Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
66 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Wolkenschule
Eingestellt am 01. 03. 2004 23:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
ThomasW
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2002

Werke: 8
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Liebe Margrit,

endlich komme ich dazu, dir einen Brief aus der Wolkenschule zu schreiben. Ich kauere auf einer kleinen Haufenwolke, die ĂŒber die letzten Tage Ausgangs- und Endpunkt unserer Erkundungen war. Ich bin ein wenig stolz, dieses eine Mal meine TrĂ€ume umgesetzt zu haben. Etwas Nerven hatte es schon gekostet, bis mein Visum umgeschrieben war, doch nach zwei Tagen hielt ich das blaue Heft mit den goldenen Buchstaben in der Hand und schwebte in den Wolken. Das dritte Semester muss nun ohne mich ablaufen, doch außer dir wird mich niemand vermissen. Ja, ich sprieße lieber im Verborgenen, das typische MauerblĂŒmchen. Es wundert mich weiterhin, dass gerade mir das Stipendium zuteil wurde. Ich habe niemanden etwas von meinem Plan erzĂ€hlt, da ich immer im Zweifel war, ob ich wirklich den Mut dazu hĂ€tte. Warst du mir böse, als du den Zettel auf deinem Schreibtisch fandest? Denkst du auch an meinen Ficus und die große Yucca-Palme? Alle vier Tage gießen und einmal im Monat dĂŒngen. Margrit, du bist ein Schatz.
Glaub mir, ich blĂŒhe hier oben richtig auf und bin oft ganz berauscht von all der Wolkenpracht. Eine Wolke gleicht der anderen, magst du sagen, doch wenn man so wie wir mitten darin lebt und sie studiert, dann hat jede ihre Eigenart, ihre HĂŒgel, Kuppeln und TĂŒrmchen, ist unverwechselbar und doch wieder verĂ€nderlich und flĂŒchtig. Unsere Exkursionsleiterin Mia-Maria schĂ€rft unermĂŒdlich unseren Blick, wir lernen jeden Tag unendlich viel Neues ĂŒber Kondensation, Eigenschatten, Lichtbrechung und Eiswolken, dass uns abends recht der Kopf schwirrt. Überhaupt, Mia-Maria ist eine Seele, ohne sie wĂŒssten wir keine hundert Schritte zu gehen, ohne einen zerfetzten Wolkenrand hinabzustĂŒrzen oder uns im Wirrwarr von Wassertröpfchen und Schneeflocken heillos zu verlaufen. Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen, ich folge brav den Fußspuren im Wolkengrund, trete achtsam, leicht federnd auf, und in den letzten Tage bin ich gar nicht mehr eingesunken. Außer Mia-Maria gehören noch zwei MĂ€dchen zum Exkursionsteam. Sie sind beide sehr nett, obwohl wir noch nicht viel miteinander geredet haben. Aber die EindrĂŒcke hier sind einfach atemberaubend, ich bin so gesĂ€ttigt von meinen GefĂŒhlen, dass mir die Worte entfallen wie klare Wassertröpfchen, kaum dass sie sich in mir formen konnten. Verzeih mir meine schwĂ€rmerische Ausdrucksweise, du bist ja die Germanistin von uns beiden - jetzt bleibe ich bei meinen Leisten langweile dich mit Wetterkunde.
Gestern haben wir Halo-Erscheinungen in hohen Schichtwolken bewundert. Das Licht brach sich in den Eiskristallen, die Sonne war umschlossen von hellweißen Ringen, die sich in zwei Punkten, den Nebensonnen, trafen. Wer einmal solch ein farbenprĂ€chtiges Schauspiel beobachten konnte wĂŒnscht sich nie wieder einen leeren blauen Himmel. Sie sind mir so ans Herz gewachsen, die Schleierwolken, Federwolken, SchĂ€fchenwolken, zwischen denen ich seit einer Woche leben darf, dass es mich gar nicht zum festen Boden zurĂŒckzieht. Bist du ĂŒber auf den Wolken, scheint immer ein wenig Sonne, selbst wenn du auf einer grauen tiefliegenden