinnt. Sie lächelt.

Es ist ganz still geworden. Wir haben aufgehört zu atmen. Man hört nicht einmal das Ticken einer Uhr. Der Schweiß atmet auf unseren Körpern.

„Sag mir, was für eine Farbe haben meine Augen?“
„Sie haben keine Farbe“, antworte ich. „Es gibt Dinge, die keine Farbe haben.“
Ich höre Alicia atmen. Sie legt ihre Hände auf mein Gesicht.
Sie sagt:“ Es sind Wolken am Himmel. Der Nebel steigt vom Fluss. Ich glaube, es wird ein schöner Tag. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Mein Geschirr ist aus Glas. Meine Möbel sind aus Glas. Vielleicht ist mein Herz aus Glas. Vielleicht...ist die Welt aus Glas. „
Sie schweigt. Bevor ich etwas erwidern kann, sagt sie: „Manchmal wünsche ich mir mein Augenlicht zurück.“

Ihre kleinen gierigen Küsse tasten über meinen Körper. Ich lege mich auf sie. Wir sprechen nicht. Ich hatte mich ihr nie beschrieben. Warum sollte ich beschreiben, was sie längst sah. Sie stellt mir keine Fragen. Sie genießt es, wenn ich mich in ihr bewegte, so sehr bewegte, dass ich das Licht in ihren Augen wachsen sehen zu glaubte.
Wir liegen nackt im Glashafen. Ich fühle mich fremd, so fremd, dass ich mir jedes Mal wünschte, sie nie wiederzusehen. Dass ich mit jedem Mal so sehr an Lya denken muss, dass es schmerzt. Aber das vergeht.
Vielleicht ist es das Glas.

“Bitte komm nicht mehr“, sagt sie. „Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat, aber ich habe angefangen dich zu lieben.“
„Alicia...“
„Schon gut. Ich weiß“, sagt Alicia
Sie steht am Fenster, als ich gehe. Ich lege zwei Geldscheine auf den Glastisch. Der alte Mann ist eingeschlafen.

Es ist Morgen. Das Taxi hält vor meinem Haus. Ich taste nach einem Schein. Ich spüre den Asphalt unter meinen Füßen. Im dritten Stock brennt noch Licht. Das wird sie merken, dachte ich, so was merkt sie immer.

Lya wartet an der Tür.
„Wo warst du?“
Ich küsse sie auf die Lider
„Weißt du nicht mehr? Die Nachtschicht. ist doch nur einmal im Monat, Lya.“
„Du hast das Licht brennen lassen.“ Ihre Stimme zögert. „Wie deine Haare riechen.“ Lya starrt auf die Wand. Ihre Hände umklammern den Rollstuhl. Sie überlegt.
„Wenn ich sie sehen könnte, würde ich sie schön finden?“
Ich schließe die Tür.
„Ja“, sage ich leise. „Ja, gewiss.“
„Wie ist ihr Name?“
„Alicia.“
„Ein schöner Name. Welche Farbe haben ihre Augen?“
Lya klingt trotzig.
„Ich weiß es nicht.“
Lya hebt den Kopf. Ihre Lider zittern. Ihr stummer Augenaufschlag macht mich hilflos. Lya fährt auf mich zu und umarmt mich zögernd.
„Sie ist blind wie ich, nicht wahr?“
„Ja.“
Meine Tränen rinnen über Lyas Stirn. Ich muss an die Reiher am Flussufer denken . An das Eis. An ihre Stimme. Ich schließe die Augen. Aber ich sehe nichts. Ich spüre nichts als Scherben unter meinen Lidern. Die Welt ist aus Glas.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erotische Geschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!