Regenwolke stehst, die sich gerade abregnet. Es ist ein eigenartiges Schauspiel, von seinem Logenplatz verfolgen zu können, wir eine graue Decke der Melancholie ĂŒber das Land ausgebreitet wird, die an der Unterseite aufreißt, sich öffnet und lange Fallstreifen von Regen und Graupel herabhĂ€ngen lĂ€sst, wie Trauerschleier. Beim Anblick solcher Trostlosigkeit denke manchmal an die letzte Begegnung mit meinem Vater. Es war ein trĂŒber regnerischer Nachmittag, ich hatte die letzten BĂŒcher aus meinem Zimmer abgeholt, das jetzt nicht mehr mein Zimmer, sondern ein GĂ€stezimmer ist. Auf der Treppe zur Wohnung kam mir mein Vater entgegen, ich wollte mit ihm reden, nachdem wir uns in der letzten Zeit nur noch gestritten hatte. Doch er hat weg geschaut, und wir gingen grußlos aneinander vorbei, ohne Abschied. Aber glaube mir, Margrit, ich werde hier oben nicht so von der Traurigkeit regiert, wie du es von mir kennst. Nicht jeder Niederschlag streckt mich gleich zu Boden. Oft erreicht der Regen gar nicht die OberflĂ€che, sondern verdunstet in den unteren turbulenten Luftschichten, es bilden sich neue Wolken, anfangs kleine vereinzelte Fetzen, die dann immer mĂ€chtiger werden und mit der Mutterwolke zu einer zusammenhĂ€ngenden Schicht verschmelzen. Auch wenn meine FĂŒĂŸe nicht mehr auf festem Boden stehen, empfinde ich viel eher, am Kreislauf des Seins teilzunehmen.
Es ist allerdings sehr feucht hier, auf der Haut perlen unablĂ€ssig Wassertröpfchen. Deshalb tragen wir auch Kleidung aus Leinen, die viel Luft durchlĂ€sst. Der allgegenwĂ€rtige Wasserdampf hat meine Pickel verschwinden lassen, vielleicht liegt das aber auch an der Lichtnahrung, denn in der Wolkenschule nimmt man keine feste Speise zu sich. Eigentlich ist hier alles anders. In unseren weißen LeinengewĂ€ndern sehen wir aus wie MĂ€rtyrerinnen. Und nachts liegen wir vier Kopf an Kopf, nach den Himmelsrichtungen geordnet, wir bilden mit unseren Körper ein Kreuz und legen die HĂ€nde ineinander. Wir halten uns die ganze Nach fest, denn es kann passieren, dass eine plötzlich versinkt, wenn unter ihr der Luftdruck nachlĂ€sst. Der warme Druck der HĂ€nde hilft aber auch gegen Heimweh und Angst.
Ach, Margrit, ich wĂŒnsche, ich könnte dich an all den Wundern hier teilhaben lassen, den vom Sonnenuntergang roten beschienenen Linsen der hohen Haufenwolken, den zarten seidigen HĂ€kchen der Federwolken und den endlosen Feldern blĂ€ulicher SchĂ€fchenwolken, durch die die Sonne matt gelblich hindurchschimmert. Morgen haben wir Großes vor, wir wollen auf eine Gewitterwolke wechseln und dort einige Stockwerke hinaufsteigen, um uns ein wenig mit Hagelschauern und Sturmböen bekannt zu machen. Stelle dir so einen schwarzen unheilvollen Amboss vor, der ĂŒber viele tausend Meter in die Höhe ragt und Blitz und Donner in sich trĂ€gt, da wird es einem schon etwas mulmig. Doch unsere Leiterin ist guter Dinge und muntert uns mit Scherzen auf, ich vertraue ihr ganz und gar.
Liebe Margrit, ich hauche dir einen Kuss zu von meiner Cumulus und melde mich bald wieder
Deine Sabine

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


glasperlenspielerin
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 40
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um glasperlenspielerin eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
wolkiges

hi,

eine wolkige sache - gefÀllt mir

so long
__________________
alles ist relativ

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!